Das Wort des Lebens
lebensstudium

Der intensivierte Genuss Gottes durch die Psalmisten in Seinem Haus und in Seiner Stadt durch den leidenden, erhöhten und regierenden Christus (2) – Christus als den König preisen (1)

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Manche Christen sprechen gern von der Liebe Jesu, tun sich aber schwer mit Bibelstellen, in denen von seiner Herrschaft, seinen Anforderungen oder sogar von Zucht und Gericht die Rede ist. Psalm 45 verbindet beides: eine zarte Liebesbeziehung zum Herrn und eine tiefe Ehrfurcht vor Christus als König. Wer diesen Psalm betend liest, entdeckt einen Christus, der zugleich anziehend schön, vollkommen gerecht siegreich, als König eingesetzt und voller süßer Tugenden ist – und gerade so führt Er sein Volk in die Wirklichkeit von Gottes Haus und Stadt hinein.

Die liebevolle Schönheit des Königs: Christus „fairer als die Menschenkinder“

Psalm 45 öffnet ein Fenster in das Herz eines Menschen, der von der Person Christi innerlich überwältigt ist. Er beginnt mit der erstaunlichen Aussage: „Es wallt mein Herz von gutem Wort. / Sagen will ich meine Gedichte dem König! / Meine Zunge sei (wie) der Griffel eines geschickten Schreibers!“ (Ps. 45:2). Nicht Technik, nicht Pflicht und nicht religiöse Gewohnheit bringen ihn zum Reden, sondern ein Herz, das übervoll geworden ist. Die Liebe zum König treibt sein Wort hervor, und er erlebt, dass sein Inneres gleichsam zur Quelle wird. Wo Christus wirklich das Herz gewinnt, werden wir nicht zuerst zu Lehrern, sondern zu Liebenden – und aus der Liebe wächst dann eine Sprache, die Gott ehrt und Menschen berührt.

Diese Liebe macht uns selbst zu Seiner Liebe. Das heißt: Wenn wir zu denen gehören, die den Herrn lieben, werden wir schließlich zu Seiner Liebe, zu Seinem Liebling. So wie Er unsere Liebe ist, so werden auch wir Seine Liebe. (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft zwanzig, S. 251)

Gleich darauf wendet der Psalmist seinen Blick auf die Person des Königs: „Du bist (schöner) als andere Menschensöhne, / Anmut ist ausgegossen über deine Lippen; / darum hat Gott dich gesegnet für ewig“ (Ps. 45:3). Er nimmt Christus zunächst nicht als Gesetzgeber, als Richter oder Feldherr wahr, sondern als den überaus lieblichen Menschensohn. Seine Schönheit ist keine äußerliche, keine ästhetische Kategorie, sondern die Anmut eines Wesens, das ganz von der Liebe des Vaters durchdrungen ist. Als der Herr Jesus in Nazareth auftrat und in der Synagoge redete, heißt es: „Und alle gaben ihm Zeugnis und wunderten sich über die Worte der Gnade, die aus seinem Mund hervorgingen“ (Lukas 4:22). Dieselbe Gnade, die die Menschen damals staunen ließ, ist die Anmut, die der Psalmist prophetisch besingt.

Diese Schönheit Christi ist Ausdruck einer ewigen Beziehung. Schon zu Israel sagt Gott: „Als Israel jung war, gewann ich es lieb, und aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen“ (Hosea 11:1). Hinter der Geschichte des Volkes steht die Geschichte des Sohnes: der vom Vater Geliebte, gerufen aus der Tiefe, um Seinen Willen zu erfüllen. Die Anmut auf den Lippen des Königs kommt aus diesem ewigen Liebesverhältnis. Sie ist der Ausfluss einer Liebe, die lange vor unserer Existenz begonnen hat und in der der Vater seinen Sohn „für ewig“ segnet. Wenn der Psalmist den König besingt, steht er staunend vor dieser göttlichen Geschichte der Liebe, die ihn nun in Gottes Gegenwart hineinzieht.

Wo Christus so wahrgenommen wird, verändert sich der Zugang zu Gottes Haus. Gott erscheint dann nicht mehr als ferne Instanz, deren Nähe man sich mühsam erarbeiten müsste, sondern als der Vater, der uns in Seinem geliebten Sohn empfängt. Der König, den der Psalmist preist, sammelt sich ein Volk um sich, nicht durch Zwang, sondern durch Anziehung. Wer von der Lieblichkeit des Sohnes ergriffen wird, findet zugleich einen neuen Zugang zur örtlichen Gemeinde, die das Haus Gottes ist, und zu der Stadt, in der Seine Herrschaft sichtbar wird. Die Schönheit des Königs öffnet den Raum für ein Leben, in dem Gottes Gegenwart nicht nur geglaubt, sondern geschmeckt und genossen wird.

Es wallt mein Herz von gutem Wort. / Sagen will ich meine Gedichte dem König! / Meine Zunge sei (wie) der Griffel eines geschickten Schreibers! / (Ps. 45:2)

Du bist (schöner) als andere Menschensöhne, / Anmut ist ausgegossen über deine Lippen; / darum hat Gott dich gesegnet für ewig. / (Ps. 45:3)

Die liebende Schönheit Christi, wie sie Psalm 45 zeigt, öffnet einen Raum, in dem Glauben nicht mehr nur Zustimmung zu Wahrheiten ist, sondern Antwort auf eine Person. Wer Christus so betrachtet, wie ihn der Psalmist beschreibt – voller Gnade auf den Lippen, von der Liebe des Vaters gesegnet, anziehend in seiner Menschlichkeit –, beginnt Gottes Haus als Ort seiner Gegenwart zu sehen und nicht zuerst als religiöse Verpflichtung. Gerade in Zeiten innerer Erschöpfung oder geistlicher Trockenheit wird der Blick auf diese Anmut des Königs zu einer stillen Einladung, sich neu von Ihm ansprechen zu lassen. Auf diese Weise wird die Beziehung zu Christus vertieft, und der Aufenthalt in Gottes Haus und in seiner Stadt wird zu einem kostbaren Genuss, der das Herz weich macht und den Alltag mit einer leisen, aber tragenden Freude erfüllt.

Der siegreiche König: Fairness und Sieg, Reich und Gerechtigkeit

Das Lied der Liebe bleibt nicht bei einem zarten, beinahe privaten Bild des Königs stehen. Der nächste Ton ist überraschend kraftvoll: „Gürte dein Schwert um die Hüfte, du Held; / deine Majestät und deine Pracht!“ (Ps. 45:4). Derselbe, dessen Lippen voller Gnade sind, umgürtet sich jetzt mit dem Schwert. Seine Schönheit steht nicht im Gegensatz zu seiner Macht, sondern wird durch sie vollendet. Er ist kein gefälliger Herrscher, der nur tröstet, sondern ein Held, der in Majestät und Pracht voranreitet, um alles zu ordnen, was sich Gottes gutem Willen entgegenstellt.

Zuerst preist der Psalmist den König wegen Seiner Schönheit (V. 2a), wegen Seiner Anmut. Christus ist wahrhaft schön, Er ist wirklich anmutig. Diese Schönheit Christi wird jedoch durch Seinen Sieg ausbalanciert (V. 3–5). Christus, der sowohl Schönheit als auch Sieg besitzt, ist ausgewogen. Ja, Er liebt uns; aber wie die vier Evangelien zeigen, übt Er auch Seinen Sieg mit seinen Anforderungen aus. (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft zwanzig, S. 250)

Der Psalm entfaltet diese Seite: „Deine geschärften Pfeile“ (Ps. 45:6) treffen mitten ins Herz der Feinde. Im Licht des Neuen Testaments erkennen wir darin den Christus, der durch Kreuz und Auferstehung die Mächte der Finsternis überwunden hat. Sein Sieg ist nicht äußerlicher Triumph, sondern ein durch Leiden hindurch errungener Bruch mit der Macht der Sünde, mit dem Tod und mit allen feindlichen Gewalten. Gerade weil er bereit war, als das Lamm Gottes die Sünde zu tragen, ist er nun der König, dessen Pfeile trennen zwischen Wahrheit und Lüge, Licht und Finsternis, Treue und Abfall. Seine Schönheit wird so von innen her gestützt durch eine heilige Entschiedenheit.

Aus diesem Sieg wächst sein Reich: „Dein Thron, o Gott, ist immer und ewig, / ein Zepter der Geradheit ist das Zepter deiner Herrschaft“ (Ps. 45:7). Der im Psalm besungene König ist mehr als ein idealer Mensch; er ist „Gott“, dessen Thron kein Ende hat. Das Neue Testament greift genau diese Worte auf, wenn es von Christus sagt: „Dein Thron, o Gott, ist von Ewigkeit zu Ewigkeit, und das Zepter der Geradheit ist das Zepter deines Reiches“ (Hebräer 1:8). Sein Reich ist kein Raum willkürlicher Macht, sondern der Ort gerader, zuverlässiger, durch und durch wahrhaftiger Herrschaft. Die Geradheit seines Zepters bedeutet, dass nichts Schiefes, Doppelbödiges oder Verdecktes vor ihm Bestand hat.

So erklärt sich auch der nächste Vers: „Gerechtigkeit hast du geliebt und Gottlosigkeit gehaßt: / darum hat Gott, dein Gott, dich gesalbt / mit Freudenöl vor deinen Gefährten“ (Ps. 45:8). Die Freude des Königs ist nicht billig; sie ist gebunden an seine Liebe zur Gerechtigkeit und seinen Hass gegenüber der Gesetzlosigkeit. Im Matthäusevangelium wird dieses Reich als „Königreich der Himmel“ beschrieben, in dem sowohl großartige Verheißungen als auch ernste Warnungen stehen. Der Herr ruft dazu, eine Gerechtigkeit zu haben, die „vorzüglicher ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer“ (Matthäus 5:20), und er schildert das Kommen des Königs, der seine Sklaven zur Rechenschaft zieht (Matthäus 25:14–30). Seine Liebe und sein Sieg bilden keine Gegensätze; sie gehören zu einer königlichen Person, die Gnade schenkt und zugleich Verantwortung ernst nimmt.

Gürte dein Schwert um die Hüfte, du Held; / deine Majestät und deine Pracht! / (Ps. 45:4)

Deine geschärften Pfeile (Ps. 45:6)

Die Verbindung von Schönheit und Sieg, von Reich und Gerechtigkeit in Christus schützt vor einseitigen Vorstellungen von geistlichem Leben. Wer sich von Psalm 45 prägen lässt, lernt, den lieblichen König nicht ohne sein Schwert und den siegreichen Helden nicht ohne seine Anmut zu sehen. So wächst eine Haltung, die Gottes Gnade dankbar annimmt und seine gerechten Anforderungen nicht als Gegensatz, sondern als Ausdruck seiner Liebe versteht. In der örtlichen Gemeinde, dem Haus Gottes, gewinnt dieses ausgewogene Bild praktische Gestalt: Miteinander vor dem König zu leben bedeutet, einander sowohl Trost als auch Ermahnung zuzugestehen und gemeinsam unter dem Zepter seiner Geradheit zu stehen. Gerade dadurch vertieft sich der Genuss Gottes in seinem Haus und in seiner Stadt – nicht als bequeme Wohlfühlatmosphäre, sondern als getragene, verlässliche Gemeinschaft in der Gegenwart des Königs.

Die süßen Tugenden des Königs: Christus und seine Gemeinde voller Wohlgeruch

Nachdem der Psalm Königsschönheit und Königsmacht entfaltet hat, lenkt er den Blick auf etwas, das zunächst unscheinbar wirkt: auf die Kleider des Königs. „Myrrhe und Aloe, Kassia sind alle deine Kleider; / aus Palästen von Elfenbein erfreut dich Saitenspiel“ (Ps. 45:9). In der Bildsprache der Schrift stehen Kleider für den äußeren Ausdruck einer Person, für das, was sichtbar wird, wenn jemand auftritt. Beim König Christi sind diese Kleider von Duft durchdrungen. Myrrhe und Aloe erinnern an Tod und Begräbnis, an das bittere, aber zugleich kostbare Leiden; Kassia, ein Gewürz mit starker und erfrischender Wirkung, weist auf die Kraft und Frische der Auferstehung hin. Alles, was Christus „trägt“, alles, was bei ihm wahrnehmbar ist, ist vom Wohlgeruch seines Leidens und seiner Auferstehung geprägt.

Was die Tugenden Christi betrifft, spricht 1. Petrus 2:9 davon, „die Tugenden dessen zu verkündigen, der euch aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht berufen hat“. … Die Tugenden Christi sind der Ausdruck der göttlichen Eigenschaften. So ist zum Beispiel bei Gott, dem Vater, die göttliche Liebe eine Eigenschaft der Gottheit. Diese Eigenschaft ist im göttlichen Leben enthalten. Wenn Christus das göttliche Leben auslebt, lebt Er die göttliche Eigenschaft der Liebe aus. In dem Leben Christi gibt es die Tugend der Liebe, und diese Tugend ist der Ausdruck der göttlichen Eigenschaft der Liebe. (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft zwanzig, S. 256)

Dieser Duft verweist auf die inneren Tugenden Christi. In Gott sind Liebe, Treue, Barmherzigkeit und Heiligkeit göttliche Eigenschaften; in Christus werden sie als menschliche Tugenden gelebt. Darauf spielt das Neue Testament an, wenn es sagt, dass wir berufen sind, „die Tugenden dessen zu verkündigen, der euch aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht berufen hat“ (1. Petrus 2:9). Christus ist der, der das göttliche Leben vollkommen ausgelebt hat – und in diesem Leben traten Tugenden hervor, die den Vater sichtbar machen: Sanftmut, die nicht schwach ist; Demut, die nicht sich selbst kreist; Geduld, die nicht gleichgültig wird; Liebe, die sich hingeibt. Der Duft seiner Kleider ist die Atmosphäre dieser Tugenden.

In der Szene des Psalms stehen die wohlriechenden Kleider des Königs in Verbindung mit „Palästen von Elfenbein“, aus denen Saitenspiel zu ihm aufsteigt. Elfenbein, kostbar und aus etwas Lebendigem gewonnen, weist auf einen Bau hin, der aus Leben hervorgegangen ist. So spiegeln diese Paläste das Haus Gottes wider, die örtlichen Gemeinden, in denen die Auferstehungswirklichkeit Christi Aufnahme gefunden hat. Wo sein Leiden nicht nur bekannt, sondern innerlich angenommen wird, und wo seine Auferstehungskraft zu einem gelebten Fundament wird, entsteht ein geistlicher Bau, der vor Gott Gewicht hat. Aus diesem Bau ertönt dann ein Lob, ein „Saitenspiel“, das den König erfreut – nicht weil es musikalisch perfekt wäre, sondern weil es den Duft seines eigenen Lebens in sich trägt.

Gerade der Zusammenhang von Palast und Wohlgeruch macht deutlich, wie eng der Genuss Gottes mit den Tugenden Christi verbunden ist. Gottes Haus ist nicht in erster Linie ein Ort großer Werke oder eindrucksvoller Aktivitäten, sondern ein Raum, in dem das Leben des Königs die Atmosphäre bestimmt. Wo seine Liebe, seine Barmherzigkeit, seine Wahrhaftigkeit und seine Heiligkeit in den Beziehungen der Gläubigen sichtbar werden, wird die Gemeinde zu einem Ort, an dem man innerlich aufatmet. Die Stadt Gottes, ein Bild für das Königreich, wird so zur sicheren Umfriedung dieser Atmosphäre: Hier regiert ein König, dessen Kleider nach Myrrhe, Aloe und Kassia duften, und seinen Bürgern ist es geschenkt, in denselben Duft hineingenommen zu werden.

Myrrhe und Aloe, Kassia sind alle deine Kleider; / aus Palästen von Elfenbein erfreut dich Saitenspiel. / (Ps. 45:9)

Denn ich bin eifersüchtig um euch mit Gottes Eifersucht; denn ich habe euch einem Mann verlobt, um euch Christus als eine reine Jungfrau darzustellen. (1.Pet. 2:9)

Die süßen Tugenden des Königs zeigen, dass der vertiefte Genuss Gottes untrennbar mit seinem Charakter verbunden ist. Wer die Gemeinde als Haus Gottes erlebt, erlebt zugleich die Atmosphäre seiner Liebe, Barmherzigkeit, Heiligkeit und Treue. Diese Tugenden lassen sich nicht künstlich erzeugen; sie wachsen dort, wo Christus als der leidende, erhöhte und regierende König in Herzen Raum gewinnt. So wird das Leben in Gottes Haus weniger von äußerer Betriebsamkeit und mehr von innerem Duft geprägt. Im Miteinander der Gläubigen, in der Art, wie mit Schwäche, Schuld und Verschiedenheit umgegangen wird, spiegelt sich der Wohlgeruch seiner Kleider wider. In einer solchen Umgebung wird Gottes Gegenwart nicht zur abstrakten Idee, sondern zur erfahrenen Wirklichkeit, und die Stadt Gottes erscheint als geschützter Raum, in dem das Leben des Königs selbst der größte Genuss ist.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Psalms, Chapter 20