Das Wort des Lebens
lebensstudium

Der Christus, der durch den erlösenden Tod hindurchgegangen und in die Gemeinde hervorbringende Auferstehung eingetreten ist

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Manchmal scheint Gott weit weg zu sein: Gebete bleiben scheinbar unerhört, Leid zieht sich hin, und im Innersten drängt die Frage hoch: „Warum, Gott?“ Psalm 22 greift genau diese Spannung auf – er beginnt mit einem Schrei der Gottverlassenheit und endet im weltweiten Lob Gottes. Hinter Davids Klage öffnet sich eine tiefere Schicht: der leidende Christus, dessen Kreuz und Auferstehung nicht nur unsere Erlösung bewirken, sondern auch die Geburt seiner Gemeinde und den Weg in das Königreich Gottes. Wer diesen Psalm aus der Perspektive Christi liest, entdeckt eine durchgehende Linie von der Schmach des Kreuzes bis zur Freude der Brüdergemeinschaft und zur Herrschaft Gottes über alle Nationen.

Der leidende Christus im Licht von Psalm 22

Psalm 22 lässt uns gleich zu Beginn in einen Abgrund hineinschauen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt. 27:46). David klagt, aber hinter seiner Stimme hören wir eine tiefere, fremde Stimme – die Stimme des Gekreuzigten. In den Versen 12–19 verdichtet sich diese prophetische Sicht: „Wie Wasser bin ich hingeschüttet, / und alle meine Gebeine haben sich zertrennt; / wie Wachs ist mein Herz geworden, / zerschmolzen in meinem Inneren“ (Ps. 22:15). Die Bilder sind nicht nüchterne Beschreibung, sondern verdichtete Wahrheit: Der Sohn Gottes geht nicht nur durch körperliche Qual, sondern sein Inneres zerfließt, seine Kraft zerbricht, seine Person wird gleichsam in den „Staub des Todes“ aufgelöst. So tief reicht der Weg, auf den ihn der Vater stellt.

Psalm 22:12–18 zeigt, wie Christus das Leiden der Kreuzigung durchschritt. … Als das Lamm Gottes wurde Christus für unsere Erlösung gekreuzigt (Joh. 1:29; Hebr. 9:12). (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft zehn, S. 130)

Gleichzeitig sammeln sich um ihn die Zeichen der Kreuzigung, bis in die Details hinein: „Sie haben meine Hände und meine Füße durchgraben. / … Sie teilen meine Kleider unter sich, / und über mein Gewand werfen sie das Los“ (Ps. 22:17–19). In den Evangelien sehen wir, wie diese Verse sich erfüllen: „Die Soldaten nun nahmen, als sie Jesus gekreuzigt hatten, seine Kleider“ (Johannes 19:23). Spott, Kopfschütteln, das Herausfordern: „rette dich selbst“ (Mk. 15:30) – all das ist nicht zufällige Grausamkeit der Menschen, sondern der sichtbare Rahmen für ein unsichtbares Gericht. Der Unterschied zwischen einem Märtyrer und dem Christus von Psalm 22 liegt genau hier: nicht nur Menschen töten ihn; der heilige Gott rechnet ihm unsere Schuld an. Johannes fasst das in einem Satz: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt!“ (Johannes 1:29). Der Gerechte steht an der Stelle der Gottlosen, damit die Gottlosen vor Gott stehen können, als wären sie gerecht.

So zeigt Psalm 22 den, der wirklich unsere ewige Verdammnis auf sich nimmt. Wenn der Beter ruft: „Sei nicht fern von mir, denn Not ist nahe, / denn kein Helfer ist da“ (Ps. 22:12), dann klingt darin unsere eigene Not mit: die Hilflosigkeit eines Menschen, der vor Gott nichts vorzuweisen hat. Christus steigt in diese Gottverlassenheit hinab, nicht weil er Gott verloren hätte, sondern weil er unsere Ferne von Gott trägt. Jesaja bezeugt das gleiche Geheimnis: „Er war verachtet und von den Menschen verlassen, ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut“ (Jesaja 53:3). Der, der von Ewigkeit her im Schoß des Vaters war, geht an den äußersten Rand des Menschseins, an den Ort des Fluchs, bis in den Staub des Todes.

In diesem Licht wird klar, warum der Psalm zwar vom Tod spricht, aber nicht im Tod endet. Wenn Christus um Befreiung ruft, ist diese Befreiung nicht bloß ein Entrinnen vor Leiden, sondern die Auferstehung selbst. Hebräer 9:12 sagt von ihm, er sei „durch Sein eigenes Blut ein für alle Mal ins Allerheiligste hineingegangen, und hat dabei eine ewige Erlösung erlangt“. Er nimmt den Kelch des Gerichts freiwillig, weil er den Vater kennt und weiß, dass dieser Weg durch den Tod hindurch in eine neue Schöpfung führt. Für uns bedeutet das: unsere Angst vor Gott, unsere Scham und unsere versteckte Rebellion sind nicht länger das letzte Wort. Der Christus von Psalm 22 hat diese Tiefe berührt, damit aus unseren Abgründen ein neuer Ton entsteht – ein Leben, das nicht mehr von Schuld bestimmt ist, sondern von Versöhnung. In der Stille dieses Psalms dürfen wir langsam begreifen: Kein Dunkel, das wir kennen, ist dunkler als das, durch das er gegangen ist. Und eben deshalb ist kein Dunkel mehr endgültig.

um die neunte Stunde aber schrie Jesus mit lauter Stimme auf und sagte: Eli, Eli, lema sabachthani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Mt. 27:46)

Wie Wasser bin ich hingeschüttet, / und alle meine Gebeine haben sich zertrennt; / wie Wachs ist mein Herz geworden, / zerschmolzen in meinem Inneren. / (Ps. 22:15)

Wer den leidenden Christus in Psalm 22 betrachtet, darf ehrlich werden über die eigene Nacht, ohne in ihr stecken zu bleiben. Der Gekreuzigte ist tiefer hinabgestiegen, als wir je fallen können, und hat dort unsere Schuld getragen. Das entzieht dem Gefühl der Verlassenheit seine absolute Macht. Aus der Erkenntnis dieses erlösenden Leidens wächst eine ruhige Zuversicht: Der Weg, den Gott uns führt, mag durch Enge und Dunkel gehen, aber er endet nicht im Staub des Todes, sondern in dem Raum der Auferstehung, den Christus bereits eröffnet hat.

Auferstehung als Geburt vieler Brüder und der Gemeinde

Mitten in Psalm 22 kippt der Ton auf überraschende Weise. Nach den Versen der Klage und des Todes heißt es: „Verkündigen will ich deinen Namen meinen Brüdern; / inmitten der Versammlung will ich dich loben“ (Ps. 22:23). Der, der eben noch von Hunden und Stieren umringt war, steht nun in einer Versammlung und spricht von „meinen Brüdern“. Dieser Wechsel setzt Auferstehung voraus. Einer, der im Tod geblieben ist, kann keine Brüder sammeln und kein Lob anstimmen. Hebräer 2 greift dieses Wort auf und deutet es: „Denn sowohl der, der heiligt, als auch die, die geheiligt werden, sind alle von einem; aus diesem Grund schämt Er Sich nicht, sie Brüder zu nennen“ (Hebr. 2:11–12). Der Leidende von Psalm 22 ist der Auferstandene, der die, für die er starb, in eine neue Verwandtschaft hineinnimmt.

Psalm 22:23 sagt: „Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern; / inmitten der Versammlung will ich dich loben.“ In diesem Vers ist das „Ich“ der auferstandene Christus, der den Namen des Vaters seinen Brüdern kundtut. Wäre er im Tod geblieben, hätte er den Namen Gottes, des Vaters, seinen Brüdern nicht kundtun können. (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft zehn, S. 134)

Damit wird das Kreuz im Licht der Auferstehung zu einer „Geburt“: Der einziggeborene Sohn wird in der Auferstehung der Erstgeborene unter vielen Brüdern. Am Morgen der Auferstehung sagt Jesus zu Maria: „geh aber zu Meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu Meinem Vater und eurem Vater und zu Meinem Gott und eurem Gott“ (Johannes 20:17). Dieselbe Beziehung, die ihn als Sohn mit dem Vater verbindet, wird zur geöffneten Tür für viele. Die „Brüder“ in Psalm 22 sind nicht bloß Jünger im alltäglichen Sinn, sondern Menschen, die durch das Auferstehungsleben in die Familie Gottes hineingeboren sind. Das, was am Kreuz isoliert und verloren scheint, wird so zum Ursprung einer neuen Gemeinschaft.

Wenn der Psalm von der „Versammlung“ spricht, erhält diese Versammlung im Licht des Neuen Testaments das Gesicht der Gemeinde. Die Brüder Christi sind nicht einfach eine lose Schar Einzelner, die denselben Glauben teilen, sondern sie bilden den Leib Christi, in dem der Erstgeborene selbst in der Mitte steht. Er ist nicht nur das Zentrum unserer Anbetung, sondern auch der erste Lobende. Er führt das Lob des Vaters an und nimmt uns in dieses Lob hinein. Darum ist christliche Versammlung nie zuerst unser Tun für Gott, sondern Teilhabe an dem, was der Sohn vor dem Vater ist.

Wer so auf Psalm 22 schaut, entdeckt, dass Erlösung nie bei der Vergebung einzelner Sünden stehenbleibt. Sie zielt auf eine neue Wirklichkeit von Familie und Haus Gottes. Wir sind nicht nur Gerettete, die nun irgendwie allein weiterleben, sondern Söhne und Töchter, denen der Vater dieselbe Liebe schenkt, mit der er den Erstgeborenen liebt. Dieses Bewusstsein verändert, wie wir einander sehen: nicht mehr als Fremde, nicht nur als Mitglieder derselben Organisation, sondern als Geschwister, geboren aus derselben Auferstehungskraft. Aus dieser Sicht erwächst eine leise, aber starke Ermutigung: Selbst wo Beziehungen brüchig sind und das Zusammenleben in der Gemeinde mühsam scheint, bleibt der auferstandene Christus in der Mitte. Er ist der, der den Namen des Vaters immer wieder neu in unsere Mitte hineinspricht – und mit seinem eigenen Lob auch unser zögerliches, brüchiges Lob mitträgt.

Verkündigen will ich deinen Namen meinen Brüdern; / inmitten der Versammlung will ich dich loben. / (Ps. 22:23)

Denn sowohl der, der heiligt, als auch die, die geheiligt werden, sind alle von einem; aus diesem Grund schämt Er Sich nicht, sie Brüder zu nennen, indem Er sagt: „Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkündigen; inmitten der Versammlung werde ich Dich loben.“ (Hebr. 2:11-12)

Die Erkenntnis, dass Christi Auferstehung die Geburt vieler Brüder und der Gemeinde bedeutet, schützt vor einem engen, rein individuellen Glaubensverständnis. Wer sich als Teil der vom Erstgeborenen geliebten Familie Gottes weiß, wird Gemeinschaft nicht als Zusatz, sondern als Ausdruck der Erlösung sehen. Das gibt Mut, sich der Gemeinde neu zu öffnen, Verletzungen nicht absolut zu setzen und dem Herrn zuzutrauen, dass er mitten unter seinen Brüdern den Namen des Vaters wieder groß macht – auch dort, wo wir selbst dazu kaum fähig sind.

Von der Gemeinde zur Wirklichkeit des Königreichs

Im letzten Teil von Psalm 22 weitet sich die Perspektive noch einmal über die „Brüder“ und die „Versammlung“ hinaus. Dort heißt es: „Alle Enden der Erde werden daran denken und zu dem HERRN umkehren, / und alle Geschlechter der Nationen werden vor dir anbeten. / Denn das Königtum ist des HERRN, / und er herrscht über die Nationen“ (Ps. 22:28–29). Was im Verborgenen mit dem Leiden und der Auferstehung eines Einzelnen beginnt, zielt auf eine weltweite Bewegung der Umkehr und Anbetung. Die Linie geht vom Kreuz zur Gemeinde und von der Gemeinde zur Herrschaft Gottes über alle Völker. Christus, der das Lamm ist, das geschlachtet wurde, wird zugleich als König sichtbar, dessen Reich niemand begrenzen kann.

Psalm 22:27–28 heißt: „Alle Enden der Erde werden daran denken und zu Jehovah umkehren, und alle Geschlechter der Nationen werden vor dir anbeten. Denn das Königtum ist Jehovahs, und er herrscht über die Nationen.“ Christus besitzt das Königreich, und Er wird unter den Nationen herrschen. Die Gemeinde führt das Königreich ein. Tatsächlich ist die Gemeinde die Wirklichkeit des Königreichs und ein Vorläufer der Offenbarwerdung des Königreichs. Heute ist die Gemeinde das Königreich. Römer 14:17 zeigt, dass das Gemeindeleben das Königreichsleben ist, das Königreich Gottes. (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft zehn, S. 136)

Das Neue Testament beschreibt die Gemeinde als den Ort, an dem dieses kommende Königtum schon jetzt als Wirklichkeit erfahrbar wird. Paulus schreibt: „Denn das Königreich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist“ (Röm. 14:17). Wo der auferstandene Christus als Haupt anerkannt wird, wo sein Leben geteilt und seine Gegenwart geschätzt wird, entsteht etwas von dieser Wirklichkeit: Gerechtigkeit im Miteinander, Friede trotz Unterschiedlichkeit, Freude mitten in äußerem Druck. In diesem Sinn ist die Gemeinde die „Wirklichkeit des Königreichs“ und zugleich der Vorläufer seiner Offenbarwerdung. Sie steht noch im Alltäglichen, trägt aber schon den Duft der kommenden Welt.

Damit bekommt das Gemeindeleben ein anderes Gewicht. Es ist nicht nur der Ort, an dem die Erlösten sich treffen, sondern das Werkzeug, durch das Gott sein Reich im Verborgenen einführt. Der auferstandene Christus baut seine Gemeinde, indem er ihr das Auferstehungsleben mitteilt und sie zu einem Leib zusammenfügt. Aus dieser verborgenen Wirklichkeit wächst Schritt für Schritt das, was Psalm 22 in großem Bogen zeichnet: „alle Geschlechter der Nationen“ in Anbetung vor Gott. Die Gemeinde ist dabei weder das Reich in seiner Vollendung noch eine weltliche Macht, sondern ein lebendiges Gleichnis: in Schwachheit, aber vom Geist durchdrungen, ein Vorgeschmack dessen, was einmal sichtbar werden wird, wenn Christus als König herrscht.

Wer das erkennt, sieht das unscheinbare Geschehen im Gemeindeleben in einem anderen Licht. Eine kleine Versammlung, ein schlichtes Mahl, gegenseitige Ermutigung im Wort – all das ist in Gottes Augen Teil seines Reicheshandelns. Zwischen den Spannungen und Grenzen, die jede konkrete Gemeinschaft kennt, gilt: Der Herr der Psalmen, der vom Kreuz über die Versammlung bis zu den Enden der Erde denkt, hat sein Ziel nicht aus den Augen verloren. Darin liegt eine stille Motivation, das Leben im Leib Christi nicht geringzuschätzen, sondern darin die Spur des kommenden Königs zu erkennen. Seine Herrschaft beginnt dort, wo Menschen unter seinem Kreuz gesammelt und in seiner Auferstehung miteinander verbunden werden – und genau hier, in dieser oft unscheinbaren Gemeinde, berühren sich Gegenwart und Zukunft des Königreichs Gottes.

Alle Enden der Erde werden daran denken und zu dem HERRN umkehren, / und alle Geschlechter der Nationen werden vor dir anbeten. / Denn das Königtum ist des HERRN, / und er herrscht über die Nationen. / (Ps. 22:28-29)

Denn das Königreich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist; (Röm. 14:17)

Wenn die Gemeinde die Wirklichkeit des Königreichs ist, dann ist unser unspektakulärer Glaubensalltag in ihr näher am Herzschlag Gottes, als es scheint. Zwischen organisatorischen Fragen, Konflikten und Müdigkeit wirkt der auferstandene Christus daran, ein Zeugnis seines kommenden Reiches zu formen. Das kann helfen, nicht zu resignieren, wenn die Gemeinde brüchig wirkt, sondern mit innerer Treue und Hoffnung dabei zu bleiben. Der Blick auf Psalm 22 erinnert daran, dass der Weg vom Kreuz zur weltweiten Anbetung über die konkrete, lokale Gemeinde führt – und dass Christus selbst diese Spannweite trägt.


Herr Jesus Christus, du hast die ganze Tiefe der Gottverlassenheit am Kreuz auf dich genommen, damit wir nie mehr von Gott getrennt sein müssen. Danke, dass dein Schrei in Psalm 22 unser Rufen getragen hat und deine Auferstehung uns den Weg in die Familie Gottes geöffnet hat. Stärke in uns das Vertrauen, dass kein Leid und keine Stille Gottes das letzte Wort haben, sondern deine Auferstehungskraft, die uns zu Brüdern und Schwestern macht und in deiner Gemeinde zusammenführt. Lass dein Auferstehungsleben unser Denken, Fühlen und Handeln durchdringen, damit inmitten von Schwachheit dein Lob aufgerichtet und ein Vorgeschmack deines Königreichs sichtbar wird. Fülle uns neu mit der Gewissheit, dass du in der Mitte deiner Versammlung stehst und uns mit hinein nimmst in das Lob des Vaters, bis alle Enden der Erde dich erkennen. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Psalms, Chapter 10