Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die tiefere Erfahrung Gottes durch die Heiligen in der Identifizierung mit Christus

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Viele Christen kennen das Bild vom lebendigen Wasser und vom Brot des Lebens, aber nur wenige denken daran, dass Gott selbst unsere Wohnstätte sein will. Die Psalmen führen uns von der Sehnsucht nach Gott wie nach Wasser hin zu einem Leben, das ganz in Gott beheimatet ist. Gerade Psalmen 90 bis 92 öffnen den Blick dafür, wie eng Gottes Wohnen und unsere Identifizierung mit Christus zusammengehören und welche Auswirkungen das auf unser Leben und auf Gottes Handeln in der Welt hat.

Gott als unsere bleibende Wohnstätte

Psalm 90 beginnt mit einem Satz, der wie ein leiser Schlüssel zu einem weiten Raum ist: „Herr, du bist unsre Wohnstätte gewesen / von Geschlecht zu Geschlecht.“ Gott wird nicht nur als Retter, Helfer oder Hirte bekannt, sondern als Wohnstätte. Wer wohnt, kommt nicht nur auf Besuch; er bringt sein ganzes Leben an einen Ort, seine Gewohnheiten, seine Verletzlichkeit, seine Freude und seine Müdigkeit. So zeichnet Psalm 90 ein Bild von einem Gott, der nicht bloß gelegentlich aufgesucht wird, wenn die Not groß ist, sondern von einem Gott, in dem das ganze Dasein aufgehoben ist. „Im Haus Meines Vaters sind viele Wohnungen; … denn Ich gehe hin, um euch eine Stätte zu bereiten“, heißt es in Johannes 14:2. Der ewige Gott, über den Mose nachdenkt, und der Vater, von dem Jesus spricht, sind derselbe: Er will nicht nur ein Gegenüber, sondern unsere eigentliche Heimat sein.

Psalm 90 beginnt mit einem Wort darüber, dass Gott unsere Wohnstätte ist: „Herr, du bist unsre Wohnstätte gewesen / von Geschlecht zu Geschlecht.“ Tatsächlich ist die Bibel das einzige Buch, das uns sagt, dass Gott unsere Wohnstätte sein kann. … Im Herrn zu wohnen ist etwas Tieferes, als Ihn zu trinken. (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft fünfunddreißig, S. 399)

Wo Gott zur Wohnstätte wird, verändert sich die Wahrnehmung der eigenen Begrenztheit. Psalm 90 stellt die Ewigkeit Gottes der Zerbrechlichkeit des Menschen gegenüber: ein tausendjähriger Tag vor Gott, und daneben ein Menschenleben, das wie Gras ist, das am Morgen blüht und am Abend welkt. Wer Gott nur als gelegentliche Hilfe kennt, erlebt diese Spannung als Bedrohung. Wer aber im ewigen Gott wohnt, beginnt in der Begrenzung der Tage die Geborgenheit einer unverlierbaren Heimat zu spüren. Das Wissen um die Kürze des Lebens wird nicht zur dunklen Drohung, sondern zur nüchternen Weisheit, die das Herz „weise machen“ soll, damit die wenigen Tage von innen her erfüllt sind.

Dieses Wohnen in Gott führt tiefer als das gelegentliche „Trinken“ geistlicher Erfrischung. Zu trinken bedeutet, an einzelnen Punkten Stärkung zu erfahren; zu wohnen bedeutet, dass jede Alltagsszene, jede Beziehung, jede Entscheidung von einem unsichtbaren Zentrum her geprägt wird. Wenn Jesus in Johannes 15:4 sagt: „Bleibt in Mir, und Ich in euch“, liegt darin genau dieser Gedanke des dauerhaften Wohnens. Bleiben ist mehr als ein kurzer Besuch; es ist ein Lebensstil der beständigen inneren Ausrichtung auf den Dreieinen Gott. So wie unser irdisches Haus unseren Stil, unsere Ordnung und unsere Prioritäten widerspiegelt, so prägt die unsichtbare „Adresse“ bei Gott unseren Umgang mit Arbeit, Konflikten, Enttäuschungen und Freude.

Wer Gott als Wohnstätte entdeckt, muss sich nicht an religiösen Formen festhalten, um sich sicher zu fühlen. Die Sicherheit eines Hauses besteht nicht aus den Dekorationen, sondern aus der Tatsache, dass es trägt, schützt, Raum gibt. So befreit das Wohnen im Dreieinen Gott allmählich von der inneren Abhängigkeit von äußeren Verordnungen und Mustern. Der Mensch, der in Gott wohnt, verliert nicht die Wertschätzung für Ordnungen, aber er ist nicht mehr von ihnen abhängig, um sich Gott nahe zu wissen. Das Herz findet Ruhe in dem, der „von Geschlecht zu Geschlecht“ derselbe bleibt, und diese Ruhe strahlt in den Alltag aus.

Herr, du bist unsre Wohnstätte gewesen / von Geschlecht zu Geschlecht. (Ps. 90:1)

Im Haus Meines Vaters sind viele Wohnungen; wenn es nicht so wäre, hätte Ich es euch gesagt; denn Ich gehe hin, um euch eine Stätte zu bereiten. (Joh. 14:2)

Gott als Wohnstätte zu erkennen heißt, das eigene Leben nicht länger als eine lose Abfolge von Ereignissen zu verstehen, die gelegentlich von geistlichen Momenten unterbrochen werden, sondern als einen Weg, der von Anfang bis Ende in einem göttlichen Haus verläuft. Wer sich innerlich an diese Wahrheit erinnert, findet inmitten von Zeitdruck, Brüchen und Unsicherheiten einen Ort, an dem die Seele aufatmen kann. So erwächst aus der nüchternen Einsicht in die Kürze des Lebens keine Resignation, sondern ein stilles, zielklares Weitergehen: getragen von dem, in dem wir wohnen, und dessen Treue weiter reicht als unsere Lebenszeit.

Identifiziert mit Christus in Seinem Wohnen im Vater

Wenn Psalm 90 Gott als unsere Wohnstätte vor Augen malt, zeigt Psalm 91, wie dieses Wohnen in einer konkreten Person Gestalt gewinnt. Dort tritt eine Gestalt hervor, die im Schatten des Allmächtigen bleibt, den Allerhöchsten zu ihrer Wohnung gemacht hat und deshalb vor verborgenen Schlingen, vor Pest, vor Schrecken der Nacht und vor Pfeilen am Tag bewahrt wird. „Weil er an mir hängt, will ich ihn erretten. / Ich will ihn schützen, weil er meinen Namen kennt“, heißt es in Psalm 91:14. Das Neue Testament lässt erkennen, dass in dieser Person Christus selbst aufleuchtet. Die Verse über den Schutz der Engel werden ausdrücklich auf Jesus angewandt, als Er in der Versuchung in der Wüste dem Satan gegenübersteht (vgl. Matthäus 4:6). Der Sohn Gottes lebt als Mensch so in der Wohnstätte des Vaters, dass selbst die Angriffe des Bösen Ihn nicht aus dieser inneren Zuflucht herauslösen können.

Die Verse 11 und 12 machen deutlich, dass sich „Du“ und „Dein“ in Vers 9 auf Christus beziehen. Diese Verse werden in Matthäus 4:6 zitiert und auf Christus angewandt. Das zeigt, dass nicht nur Mose Gott zu seiner Wohnstätte machte, sondern dass sogar der Herr Jesus, als Er auf der Erde war, Gott, den Vater, zu seiner Wohnstätte machte. (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft fünfunddreißig, S. 401)

Die Identifizierung mit Christus beginnt daher nicht erst am Kreuz, sondern bereits in seiner Lebensweise: Er wohnt im Vater. Sein Reden, Handeln und Schweigen fließen aus dieser Verborgenheit in Gott. Wer über Identifikation mit Christus nachdenkt, bleibt oft bei einzelnen Stationen stehen – Kreuz, Auferstehung, Himmelfahrt. Doch Psalm 91 öffnet eine weitere Dimension: in Christus zu sein bedeutet, eingeformt zu werden in seine Art zu leben, nämlich in einem beständigen Bleiben im Vater. Wenn Jesus in Johannes 15:4 sagt: „Bleibt in Mir, und Ich in euch“, lädt Er nicht nur zu einer mystischen Innerlichkeit ein, sondern teilt uns seine eigene Lebensweise mit. Er selbst ist der, der im Vater bleibt; indem wir in Ihm bleiben, werden wir in dieses Bleiben hineingenommen.

Wo diese Identifizierung Wirklichkeit wird, treten die Bilder von Psalm 91 in eine neue Tiefe. Der Schutz Gottes wird nicht mehr als magische Zusicherung verstanden, dass uns nichts Schweres geschieht, sondern als die Erfahrung, dass kein Angriff des Feindes uns aus Christus herausreißen kann. Selbst wenn äußerlich Gefahr, Krankheit oder Verfolgung auftreten, bleibt innerlich ein Raum, in dem wir mit Christus im Vater geborgen sind. „Er ruft mich an, und ich antworte ihm. / Ich bin bei ihm in der Not. / Ich befreie ihn und bringe ihn zu Ehren“, heißt es in Psalm 91:15. Die Identifizierung mit Christus führt dazu, dass selbst unsere Notzeiten in den Horizont seiner Auferstehung rücken: Befreiung und Ehre werden nicht immer sofort sichtbar, aber sie sind durch Christus als verlässliche Zukunft in unser Leben hineingelegt.

In diesem Licht bekommt auch die Verlängerung unserer Tage eine andere Färbung. Psalm 91:16 sagt: „Ich sättige ihn mit langem Leben / und lasse ihn mein Heil schauen.“ Das „lange Leben“ ist nicht nur eine biologische Verlängerung, sondern Ausdruck einer Existenz, die von Gottes Heil durchzogen ist. Wer mit Christus identifiziert in Gott wohnt, beginnt, die eigene Lebenszeit im Licht der Auferstehung zu betrachten: nicht als ein mühseliges Hinauszögern, sondern als eine Gelegenheit, inmitten wechselnder Umstände die Treue Gottes sichtbar werden zu lassen. Manche Wege, die der Herr mit einem Menschen geht, sind lang, andere überraschend kurz; aber in beiden Fällen bleibt wahr, dass Christus der Lebendige ist, „der Lebendige; und Ich wurde tot, und siehe, Ich bin lebendig in Ewigkeit“ (Offb. 1:18). Das Wohnen in Gott und die Identifizierung mit Christus verbinden sich so zu einer Lebenshaltung, die weder vor der Realität der Not zurückschreckt noch von ihr definiert wird.

Wer im Schutz des Höchsten sitzt, / wird bleiben im Schatten des Allmächtigen. (Ps. 91:1)

«Weil er an mir hängt, will ich ihn erretten. / Ich will ihn schützen, weil er meinen Namen kennt. (Ps. 91:14)

Unsere Identifizierung mit Christus in seinem Wohnen im Vater schenkt eine neue Sicht auf Schutz, Not und Lebenszeit. Sie bewahrt davor, Gottes Zusagen als Garantie eines unberührten Lebens zu missverstehen, und öffnet für die tiefere Erfahrung, dass kein Angriff uns aus Christus herauslösen kann. Wer sich innerlich immer wieder daran erinnert, dass er mit Christus im Vater geborgen ist, findet inmitten realer Spannungen eine Ruhe, die nicht aus sich selbst stammt. So wird das alltägliche Bleiben in Gott zum stillen Raum, in dem Vertrauen wächst und aus dem heraus selbst schwere Wege von einem anderen Licht durchzogen werden.

Die Frucht des Wohnens in Gott für unser Leben und Gottes Plan

Psalm 92 zeigt, welche Gestalt ein Leben annimmt, das in Gott verwurzelt ist und in der Identifizierung mit Christus steht. Hier ist die Rede von Menschen, die es gut und schön finden, dem HERRN zu danken, Seinen Namen zu besingen, am Morgen seine Gnade und in den Nächten seine Treue zu verkündigen. Ihre erste Frucht ist die Wahrnehmung der großen Werke Gottes: „Und gepriesen sei sein herrlicher Name in Ewigkeit! / Seine Herrlichkeit erfülle die ganze Erde!“ (Ps. 72:19). Wer in Gott wohnt, ist nicht auf sich selbst zurückgebogen, sondern beginnt, die Welt von Gottes Taten her zu sehen. Der Blick löst sich von der eigenen Enge und weitet sich zu der Einsicht, dass Gottes Wirken über die eigenen Grenzen hinausreicht – bis an die Enden der Erde.

Das vierte Buch der Psalmen enthüllt die tiefere Erfahrung der Heiligen mit Gott in der Einsmachung mit Christus und in Gottes Wiedererlangung Seines Titels und Seines Rechts über die Erde. Das macht deutlich, dass unsere Erfahrung, in Gott zu wohnen, den Weg dafür bereitet, dass Christus kommt, um die Erde in Besitz zu nehmen, damit Gott Seinen Titel und Sein Recht über die Erde wiedererlangen kann. (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft fünfunddreißig, S. 402)

In der Mitte von Psalm 92 stehen starke Bilder: Die, die im Haus des HERRN gepflanzt sind, blühen wie Palmen, wachsen wie Zedern auf dem Libanon, bleiben sogar im Alter „saftvoll und grün“. Hier wird keine oberflächliche Vitalität beschrieben, sondern eine innere Frische, die aus einer tiefen Verwurzelung im Leben Gottes kommt. Wer in Gott gepflanzt ist, lebt aus einem verborgenen Zufluss: nicht aus momentanen Stimmungen, sondern aus der stillen Zuführung seines Lebens. In der Sprache des Neuen Testaments entspricht dem das Bleiben in Christus, durch das echte Frucht hervorkommt: „Wie die Rebe von sich aus keine Frucht bringen kann, wenn sie nicht im Weinstock bleibt, so könnt auch ihr es nicht, wenn ihr nicht in Mir bleibt“ (Johannes 15:4). Diese Frucht ist nicht primär Leistung, sondern Ausdruck einer inneren Vermengung mit dem Geist Gottes.

Doch die Psalmen bleiben nicht beim persönlichen Erleben stehen. In den vorhergehenden Liedern ist immer wieder von Christus, von Gottes Haus, von der Stadt und schließlich von der ganzen Erde die Rede. Psalm 72 betet: „Und er möge herrschen von Meer zu Meer / und vom Strom bis an die Enden der Erde“ (Ps. 72:8). Die Frucht des Wohnens in Gott erhält so eine weite Perspektive: Sie ist nicht nur Segen für das persönliche Leben oder das unmittelbare Umfeld, sondern Teil von Gottes Weg, seine Herrschaft sichtbar zu machen. Wenn Heilige in Gott wohnen und mit Christus identifiziert leben, entsteht ein Raum, in dem etwas von der kommenden Weltordnung Christi vorausgenommen wird. Gottes Recht über die Erde, das so oft verdeckt scheint, beginnt in den kleinen Räumen unseres Gehorsams, unserer Anbetung und unseres Gemeindelebens sichtbar zu werden.

Das vierte Buch der Psalmen verbindet so die innere Erfahrung der Heiligen mit der großen Linie von Gottes Plan. Das stille Vertrauen, das im Schatten des Allmächtigen gelernt wird, bleibt nicht folgenlos; es wirkt sich aus in einem Zeugnis, das über einzelne Biografien hinausweist. Wo Menschen in Gott gepflanzt sind, nehmen sie an der Wiederherstellung von Gottes Recht teil, nicht als politische Akteure, sondern als solche, durch deren Leben Christus erkennbar wird. Die Frucht ihres Bleibens in Gott zeigt sich in Beständigkeit, in einem Lob, das auch durch Dunkelheiten hindurchklingt, und in einer Liebe, die nicht aufhört, auch wenn menschlich gesehen nichts mehr zu gewinnen ist.

Die gepflanzt sind im Haus des HERRN, / werden gedeihen in den Vorhöfen unseres Gottes. / Noch im Alter tragen sie Frucht, / sind saftvoll und grün, / um zu verkündigen, dass der HERR recht ist; / mein Fels, und kein Unrecht ist an ihm. (Ps. 92:13-15)

Und er möge herrschen von Meer zu Meer / und vom Strom bis an die Enden der Erde. (Ps. 72:8)

Die Frucht des Wohnens in Gott zeigt sich nicht nur in persönlicher Reife, sondern auch darin, dass unser Leben in Gottes größere Geschichte hineingestellt wird. Wer sich innerlich daran erinnert, dass Verwurzelung in Gott nicht vergeblich ist, gewinnt Kraft, auch auf langen oder unscheinbaren Strecken treu zu bleiben. Das Lob, das aus einem solchen Leben aufsteigt, und die Beständigkeit, die daraus erwächst, werden Teil von Gottes stillem Werk, seine Herrschaft über der Erde sichtbar zu machen. So dürfen selbst kleine Schritte des Vertrauens und verborgenes Ausharren in Schwierigkeiten in einem neuen Licht erscheinen: als unscheinbare, aber kostbare Beiträge zu dem Tag, an dem Christus von Meer zu Meer herrschen wird.


Herr Jesus Christus, du wohnst in der Liebe des Vaters und hast den Höchsten zu deiner Wohnstätte gemacht; danke, dass du uns in diese Gemeinschaft hineinziehst. Vater, lehre uns, dich nicht nur zu suchen, wenn wir durstig oder belastet sind, sondern unser ganzes Leben in dir zu bergen und unsere Tage im Licht deiner Ewigkeit zu sehen. Heiliger Geist, salbe uns neu mit frischem Öl, damit wir auch in schwachen Zeiten innerlich grün bleiben, deine großen Werke erkennen und dich freudig preisen. Lass unser verborgenes Leben in dir Frucht bringen für dein Haus, deine Stadt und dein Wirken auf der Erde, bis deine Herrschaft sichtbar wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Psalms, Chapter 35