Das Wort des Lebens
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Jehovahs Fürsorge und Errettung für die böseste Stadt der Heiden

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Wenn Menschen an die großen Städte dieser Welt denken, verbinden sie sie oft mit Gewalt, Korruption und geistlicher Kälte. Auch in der Bibel begegnen wir einer Stadt, die als Inbegriff heidnischer Bosheit und Macht gilt: Ninive, Hauptstadt Assyriens. Gerade dorthin sendet Gott einen widerwilligen Propheten und offenbart eine Seite seines Herzens, die selbst fromme Menschen damals schockierte: Er hat Mitleid – mit gottlosen Völkern, mit gebrochenen Menschen, ja sogar mit den Tieren. Im Spiegel des Buches Jona wird sichtbar, wie weit Gottes Erbarmen reicht und wie dies auf Christus hinweist, der Gottes Rettung bis an die Enden der Erde bringt.

Gottes Herz für die fernsten und bösesten Städte

Ninive tritt in der Schrift nicht als weiße Fläche auf der Landkarte auf, sondern als verdichteter Ausdruck menschlicher Gottlosigkeit. In 1. Mose 10 erscheint Nimrod, der „anfing, ein Kraftvoller auf der Erde zu sein“, und es heißt: „Und der Anfang seines Königreichs war Babel … Von diesem Land zog er aus nach Assyrien und baute Ninive“ (1.Mose 10:8–11). Was dort entsteht, ist ein Netz aus Städten, in denen Macht, Selbstverherrlichung und Götzendienst zusammenfließen. Ninive ist später die Hauptstadt eines Reiches, das Völker verschlingt und Israel bedroht. Gerade in diese Geschichte hinein geschieht das Wort Gottes zu Jona: „Mache dich auf, geh nach Ninive, der großen Stadt, und verkündige gegen sie! Denn ihre Bosheit ist vor mich aufgestiegen“ (Jona 1:2). Gottes Blick bleibt nicht an der Bosheit hängen, aber er nimmt sie ernst; sie ist vor ihn „aufgestiegen“, sie bleibt ihm nicht verborgen.

Der zentrale Gedanke des Buches Jona ist, dass Gott Sich der Menschen annahm und aus Mitleid mit Menschen und Vieh sogar die schlimmsten Heiden rettete. (Witness Lee, Life-Study of Jonah, Botschaft eins, S. 2)

Dass Gott Ninive anspricht, ist kein Kompliment für die Stadt, sondern eine Offenbarung über Gott. Er wendet sich nicht nur zu seinem Bundesvolk, sondern durchbohrt mit seinem Wort die Mauern der fernsten und härtesten Städte. Das Gerichtswort, das Jona bringen soll, ist kein kalter Strafbescheid, sondern der Schmerz des Heiligen über eine Stadt, die sich gegen ihr eigenes Leben vergreift. Als Ninive tatsächlich umkehrt, heißt es: „Und Gott sah ihre Werke, daß sie umkehrten von ihrem bösen Weg; und es reute Gott das Unheil, von dem er gesagt hatte, daß er es ihnen tun wolle, und er tat es nicht“ (Jona 3:10). Hier zeigt sich ein Herz, das lieber tröstet als zerschlägt, lieber bewahrt als vernichtet.

Am Ende des Buches öffnet Gott Jona – und mit ihm auch uns – einen letzten Einblick in dieses Herz: Er spricht von „mehr als hundertzwanzigtausend Menschen, die nicht zu unterscheiden wissen zwischen ihrer Rechten und ihrer Linken, und außerdem viel Vieh“ (Jona 4:11). Der lebendige Gott sieht nicht nur die moralische Verkommenheit, er sieht auch die Verirrung, die Unmündigkeit, die Geschöpflichkeit – Menschen, die nicht wissen, was sie tun, und Tiere, die unter der Zerstörung ihrer Herren mitleiden. Wenn der Herr Jesus später sagt: „Männer von Ninive werden aufstehen im Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen, denn sie taten Buße auf die Predigt Jonas; und siehe, mehr als Jona ist hier“ (Matthäus 12:41), knüpft er an genau diese Szene an. Der Gott, der Ninive sucht, tritt in Christus sichtbar in die Welt, um alle Völker zu rufen.

So bekommt die dunkelste Stadt eine unerwartete Würde: Sie wird Zeugin dafür, wie weit Gottes Erbarmen reicht. Keine Geschichte ist so verwickelt, kein Umfeld so brutal, dass Gottes Wort es nicht erreichen könnte. Ninive bleibt in der Bibel wie ein leuchtender Kontrast – Symbol einer fast unvorstellbaren Bosheit und zugleich Schauplatz einer überwältigenden Schonung. In dieser Spannung liegt die Ermutigung: Wo Gottes Gerichtswort hörbar wird, ist schon seine rettende Zuwendung nahe. Wer an Ninive denkt, darf lernen, die eigenen „Städte“ – die inneren und die äußeren – nicht vorschnell aufzugeben, sondern mit Gottes weiterem Blick zu rechnen, der gern verschont, wo echte Umkehr beginnt.

Und Kusch zeugte Nimrod: Dieser fing an, ein Kraftvoller auf der Erde zu sein. (1.Mose 10:8)

Und der Anfang seines Königreichs war Babel und Erech und Akkad und Kalne im Land Schinar. (1.Mose 10:10)

Die Geschichte Ninives lädt dazu ein, unsere Vorstellungen davon, für wen Gottes Interesse gilt, zu überdenken. Wo wir Menschen, Milieus oder ganze Städte innerlich abgeschrieben haben, steht der Gott vor uns, der Ninive nicht preisgibt, sondern anspricht, aufrüttelt und verschont. Aus dieser Erkenntnis wächst stille Hoffnung: In Umfeldern, die nur noch als „verloren“ erscheinen, kann Gottes Ruf zur Umkehr aufgehen wie ein unerwartetes Morgenlicht. Wer sich diesem Gott anvertraut, lernt, nicht die Finsternis zu definieren, sondern die Tiefe seines Erbarmens.

Jona als Hinweis auf Christus und das Evangelium für die Nationen

Jona erscheint zunächst als sperrige Gestalt der Prophetengeschichte: berufen, aber widerstrebend; gesandt, aber auf der Flucht. Gerade so wird er zum starken Hinweis auf Christus, der das Gegenbild zu ihm ist. Jona wird von Israel zu einer heidnischen Großstadt geschickt – ein Vorgeschmack darauf, dass Gottes Errettung die Grenzen Israels überschreiten wird. Als Jesus in Nazareth an die alttestamentlichen Geschichten erinnert, macht er das deutlich: „Viele Witwen waren in den Tagen Elias in Israel … und zu keiner von ihnen wurde Elia gesandt als nur nach Sarepta in Sidonia zu einer Frau, einer Witwe. Und viele Aussätzige waren zur Zeit des Propheten Elisa in Israel, und keiner von ihnen wurde gereinigt als nur Naeman, der Syrer“ (Lukas 4:25–27). Gott hat schon im Alten Bund Zeichen gesetzt, dass seine Gnade Völker und Grenzen durchkreuzt.

Im Buch Jona besteht die Offenbarung über Christus darin, dass Jona ein Vorbild auf Christus ist. (Witness Lee, Life-Study of Jonah, Botschaft eins, S. 2)

Mit Jona wird dieses Motiv verdichtet: Ein Prophet Israels, der am liebsten im eigenen Land geblieben wäre, bekommt eine Botschaft für die Feinde seines Volkes. Er scheitert zunächst an diesem Auftrag, aber Gott lässt ihn nicht fallen, sondern führt ihn durch Sturm und Meer hindurch zu dem Ort, an den er ihn haben will. So wird Jona, trotz seiner inneren Distanz, zum Werkzeug dafür, dass Ninive umkehrt. Der Herr Jesus nimmt dieses Geschehen ausdrücklich als Vorausbild auf sich selbst: „Denn gleichwie Jona drei Tage und drei Nächte in dem Bauch des großen Fisches war, so wird der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein“ (Matthäus 12:40). Das Untergehen Jonas in die Tiefe des Meeres und sein Herauskommen am dritten Tag spiegeln das Sterben und die Auferstehung Christi wider.

Wo Jona dem Gericht durch den Fisch nicht entgeht, sondern hineingezogen wird, geht Christus freiwillig in die letzte Tiefe hinab. Was bei Jona Zucht und Rettung in einem ist, wird bei Christus zur stellvertretenden Hingabe: Er nimmt das Gericht Gottes auf sich, um den Nationen den Weg zu öffnen. Wenn Paulus später über den auferstandenen Herrn sagt: „Der letzte Adam wurde zu einem Leben gebenden Geist“ (1.Korinther 15:45), beschreibt er damit die Kraft, in der das Evangelium von Jerusalem aus in alle Richtungen strömt. Der auferstandene Christus bleibt nicht ein ferner Siegesheld, er wird als lebengebender Geist wirksam, der Menschen aus allen Völkern innerlich neu macht.

Im Licht dieser Linien bekommt das kleine Buch Jona eine erstaunliche Weite. In der misslungenen Flucht eines Propheten, in seinem Eintauchen in Meer und Fischbauch und in der Umkehr einer heidnischen Stadt schimmert der große Weg Gottes mit der Welt hindurch. Der Gott, der Ninive verschont, ist derselbe, der in Christus die Nationen in sein Reich ruft. So wird Jona zu einem leisen, aber deutlichen Hinweis: Gottes Plan endet nicht an den Grenzen religiöser Tradition, sondern zielt auf eine Menschheit, die durch Kreuz und Auferstehung neu gesammelt wird. Wer sich diesem Plan öffnet, darf wissen, dass Christus auch über den eigenen Horizont hinausgeht – dass seine rettende Bewegung größer ist als unsere Vorlieben, größer als unsere Grenzen und größer als die Geschichte, aus der wir kommen.

In Wahrheit aber sage ich euch: Viele Witwen waren in den Tagen Elias in Israel, als der Himmel drei Jahre und sechs Monate verschlossen war, so daß eine große Hungersnot über das ganze Land kam; (Lk. 4:25)

und zu keiner von ihnen wurde Elia gesandt als nur nach Sarepta in Sidonia zu einer Frau, einer Witwe. (Lk. 4:26)

Die Gestalt Jonas lädt dazu ein, Christus neu zu betrachten: nicht nur als Retter einzelner, sondern als den, der durch seinen Tod und seine Auferstehung die Grenzen zwischen den Völkern durchbricht. Im Widerstand Jonas spiegelt sich manches unserer eigenen Begrenzung; in Christus, dem größeren Jona, leuchtet die geduldige und umfassende Liebe Gottes auf. Wer sich von dieser Liebe erreichen lässt, beginnt zu ahnen, dass Gottes Plan weiter ist als unsere eigenen Kreise – und darf in der Gewissheit leben, dass der lebengebende Geist auch dort wirkt, wo wir nichts kontrollieren und wenig verstehen.

Gottes Fürsorge formt sein Volk trotz Widerstand

Im Buch Jona wird nicht nur Ninive entlarvt, sondern auch der Prophet selbst. Gott spricht klar: „Mache dich auf, geh nach Ninive, der großen Stadt, und ruf ihr die Botschaft zu, die ich dir sagen werde“ (Jona 3:2). Jona kennt den Gott, der ihn sendet, und gerade das bringt ihn in den Widerstand. Später sagt er offen: „Darum bin ich zuvor nach Tarsis geflohen; denn ich wußte, daß du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, langsam zum Zorn und groß an Güte und der des Übels gereut“ (Jona 4:2). In Jonas Herz prallen Gottes Weite und sein eigenes, enges Gerechtigkeitsempfinden aufeinander. Er fürchtet nicht, dass Gott zu hart, sondern dass Gott zu gnädig sein wird.

Jona war mit Gott nicht einverstanden. Er wusste, dass Gott „ein gnädiger und barmherziger Gott, langsam zum Zorn und groß an Güte und der des Übels gereut“ ist (4:2) und dass Gott Seine Meinung ändern und Ninive nicht richten würde, wenn die Stadt Buße täte. In Erwartung dessen stand Jona auf, um mit einem Schiff nach Tarsis vor der Gegenwart Jehovas zu fliehen (1:3). (Witness Lee, Life-Study of Jonah, Botschaft eins, S. 3)

Gott nimmt diesen inneren Widerstand ernst, aber er lässt Jona nicht einfach gehen. Ein von Gott gesandter Sturm, das aufgewühlte Meer und schließlich der große Fisch durchkreuzen seine Flucht (Jona 1:4–17). So wird Jona in eine Tiefe geführt, in der alle Ausweichbewegungen zum Stillstand kommen. Im Bauch des Fisches, abgeschnitten von den gewohnten Sicherheiten, beginnt sein Gebet. Er erinnert sich an den Tempel, an Gottes Angesicht, an Rettung. Aus dieser Enge heraus bringt Gott ihn wieder an Land und spricht ihn erneut an. Der zweite Auftrag ist derselbe wie der erste, aber Jona ist innerlich ein anderer geworden: gebrochen, aber gehorsam genug, um zu gehen.

Nach der gewaltigen Umkehr Ninives könnte die Geschichte in triumphalem Ton enden. Stattdessen zeigt uns Gott den gekränkten Propheten vor der Stadt, zornig darüber, dass das Gericht ausbleibt. Hier beginnt eine andere Form göttlicher Fürsorge: Gott kümmert sich nicht nur um Ninive, sondern auch um das Herz Jonas. Er lässt einen Rizinusstrauch wachsen, der Jona Schatten spendet, und läßt ihn wieder verdorren. Aus Jonas Mitgefühl für diese Pflanze – ein flüchtiges, eigennütziges Erbarmen – entwickelt Gott seine Frage: Wenn Jona um eine Pflanze trauern kann, sollte Gott dann nicht um eine große Stadt trauern, „in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen sind“ (Jona 4:11)?

In dieser Szene wird sichtbar, wie geduldig Gott seine Diener erzieht. Er legt nicht nur Aufgaben auf, er arbeitet auch an den inneren Haltungen, mit denen diese Aufgaben getragen werden. Jona bleibt ein echter Prophet mit einer echten Berufung, aber sein Herz steht im Widerspruch zu dem Gott, den er vertritt. Gottes Antwort darauf ist kein Abbruch der Beziehung, sondern ein Weg der Korrektur, der bis in Jonas empfindliche Punkte reicht. So verwandelt sich die Geschichte von der Flucht eines Propheten in die Geschichte einer langsamen Herzensschulung.

Mache dich auf, geh nach Ninive, der großen Stadt, und ruf ihr die Botschaft zu, die ich dir sagen werde. (Jona 3:2)

Und er betete zum HERRN und sagte: Ach, HERR, war das nicht mein Wort, als ich noch in meinem Land war? Darum bin ich zuvor nach Tarsis geflohen; denn ich wußte, daß du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, langsam zum Zorn und groß an Güte und der des Übels gereut. (Jona 4:2)

Die Erfahrung Jonas zeigt, dass Gottes Fürsorge nicht an unserer ersten Zustimmung scheitert und nicht an unseren inneren Widerständen zerbricht. Er begleitet, unterbricht, konfrontiert und tröstet – und formt dabei zugleich den Dienst und den Diener. Wer auf seinen Wegen Rückschläge, Umwege oder bittere Enttäuschungen entdeckt, darf in dieser Geschichte einen stillen Kommentar erkennen: Gott ist noch nicht fertig, weder mit uns noch mit denen, zu denen er uns sendet. In dieser Gewissheit können auch schmerzliche Lektionen zu Wegmarken werden, an denen sein Erbarmen tiefer in unser Herz eindringt.


Herr Jesus Christus, du hast dich selbst in die tiefste Finsternis hinabgegeben, um Gottes Errettung bis zu den fernsten und bösesten Orten zu bringen. Wir staunen über dein Herz, das sich nicht abwendet, wo Schuld, Gewalt und Verirrung am größten sind, sondern gerade dort in Liebe sucht, vergibt und neues Leben schenkt. Öffne unsere Augen für die Städte, Menschen und Gruppen, die wir innerlich abgeschrieben haben, und lass uns erkennen, wie tief deine Barmherzigkeit auch ihnen gilt. Forme unser Herz, damit wir uns nicht an deinem Erbarmen stoßen wie Jona, sondern uns freuen, wenn du Gnade schenkst und Gericht aufhältst. Stärke alle, die sich in dunklen Umfeldern mühen, durch deinen lebengebenden Geist mit Mut, Trost und Hoffnung. Und wo wir uns selbst wie in einem Bauch des Fisches eingeschlossen fühlen, lass uns deine rettende Hand und deine leise Fürsorge neu erfahren, bis dein Licht wieder durchbricht. Dein Reich komme, deine Gnade strahle auf über allen Völkern – auch in den „Ninives“ unserer Zeit. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Jonah, Chapter 1