Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die Koordination der vier lebendigen Wesen (2)

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Wenn Menschen zum Glauben an Christus kommen, verbinden sie damit oft die Hoffnung auf mehr inneren Frieden und eine sichere Ewigkeit. Doch die Vision der vier lebendigen Wesen in Hesekiel 1 öffnet eine weit grössere Perspektive: Gott sucht nicht nur einzelne Fromme, sondern ein gemeinsames, koordiniertes Zeugnis, durch das Er sich sichtbar machen, handeln und regieren kann. Die Frage ist, wie aus vielen sehr unterschiedlichen Gläubigen eine solche geeinte, von Gottes Geist bestimmte Bewegung entsteht, in der andere tatsächlich sagen können: „Gott ist unter euch.“

Die Grundlage echter Koordination: in Christus, mit demselben Leben und demselben Herzen

Wenn Hesekiel die vier lebendigen Wesen sieht, nimmt er kein loses Nebeneinander wahr, sondern ein gemeinsames Ganzes. Jedes Wesen behält seine Besonderheit, und doch verschmelzen sie zu einem Körper für Gottes Ausdruck, Bewegung und Verwaltung. Dieses Bild durchbricht unsere vertraute Sichtweise, in der Unterschiede spontan als Trennlinien erscheinen. Vor Gott sind nicht ethnische Herkunft, Temperament oder Bildung der tragende Boden, sondern die Tatsache, dass alle, die Ihm gehören, „aus Christus“ sind. In der Offenbarung heißt es: „Du bist geschlachtet worden und hast durch Dein Blut aus jedem Stamm und jeder Zunge und jedem Volk und jeder Nation Menschen für Gott erkauft“ (Offb. 5:9). Wo das Blut Christi Menschen aus allen Richtungen der Erde zu Gott bringt, entsteht ein neues Herkunftsland: Christus selbst.

Die Grundlage unserer Koordination als lebendige Geschöpfe ist zunächst, dass wir alle aus Christus sind. Du bist aus Christus, und ich bin aus Christus; deshalb können wir miteinander koordiniert sein. Durch Sein Blut hat der Herr uns für Gott „aus jedem Stamm und jeder Zunge und jedem Volk und jeder Nation“ erkauft (Offb. 5:9). Unabhängig von unserer Rasse oder Nationalität sind wir alle aus Christus und können als ein Gebilde in Christus miteinander koordiniert sein. (Witness Lee, Life-Study of Ezekiel, Botschaft acht, S. 81)

So unterschiedlich die Wege sein mögen, die uns zu Christus geführt haben, innerlich wurzeln wir seit der Wiedergeburt alle im selben Ursprung. In Adam tragen wir die Spuren unserer Geschichte, unserer Kultur und Verwundungen; in Christus werden wir zu einem neuen Menschengeschlecht, das von Ihm her definiert ist. Dass wir „aus Christus“ sind, bedeutet: Seine Person ist der Stoff, aus dem unser neues Leben gewoben ist, nicht nur ein gemeinsamer Lehrsatz. Je mehr wir diesen Ursprung ernst nehmen, desto weniger müssen wir Einheit herstellen; sie ist da und wartet darauf, entdeckt und gelebt zu werden.

Zu diesem gemeinsamen Ursprung tritt das gemeinsame Leben. Nach außen bleiben Akzent, Mentalität und Ausdrucksweise verschieden, innerlich aber pulsiert in allen Wiedergeborenen dasselbe göttliche Leben. Paulus beschreibt diese Wirklichkeit mit den einfachen, dichten Worten: „Wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird, dann werdet auch ihr zusammen mit Ihm in Herrlichkeit offenbar gemacht werden“ (Kolosser 3:4). Christus ist nicht nur Vorbild, Lehrer oder Helfer, Er ist Leben – ein und dasselbe Leben in Millionen von Gläubigen. Darin liegt die Erklärung, warum zwischen Christen, die sich kaum kennen, plötzlich eine Nähe spürbar wird, die tiefer ist als viele natürliche Bindungen.

Wo dieses Leben Raum erhält, beginnt sich eine stille Verwandtschaft zu entfalten. Man entdeckt bei Menschen anderer Generation oder Kultur dieselben geistlichen Regungen: die Freude an Christus, den Schmerz über die Sünde, die Sehnsucht nach Heiligkeit, den Hunger nach Gottes Wort, die Empfindsamkeit gegenüber dem Geist. Diese innere Verwandtschaft ist zarter als jede Organisationsform und zugleich stärker als menschliche Sympathie. Sie führt dahin, dass nicht die Frage dominiert, „wer zu wem passt“, sondern ob Christus in uns leben und sich ausdrücken darf.

Und sie singen ein neues Lied und sagen: Du bist würdig, die Schriftrolle zu nehmen und ihre Siegel zu öffnen, denn Du bist geschlachtet worden und hast durch Dein Blut aus jedem Stamm und jeder Zunge und jedem Volk und jeder Nation Menschen für Gott erkauft (Offb. 5:9)

Wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird, dann werdet auch ihr zusammen mit Ihm in Herrlichkeit offenbar gemacht werden. (Kol. 3:4)

Wer die Grundlage der Koordination in Christus erkennt, wird entlastet von dem Druck, Einheit über Gleichartigkeit oder Kontrolle sichern zu müssen. Die eigentliche Aufgabe besteht darin, den eigenen Ursprung in Christus zu pflegen, seinem Leben Raum zu geben und das Herz immer wieder auf Seine Ehre auszurichten. In diesem Licht werden andere Gläubige nicht mehr zuerst als schwierig oder fremd gesehen, sondern als Menschen, die vom selben Blut erkauft, vom selben Leben getragen und von derselben Liebe Christi bewegt sind. Aus dieser Perspektive wächst ein stilles Vertrauen: Gott ist fähig, aus sehr Verschiedenen eine Einheit zu bilden, die wir selbst nie hätten herstellen können.

Warum geistliche Koordination für Ausdruck, Bewegung und Verwaltung Gottes nötig ist

Die Vision der vier lebendigen Wesen macht deutlich, dass Gottes Herz nicht bei vereinzelten geistlichen Helden stehenbleibt. Er sucht etwas Korporatives, eine miteinander verwobene Darstellung Seines Sohnes. Jedes der vier Gesichter – Mensch, Löwe, Stier und Adler – spiegelt einen Aspekt der Person und des Dienstes Christi wider. In einem einzelnen Gläubigen können Bruchstücke davon aufscheinen, doch erst in der Koordination vieler entsteht ein ausgewogenes Bild. Paulus fasst diese Realität im Bild des Leibes zusammen: „Denn so wie der Leib einer ist und viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl es viele sind, ein Leib sind, so ist auch der Christus“ (1. Korinther 12:12). Der Christus, von dem hier die Rede ist, umfasst Haupt und Leib – Christus persönlich und Christus in Seinen Gliedern.

In Hesekiel 1 offenbart Gott, dass Er eine Gruppe lebendiger Wesen braucht, die als ein einziges Wesen miteinander koordiniert sind für Seine Darstellung, Seine Bewegung und Seine Verwaltung. Wenn Gott einen solchen korporativen Ausdruck gewinnt, wird Sein Vorsatz erfüllt. Im Gemeindeleben wird Gottes Plan im kleinen Maßstab verwirklicht. (Witness Lee, Life-Study of Ezekiel, Botschaft acht, S. 80)

Wenn Gottes Plan darin besteht, Seinen Sohn sichtbar zu machen, dann braucht Er mehr als die konzentrierte Stärke einzelner. Er sucht einen Leib, in dem verschiedene Gaben, Erfahrungen und Charaktere sich wechselseitig ergänzen. Wo nur ein „Gesicht“ überbetont wird – etwa Stärke ohne Sanftmut, Opferbereitschaft ohne himmlische Perspektive, Menschlichkeit ohne Heiligkeit –, entsteht ein verzerrtes Zeugnis. In der Koordination aber werden die Einseitigkeiten aufgehoben: Der Mut des Löwen steht neben der Demut des Menschen, die Opferbereitschaft des Stiers wird vom Blick des Adlers nach oben ausgerichtet. So wird Christus nicht nur laut, sondern wahrhaftig bekannt.

Ebenso hängt Gottes Bewegung an der Koordination. In Hesekiel laufen die lebendigen Wesen „hin und her, so daß es aussah wie Blitze“ (Hes. 1:14), und doch „gingen sie, wohin der Geist gehen wollte“ (Hes. 1:12). Die Dynamik dieser Bewegung ist nicht hektische Aktivität, sondern geteilte Ausrichtung. Das große, furchteinflößende Wagenrad Gottes bewegt sich nicht, weil ein Einzelner es zieht, sondern weil alle Wesen gemeinsam gehen. In ähnlicher Weise ist die Ausbreitung des Evangeliums, der Aufbau der Gemeinde und der Fortschritt im Willen Gottes an einen Leib gebunden, in dem viele Glieder ihren Platz einnehmen. In 1. Korinther 12 entfaltet Paulus, wie unterschiedlich diese Dienste sind, und doch sagt er: „Nun aber hat Gott die Glieder gesetzt, ein jedes von ihnen, im Leib, so wie Er es wollte“ (1. Kor. 12:18).

Isolierte Initiativen können beeindruckend wirken, aber sie bleiben begrenzt. Was Gott sucht, ist nicht nur Frucht, sondern Frucht, die den Leib erbaut. Ein Evangelist, der nicht mit anderen Gaben verbunden ist, hinterlässt leicht unversorgte Neubekehrte; ein Lehrer ohne gemeinsames Leben mit anderen wird trocken; eine starke Leitungsfigur ohne die Korrektur der übrigen Glieder gefährdet die Gemeinde. Koordination bedeutet daher nicht, dass alle dasselbe tun, sondern dass die verschiedenen Bewegungen vom selben Geist und demselben Ziel getragen werden. So wird Gottes „Wagenrad“ nicht von Einzelrädern gezogen, sondern als Ganzes in Gang gesetzt.

Denn so wie der Leib einer ist und viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl es viele sind, ein Leib sind, so ist auch der Christus. (1.Kor 12:12)

Und die lebenden Wesen liefen hin und her, so daß es aussah wie Blitze. (Hes. 1:14)

Die Einsicht, dass Gottes Plan untrennbar mit einem koordinierten Leib verbunden ist, relativiert den Kult um starke Einzelne und nimmt zugleich die Angst vor der eigenen Begrenztheit. Jeder Beitrag, der im Einklang mit dem Haupt steht, bekommt Gewicht, gerade wenn er sich mit den Gaben anderer verbindet. Wo Gemeinden lernen, einander als Teile eines größeren Bildes zu sehen und die Vielfalt ihrer Glieder zu ehren, entsteht ein Raum, in dem Christus nicht nur gepredigt, sondern als der lebendige Herr inmitten eines koordinierten Volkes erfahrbar wird. Das schenkt Zuversicht, dass selbst kleine, treu gelebte Schritte in der Koordination hinein Teil einer viel größeren Bewegung Gottes sind.

Die Bedingungen praktischer Koordination: Kreuz, Gnade, Geist und ein gerader Weg

Die Koordination der lebendigen Wesen in Hesekiel 1 hat nichts Mechanisches an sich. Sie entsteht nicht aus einem perfekten Plan, sondern aus einem durch Gottes Wirken geprägten Inneren. Bevor die Wesen beschrieben werden, steht die Erfahrung von Wind, Wolke, Feuer und Elektrom: Gottes Geist, der in Bewegung setzt; seine Gegenwart, die zugleich führt und verhüllt; das Feuer, das reinigt; das metallische Leuchten, das seine Herrlichkeit anzeigt. Wer solchen Umgang mit Gott scheut, sucht Koordination leicht über Absprachen, Rollen und Strukturen. Wer sich aber von Gott in diese Tiefen führen lässt, spürt, wie er innerlich in eine Form gebracht wird, in der Koordination möglich wird, ohne ständig erzwungen zu werden.

Damit wir mit anderen Christen zusammenarbeiten können, müssen wir die Erfahrung des Windes, der Wolke, des Feuers und des Elektrums machen. So werden wir zu lebendigen Wesen, die ein menschliches Bild tragen und in der Gnade des Herrn Christus in vier Aspekten als Mensch, Löwe, Rind und Adler zum Ausdruck bringen. Indem wir die Flügel eines Adlers haben, müssen wir das Selbst verleugnen und uns auf die Gnade und die Kraft Gottes stützen. Wir brauchen auch die Hände des Menschen und die Hufe des Kalbes. Das sind die Voraussetzungen für die Koordination. (Witness Lee, Life-Study of Ezekiel, Botschaft acht, S. 83)

Zu diesen inneren Bedingungen gehört zuerst das Kreuz. Die vier Gesichter – Mensch, Löwe, Stier und Adler – zeigen, wie Christus sich selbst gegeben hat: als wahrer Mensch, als mutiger Zeuge, als dienendes Opfer und als in den Himmel gerichteter Sohn. Wenn dieses Bild in uns Gestalt gewinnt, werden Stolz, Rechthaberei und Selbstbehauptung nicht nur als unschöne Eigenschaften entlarvt, sondern als echte Koordinationshindernisse. Paulus drückt diesen Weg so aus: „Doch welche Dinge auch immer mir Gewinn waren, diese habe ich um Christi willen als Verlust angesehen“ (Philipper 3:7). Wo Prestige, Karriere oder frommer Eigenruhm nicht vor dem Kreuz losgelassen werden, bleibt die eigene Spur letztlich wichtiger als die gemeinsame Bewegung mit anderen.

Ein weiteres Merkmal sind die „Hände des Menschen“ und die „Hufe des Kalbes“. Die Hände des Menschen deuten auf eine gesunde, warme Menschlichkeit: Zuwendung, Verlässlichkeit, Feinfühligkeit. Ein geistlich hochbegabter Mensch ohne diese Hände wird in der Praxis kaum zu koordinieren sein. Die Hufe des Kalbes wiederum stehen für einen geraden, dienenden Wandel – robust, tragfähig, aber ohne Härte. Ein Kalbshuf geht nicht auf Zehenspitzen, aber auch nicht rücksichtslos; er trägt Lasten, ohne eigene Spur nach Ruhm zu hinterlassen. Solche Menschlichkeit und Geradheit können nicht einfach beschlossen werden; sie wachsen aus einem Herzen, das unter dem Einfluss des Kreuzes und der Gnade steht.

Die Adlerflügel der lebendigen Wesen zeigen die Kraft der Gnade. „Und ihre Flügel waren (nach) oben ausgespannt; jedes hatte zwei, die sich einer (mit dem anderen) berührten, und zwei, die ihre Leiber bedeckten“ (Hesekiel 1:11). Die nach oben ausgespannten Flügel sprechen von der Ausrichtung auf Gott; die Flügel, die die Leiber bedecken, von einem Schutz vor Selbstdarstellung. Koordination geschieht dort, wo Menschen lernen, sich nicht auf ihre eigene Energie zu stützen, sondern auf Gottes Gnade – und wo sie zugleich ihr eigenes Ich bedecken, statt es in den Vordergrund zu rücken. So wie die Bretter der Stiftshütte durch das Gold verbunden wurden, werden auch wir durch die Gegenwart Gottes miteinander verbunden; nicht, weil unsere Charaktere so gut zusammenpassen, sondern weil wir unter derselben Gnade stehen.

Doch welche Dinge auch immer mir Gewinn waren, diese habe ich um Christi willen als Verlust angesehen. (Phil. 3:7)

Und ihre Flügel waren (nach) oben ausgespannt; jedes hatte zwei, die sich einer (mit dem anderen) berührten, und zwei, die ihre Leiber bedeckten. (Hes. 1:11)

Die Bedingungen praktischer Koordination liegen tiefer als gemeinsame Interessen oder gut funktionierende Strukturen; sie berühren unser Verhältnis zum Kreuz, zur Gnade und zum Geist. Wo ein Mensch lernt, eigene Ansprüche loszulassen, die Gnade Gottes als tragende Kraft anzunehmen und in seinem Alltag bewusst nach dem Geist zu gehen, wird er innerlich formbar für ein Miteinander, das weit über menschliche Teamfähigkeit hinausgeht. So entsteht im Verborgenen eine Qualität des Zusammenlebens der Gläubigen, in der Gott sich nicht nur über Einzelne, sondern durch ein koordiniertes Ganzes bewegen kann – oft leise, aber mit weitreichender Wirkung.


Herr Jesus Christus, danke, dass du uns nicht als vereinzelte Gläubige gedacht hast, sondern als lebendige Wesen, die miteinander dein Bild tragen und für deine Bewegung und deine Herrschaft auf der Erde zur Verfügung stehen. Wo wir noch in uns selbst leben, uns festklammern an unserem Recht, unserer Stärke oder unserem Verletzsein, berühre du uns neu mit dem Wind, der Wolke, dem Feuer und dem Leuchten deiner Gegenwart, damit unser Selbst vor dir zerbricht und dein Leben sichtbarer werden kann. Lehre uns, in deinem Geist zu gehen, auf deine Gnade zu vertrauen und uns in rechter Menschlichkeit und geradem Wandel einander zuzuordnen, damit dein Leib in echter Koordination steht. Lass aus unseren Gemeinden Orte werden, an denen dein Rad sich frei bewegt, dein Thron Raum gewinnt und Menschen erkennen dürfen, dass du tatsächlich mitten unter uns bist. Stärke in uns das eine Herz, dich zu verherrlichen, und erfülle uns mit Licht und brennender Liebe, damit dein ewiger Plan nicht Theorie bleibt, sondern durch unser gemeinsames Leben Ausdruck findet. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Ezekiel, Chapter 8