Die vollendete göttliche Offenbarung in der gesamten Heiligen Schrift bezüglich der Beziehung Gottes zum Menschen (1)
Wenn man die Bibel von 1. Mose bis zur Offenbarung liest, wirken die vielen Geschichten, Gesetze und Verheißungen zunächst bunt und verstreut. Doch hinter all dem steht eine durchgehende Linie: Der Gott, der den Menschen geschaffen hat, sucht ihn, obwohl er gefallen ist, und offenbart Schritt für Schritt, wie Er mit ihm Gemeinschaft haben und ihn retten will. Wer diese Linie erkennt, versteht auch Bücher wie Hiob besser – und entdeckt, wie tief die Liebe Gottes zum Menschen wirklich geht.
Von der Schöpfung bis zur Berufung Abrahams: Gott sucht Gemeinschaft mit dem Menschen
Am Anfang der Schrift wird der Mensch mit einer überraschenden Würde vorgestellt. Nicht als ein zufälliges Produkt der Schöpfung tritt er auf, sondern als jemand, der Gott widerspiegeln soll. Es heißt: „Und Gott sprach: Lasst Uns den Menschen machen in Unserem Bild, gemäß Unserer Gleichgestalt, und sie sollen herrschen …“ (1.Mose 1:26). Bild und Gleichgestalt sprechen davon, dass der Mensch geschaffen ist, um Gottes Wesen abzubilden und Seine Herrschaft auf der Erde zu vertreten. Beides gehört zusammen: Gemeinschaft mit Gott und Repräsentation Gottes. Der Mensch kann Gottes Anliegen auf der Erde nur tragen, wenn er von innen her mit Gott verbunden ist. Darum ist der Baum des Lebens in der Mitte des Gartens nicht eine dekorative Beigabe, sondern der stille Hinweis, dass Gott sich selbst als inneres Leben geben will: „… und auch den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens“ (1.Mose 2:9). Gottes Ziel ist nicht nur eine von Ihm verwaltete, sondern eine mit Ihm durchdrungene Schöpfung, deren Mittelpunkt ein Mensch ist, der Ihn innerlich trägt.
Gott schuf den Menschen und wollte, dass der Mensch Ihn als Leben ergreift, damit er Ihn ausdrückt, in kostbare Materialien für Seinen Bau verwandelt wird und aufgebaut wird, um als Sein Gegenüber zu Ihm zu passen (1.Mose 1:26–27; 2:9–12.18–24). (Witness Lee, Life-Study of Job, Botschaft zweiunddreißig, S. 169)
Mit dem Strom, der den Garten bewässert und sich in vier Arme teilt, und mit den genannten Materialien – Gold, Bdellium, Onyx – deutet 1. Mose an, wohin Gottes Weg führt (1.Mose 2:10–12). Was im Bild vom Garten beginnt, läuft auf ein Haus Gottes hinaus, das auf der Erde Seinen Namen trägt. Der Mensch, der vom Baum des Lebens isst, wird gleichsam in kostbare „Baumaterialien“ verwandelt, die zu einem Wohnort Gottes und zu einem Gegenüber für Ihn werden. Deshalb sagt Gott später: „Es ist nicht gut für den Menschen, dass er allein sei; Ich will ihm eine Hilfe als sein Gegenüber machen“ (1.Mose 2:18). Die Ehe von Adam und Eva ist mehr als eine soziale Ordnung; sie spiegelt das Verlangen Gottes, ein Gegenüber zu haben, das Ihm entspricht. In der ganzen Schrift kommt diese Linie wieder zum Vorschein: Gott sucht nicht distanzierte Verehrer, sondern Partner, die in Seiner Nähe leben.
Dieses Ziel Gottes zerbricht nicht am Fall des Menschen. Die Szene nach dem Essen vom Baum der Erkenntnis ist erschütternd: „Und sie hörten das Geräusch von Jehovah Gott, wie Er in der Kühle des Tages im Garten umherging, und der Mensch und seine Frau versteckten sich vor der Gegenwart von Jehovah Gott“ (1.Mose 3:8). Der Mensch zieht sich zurück, doch Gott geht suchend durch den Garten: „Wo bist du?“ (1.Mose 3:9). Darin liegt bereits die ganze Geschichte der Bibel: ein Gott, der den entlaufenen Menschen ruft. Statt den Menschen sofort zu verwerfen, spricht Gott eine Verheißung aus, die weit über den Augenblick hinausreicht: „Ich werde Feindschaft setzen … er wird dich am Kopf zermalmen“ (1.Mose 3:15). Der Same der Frau ist der angekündigte Christus, durch den Gott die zerstörte Gemeinschaft wiederherstellt. Die Fellkleider, mit denen Gott den Menschen bekleidet, unterstreichen diese Richtung: „Und Jehovah Gott machte Adam und seiner Frau Fellkleider und bekleidete sie“ (1.Mose 3:21). Unschuldsblattwerk reicht nicht; ein unschuldiges Leben muss hingegeben werden, damit der Schuldige bedeckt ist – ein frühes Bild des stellvertretenden Opfers Christi.
Die Opfergeschichte Abels knüpft hier an. Es heißt: „Und auch Abel brachte ein Opfer, von den Erstgeburten seiner Herde, das heißt von ihren Fettstücken. Und Jehovah blickte wohlwollend auf Abel und auf sein Opfer“ (1.Mose 4:4). Gott sieht den Menschen im Licht des Opfers, nicht im Licht seiner eigenen Gerechtigkeit. Cain bringt die Frucht seines Feldes, den Ertrag seiner Arbeit; Abel bringt ein getötetes Lamm. Damit bezeugt er, dass er vor Gott nicht durch eigene Leistung bestehen kann, sondern nur durch ein Leben, das an seiner Stelle dargebracht wird. Dieselbe Linie erscheint in Noah: „Und Noah baute Jehovah einen Altar … und brachte auf dem Altar Brandopfer dar“ (1.Mose 8:20). Der „zufriedenstellende Wohlgeruch“ dieser Brandopfer (1.Mose 8:21) ist ein Vorausbild auf Christus, in dem Gott endgültig Ruhe findet. Wenn Gott in der Bibel den Brandopfergeruch riecht, erkennt Er inmitten von Gericht und Verderben einen Punkt, an dem Er den Menschen gnädig annehmen kann.
Und Gott sprach: Lasst Uns den Menschen machen in Unserem Bild, gemäß Unserer Gleichgestalt, und sie sollen herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über jedes Kriechtier, das auf der Erde umherkriecht! (1.Mose 1:26)
Und aus dem Erdboden ließ Jehovah Gott allerlei Bäume emporwachsen, die angenehm anzusehen und gut zur Speise waren, und auch den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. (1.Mose 2:9)
Die frühen Kapitel der Schrift laden ein, das eigene Leben nicht mehr als Abfolge zufälliger Ereignisse zu deuten, sondern im Licht eines Gottes zu lesen, der von Anfang an Gemeinschaft sucht. Wo Schuld, Scham oder Stolz den inneren Garten beherrschen, ist der Ruf „Wo bist du?“ kein Vorwurf, sondern eine geöffnete Tür. In der Annehmung, dass Gott uns nicht außerhalb von Christus, sondern in Ihm ansieht, löst sich der Druck eigener Rechtfertigung. Die Bilder von Baum des Lebens, Fellkleidern, Brandopfern, Arche und Babel zeigen Facetten dessen, was Christus für uns ist: Leben, Bedeckung, angenommene Hingabe, Raum der Rettung und heilsame Grenze. Wer sich darauf einlässt, beginnt zu entdecken, dass selbst die Umwege und Zerbrüche der Vergangenheit nicht das letzte Wort haben, sondern im Licht der göttlichen Suche zu Stationen werden, an denen Gottes Geduld und Treue sichtbar werden.
Von Abraham bis zum Gesetz: Verheißung und Brandopfer als Blick auf Christus
Mit Abraham tritt die göttliche Suche nach Gemeinschaft in eine neue Gestalt ein. Nach Babel, wo der Mensch sich einen Namen machen wollte, spricht Gott einen Namen über einen einzelnen Menschen aus: Er erscheint Abram und sagt: „Deinem Samen werde Ich dieses Land geben“ (1.Mose 12:7). Hier beginnt eine Geschichte, die nicht mehr nur allgemein den Menschen betrifft, sondern sich konkret in einem Leben verdichtet. Gott ruft Abraham aus seiner Heimat, um ihn an ein Land zu führen, das er noch nicht kennt. Die Verheißung umfasst Land und Nachkommen, aber in ihrem Kern zielt sie auf etwas Größeres: ein Volk, durch das der Segen Gottes zu allen Nationen fließen soll. Wenn Abraham an verschiedenen Orten Altäre baut, wie bei den Eichen von Mamre – „und dort baute er Jehovah einen Altar“ (1.Mose 13:18) –, wird sichtbar, dass sein Weg nicht zuerst durch Leistung, sondern durch Anbetung und Antwort auf die Initiative Gottes geprägt ist.
Die zweite Heilszeit umfasst den Zeitraum von der Berufung Abrahams bis zur Verkündigung des Gesetzes durch Mose. Ihr wichtigster Aspekt war Gottes Verheißung an Abraham. Deshalb bezeichnen Bibellehrer diese Heilszeit als Heilszeit der Verheißung. (Witness Lee, Life-Study of Job, Botschaft zweiunddreißig, S. 170)
Das Brandopfer spielt in dieser Phase eine besondere Rolle, weil es wie kein anderes Opfer von einer absoluten Hingabe an Gott spricht. Es ist das Opfer, das vollständig für Gott verbrannt wird, ohne dass der Opfernde einen Teil für sich zurückbehält. Als Abraham seinen Sohn Isaak auf den Berg Moria führen soll und schließlich „einen Widder … als Brandopfer dar anstelle seines Sohnes“ bringt (1.Mose 22:13), verdichten sich mehrere Linien: der Gehorsam Abrahams, das Ersetzen des Sohnes durch ein stellvertretendes Opfer, und das Bild eines vollkommen Gott geweihten Lebens. In diesem Widder sieht Gott bereits den kommenden Christus, der sich völlig für Ihn und zugleich für uns hingibt. Entscheidend ist, dass Gott nicht die Stärke des Patriarchen im Blick hat, sondern den Hinweis auf den Einen, in dem Er Seine volle Freude findet. Abraham wird gerade dadurch zum „Vater des Glaubens“, dass er lernt, auf Gottes Verheißung und Gottes Opfer zu vertrauen, nicht auf seine eigene Fähigkeit, den Segen festzuhalten.
Die Verheißung an Abraham erweist sich deshalb als tragende Grundlinie der gesamten weiteren Heilsgeschichte. Sie ist nicht bloß eine Zusage von Landbesitz, sondern der Schwur Gottes, die Völker durch einen bestimmten „Samen“ zu segnen. Das Neue Testament erinnert daran, dass dieser Same letztlich Christus ist, und macht deutlich, dass die Beziehung des Menschen zu Gott von Anfang an auf Gnade und Zusage gegründet war, nicht auf Gesetz und Werk. Lange bevor die Tafeln am Sinai gegeben wurden, stand die einseitige Verpflichtung Gottes im Raum, sich mit dem Menschen zu verbinden und ihn zu segnen. Diese Verheißung trägt später auch durch Zeiten des Versagens Israels hindurch; sie wird durch Untreue verzögert, aber nicht aufgehoben.
Auch außerhalb der unmittelbaren Abrahamserzählung leuchtet die Bedeutung des Brandopfers auf. Hiob etwa „brachte Brandopfer“ für seine Kinder dar (Hiob 1:5), weil er wusste, dass vor Gott nur ein stellvertretendes Opfer bestehen kann, nicht menschliche Unschuld. Allerdings führt Hiobs Geschichte noch einen Schritt weiter: Seine großen Opfer und seine vorbildliche Frömmigkeit schützen ihn nicht davor, Gott auf eine neue, tiefere Weise kennenlernen zu müssen. Am Ende seiner Prüfungen erkennt er: „vom Hörensagen hatte ich von dir gehört, jetzt aber hat mein Auge dich gesehen“ (Hiob 42:5). Damit wird deutlich: Selbst das beste Brandopfer, jede Form äußerer Hingabe, ist letztlich auf eine innere Begegnung mit dem lebendigen Gott hin orientiert. Die Opfer weisen hin, aber sie ersetzen nicht die Gemeinschaft mit dem, auf den sie verweisen.
Und Jehovah erschien Abram und sprach: Deinem Samen werde Ich dieses Land geben. (1.Mose 12:7)
Und Abram rückte mit seinem Zelt weiter und kam zu den Eichen von Mamre, die bei Hebron sind, und wohnte bei ihnen, und dort baute er Jehovah einen Altar. (1.Mose 13:18)
Die Berufung Abrahams und die immer wiederholte Verheißung machen deutlich, dass Gottes Beziehung zum Menschen auf einem Wort gründet, das Er selbst gesprochen hat, und auf einem Opfer, das Er selbst bereitstellt. In Christus, dem verheißenen Samen und wahren Brandopfer, hat Gott endgültig gezeigt, dass Er den Menschen nicht auf seine religiösen Leistungen baut. Das nimmt den Druck, sich vor Gott durch Erfolg, Frömmigkeit oder Hingabe beweisen zu müssen, und öffnet einen Raum des Vertrauens: Gottes Zusage steht, auch wenn der eigene Weg von Unklarheit, Umwegen oder Versagen geprägt ist. Wer sich daran hält, kann inmitten wechselnder Lebensumstände eine stille Gewissheit gewinnen, dass seine Geschichte von einer Verheißung umspannt ist, die Gott selbst gegeben und in Christus schon grundlegend erfüllt hat.
Vom Gesetz bis zum ersten Kommen Christi: Gesetz, Opfer und Verheißungen auf das neue Leben
Mit der Gabe des Gesetzes am Sinai tritt eine neue Phase in Gottes Geschichte mit dem Menschen ein. Nach der langen Zeit der Verheißungen an die Väter formt Gott aus den Nachkommen Abrahams ein Volk und stellt es vor sich: „Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe … und nun, wenn ihr meiner Stimme gehorcht …“ (2. Mose 19, sinngemäß). Doch kaum hat das Volk gesagt: „Alles, was Jehovah geredet hat, wollen wir tun“, erschüttern Donner, Blitz und Posaunenschall den Berg. Die Menschen fürchten sich und bleiben in der Ferne stehen (2. Mose 19–20). Das Gesetz offenbart den heiligen Maßstab Gottes, aber es schafft keine Nähe. Paulus fasst das so: „Darum: aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden; denn durch Gesetz (kommt) Erkenntnis der Sünde“ (Röm. 3:20). Das Gesetz ist wie ein Spiegel, der nichts reinigt, sondern nur zeigt, wie es tatsächlich um den Menschen steht.
Wegen der Blindheit und Störrigkeit des Volk Israel verordnete Gott durch Mose das Gesetz (2. Mose 19:8, 16–20:21), um die Unfähigkeit des Volk Israel aufzudecken, Sein Gesetz zu halten (Röm. 3:20b; 5:20a; 7:7). (Witness Lee, Life-Study of Job, Botschaft zweiunddreißig, S. 171)
Gerade dadurch wird der tiefere Sinn des Gesetzes sichtbar. Es ist nicht gegeben, um dem Menschen eine realistische Möglichkeit zur Selbstverbesserung an die Hand zu geben, sondern um seine Unfähigkeit ans Licht zu bringen. „Das Gesetz aber kam daneben hinzu, damit die Übertretung überströmend werde“ (Röm. 5:20). Wo der Wille Gottes in klaren Geboten ausgesprochen ist, wird sichtbar, wie stark die Gegenkraft der Sünde in uns wirkt. Was äußerlich als religiöse Ordnung erscheinen mag, wird innerlich zur Offenlegung des Herzens. So bereitet das Gesetz die Erkenntnis vor, dass der Mensch mehr als Anweisungen braucht: Er braucht ein neues Leben. In dieser Spannung zwischen göttlichem Anspruch und menschlicher Ohnmacht entfalten sich die anderen Elemente der mosaischen Ordnung: Stiftshütte, Priestertum und Opferdienst.
Die Stiftshütte in der Wüste ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass Gott mitten unter einem unheiligen Volk wohnen will, ohne seine Heiligkeit zu verleugnen. In ihren Räumen, Geräten und Ordnungen verdichtet sich eine Vielzahl von Hinweisen auf Christus: das Passah-Lamm, dessen Blut das Gericht an den Häusern Israels vorübergehen ließ; der goldene Leuchter, der Schaubrottisch, der Räucheraltar. Besonders im 3. Buch Mose führt Gott Sein Volk hinein in eine Schule der Anbetung und des Teilhabens: „Nach dem Erlass des Gesetzes und dem Aufbau der Stiftshütte … gab Gott Seinem Volk … das dritte Buch Mose, um es zu schulen, Gott anzubeten und an Ihm teilzuhaben und ein heiliges, reines und ein sich freuendes Leben zu führen.“ Die verschiedenen Opfer – Brandopfer, Speisopfer, Sündopfer, Übertretungsopfer, Friedensopfer – zeichnen in ihren unterschiedlichen Bedeutungen ein Gesamtbild des allumfassenden Christus, durch den der Mensch vor Gott stehen und von Gott leben kann.
Im Opferdienst wird die Spannung des Gesetzes konkret. Einerseits fordert das Gesetz: „Du sollst …“, andererseits stellt Gott selbst die Mittel zur Verfügung, mit denen Schuld bedeckt und Gemeinschaft wiederhergestellt werden kann. Das Sündopfer erinnert daran, dass der Mensch nicht nur einzelne Übertretungen, sondern eine verdorbene Natur vor Gott bringt; das Übertretungsopfer bezieht sich auf konkrete Vergehen; das Friedensopfer eröffnet einen Raum der gemeinsamen Mahlgemeinschaft mit Gott. In diesen Ritualen wird geübt, was im Kommen Christi endgültig Wirklichkeit wird: dass Gott selbst sowohl der Gesetzgeber als auch der Opfernde ist, der sowohl die Forderung stellt als auch ihr Genügen schafft. Der Altar, an dem die Opfer verbrannt werden, steht so im Zentrum der Wüstenversammlung wie später das Kreuz im Zentrum des Neuen Testaments.
Darum: aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden; denn durch Gesetz (kommt) Erkenntnis der Sünde. (Röm. 3:20)
Das Gesetz aber kam daneben hinzu, damit die Übertretung überströmend werde. Wo aber die Sünde überströmend geworden, ist die Gnade noch überschwenglicher geworden, (Röm. 5:20)
Die Phase vom Gesetz bis zum ersten Kommen Christi macht deutlich, dass Gott den Menschen nicht im Ungefähren belässt: Er zeigt klar, was gut ist, und Er zeigt ebenso klar, dass der Mensch dieses Gute aus sich heraus nicht verwirklichen kann. In dieser Spannung wird die Sehnsucht nach einem anderen Weg geweckt – nach einem Leben, das nicht dauernd gegen das Gebot ankämpft, sondern von innen her mit Gottes Willen übereinstimmt. Gerade hier wird Christus kostbar: als derjenige, in dem das Gesetz erfüllt und in dessen Geist es ins Herz eingeschrieben wird. Wer sich von den eigenen Maßstäben, Erfolgen und Niederlagen her auf Ihn hin orientiert, erfährt, dass Gottes Ziel nicht moralische Perfektion, sondern eine gewachsene Gemeinschaft ist, in der Sein Leben prägt, trägt und verändert. Aus dieser Perspektive verlieren die eigenen Grenzen ihren lähmenden Charakter; sie werden zu Orten, an denen Gottes Gnade „noch überschwenglicher“ wird (Röm. 5:20) und der Weg in eine tiefere, freiere Nachfolge aufgeht.
Herr Jesus Christus, danke, dass die ganze Schrift wie ein roter Faden von Deiner Liebe zum Menschen zeugt und dass Du vom ersten Tag der Schöpfung an auf Gemeinschaft mit uns zielst. Du siehst unseren Fall, unsere Unfähigkeit und unseren Stolz – und doch hast Du für uns den Weg durch Gericht, Opfer und Verheißung bis hin zu Deinem Kommen als unser Leben bereitet. Stärke in uns das Vertrauen, dass Dein Plan mit uns nicht scheitert, sondern in Dir vollendet wird, und lass uns Deine Gegenwart mitten in unseren Fragen und Leiden neu entdecken. Erfülle uns mit Deinem Geist, schreibe Dein Wort in unser Herz und lass uns aus Gnade leben, damit Dein Name in unserem Alltag sichtbar wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Job, Chapter 32