Das Wort des Lebens
lebensstudium

Israels Sünde gegen Jehovah und Jehovahs Strafe über Israel (17) Jehovahs Verheißung bezüglich der Wiederherstellung Israels (3)

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Manchmal scheint Gottes Handeln widersprüchlich: Auf der einen Seite erleben wir Konsequenzen von Schuld und Zerbruch, auf der anderen Seite hält die Bibel an Gottes Treue und seinen Verheißungen fest. In den Kapiteln 32 und 33 des Buches Jeremia wird genau diese Spannung sichtbar: Jerusalem steht kurz vor der Eroberung, der König versagt, der Prophet sitzt im Gefängnis – und gerade dort spricht Gott von Zukunft, Heilung und einer tiefen inneren Erneuerung seines Volkes. Diese Botschaft wirft ein helles Licht auf Gottes Herz für Israel und zugleich auf seine Absichten mit uns heute.

Gottes Gericht ist real – aber nicht sein letztes Wort

Die Geschichte um Zedekia, den letzten König aus der königlichen Linie Judas, legt die Schwere der Sünde wie unter ein Brennglas. Dieser König hört die Worte Jeremia, aber er beugt sich ihnen nicht. Er lässt den Propheten einsperren, versucht am Ende, aus der Stadt zu fliehen, und wird doch von den Chaldäern gefasst. Vor seinen Augen werden seine Söhne getötet, dann werden ihm die Augen ausgestochen, und er endet als Gefangener in Babel. Mit ihm bricht die sichtbare Königsherrschaft der königlichen Familie zusammen. In diesem tragischen Ende verdichtet sich, was Gott seinem Volk durch lange Jahre hatte zurufen lassen: Sünde, Ungehorsam und Götzendienst sind keine Nebensache; sie stehen gegen sein Wesen und seine heilige Liebe. Gericht ist hier nicht eine plötzliche Laune eines zornigen Gottes, sondern die reife Frucht eines langen Weges der Verstockung. Wenn Gott sein Volk dem Feind preisgibt, bestätigt er damit, was er angekündigt hatte: Er nimmt sein eigenes Wort ernst, auch dort, wo es weh tut.

Später wurde Zedekia bei dem Versuch, zu fliehen, gefangen genommen. Nebukadnezar ließ vor seinen Augen seine Söhne töten, stach ihm dann die Augen aus und brachte ihn nach Babel, wo er starb. Mit Zedekia, einem erbärmlichen König, fand die Königsherrschaft der königlichen Familie ihr Ende. (Witness Lee, Life-Study of Jeremiah, Botschaft siebenundzwanzig, S. 187)

Gerade in diese ausweglose Lage hinein setzt Gott ein Zeichen, das völlig quer zu den sichtbaren Umständen steht. Er befiehlt Jeremia, ein Feld in Anatot zu kaufen – ausgerechnet in einer Zeit, in der die Stadt belagert ist und das Land kurz vor der Verwüstung steht. Der Prophet soll den Kaufvertrag sorgfältig aufsetzen, versiegeln und verwahren lassen. Es ist, als ob Gott mitten im Einsturz des Hauses schon den Grundstein für den Neubau legt. Später heißt es über dieses Handeln Gottes: „Denn so spricht der HERR: Ebenso wie ich über dieses Volk all dies große Unheil gebracht habe, so will ich über sie (auch) all das Gute bringen, das ich über sie rede“ (Jer. 32:42). Gericht bleibt damit ein reales Kapitel in Gottes Geschichte mit seinem Volk, aber es ist nicht der Epilog. Hinter dem Gericht steht seine unwandelbare Absicht, sein auserwähltes Volk zu sammeln, zu reinigen und wiederherzustellen. Wer dieses Nebeneinander von Strenge und Treue sieht, darf lernen, seine eigene Geschichte anders zu lesen: Gottes Zucht hat immer das Auge auf die Wiederherstellung gerichtet. Wo seine Hand zerbricht, sucht sein Herz bereits die Heilung; wo er wegführt, denkt er an Rückkehr. In dieser Spannung liegt eine leise, aber starke Ermutigung: Kein Dunkel, das Gott in Gerechtigkeit zulässt, ist stark genug, seine Zusage zu übertönen, sein Volk wieder in Gemeinschaft mit Ihm in dem Land zu pflanzen, das er ihm gegeben hat.

Denn so spricht der HERR: Ebenso wie ich über dieses Volk all dies große Unheil gebracht habe, so will ich über sie (auch) all das Gute bringen, das ich über sie rede. (Jer. 32:42)

Wer im Licht dieser Erzählung auf das eigene Leben und auf das Leben der Gemeinde schaut, wird nicht mehr leichtfertig mit Sünde umgehen, aber ebenso wenig in Verzweiflung versinken. Gottes Gericht über sein Volk zeigt, dass er uns ernst nimmt; sein Feldkauf in Anatot zeigt, dass er uns nicht loslässt. Das gibt Mut, auch schmerzhafte Konsequenzen als Teil eines größeren Weges Gottes zu sehen und innerlich daran festzuhalten, dass sein letztes Wort nicht Verwüstung, sondern Wiederherstellung heißt.

Ein Herz und ein Weg – die innere Erneuerung im neuen Bund

In der Mitte der Gerichtsankündigungen öffnet Gott Jeremia gleichsam sein eigenes Herz. Er redet von Tagen, in denen er sein zerstreutes Volk aus allen Ländern zurückbringen, es in Sicherheit wohnen lassen und eine Beziehung zu ihm stiften will, die tiefer ist als alles, was bisher war. Die Worte sind schlicht, aber voll Gewicht: „Sie werden mein Volk sein, und ich werde ihr Gott sein.“ Dann fügt er hinzu, dass er ihnen „ein Herz und einen Weg“ geben wird, damit sie ihn alle Tage fürchten – zu ihrem eigenen Guten und dem ihrer Kinder. Ein Herz bedeutet: ein ungeteiltes Inneres, das nicht zwischen vielen Herren hin- und hergerissen ist. Ein solches Herz liebt Gott, sucht ihn, möchte ihn leben und von ihm durchdrungen sein. Ein Weg bedeutet: eine einheitliche Richtung des Lebens, nicht ein religiöses Labyrinth aus vielen Pfaden, sondern eine klare Linie, die von Gott her bestimmt ist. Wo Gott ein Herz und einen Weg gibt, handelt er nicht zuerst an der Oberfläche, an Formen oder Gewohnheiten, sondern an der Quelle aller Entscheidungen, an der inneren Ausrichtung.

Nachdem Er diese Verheißung gegeben hatte, sagte Jehovah: „Ich werde ihnen ein Herz und einen Weg geben, damit sie Mich alle Tage fürchten, zu ihrem eigenen Guten und zum Guten ihrer Kinder nach ihnen“ (V. 39). Wir, das auserwähltes Volk Gottes, sollten alle ein Herz und einen Weg haben. Wir sollten ein Herz haben, um Gott zu lieben, Gott zu suchen, Gott zu leben und mit Gott durchdrungen zu werden. Das bedeutet, dass wir es lieben, der Ausdruck Gottes zu sein. (Witness Lee, Life-Study of Jeremiah, Botschaft siebenundzwanzig, S. 189)

Im Licht des neuen Bundes wird sichtbar, wie tief dieses Wort reicht. Gott sagt: „Sondern das ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel nach jenen Tagen schließen werde, spricht der HERR: Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es auf ihr Herz schreiben. Und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein“ (Jer. 31:33). Der eine Weg ist keine abstrakte Lebensphilosophie, er hat in Christus Gestalt angenommen. Jesus bezeugt: „Ich bin der Weg und die Wirklichkeit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch Mich.“ (Joh. 14:6). In der Offenbarung wird dieses Bild weitergeführt: In der Mitte der Straße der heiligen Stadt fließt der Strom des Wassers des Lebens, und an seinen Ufern steht der Baum des Lebens (Offb. 22:1–2). Straße, Strom und Baum bilden ein Ganzes und zeigen: der Weg, das Leben und die Lebensversorgung sind eins in Gott. Wenn Gott seinem Volk ein Herz und einen Weg gibt, schenkt er ihm in Wahrheit das Leben seines Sohnes als inneres Gesetz und als äußere Richtung. Daraus erwächst auch wahre Einmütigkeit im Leib Christi: Wo viele Wege gesucht werden, wächst Spaltung; wo Christus als der eine Weg erkannt und geliebt wird, entsteht Einheit. Für den Glaubenden heute bedeutet das: Die Verheißung eines erneuerten Herzens und eines einheitlichen Weges ist kein fernes Ideal, sondern gelebte Wirklichkeit des neuen Bundes. In aller Zerrissenheit unserer Zeit bleibt ein leiser, verlässlicher Trost: Gott selbst sorgt dafür, dass das Herz nicht geteilt bleiben muss und der Weg nicht im Ungefähren verläuft, sondern in Christus eine klare, lebensspendende Richtung erhält.

Gerade weil der neue Bund ein Werk Gottes ist, liegt in ihm eine große Entlastung. Das Gewicht der Veränderung ruht nicht auf der Willenskraft des Menschen, sondern auf der Zusage, dass Gott sein Gesetz ins Innere schreibt. Wo dieses Schreiben geschieht, wachsen Ehrfurcht und Liebe, nicht als aufgezwungene Pflichten, sondern als Ausdruck eines neuen Herzens. So wird das Leben mit Gott zugleich ernsthaft und leicht: ernsthaft, weil der Weg konkret und klar ist; leicht, weil er von innen her getragen wird. In dieser Spannung aus Tiefe und Milde darf jeder Glaubende unterwegs sein – mit der Hoffnung, dass Gott seine Zusage an Israel in Christus so weit geöffnet hat, dass sie bis in unseren Alltag hineinreicht und dort Gestalt gewinnt.

Sondern das ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel nach jenen Tagen schließen werde, spricht der HERR: Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es auf ihr Herz schreiben. Und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. (Jer. 31:33)

Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wirklichkeit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch Mich. (Joh. 14:6)

Wer auf Gottes Verheißung eines Herzens und eines Weges hört, muss sich nicht länger zwischen Resignation und Aktivismus verlieren. Die innere Erneuerung des neuen Bundes macht Mut, die eigene Zerrissenheit vor Gott nicht zu verbergen, sondern sie seinem gestaltenden Schreiben zu überlassen. In der Begegnung mit Christus als dem einen Weg entsteht Schritt für Schritt eine stille Einmütigkeit des Herzens mit Gott, die auch das Miteinander im Leib Christi nährt und trägt.

Die unverbrüchliche Treue Gottes zu seinem Volk und zu Christus, dem Sohn Davids

Jeremia 33 lässt uns hören, wie Gott selbst seine Treue mit den stärksten Bildern bekräftigt, die die Schöpfung bereithält. Er knüpft seine Zusage an David und an die Priester nicht an die Zuverlässigkeit des Menschen, sondern an die Beständigkeit von Tag und Nacht: So gewiss, wie niemand den Bund mit der Ordnung der Gestirne aufheben kann, so wenig kann sein Bund mit dem Haus Davids und mit den levitischen Priestern gebrochen werden. „Wie das Heer des Himmels nicht gezählt und der Sand des Meeres nicht gemessen werden kann, ebenso werde ich die Nachkommen meines Knechtes David und die Leviten zahlreich machen, die mir dienen“ (Jer. 33:22). Damit widerspricht Gott dem sichtbaren Eindruck, als sei mit Zedekia die königliche Linie endgültig verstummt. In seinem Wort bleibt der Faden der Verheißung ungerissen: Ein König aus dem Hause Davids wird kommen, der Recht und Gerechtigkeit übt, und ein priesterlicher Dienst wird fortbestehen, der Gott dient.

Er wird einen Spross (Christus) der Gerechtigkeit für David hervorsprossen lassen, der Recht und Gerechtigkeit auf der Erde ausführen wird (V. 15). Dieses Wort über Christus als den Spross der Gerechtigkeit für David steht in Verbindung mit dem neuen Bund, dessen Mittelpunkt das innere Gesetz des Lebens ist. Dieses Gesetz ist der Spross Davids, und der Spross Davids ist Christus. Christus ist das innere Gesetz; Er ist das Zentrum, die Wirklichkeit und sogar das Wesen des neuen Bundes. (Witness Lee, Life-Study of Jeremiah, Botschaft siebenundzwanzig, S. 192)

In der Gestalt des „Sprosses der Gerechtigkeit“ nimmt diese Verheißung eine überraschende Tiefe an. Gott sagt: „In diesen Tagen und zu dieser Zeit werde ich dem David einen Sproß der Gerechtigkeit hervorsprossen lassen, der wird Recht und Gerechtigkeit üben im Land“ (Jer. 33:15). Dieser Spross ist mehr als ein weiterer König unter vielen; im Licht des neuen Bundes erkennen wir in ihm Christus. Er ist der Sohn Davids, der das Reich Gottes in Gerechtigkeit aufrichtet, und zugleich das innere Gesetz des Lebens in den Seinen. So berühren sich hier die Zusage an Israel und die Hoffnung der Gemeinde: Der König, der von außen Recht schafft, ist derselbe, der von innen das Herz erneuert. Bemerkenswert ist, dass derselbe Name „Der HERR, unsere Gerechtigkeit“ einmal auf den kommenden König (Jer. 23:6) und dann auf Jerusalem angewandt wird. Das deutet eine tiefe Einheit an: Christus und sein Volk werden so miteinander verbunden, dass der Name des einen über der Stadt des anderen steht.

Wer das auf die Gemeinde hin bedenkt, entdeckt in Gottes Treue zu Israel das Fundament der eigenen Hoffnung. Die Gnade, mit der er an seinem Volk festhält, obwohl es schuldig geworden ist, ist dieselbe Gnade, mit der er die Gemeinde trägt, obwohl sie schwach ist. Seine Zusagen hängen nicht an der Stabilität menschlicher Treue, sondern an der Beständigkeit seines eigenen Wesens. Darum kann der Glaubende, selbst wenn vieles im eigenen Leben oder im Gemeindeleben zerbrechlich wirkt, sich an dieser Linie festhalten: Was Gott in Christus zugesagt hat, steht so sicher wie der Rhythmus von Tag und Nacht. Diese Gewissheit nimmt dem Glauben nicht die Spannung, aber sie nimmt ihm die Aussichtslosigkeit. Inmitten aller Unvollkommenheit darf die Gemeinde heute lernen, sich als Teil dieser großen Geschichte göttlicher Treue zu sehen – einer Geschichte, in der Gott die Gefangenschaft wendet und in der am Ende Christus, der Sohn Davids, und sein Volk untrennbar miteinander verbunden stehen.

Aus dieser Perspektive bekommt auch das mühsame, oft unscheinbare Gemeindeleben einen anderen Klang. Es ist nicht nur das Ringen einer kleinen Schar, sondern Ausdruck einer Verheißung, die bis in die Ordnung der Schöpfung hinein bezeugt wird. Wenn Gottes Bündnisse so fest sind wie die Bahnen der Gestirne, dann ist jeder Schritt im Vertrauen auf Christus, den treuen Sohn Davids, ein Echo dieser Treue. Das macht nüchtern und zugleich zuversichtlich: nüchtern, weil Gott seine Heiligkeit nicht relativiert; zuversichtlich, weil er seine Zusagen nicht relativiert. In dieser Mischung aus Ehrfurcht und Vertrauen kann der Glaubende sein Heute leben – wissend, dass Gottes Geschichte mit Israel, mit Christus und mit der Gemeinde auf dasselbe Ziel zuläuft: die sichtbare Herrschaft dessen, der mit Recht „Der HERR, unsere Gerechtigkeit“ heißt.

Relevante Schriftstellen: Jer. 33:14-18, Jer. 23:5-6, Jer. 33:22-26, Jer. 31:35-36, Röm. 11:28-29.

Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Jeremiah, Chapter 27