Das Wort des Lebens
lebensstudium

Gezogen, Christus zur Zufriedenheit zu verfolgen (2)

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Viele Christen kennen das Sehnen nach mehr von Christus und zugleich das Gefühl, innerlich zerrissen, stark aus eigener Kraft und doch unzufrieden zu sein. Das Hohelied zeichnet ein zartes Bild davon, wie der Herr selbst solche Menschen durch seine Liebe anzieht, in sein Haus bringt und Schritt für Schritt verwandelt. Im Licht dieser poetischen Bilder entdecken wir eine geistliche Wirklichkeit: Christus selbst ist unsere Zufriedenheit, und im Miteinander der Gläubigen arbeitet der Geist daran, uns von einem selbstzentrierten zu einem liebenden, ruhenden Herzen zu formen.

Von eigener Stärke zu vertrauender Liebesbeziehung

Zu Beginn steht im Hohelied ein überraschendes Bild: Die Liebende wird mit einer Stute unter den Wagen des Pharao verglichen – kraftvoll, eindrucksvoll, voller Spannung und Bewegung. So sieht ein Mensch aus, der Christus liebt und zugleich noch sehr aus der eigenen natürlichen Energie lebt. Da ist viel Wille, viel Idealismus, vielleicht auch geistliche Begabung – und doch trägt all das noch die Signatur des alten Menschen. Die Liebe Christi verwirft diese Stärke nicht einfach, aber sie führt sie durch einen inneren Weg hindurch. Aus der kraftvollen Stute soll eine Lilie werden: zart, abhängig, unscheinbar, getragen vom unsichtbaren Versorgen Gottes. In der Lilie schwindet das Bedürfnis, sich zu beweisen; ihr Geheimnis ist nicht Leistung, sondern Verwurzeltsein in einer anderen Quelle.

Am Anfang ist die Liebende Christi von Natur aus stark, wie eine Stute unter den Wagen des Pharao. Doch nach und nach wird sie in eine Lilie verwandelt – in eine, die nicht mehr von natürlicher Kraft, sondern von Leben erfüllt ist. Eine so Verwandelte blickt nun mit einfältigem Auge auf den Herrn. Ihr einziges Ziel, ihr einziger Gegenstand, ist der Eine, den sie liebt. (Witness Lee, Life-Study of Song of Songs, Botschaft zwei, S. 10)

Dieses Umgestalten ist kein religiöses Selbst-Optimieren. Es ist ein geistlicher Stoffwechsel, den der Geist Gottes in der Tiefe bewirkt, indem er die alte, selbstbezogene Energie durch das Leben Christi ersetzt. Unsere natürlichen Reaktionsmuster – sich durchsetzen, recht behalten, sich absichern – werden nach und nach von einem anderen inneren Impuls abgelöst. Jesus beschreibt den Blick der Lilie so: „Und warum seid ihr um die Kleidung besorgt? Betrachtet die Lilien des Feldes, wie sie wachsen. Sie mühen sich nicht ab, noch spinnen sie“ (Matthäus 6:28). Die Lilie kämpft nicht um ihr eigenes Überleben; sie steht schlicht im Licht dessen, der sie geschaffen hat. So lernt auch die Liebende, nicht mehr alles aus eigener Hand zu kontrollieren, sondern Christus zuzutrauen, dass seine Fürsorge tragfähig ist.

Parallel dazu verändert sich ihr Blick. Ihre Augen werden wie Taubenaugen beschrieben – nicht raffiniert und berechnend, sondern einfach, ungeteilt, auf einen Gegenstand ausgerichtet. Der Herr verbindet einen solchen einfältigen Blick mit dem Ruf zur Klugheit: „Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter Wölfe; so seid nun klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben“ (Matthäus 10:16). Die Taube ist nicht naiv, weil sie die Realität ignoriert; sie ist einfältig, weil sie nicht auf vieles zersplittert ist. Die Liebende lernt, aus tausend Ablenkungen und inneren Stimmen zu dem einen Herrn zurückzukehren. Ihre Energie investiert sich nicht mehr in das Jonglieren von Rollen und Erwartungen, sondern in den schlichten, treuen Blick auf den Geliebten.

In dieser Bewegung von der Stute zur Lilie wird die Liebe Christi vom äußeren Motiv zur inneren Triebkraft. Paulus schreibt: „Denn die Liebe Christi drängt uns, weil wir zu dem Urteil gelangt sind, dass einer für alle gestorben ist und darum alle gestorben sind“ (2.Kor 5:14). Wo früher der Druck der eigenen Ansprüche trieb, drängt jetzt die Liebe des Gekreuzigten – leise, aber unerbittlich. Die Beziehung zu ihm löst sich aus dem Rahmen von Pflicht und religiösem Ehrgeiz und gewinnt den Charakter einer vertrauenden Zuneigung. Sie verfolgt ihn, nicht um sich einen Status zu sichern, sondern weil ihr Herz von ihm eingenommen ist. In dieser inneren Wandlung liegt Trost: Christus erwartet nicht, dass wir mit perfekter geistlicher Muskelkraft beginnen. Er nimmt die natürliche Stärke in seine Hand, lässt sie sterben und auferstehen, bis an die Stelle des Getrieben-Seins ein zufriedenes, ruhendes Verfolgen tritt.

Und warum seid ihr um die Kleidung besorgt? Betrachtet die Lilien des Feldes, wie sie wachsen. Sie mühen sich nicht ab, noch spinnen sie. (Mt. 6:28)

Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter Wölfe; so seid nun klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben. (Mt. 10:16)

Wer sich in der Stute wiedererkennt – im Getriebensein, in geistlicher Geschäftigkeit oder im ständigen Versuch, alles richtig zu machen –, darf wissen: Christus ist nicht gekommen, um diese natürliche Energie nur zu verstärken, sondern um sie zu verwandeln. Sein Weg führt in die Einfachheit der Lilie, in einen Lebensstil, der mehr vom Vertrauen als von der Anspannung geprägt ist. Die Taubenaugen der Liebenden laden ein, das eigene Herz prüfen zu lassen: Wo zerstreut sich mein Blick, wo sucht mein Inneres noch Sicherheit außerhalb von ihm? In dem Maß, in dem seine Liebe unser Urteil prägt, verliert der Drang nach Selbstbehauptung seine Macht. Dann wird das Verfolgen Christi nicht kleiner, aber gelassener – nicht weniger entschieden, aber mehr von einer stillen Zufriedenheit getragen, die weiß: Er selbst ist die Quelle und die Vollendung meines Weges.

Umwandlung im Gemeindeleben: Begleitete Arbeit des Geistes

Die Liebende im Hohelied bleibt nicht allein mit ihrer Beziehung zum Geliebten. Er führt sie in die inneren Gemächer, in einen abgeschirmten Raum der Gemeinschaft, der zugleich ein Bild für ihren Geist und für das Leben mit der Herde ist. Dort, in der Nähe des Hirten und inmitten der anderen Schafe, beginnt der Geist eine vertiefte Umwandlung. Der Herr spricht nicht nur in der Ich-Form, sondern sagt: „Wir werden dir goldene Kettchen machen mit silbernen Punkten.“ Das „Wir“ öffnet den Blick: Der Geist wirkt nicht isoliert in der Innerlichkeit, sondern verbindet seine Arbeit mit dem Leib, mit den Geschwistern. Gold steht für die göttliche Natur, Silber für die Erlösung – Christus selbst wird durch gemeinsames Leben, durch Ermahnung, Trost und geteilte Freude in sie „eingearbeitet“.

Wenn die Liebhaber Christi in das Gemeindeleben eintreten, beginnt der Heilige Geist, sie zu verwandeln. Außerhalb des Gemeindelebens können wir nicht verwandelt werden. Das Gemeindeleben ist ein sehr wichtiges Mittel, das der Heilige Geist gebraucht, um uns zu verwandeln. In der Gemeinde verwandelt uns der Heilige Geist zusammen mit den Heiligen. (Witness Lee, Life-Study of Song of Songs, Botschaft zwei, S. 9)

Dieses Ineinander von Geist und Leib ist kein organisatorischer Zusatz, sondern göttliche Weisheit. Jesus sagt über seine Schafe: „Und ich habe andere Schafe, die nicht aus diesem Hof sind; auch diese muß ich bringen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde, ein Hirte sein“ (Johannes 10:16). Der eine Hirte sammelt eine Herde, keinen Zoo von Einzelgängern. Gerade dort, wo Nähe entsteht, wo Unterschiede aneinander reiben und Verletzlichkeit möglich wird, kann das Werk der Umwandlung geschehen. In der Gemeinde lernen wir, unser Maß zu erkennen, uns mit anderen zu vermengen, nicht über sie hinauszuwachsen. Das „goldene Kettchen“ der göttlichen Natur wird sichtbar in wachsamer Liebe, in Geduld, im Verzicht auf Rechthaberei; die „silbernen Punkte“ der Erlösung glänzen dort, wo Vergebung gewährt, Versagen nicht festgehalten, sondern der Gnade anvertraut wird.

Dass der Geist gerade das Gemeindeleben als Werkzeug wählt, zeigt sich auch in der Erfahrung von Trost und Leid, die Paulus beschreibt: „der uns tröstet in all unserer Drangsal, damit wir die trösten können, die in allerlei Drangsal sind, durch den Trost, mit dem wir selbst von Gott getröstet werden“ (2.Kor 1:4). Die Umwandlung geschieht nicht nur in Momenten geistlicher Höhe, sondern mitten durch Bedrängnisse und Überforderungen hindurch. Was wir an Gottes Treue erfahren, fließt zu anderen; was wir an der Geduld anderer empfangen, arbeitet an unserem Charakter. So webt der Geist aus vielen Fäden eine gemeinsame Geschichte, in der Christus als der allumfassende, lebensspendende Herr sichtbar wird.

In diesem Licht bekommt Gemeindeleben einen anderen Klang. Es reduziert sich nicht auf Veranstaltungen oder Formen, sondern wird zum Raum, in dem der Dreieine Gott mit seinem innewohnenden, installierten, automatischen und innerlich wirkenden Geist an uns handelt. Die äußeren „Ketten“ – Verantwortung, Dienst, Verbindlichkeit – sind nicht Fesseln, sondern Ausdruck einer inneren Neugestaltung: Unser „Hals“ wird geschmückt, das heißt, unser Wille findet zu einer schönen, freien Unterordnung unter Christus. Wenn die Liebende in der Mitte der Herde bleibt, ist sie nicht eingeengt, sondern geschützt und geformt. So wächst eine Liebe zu Christus heran, die nicht nur privat leuchtet, sondern gemeindliche Gestalt gewinnt und den Leib Christi in seiner Vielfalt aufbaut.

Und ich habe andere Schafe, die nicht aus diesem Hof sind; auch diese muß ich bringen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde, ein Hirte sein. (Joh. 10:16)

der uns tröstet in all unserer Drangsal, damit wir die trösten können, die in allerlei Drangsal sind, durch den Trost, mit dem wir selbst von Gott getröstet werden. (2.Kor 1:4)

Wo Gemeindeleben vor allem als Belastung oder als äußerer Rahmen erlebt wird, lohnt der Blick auf das, was Gott durch es bewirken will. Der Geist Gottes hat sich eng mit dem Leib Christi verbunden und will uns nicht nur im Verborgenen, sondern mitten unter Geschwistern verwandeln. Spannungen, unterschiedliche Prägungen und geteilte Schwachheit sind dann nicht nur Hemmnisse, sondern Orte, an denen goldene und silberne Spuren in unser Leben gelegt werden – Spuren göttlicher Natur und erlösender Gnade. Wer sich unter diesem Gesichtspunkt in das Gemeindeleben hineinhalten lässt, entdeckt nach und nach, dass die eigene Liebe zu Christus tiefer, reifer und zugleich demütiger wird. Das zufriedene Verfolgen Christi bekommt ein gemeinsames Gesicht: Man lernt, ihn gemeinsam zu suchen, gemeinsam zu tragen, gemeinsam zu bezeugen – und gerade darin wird der Einzelne innerlich erneuert.

Ruhe, gegenseitige Wertschätzung und Zufriedenheit in Christus

Je weiter der Weg der Liebenden voranschreitet, desto mehr wandelt sich der Ton zwischen ihr und dem Geliebten. Nicht mehr nur sie spricht von ihm, sondern es entsteht ein leiser Dialog der Wertschätzung. Er nennt sie schön; sie nennt ihn schön und lieblich. Gleichzeitig wird ihre Sicht auf sich selbst nüchterner und tiefer: „Ich bin eine Rose von Saron, eine Lilie der Täler“ – das Geständnis einer, die um ihre Schönheit weiß, sie aber nicht mehr zur Selbstdarstellung nutzt. Die Rose von Saron wächst nicht im Palastgarten, sondern auf freiem Feld; die Lilie der Täler blüht in einer niedrigen, oft nebligen Landschaft. So bekennt die Liebende: Meine Würde liegt in deiner Wahl, nicht in meiner Höhe.

Der Geliebte und die Liebende schätzen einander. Beide sind schön und erkennen die Schönheit des anderen an. Das zeigt uns, dass die Umwandlung eine gegenseitige Wertschätzung zwischen Christus und Seiner Liebenden hervorbringt. (Witness Lee, Life-Study of Song of Songs, Botschaft zwei, S. 12)

Christus selbst setzt einen anderen Akzent, wenn er sie als „Lilie unter Dornen“ beschreibt. Er sieht sie mitten in einer Umgebung, die verletzen, ersticken, zerschrammen kann – und gerade dort erkennt er ihre Zartheit und Reinheit. Diese Gegenüberstellung von Lilie und Dornen beschreibt die Spannung, in der jeder steht, der Christus folgt: hineingestellt in eine Welt voller Härten, Überforderung und Schuld, und doch von seinem Leben getragen. Jakobus erinnert daran, dass äußere Unterschiede und weltliche Maßstäbe in den Versammlungen leicht zu falschen Urteilen führen (Jakobus 2:3–4), aber Gott selbst „hat … die Armen in der Welt auserwählt, im Glauben reich zu sein“ (Jakobus 2:5). In den Augen des Herrn ist die Lilie nicht die starke, glänzende Erscheinung, sondern die, die in Abhängigkeit blüht, wo Dornen wachsen.

In dieser Wahrnehmung reift eine tiefe Zufriedenheit. Die Liebende erlebt Christus als Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes – als den einen, dessen Schatten wirklich erquickt und dessen Frucht sättigt. Sie findet an seiner Nähe Ruhe, sein Leben wird ihr zur Lagerstatt. Der Evangelist Johannes fasst das so: „Denn aus Seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade“ (Johannes 1:16). Gnade ersetzt nicht nur Mangel, sie schafft einen Überfluss, aus dem heraus ein Mensch nicht mehr ständig nach zusätzlicher Bestätigung greifen muss. Wo die Seele lernt, unter diesem Baum zu sitzen, werden die vielen inneren Forderungen leiser; das Herz wird still bei dem, der genügt.

Dieses Ruhen ist jedoch kein Endpunkt, sondern eine von Christus behütete Phase. Im Hohelied beschwört der Geliebte die Töchter Jerusalems, die Geliebte nicht zu wecken, bis es ihr selbst gefällt. Er schützt die neu gewonnene Innigkeit und den Frieden, den sie bei ihm gefunden hat. Der Herr ist nicht darauf aus, uns aus der Ruhe in ihn herauszukatapultieren; er führt weiter, aber er treibt nicht. Darin liegt eine kostbare Ermutigung: Die Zufriedenheit, die aus seiner Fülle kommt, ist nicht fragil, sondern von ihm selbst umhegt. Aus dieser Ruhe heraus wird die Liebende später bereit sein, mit ihm durch rauere Landschaften zu gehen, mehr von seinem Kreuz und seiner Auferstehung zu teilen. Doch ihr Weg bleibt von derselben Grundmelodie getragen: Er ist schön und lieblich – darum ist es gut, ihm zu gehören, ihm zu vertrauen und ihm nachzugehen, auch wenn die Umstände Dornen tragen.

Hört zu, meine geliebten Brüder: Hat nicht Gott die Armen in der Welt auserwählt, im Glauben reich zu sein und Erben des Königreichs, das Er denen verheißen hat, die Ihn lieben? (Jak. 2:5)

Denn aus Seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade. (Joh. 1:16)

Viele verbinden das Verfolgen Christi mit ständiger Spannung, mit geistlichem Druck oder mit dem Gefühl, nie zu genügen. Das Bild der Lilie unter Dornen, die im Schatten eines Apfelbaums ruht, zeichnet eine andere Möglichkeit: Ein Weg, auf dem Ernst und Ruhe, Hingabe und Zufriedenheit zusammenfinden. Die Fülle Christi schließt unseren Hunger nicht aus, aber sie sättigt ihn immer wieder neu mit Gnade um Gnade. Wer diese Fülle mehr kennenlernt, muss seine Umgebung nicht beschönigen und auch die Dornen nicht leugnen; er darf sie im Licht eines Herrn sehen, der ihn schön nennt und seine Ruhe schützt. So wird ein Leben möglich, das Christus entschlossen verfolgt und doch nicht gehetzt ist – ein Leben, das inmitten von Spannungen von der leisen Gewissheit durchzogen ist: In ihm habe ich genug, und mit ihm darf ich weitergehen.


Herr Jesus Christus, danke für deine liebende Anziehung, die unser starkes, ruheloses Herz in ein vertrauendes, einfaches Herz verwandelt. Du siehst uns als Lilie unter Dornen und als jemanden, der deiner Liebe würdig ist, auch wenn wir uns klein und unscheinbar erleben. Lass dein Banner der Liebe über unserem Leben und unseren Gemeinden sichtbar sein und durch deinen Geist alles hinwegnehmen, was uns von dir abzieht. Möge dein allumfassendes Leben uns innerlich umgestalten, sodass wir dich in der Gemeinschaft der Geschwister als unsere wahre Zufriedenheit genießen und in deiner Ruhe bewahrt werden. Stärke in uns die stille Gewissheit, dass du uns weiterführst und vollendest, was du begonnen hast. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Song of Songs, Chapter 2