Der Knecht Jehovas als der Gesalbte Jehovas und der Engel der Gegenwart Jehovas für die Wiederherstellung Israels hin zu den neuen Himmeln und der neuen Erde
Wer die Geschichte des Volkes Israel anschaut, entdeckt eine Linie von Zerstreuung, Leiden und zugleich erstaunlicher Bewahrung. Die Propheten des Alten Testaments sprechen von einem Gesandten Gottes, der mitten in diese Geschichte hineinkommt – sanft und heilend, aber auch mächtig im Gericht. In dieser Spannung von Trost und Heiligem Ernst entfaltet sich die biblische Hoffnung: Gott lässt Sein Volk nicht los, sondern führt durch den Gesalbten und durch Seine eigene Gegenwart als Engel Jehovas zu einer endgültigen Wiederherstellung in neuen Himmeln und auf einer neuen Erde.
Der Gesalbte Jehovas – Trost und Wiederherstellung für das Volk Gottes
Wenn Jesaja den Gesalbten Jehovas vor Augen hat, sieht er nicht nur eine einzelne historische Gestalt, sondern die lebendige Bewegung des Geistes Gottes auf einem Menschen. „Der Geist des Herrn, HERRN, ist auf mir; denn der HERR hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, den Elenden frohe Botschaft zu bringen, zu verbinden, die gebrochenen Herzens sind“ (Jesaja 61:1). Als Jesus in der Synagoge von Nazareth diese Worte vorliest und sagt: „Heute ist diese Schrift in eurem Hören erfüllt worden“ (Lukas 4:21), tritt ans Licht, wer dieser Gesalbte ist: der Knecht Jehovas, der zugleich der geliebte Sohn ist. Gott selbst legt seine Hand auf ihn, salbt ihn mit dem Geist und macht ihn zum Träger der Gnade. Trost, Befreiung, Heilung – das sind nicht zuerst Ideen, sondern Wirkungen seiner Person. Wo er auftritt, beginnt die „angenehme Zeit Jehovas“; nicht, weil die äußeren Verhältnisse sofort anders wären, sondern weil der Gesalbte mitten in derselben Welt eine neue Wirklichkeit eröffnet.
Die erste Erfüllung der Prophezeiung über das Kommen Christi ist nur ein Vorgeschmack, die zweite Erfüllung hingegen der volle Genuss. Die Prophezeiung über Christus als den Gesalbten Jehovas fand bei seinem ersten Kommen eine vorläufige Erfüllung: für das Zeitalter der Gnade, in der Hervorbringung der Gemeinde, als das annehmbare Jahr Jehovas (Lukas 4:16–22a). (Witness Lee, Life-Study of Isaiah, Botschaft vierundfünfzig, S. 445)
Jesaja sieht jedoch weiter, als Nazareth reicht. Er schaut den gleichen Gesalbten an einem künftigen Tag, wenn die Geschichte Israels durch Gericht hindurch in die Wiederherstellung geführt wird. Dann erfüllen sich jene Worte in nationaler Tiefe: „Kopfschmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer und ein Ruhmesgewand statt eines verzagten Geistes, damit sie Terebinthen der Gerechtigkeit genannt werden, eine Pflanzung des HERRN, daß er sich verherrlicht“ (Jesaja 61:3). Der, der heute Herzen verbindet, wird einmal ein zerbrochenes Volk aufrichten. Aus Verstreuten werden Gepflanzte, aus innerlich Gebeugten werden Bäume der Gerechtigkeit, deren Standfestigkeit nicht aus ihrer eigenen Treue, sondern aus der treuen Salbung Jehovas kommt. Die Gemeinde steht zwischen diesen beiden Linien. Sie lebt in der Gnadenzeit und kennt den Gesalbten schon jetzt als den, der innerlich tröstet, bindet, erneuert. Zugleich wartet sie mit Israel auf die Vollendung, in der die Salbung nicht nur einzelne, sondern ein ganzes Volk und schließlich die Schöpfung umfasst.
In dieser Spannung liegt eine stille Ermutigung. Was der Gesalbte in Israel tun wird – Asche in Kopfschmuck, Trauer in Freudenöl verwandeln –, hat er in unseren Leben schon begonnen. Jede Erfahrung, in der aus Schuld Vergebung wird oder aus innerer Resignation neue Hoffnung, ist ein kleiner Vorschein jener großen Wiederherstellung. Der Blick auf die Verheißung für Israel schützt davor, das Heute zu überschätzen und zugleich davor, es gering zu achten. Die Salbung, die eines Tages eine Nation zum Ruhm Gottes macht, wirkt jetzt schon verborgen in den Herzen der Glaubenden. Das macht die Gegenwart kostbar und die Zukunft gewiss: der Gesalbte wird das Werk, das er mit sanfter Hand begonnen hat, mit derselben treuen Hand zur Herrlichkeit führen.
Der Geist des Herrn, HERRN, ist auf mir; denn der HERR hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, den Elenden frohe Botschaft zu bringen, zu verbinden, die gebrochenen Herzens sind, Freilassung auszurufen den Gefangenen und Öffnung des Kerkers den Gebundenen, (Jes. 61:1)
den Trauernden Zions (Frieden), ihnen Kopfschmuck statt Asche zu geben, Freudenöl statt Trauer, ein Ruhmesgewand statt eines verzagten Geistes, damit sie Terebinthen der Gerechtigkeit genannt werden, eine Pflanzung des HERRN, daß er sich (durch sie) verherrlicht. (Jes. 61:3)
Die Betrachtung des Gesalbten Jehovas verbindet persönliches Erleben mit der großen Geschichte Gottes. Wer seine leise, tröstende Salbung im eigenen Leben wahrnimmt, erhält einen Vorgeschmack auf das, was Er einst mit Israel und der Schöpfung vollbringen wird. So wächst ein Vertrauen, das nach vorne sieht, ohne das Heute zu verachten: Die Gnadenzeit ist nicht das Endgültige, aber sie ist real – sie ist der Raum, in dem der Geist schon jetzt heilt, befreit und aus zerbrechlichen Menschen „Terebinthen der Gerechtigkeit“ heranwachsen lässt.
Der Engel der Gegenwart Jehovas – Christus als schützende und richtende Gegenwart Gottes
Wenn die Schrift vom Engel Jehovas spricht, zeichnet sie nicht die Gestalt eines geschaffenen Boten, sondern die Bewegung der göttlichen Nähe. Schon am Dornbusch, als Mose gerufen wird, tritt der Engel Jehovas als der in Erscheinung, der zugleich von Gott gesandt ist und doch in der Flamme der Gegenwart Gottes steht. Später zieht dieser Engel vor Israel her und stellt sich zwischen das Volk und Pharaos Heer, eine unsichtbare Grenze der Bewahrung (vgl. 2. Mose 14). Jesaja fasst diese Erfahrung in einem dichten Wort zusammen: „In all ihrer Not. Nicht Bote noch Engel“ – und es folgt: es war seine Gegenwart, sein Angesicht, das sie rettete (Jesaja 63:9). Er nennt ihn den „Engel seiner Gegenwart“: damit ist gesagt, dass Gottes Nähe nicht nur als Atmosphäre, sondern in einer Person unter seinem Volk wohnt.
Der letzte Aspekt des allumfassenden Christus im Buch Jesaja ist der Engel der Gegenwart Jehovas – nicht der Engel in der Gegenwart Jehovas. Dass Er der Engel der Gegenwart Jehovas ist, bedeutet, dass Er selbst die Gegenwart Jehovas ist. „Der“ drückt Apposition aus. „In der Gegenwart“ setzt zwei Personen voraus. „Der Gegenwart“ bedeutet eine Person. Der Engel Jehovas ist nichts anderes als die Gegenwart Jehovas. (Witness Lee, Life-Study of Isaiah, Botschaft vierundfünfzig, S. 442)
In Christus wird dieser geheimnisvolle Engel greifbar. Der, der als Mensch mitten unter den Menschen steht, sagt: Wer mich sieht, sieht den Vater. Wo er wandelt, ist die Gegenwart Jehovas selbst da; wo er spricht, geschieht, was Gott will; wo er leidet, leidet Gott mit seinem Volk. Dass er der Engel der Gegenwart ist, bedeutet: Gottes Nähe ist nicht mehr an einen Ort oder ein Heiligtum gebunden, sondern nimmt im Sohn Gestalt an. Doch dieselbe Nähe, die für die Seinigen Trost ist, wird für die Gottfeinde zur überwältigenden Gegenmacht. Jesaja sieht den, der einst bewahrte, am Ende der Tage im Gewand des Gerichts: „Ich habe die Kelter allein getreten … und ihr Saft spritzte auf meine Kleider, und ich besudelte mein ganzes Gewand“ (Jesaja 63:3). In der Offenbarung entspricht dem das Bild von Harmagedon, wo die Völker versammelt werden und der Kelter des Zornes Gottes getreten wird (Offenbarung 16:16; Offb. 14:20).
In dieser doppelten Bewegung des Engels der Gegenwart – schützend für das Volk, richtend gegenüber den Gegnern – zeigt sich der Ernst, aber auch die Geborgenheit des Glaubens. Gott ist nicht fern, weder im Leid seines Volkes noch im Aufbäumen der Geschichte gegen ihn. Seine Gegenwart umgibt wie eine unsichtbare Mauer und wird doch nicht zur Verfügungsmacht, die man handhaben könnte; sie bleibt heilig, frei und souverän. Wer sich dieser Gegenwart anvertraut, findet Schutz, auch wenn die äußeren Umstände nicht sofort verändert werden. Und wer die Bilder des Gerichts ernst nimmt, lernt, die Langmut Gottes nicht mit Gleichgültigkeit zu verwechseln. Am Ende wird der Engel der Gegenwart für Israel und die Gemeinde dasselbe bedeuten wie einst in der Wüste: ein geheimer, tragender Beistand – und zugleich der, der alles, was sich gegen Gottes Treue erhebt, endgültig zum Schweigen bringt.
So erwächst aus der Betrachtung dieses Engels eine stille Zuversicht. Zwischen den Bedrohungen der Zeit und der oft verborgenen Führung Gottes steht eine Person: Christus, der unsichtbar leitet, begrenzt, trägt. Seine Gegenwart ist nicht immer spürbar, aber sie ist zugesagt. In ihr dürfen die Wege Israels, der Gemeinde und jedes einzelnen Gläubigen gelesen werden: nicht ausgeliefert an blinde Mächte, sondern gehalten von dem, der einst zwischen Meer und Heer stand und der am Ende der Zeiten noch einmal vor seinem Volk stehen wird – diesmal sichtbar und unwiderruflich.
Ich habe die Kelter allein getreten, und von den Völkern war kein Mensch bei mir. Ich zertrat sie in meinem Zorn und zerstampfte sie in meiner Erregung. Und ihr Saft spritzte auf meine Kleider, und ich besudelte mein ganzes Gewand. (Jes. 63:3)
in all ihrer Not. Nicht Bote noch Engel (Jes. 63:9)
Christus als Engel der Gegenwart Jehovas zu erkennen, löst die Angst, im Strom der Ereignisse allein zu sein. Die Wege Gottes mit Israel, von Ägypten bis in die Endzeit, sind von derselben stillen Begleitung durchzogen, die auch die Gemeinde und das persönliche Leben umgibt. Unter der Oberfläche der Geschichte steht seine Gegenwart zwischen dem Volk und allen Mächten, die es verschlingen wollen. Diese Einsicht schenkt Ruhe: nicht weil die Konflikte gering wären, sondern weil der, der bewahrt und der richten wird, derselbe bleibt.
Vom Vorgeschmack zur Vollendung – die Wiederherstellung Israels und die neuen Himmel und die neue Erde
Die beiden Kommen Christi bilden in der Schrift wie zwei Höhenzüge, die aus der Perspektive des Alten Testaments zu einem einzigen Gebirge verschmelzen. Prophetenblick sieht den Messias, der leidet und tröstet, und zugleich den König, der richtet und erneuert – ohne den zeitlichen Abstand dazwischen zu unterscheiden. Im Licht des Neuen Testaments wird diese Struktur erkennbar: Zwischen Kreuz und Wiederkunft spannt sich die weite Ebene der Gnadenzeit, in der die Gemeinde lebt. In ihr schmecken Gläubige „die Kräfte des zukünftigen Zeitalters“ als Vorgeschmack, während die Geschichte Israels einem letzten, schweren Durchgang entgegengeht. Jesaja fasst die Sehnsucht dieses Volkes in den Ruf: „Ach, daß du die Himmel zerrissest, herniederführest, daß die Berge vor deinem Angesicht zerflössen!“ (Jesaja 64:1). Dieser Ruf findet Antwort, wenn derselbe, der einst in Niedrigkeit kam, als Gesalbter und als Engel der Gegenwart in Macht erscheint.
Die zwei Kommen Christi lassen sich mit zwei Gipfeln einer Bergkette vergleichen. Aus der Ferne wirken sie wie ein einziger Gipfel, doch wenn man näher herankommt, erkennt man, dass es zwei Gipfel mit einem großen Tal, einer weiten Ebene, dazwischen sind. (Witness Lee, Life-Study of Isaiah, Botschaft vierundfünfzig, S. 444)
Mit seiner Wiederkunft setzt Christus die Linien zusammen, die im Alten Testament nebeneinanderstehen: der Gesalbte, der heilt und tröstet, und der Engel der Gegenwart, der richtet und rettet. Jesaja beschreibt, wie der HERR „im Feuer“ kommt, „um seinen Zorn auszulassen in Glut und sein Drohen in Feuerflammen“ (Jesaja 66:15). Das Ziel dieses Gerichts ist nicht Vernichtung um ihrer selbst willen, sondern die Bahn frei zu machen für die Wiederherstellung. Der Überrest Israels wird befreit, die Bedränger werden zum Schweigen gebracht, und das Volk nimmt im guten Land den Platz ein, der ihm verheißen ist. In dieser messianischen Königsherrschaft atmet auch die Schöpfung auf. Schließlich führt Gott die Geschichte über das Tausendjährige Königreich hinaus in die endgültige Erneuerung: „Denn siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde. Und an das Frühere wird man nicht mehr denken“ (Jesaja 65:17).
In dieser großen Linie ist die Gemeinde nicht Randfigur, sondern Zeugin und Mit-Erbin. Sie erfährt schon jetzt innerlich, was Israel äußerlich und national erfahren wird: die Kraft des Gesalbten, die Gegenwart des Engels. Wenn Gott sagt: „Vielmehr freut euch und frohlockt allezeit über das, was ich schaffe! Denn siehe, ich schaffe Jerusalem zum Frohlocken und sein Volk zur Freude“ (Jesaja 65:18), dann gilt dieser Ton der Freude letztlich der ganzen erlösten Schöpfung. Die Hoffnung Israels und die Hoffnung der Gemeinde laufen in der neuen Schöpfung zusammen, wenn Gott „über sein Volk sich freuen“ und die „Stimme des Weinens“ nicht mehr hören wird (Jesaja 65:19). Dann ist der Weg von 1. Mose, vom verlorenen Garten bis zur Stadt aus Gottes Herrlichkeit, zu Ende geführt.
Wer diesen Bogen im Herzen bewegt, erhält eine andere Sicht auf die eigene Zeit. Die Gegenwart wird nicht mehr als zufällige Abfolge von Ereignissen erlebt, sondern als Teil eines Weges, den der Gesalbte und der Engel der Gegenwart treu begleiten. Das bewahrt vor Resignation angesichts von Gerichtsbotschaften und vor Oberflächlichkeit angesichts von Gnadenzeiten. Beides gehört zusammen: Gericht als Durchgang, Gnade als Atmosphäre, Wiederherstellung als Ziel. In dieser Spannung zu leben, heißt, sich von der kommenden Freude her prägen zu lassen. Die Zusage der neuen Himmel und der neuen Erde ist keine Flucht aus der Wirklichkeit, sondern der tiefste Grund, die Gegenwart mit wachen Augen und einem hoffenden Herzen zu tragen.
Ach, daß du die Himmel zerrissest, herniederführest, daß die Berge vor deinem Angesicht zerflössen! (Jes. 64:1)
Denn siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde. Und an das Frühere wird man nicht mehr denken, und es wird nicht mehr in den Sinn kommen. (Jes. 65:17)
Die Sicht vom Vorgeschmack zur Vollendung weitet den Horizont des Glaubens. Das Wirken Christi als Gesalbter und als Engel der Gegenwart wird nicht mehr nur in den Grenzen des persönlichen Lebens oder der Kirche wahrgenommen, sondern im Zusammenhang von Israel, Völkern und Schöpfung. Daraus entsteht eine stille Gelassenheit: Die Gnade, die jetzt erfahren wird, ist der Anfang jener Wiederherstellung, die einmal in neuen Himmeln und auf neuer Erde aufleuchten wird. So kann der Glaube die Gegenwart ernst nehmen, ohne ihr das letzte Wort zu lassen.
Herr Jesus Christus, Du Gesalbter Jehovas und Engel Seiner Gegenwart, danke, dass Du Dein Volk nicht verlässt, sondern es durch alle Gerichte hindurch in die Wiederherstellung und zuletzt in neue Himmel und eine neue Erde führst. Wir bringen Dir die Geschichte Israels und unsere eigene Geschichte und vertrauen darauf, dass Deine treue Gegenwart uns durch jeden Tiefpunkt trägt und Dein guter Plan zum Ziel kommt. Stärke in uns die Hoffnung auf Deine Wiederkunft, erfülle uns mit dem salbenden Geist, und lass uns schon jetzt inmitten einer erschütterten Welt etwas von der kommenden Herrlichkeit widerspiegeln. Dir sei Ehre in der Gemeinde und in Israel, jetzt und bis in Ewigkeit. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Isaiah, Chapter 54