Das Wort des Lebens
lebensstudium

Gottes Ökonomie mit Seiner Austeilung im Buch Jeremia

12 Min. Lesezeit

Wer das Buch Jeremia liest, begegnet zunächst Gericht, Tränen und Gerichtsworten über ein abgefallenes Volk. Doch mitten durch diese Schilderungen hindurch zieht sich eine verborgene Linie: Gott verfolgt unbeirrt Sein Ziel und teilt sich gerade in der dunkelsten Zeit Seinem Volk als Leben mit. Von 1. Mose bis zur Offenbarung führt der rote Faden zu einer Stadt – dem Neuen Jerusalem –, und Jeremia ist wie eine Verdichtung dieser ganzen Geschichte: Gott klagt, wirbt, richtet und tröstet, um Menschen zu gewinnen, die Ihn nicht nur kennen, sondern von Ihm durchdrungen sind.

Gottes Ziel: Der Neue Jerusalem als Seine ewige Ausdrucksgemeinschaft

Wenn die Bibel mit einer Stadt endet, mit dem Neuen Jerusalem, dann ist das kein dekorativer Schlussakkord, sondern der Blick in Gottes Herz. Eine Stadt ist verdichtetes, geordnetes Zusammenleben. Im Bild des Neuen Jerusalem zeigt Gott, was Er mit Menschen vorhat: nicht ein Nebeneinander vereinzelter Frommer, sondern eine gewobene Gemeinschaft, in der Sein eigenes Leben die Atmosphäre bildet und Seine Natur das Gepräge gibt. Dort wohnt die Herrlichkeit Gottes, und die Stadt „hat die Herrlichkeit Gottes; ihr Lichtglanz war gleich einem sehr kostbaren Stein“ (Offb. 21:11). Das heißt: Was Gott ist, wird in einer Menschengemeinschaft sichtbar. Er bleibt der unendliche, allein anbetungswürdige Gott; wir bleiben geschaffene, begrenzte Menschen. Und doch entsteht eine wahre Gemeinschaft des Lebens: Gott teilt sich aus, und Menschen werden innerlich von Ihm durchdrungen, sodass sie Ihn gemeinsam widerspiegeln.

Nachdem ich mehr als sechsundsechzig Jahre mit dem Studium der Bibel verbracht habe, kann ich bezeugen, dass der höchste Gipfel der Offenbarung im Wort die Offenbarung über Gottes Ökonomie und Gottes Austeilen ist, durch die das Neue Jerusalem hervorgebracht wird. Es ist sehr wichtig, dass wir diese Sicht haben, wenn wir das Buch Jeremia lesen; sonst werden wir Jeremias Schreiben nicht klar und richtig verstehen. (Witness Lee, Life-Study of Jeremiah, Botschaft zwölf, S. 81)

Der Weg dorthin führt nicht an den dunklen Kapiteln der Geschichte vorbei. Jeremia ist dafür ein scharfes, aber liebevolles Zeugnis. Ein Volk, das seine Berufung vergessen hat, ein Tempel, der zum religiösen Deckmantel wird, Hirten, die das Volk zerstreuen – all das scheint gegen Gottes Ziel zu sprechen. Und dennoch bleibt Gott bei Seinem Plan, aus Menschen eine Stadt Seiner Gegenwart zu machen. Er klagt, er richtet, er züchtigt, aber Er verwirft nicht. Wenn es in den Klageliedern heißt: „Ja, die Gnadenerweise des HERRN sind nicht zu Ende, ja, sein Erbarmen hört nicht auf“ (Klgl. 3:22), dann leuchtet schon mitten in den Trümmern die unbeirrbare Linie Seiner Ökonomie auf: Er arbeitet auf einen endgültigen Ausdruck hin, in dem Er mit Seinem Volk in innigster Nähe wohnt. Für den Glaubenden wirkt Jeremia dadurch überraschend tröstlich. Es zeigt sich: Gott lässt sich von keinem Versagen, keinem Umweg und keinem Gericht von Seinem Ziel abbringen, uns in eine solche Gemeinschaft hineinzubilden. Wer das Neue Jerusalem vor Augen hat, darf selbst im persönlichen Scheitern hoffen, dass Gott weiterbaut, reinigt und formt, bis Sein Gedanke mit uns Gestalt gewonnen hat.

Und sie hatte die Herrlichkeit Gottes; ihr Lichtglanz war gleich einem sehr kostbaren Stein, wie ein kristallheller Jaspisstein. (Offb. 21:11)

Ja, die Gnadenerweise des HERRN sind nicht zu Ende, ja, sein Erbarmen hört nicht auf, (Klgl. 3:22)

Diese Sicht vom Neuen Jerusalem als Gottes ewiger Ausdrucksgemeinschaft kann unsere Perspektive auf das eigene Leben tief verändern. Vieles, was als Verlust, als Strafe oder als Umweg erscheint, steht in Wirklichkeit im Dienst dieses großen Ziels: Gott will uns nicht nur korrigieren, sondern uns so umgestalten, dass Sein Leben in uns Raum gewinnt. Wer sich auf diese lange Linie einlässt, muss sich nicht mehr an momentanen Erfolgen oder Niederlagen festklammern. Stattdessen wächst eine stille Zuversicht: Gott hat eine Stadt vor Augen, in der Er zu Hause ist, und mein heutiger Weg – so unübersichtlich er auch sein mag – ist in Sein Wirken für dieses Ziel hineingenommen.

Die zwei Bäume und der Quell lebendigen Wassers: Gottes Austeilung Seiner selbst

Schon in 1. Mose 2 führt Gott den Menschen nicht zuerst zu einer Liste von Forderungen, sondern in eine Umgebung reichender Lebensfülle. „Und aus dem Erdboden ließ Jehovah Gott allerlei Bäume emporwachsen, die angenehm anzusehen und gut zur Speise waren, und auch den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen“ (1. Mose 2:9). In der Mitte des Gartens steht der Baum des Lebens, und ein Strom geht von Eden aus, der den Garten bewässert (1. Mose 2:10). Gott zeigt sich als der, der Speise, Trank, Erquickung und Freude ist. Der Baum des Lebens und der Strom sind Bilder für Seine Gegenwart als Lebensversorgung, die uns durchdringen und tragen will. Daneben steht der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen: die Möglichkeit, ein Leben aus eigener Urteilskraft, aus Selbständigkeit und moralischer Selbstverwaltung zu führen.

In diesem Vers stellt Gott Sich durch den Propheten den Kindern Israels als Quelle lebendigen Wassers vor. Im Grunde tat Gott dasselbe in 1. Mose 2 nach der Erschaffung des Menschen. (Witness Lee, Life-Study of Jeremiah, Botschaft zwölf, S. 82)

Jeremia nimmt dieses Bild auf und verschärft es in der Sprache des Gerichts. „Denn zweifach Böses hat mein Volk begangen: Mich, die Quelle lebendigen Wassers, haben sie verlassen, um sich Zisternen auszuhauen, rissige Zisternen, die das Wasser nicht halten“ (Jer. 2:13). Gott nennt sich hier nicht Lehrer eines Systems, sondern Quelle lebendigen Wassers. Das Böse besteht darin, Ihn als Quelle zu verlassen und sich eigene Behälter zu bauen – religiöse, moralische oder geistig-kulturelle Systeme, die Wasser versprechen und doch leer bleiben. Das Gesetz, das Gott später gab, war nie als Ersatzbrunnen gedacht, sondern als Spiegel, in dem Sein Wesen klar hervortritt und in dem der Mensch erkennt, wie weit er sich vom Quell entfernt hat. Jeremia schildert, wie dieser Spiegel zerspringt, wenn das Volk sein Vertrauen auf Götzen, auf politische Allianzen und auf den äußeren Tempel legt. Gerade so wird deutlich, dass Gottes tiefstes Anliegen nicht eine perfekte äußere Ordnung ist, sondern die Rückkehr zu Ihm als der Quelle, die sich selbst als lebendiges Wasser in Seinen Menschen austeilt.

In dieser Spannung zwischen Baum des Lebens und Baum der Erkenntnis, zwischen Quelle und Zisternen spiegelt sich auch unsere eigene innere Auseinandersetzung. Es ist verlockend, auf das Sichtbare zu setzen: auf Kontrolle, Machbarkeit, religiöse Leistung, klare Kategorien von richtig und falsch. Das lebendige Wasser Gottes aber entzieht sich dem Zugriff des Selbst; es will empfangen, nicht produziert werden. Die Bilder aus 1. Mose und Jeremia laden dazu ein, die verborgenen Brunnen zu erkennen, auf die wir unser Herz setzen, und sie im Licht des Wortes als rissige Zisternen zu entlarven. Die leisen Spannungen, der Durst im Inneren, das Gefühl, trotz äußerer Aktivität innerlich ausgetrocknet zu sein, sind oft Hinweise, dass wir uns von der Quelle entfernt haben. Indem Gott durch Sein Wort diese Leere offenlegt, führt Er nicht in Verzweiflung, sondern zurück zu Sich selbst – zu dem, der im Sohn sagt: „Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird in Ewigkeit nicht dürsten“ (Johannes 4:14). So wird Jeremia zu einem Buch, das nicht nur anklagt, sondern die Tore zu einer tieferen Erfahrung von Gottes Austeilung Seiner selbst öffnet.

Wer diese Linie erkennt, darf in den eigenen Wüstenzeiten neu hören, wie Gott sich als Quelle lebendigen Wassers vorstellt. Durst ist dann nicht mehr bloß ein Mangel, sondern eine Einladung, von Ersatzbrunnen abzurücken und sich dem Strom aus Gott auszusetzen. Der Gedanke, dass Gott sich uns schenken will, noch bevor Er etwas von uns verlangt, nimmt dem geistlichen Leben den Druck und gibt ihm Wärme. Es entsteht Raum für ehrliche Klage, für das Eingeständnis, dass unsere Zisternen rissig sind – und gleichzeitig wächst die stille Hoffnung, dass der Gott des Gartens von Eden und der Gott Jeremias auch heute noch Ströme des Lebenswassers aus Seinem Herzen in dürre Gebiete fließen lässt.

Und aus dem Erdboden ließ Jehovah Gott allerlei Bäume emporwachsen, die angenehm anzusehen und gut zur Speise waren, und auch den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. (1. Mose 2:9)

Und ein Strom ging aus von Eden, um den Garten zu bewässern; und von dort aus teilte er sich und wurde zu vier Armen. (1. Mose 2:10)

Die Verbindung von 1. Mose und Jeremia zeigt, wie tief Gott unsere innere Quelle interessiert. Hinter vielen Spannungen, Erschöpfungen und religiösen Überforderungen steht die leise Verschiebung von der lebendigen Quelle zu selbst gemachten Zisternen. Die biblischen Bilder laden zu einem ehrlichen Blick ins eigene Herz ein, ohne Verdammnis, aber mit Klarheit: Wo sauge ich mein inneres Leben wirklich her? Dort, wo unser Durst offenbar wird, ist Gott nicht fern; gerade da stellt Er sich als Quelle lebendigen Wassers vor, die nicht versiegt. Die Hoffnung wächst, dass unser Weg mit Ihm nicht in moralischer Anstrengung stecken bleiben muss, sondern in ein Leben hineinführen kann, das von Seiner beständigen Austeilung getragen wird.

Christus – unsere Gerechtigkeit und unser Leben inmitten von Versagen

Im Buch Jeremia tritt das Versagen des Volkes Israel schmerzlich klar hervor. Die Kinder lesen Holz auf, die Väter schüren das Feuer, die Frauen bereiten Kuchen für die „Königin des Himmels“ – eine ganze Gesellschaft, die ihre Energie einem anderen Gott widmet (Jer. 7:18). Die Bilder von Ehebruch, gekauften Liebhabern, falschen Propheten und blinden Hirten zeichnen ein Volk, das seine Berufung, Gottes Gegenwart zu tragen, verspielt hat. Zugleich hört man durch die Klagen des Propheten hindurch den Schmerz Gottes selbst. „Über dem Zusammenbruch der Tochter meines Volkes bin ich zerbrochen; ich trauere, Entsetzen hat mich ergriffen“ (Jer. 8:21). Gott distanziert sich nicht kühl von diesem Versagen, sondern geht innerlich hindurch. Gericht und Erbarmen stehen in Jeremia nie weit auseinander.

Es sah so aus, als hätte Gott Israel aufgegeben und wolle nichts mehr mit ihnen zu tun haben. In Wirklichkeit gab Gott Sein Volk jedoch nicht auf. Er wusste, was Er mit Israel tat, und Er wusste, dass Er ein herrliches Ziel vor Augen hatte. So züchtigte Er sie zwar, hatte aber dennoch Erbarmen mit ihnen. (Witness Lee, Life-Study of Jeremiah, Botschaft zwölf, S. 85)

In diese Situation spricht Gott eine erstaunliche Verheißung: „Siehe, Tage kommen, spricht der HERR, da werde ich dem David einen gerechten Sproß erwecken. Der wird als König regieren und verständig handeln und Recht und Gerechtigkeit im Land üben“ (Jer. 23:5). Und weiter: „In seinen Tagen wird Juda gerettet werden und Israel in Sicherheit wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: Der HERR, unsere Gerechtigkeit“ (Jer. 23:6). Mitten im moralischen und geistlichen Zusammenbruch kündigt Gott eine Person an, in der Seine Forderungen und unser Versagen zusammentreffen, ohne uns zu zermalmen. Dieser gerechte Spross, Christus, trägt den Namen „Der HERR, unsere Gerechtigkeit“. Gott verlangt also nicht nur Gerechtigkeit; Er schenkt sie in Seinem Sohn als eine Person, die für uns und in uns alles erfüllt, was Er fordert.

Im Licht des Neuen Testaments vertieft sich dieses Bild. Christus ist nicht nur unsere Gerechtigkeit vor Gottes Thron, sondern auch unser Leben in unserem Inneren. „Wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird, dann werdet auch ihr zusammen mit Ihm in Herrlichkeit offenbar gemacht werden“ (Kol. 3:4). Der, der unsere Gerechtigkeit genannt wird, wird in uns zur Kraft, zur Neigung und zum Inhalt eines neuen Lebens. Gottes Antwort auf das Versagen Israels und auf unser eigenes Scheitern ist nicht ein verschärftes Gesetz, sondern ein neuer Bund: „Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es auf ihr Herz schreiben. Und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein“ (Jer. 31:33). Das, was Gott fordert, legt Er nun als inneres Gesetz des Lebens in uns hinein – in Christus, der in uns wohnt.

Wer sich in den Spiegel Jeremias stellt, findet darin nicht nur das alte Israel, sondern auch die eigenen Wege wieder: die Treulosigkeit des Herzens, das Ausweichen vor Gott, das Festhalten an Götzen, die heute anders heißen, aber dasselbe leisten sollen. Der erste Impuls ist oft, alles besser machen zu wollen, sich noch einmal zusammenzureißen. Doch Jeremia führt weg von der Illusion des verbesserten alten Menschen hin zu einer ganz anderen Hoffnung: dass Christus selbst an die Stelle unseres Scheiterns tritt. Dort, wo wir beginnen können zu sagen: Ich bin nicht gerecht, aber Christus ist meine Gerechtigkeit; ich bin nicht treu, aber Er ist meine Treue; ich kann mich nicht aus mir selbst ändern, aber Er ist mein Leben – dort beginnen die Verheißungen des neuen Bundes etwas von ihrer Kraft zu entfalten. Das Herz muss nicht länger zwischen Selbstanklage und Selbstrechtfertigung hin- und hergerissen sein, sondern findet in Christus einen festen Ort.

Die Kinder lesen Holz auf, und die Väter zünden das Feuer an, und die Frauen kneten den Teig, um für die Königin des Himmels Kuchen zu machen. Und anderen Göttern spendet man Trankopfer, um mich zu kränken. (Jer. 7:18)

Über dem Zusammenbruch der Tochter meines Volkes bin ich zerbrochen; ich trauere, Entsetzen hat mich ergriffen. (Jer. 8:21)

Die Verheißung „Der HERR, unsere Gerechtigkeit“ spricht hinein in Situationen, in denen die eigene Unzulänglichkeit nicht mehr zu überdecken ist. Statt an einem Ideal des starken, souveränen Christen zu verzweifeln, darf das Herz lernen, sich an Christus zu halten, der selbst unsere Gerechtigkeit und unser Leben ist. Jeremia hilft, die Ernsthaftigkeit von Sünde und Abfall nicht zu verharmlosen – und doch gleichzeitig zu sehen, dass Gott gerade dort anfängt, neu zu schreiben: nicht mehr auf steinerne Tafeln, sondern in das Herz. So entsteht eine Hoffnung, die nicht in uns selbst gründet, sondern in dem, der uns nie aufgibt und der das Werk, das Er begonnen hat, auch vollendet.


Herr Jesus Christus, Du Quelle lebendigen Wassers, danke, dass Du Dich Deinem Volk nicht entzogen hast, obwohl es von Dir abgewichen ist, sondern dass Deine Barmherzigkeit jeden Morgen neu ist. Öffne unsere Augen für Deine große Absicht, uns als Teil des Neuen Jerusalem zu gewinnen, und mach unsere Herzen frei von allen rissigen Zisternen, die Dich ersetzen wollen. Stärke in uns das Vertrauen, dass Du selbst unsere Gerechtigkeit und unser Leben bist und dass Deine Treue größer ist als unser Versagen. Sättige uns mit Deinem Leben, bis Dein Bild und Deine Herrlichkeit in uns sichtbar werden und Du durch uns verherrlicht wirst. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Jeremiah, Chapter 12