Das Wort des Lebens
lebensstudium

Davids Vorstellung über Gottes Gericht über Davids Feinde unter den Nationen und über den Zustand des Menschen vor Gott

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Wer die Psalmen liest, spürt sowohl tiefe Gottesfurcht als auch starke menschliche Empfindungen – Lob, Klage, Rachewünsche und Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Gerade in Psalmen wie 9 bis 14 begegnet uns ein David, der von Feinden bedrängt ist und Gottes Eingreifen erwartet, dabei aber stark in Kategorien von Gesetz, Gut und Böse denkt. Zugleich offenbart diese Psalmengruppe schonungslos, wie verdorben der Mensch vor Gott ist und wie wenig er sich durch eigene Gerechtigkeit retten kann. Vor der Kulisse von Davids Versagen und seiner Gedankenwelt stellt sich die Frage: Wie sieht Gott selbst die Welt, den Menschen und seine Feinde – und wie ordnet das Evangelium diese alten Gebete ein?

Davids Gerichtsblick und der Thron der Gnade

David schaut in Psalm 9 hinauf zu Gott als zu einem König, der sich auf den Thron setzt, um seine persönliche Sache zu führen und seine Feinde zu richten. Er bekennt: „Denn du hast ausgeführt mein Recht und meine Rechtssache; du hast dich auf den Thron gesetzt, ein gerechter Richter“ (Ps. 9:5). In seiner Erfahrung ist der Thron vor allem der Ort, an dem seine Gegner stürzen, die Nationen vergehen und die Städte der Feinde ausgelöscht werden (vgl. Ps. 9:6–7.16–18). Hinter diesem Lob steht ein bestimmtes Bild: Gott als oberster Garant des Vergeltungsprinzips, der die Guten bestätigt und die Bösen ausschaltet. Dieses Bild passt zur alttestamentlichen Ordnung des Gesetzes, in der Segen und Fluch nach dem Maßstab von Gehorsam und Ungehorsam verteilt werden. David dankt aus ganzem Herzen, aber sein Dank ist durchzogen von dem Wunsch, dass Gott seine Feinde zum Schweigen bringt und die Völker aus dem Land verschwinden lässt.

David sagte, dass Gott als König auf dem Thron sitzt, um die Welt in Gerechtigkeit und Geradheit zu richten (Ps. 9:5, 8–9). Wir mögen dieses Wort gut finden, aber wir müssen es im Licht des Neuen Testaments betrachten. Im Neuen Testament wird uns gesagt, dass Christus der König ist, ja, der Fürst über alle Könige (Offb. 1:5; 19:16), der auf dem Thron sitzt, nicht um zu richten, sondern um zu retten. Heute haben wir einen rettenden König. In Apostelgeschichte 5:31 heißt es, dass Gott Christus zu Seiner Rechten als Führer und Retter erhöht hat. (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft sechs, S. 75)

Das Neue Testament öffnet jedoch eine tiefere Sicht auf denselben Thron. Derselbe Gott hat sich in Christus als König offenbart, „dem Erstgeborenen der Toten und dem Fürsten über die Könige der Erde“ (Offb. 1:5), über den es weiter heißt: „Und Er hat auf Seinem Gewand und an Seiner Hüfte einen Namen geschrieben: König der Könige und Herr der Herren“ (Offb. 19:16). Aber dieser König sitzt in der gegenwärtigen Heilszeit nicht primär als Strafrichter, sondern als erhöhter Retter. Von Jesus Christus heißt es, Gott habe „diesen … zu Seiner Rechten als Führer und Retter erhöht, um Israel Buße und Vergebung der Sünden zu geben“ (Apg. 5:31). Der Thron, den der Hebräerbrief beschreibt, ist darum ausdrücklich „der Thron der Gnade“, zu dem wir „mit Freimut hinzutreten … damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden für rechtzeitige Hilfe“ (Hebr. 4:16). In der Mitte der Geschichte steht kein kalter Gerichtssaal, sondern der Thron eines liebenden Heilandes. Davids Rufen nach Vernichtung der Völker enthüllt im Licht dieser Offenbarung die Begrenztheit seines Verständnisses: er sieht Gottes Handeln vor allem in Bezug auf das Wohl und Recht eines irdischen Königs, während Gott in Wahrheit auf den ganzen Heilsplan zielt, in dem Christus und seine Gemeinde die zentrale Linie bilden. Diese Einsicht nimmt dem Gericht nicht seine Ernsthaftigkeit, sie verlegt aber den Schwerpunkt: bevor Gott richtet, streckt er durch Christus die Hände aus, um zu retten; bevor der Thron das Urteil spricht, wird er als Thron der Gnade aufgerichtet, an den wir uns im Vertrauen klammern dürfen. Wer so auf den Thron blickt, findet Mut, auch die härtesten Spannungen und Ungerechtigkeiten nicht mit Vernichtungswünschen, sondern mit der Bitte um rettende Gnade in Gottes Hände zu legen.

Denn du hast ausgeführt mein Recht und meine Rechtssache; / du hast dich auf den Thron gesetzt, ein gerechter Richter. / (Ps. 9:5)

Du hast Nationen gescholten, den Gottlosen verloren gegeben, / ihren Namen ausgelöscht für immer und ewig; / der Feind ist erledigt, zertrümmert für immer; / du hast Städte zerstört, ihr Andenken ist getilgt. / (Ps. 9:6-7)

Wer Davids Worte im Licht des Evangeliums liest, wird innerlich verschoben: weg von der Freude über den Untergang der Feinde, hin zur Dankbarkeit über den rettenden König, der uns an seinen Thron der Gnade zieht. Das verändert, wie wir über Gegner, Konflikte und über uns selbst denken; statt Vergeltung zu ersehnen, lernen wir, mit Freimut zu dem zu kommen, der als Führer und Retter erhöht ist, und unser Vertrauen daran zu knüpfen, dass sein Gericht zuletzt aus demselben Herzen kommt, das bereit war, für die Gottlosen zu sterben.

Das Gesetz, der Baum der Erkenntnis und der Zustand des Menschen

In den Psalmen 10 bis 14 legt David die menschliche Wirklichkeit vor Gott ungeschönt offen. Er beschreibt den Gottlosen als jemanden, der die Schwachen jagt, als säße niemand im Himmel, der es sieht; dessen Mund „voll Fluchens und Bitterkeit“ ist (Röm. 3:14) und der innerlich sagt: Gott fragt nicht nach. In Psalm 14 kulminiert diese Wahrnehmung: „Alle sind abgewichen; sie sind alle miteinander unbrauchbar geworden; es gibt keinen, der Gutes tut; es gibt nicht einmal einen“ (Röm. 3:12). Paulus greift gerade diese Worte auf, um zu zeigen, dass der Zustand des Menschen vor Gott ein umfassend verdorbener ist, nicht nur am Rand, sondern im Kern. Im Hintergrund dieser Diagnose steht das Gesetz mit seinen klaren Geboten. Wenn Gott sagt: „Du sollst nicht töten … Du sollst nicht ehebrechen … Du sollst nicht stehlen … Du sollst gegen deinen Nächsten nicht als falscher Zeuge aussagen … Du sollst nicht … begehren“ (2. Mose 20:13–17), wird ein Licht auf den Menschen geworfen, das keinen Raum für Illusionen lässt.

Davids Auffassung in diesen Psalmen richtet sich nach dem Gesetz, das Gott zusätzlich zu der zentralen Linie Seiner Ökonomie gegeben hat. Gott hat eine Ökonomie, und in dieser göttlichen Ökonomie gibt es eine zentrale Linie. Diese zentrale Linie ist Christus, der ausgeweitet werden soll, um ein Gegenstück zu haben, nämlich Seine Gemeinde. So sind Christus und die Gemeinde die zentrale Linie von Gottes Ökonomie. Doch Davids Auffassung in den Psalmen 9–14 verlief nicht entlang dieser Linie. Seine Auffassung entsprach dem Gesetz, einer nachgeordneten Linie, die mit der zentralen Linie einhergeht. (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft sechs, S. 74)

Dieses Licht ist heilsam, aber es ist nicht heilend. Das Gesetz enthüllt, es verwandelt nicht. Darum heißt es: „Darum: aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden; denn durch Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde“ (Röm. 3:20). David bewegt sich in diesen Psalmen weitgehend in der Logik des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse, den 1. Mose 2:9 neben den Baum des Lebens stellt: „Und aus dem Erdboden ließ Jehovah Gott allerlei Bäume emporwachsen … und auch den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.“ Die Linie des Gesetzes gehört zu diesem Bereich der Unterscheidung und Beurteilung. Sie arbeitet mit Kategorien von Recht und Unrecht, von Frommen und Gottlosen, von Lohn und Strafe. David sieht messerscharf den Verfall der Menschheit – aber er erkennt noch nicht, dass er selbst unter demselben Urteil steht und dass die Lösung nicht in verschärfter Anwendung des Gesetzes liegt. Das Gesetz ist eine notwendige Nebenlinie in Gottes Handeln, doch die zentrale Linie führt vom Baum der Erkenntnis zum Baum des Lebens, von der bloßen Erkenntnis des Guten zur Teilnahme am göttlichen Leben in Christus. In diesem Licht wird die Diagnose der Psalmen nicht abgeschwächt, sondern vertieft: gerade weil der Mensch so ist, wie Psalm 14 ihn beschreibt, reicht kein System moralischer Forderungen aus. Nur wenn Gott selbst sich dem Menschen schenkt und ihn von innen her erneuert, kann aus einem Bekennenden des Gesetzes ein Träger des Lebens werden.

Wer das erkennt, verliert die Illusion, sich durch eigene Anstrengung vor Gott aufrichten zu können, ohne deshalb in Resignation zu verfallen. Die Schärfe der Gesetzeslinie drängt vielmehr sanft, aber unerbittlich zum anderen Baum, zu Christus als unserem Leben. Aus der Klage Davids über die Verderbtheit des Menschen wird so, im Spiegel des Römerbriefes, ein Wegweiser: Die Grenzen des Gesetzes sind nicht das Ende der Geschichte, sondern der Punkt, an dem Gottes eigentlicher Plan sichtbar wird – nicht eine bessere Version des alten Menschen, sondern ein neuer Mensch, geboren aus dem Leben, das in Christus erschienen ist.

so wie geschrieben steht: „Es gibt keinen Gerechten, auch nicht einen; es gibt keinen, der versteht, es gibt keinen, der Gott ernsthaft sucht. Alle sind abgewichen; sie sind alle miteinander unbrauchbar geworden; es gibt keinen, der Gutes tut; es gibt nicht einmal einen.“ (Röm. 3:10-12)

«Ihr Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit.» (Röm. 3:14)

Die Psalmen, in denen David die Gottlosen anklagt, werden so zu einem Spiegel, in dem die ganze Menschheit sichtbar wird. Wer sich von dieser Sicht nicht wegduckt, sondern sie ernst nimmt, wird durch das Gesetz nicht in Verzweiflung, sondern zu Christus als Baum des Lebens geführt. Dort beginnt ein anderes Menschsein: nicht definiert durch das ständige Messen an Geboten, sondern durch das Geschenk eines Lebens, das in seiner Tiefe fähig ist, Gottes Herz und Wesen widerzuspiegeln.

Vom eigenen Interesse zur Linie des Lebens in Christus

Wenn man die Psalmen 9–14 als Ganzes liest, zeigt sich eine innere Spannung. Auf der einen Seite steht ein Mann, der Gott kennt, ihn preist und seine Hilfe sucht; auf der anderen Seite kreisen viele seiner Gedanken noch um die Sicherung seiner eigenen Position: Schutz vor Feinden, Durchsetzung seiner Sache, Festigung seines Thrones. „Ich will dich preisen, HERR, mit meinem ganzen Herzen, will erzählen alle deine Wundertaten“ (Ps. 9:2), und kurz darauf: „Steh auf, HERR, dass nicht der Mensch Gewalt habe! Mögen gerichtet werden die Nationen vor deinem Angesicht!“ (Ps. 9:20). Seine Fürbitte ist durchdrungen von der Erwartung, dass Gott seine Gegner sichtbar erniedrigt. Damit ist David uns näher, als es auf den ersten Blick scheint; auch unser Beten kann von einem feinen Eigeninteresse durchsetzt sein, das Gott vor allem als Garant unserer Sicherheiten und Wünsche sieht.

Darum ist Gottes Thron heute nicht der Thron eines Königs der Autorität. Sein Thron ist heute der Thron eines liebenden Heilandes. Dieser Thron der Autorität ist heute zum Thron der Gnade geworden. Jeden Tag und sogar in jedem Augenblick können wir zu diesem Thron der Gnade kommen, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden für rechtzeitige Hilfe (Hebr. 4:16). Dies ist die heutige Gnadenhaushaltung, die Gott eingesetzt hat. (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft sechs, S. 80)

Gottes Offenbarung geht jedoch weiter als diese legitime, aber begrenzte Sicht. Der Dreieine Gott hat in der vergangenen Ewigkeit beschlossen, Menschen nicht nur zu bewahren oder zu belohnen, sondern sie in Christus zu sich selbst zu ziehen, sie zu Gott hin abzusondern und mit Gott durchsättigt zu machen, bis hin zu der Vollendung, in der das Neue Jerusalem als „die Frau des Lammes“ (Offb. 21:9–10) erscheint. In dieser zentralen Linie von Gottes Ökonomie steht nicht das kurzfristige Wohl eines Königs, sondern Christus als Baum des Lebens und die Gemeinde als sein Gegenstück. Christus ist der eine, in dem das Gesetz erfüllt, der menschliche Zustand getragen und das Gericht getragen ist. Darum kann der Hebräerbrief sagen, dass wir zu einem „Thron der Gnade“ kommen, und nicht zu einem Thron, der uns nach der strengen Logik von Lohn und Strafe begegnet (Hebr. 4:16). Dieser Thron ist der Platz eines Königs, „der uns liebt und uns durch Sein Blut von unseren Sünden befreit hat“ (Offb. 1:5). Wer zu ihm kommt, wird aus der Linie der bloßen Vergeltung in die Linie des Lebens versetzt.

Aus dieser Perspektive werden auch Davids harten Worte über die Nationen neu eingeordnet. Wenn er betet, dass die Gottlosen in den Scheol gewendet werden und die Völker erkennen sollen, dass sie nur Menschen sind (vgl. Ps. 9:18–21), dann drückt sich darin ein echtes Verlangen nach Recht aus, aber es bleibt gebunden an die Ordnung des Gesetzes. Im Licht des Evangeliums wird dasselbe Verlangen durch Christus verwandelt: das Verbrechen wird nicht verharmlost, doch der erste Ruf des Himmels gilt der Rettung der Täter wie der Opfer. „Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde“ (Johannes 3:17). Gott deckt die Wirklichkeit nicht zu, aber er stellt ihr zuerst seinen einziggeborenen Sohn gegenüber, der am Kreuz den vollen Ernst des Gerichtes getragen hat, damit der Thron für die Glaubenden ein Thron der Gnade sein kann.

Wer sich so von der Schrift führen lässt, bleibt nicht bei der damaligen Perspektive Davids stehen. Die Psalmen öffnen einen Weg von der Klage über Ungerechtigkeit und von dem Wunsch nach Vergeltung zu einer Teilnahme an Gottes Herz für die Welt. An die Stelle eines Betens, das vor allem das eigene Recht im Blick hat, tritt ein Beten, das den rettenden König vor Augen hat, der über alle Könige erhöht ist und doch die Hände nach verlorenen Menschen ausstreckt. In dieser Bewegung vom Gesetz zur Gnade, vom Baum der Erkenntnis zum Baum des Lebens, vom eigeninteressierten zum christuszentrierten Blick, liegt eine stille, aber kräftige Ermutigung: Kein Herz, das sich an den Thron der Gnade bindet, bleibt in der engen Logik von „Freund“ und „Feind“ gefangen. Es lernt, in derselben Welt, in der David lebte, mit einem anderen Akzent zu leben – nicht mit weniger Wahrheit, aber mit mehr Gnade, nicht mit weniger Ernst, aber mit mehr Hoffnung.

Ich will (dich) preisen, HERR, mit meinem ganzen Herzen, / will erzählen alle deine Wundertaten. / (Ps. 9:2)

Steh auf, HERR, daß nicht der Mensch Gewalt habe! / Mögen gerichtet werden die Nationen vor deinem Angesicht! / Lege Furcht auf sie, HERR! / Mögen die Nationen erkennen, daß sie Menschen sind! // (Ps. 9:20-21)

Davids Gebete von Schutz und Gericht hin zur Offenbarung des Throns der Gnade zu verfolgen, weitet den inneren Horizont. Die eigene Lebensgeschichte wird nicht aus dem Gericht herausgeschrieben, aber sie wird in Christus hineingeschrieben in die Linie des Lebens: weg von der engen Sorge um das eigene Recht, hin zu einem Vertrauen auf den liebenden Retterkönig, das uns befähigt, Recht und Gnade gemeinsam zu ehren und in einer zerrissenen Welt Spuren seines Herzens zu hinterlassen.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Psalms, Chapter 6