Das Wort des Lebens
lebensstudium

Der Mensch, der sich in Gottes Ziehen bewegt, und Gott, der Sich in der Bewegung des Menschen bewegt

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Es gibt Momente, in denen unser Leben erstaunlich geführt wirkt: Türen öffnen sich, Wege schließen sich, innere Eindrücke verdichten sich zu einer klaren Richtung. Gleichzeitig kennen wir aber auch das Gefühl, aus eigener Kraft zu planen, zu reden und zu handeln – und erst hinterher zu merken, dass Gott in diesem Tun kaum vorkam. Die Botschaft der Schrift zeichnet ein anderes Bild: Gott hat sich so tief mit dem Menschen verbunden, dass sein Ziehen und unsere Bewegung ineinandergreifen sollen. Christen werden dadurch für ihre Umgebung schwer einzuordnen, weil hinter ihrem menschlichen Handeln eine göttliche Wirklichkeit steht.

Gottes Bewegung: der Gott-Mensch und die Vergrößerung Christi im Leib

Das Neue Testament eröffnet mit einer Bewegung Gottes, die alle bekannten Linien göttlichen Handelns übersteigt: Gott tritt nicht nur in die Geschichte ein, Er tritt in den Menschen ein. Johannes beschreibt dies schlicht und überwältigend zugleich: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Johannes 1:1). Und wenig später heißt es: „Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns“ (Johannes 1:14). Der ewige Gott nimmt eine menschliche Geschichte an, mit Herkunft, Familie, Körper, Müdigkeit und Hunger. In Jesus von Nazareth bewegt sich Gott nicht mehr neben dem Menschen her, sondern als Mensch. Die göttliche Initiative ist nicht mehr nur von außen rufend, sondern in einem Menschen atmend, fühlend, handelnd.

Am Anfang des Neuen Testaments zog Gott in den Menschen ein, gewann den Menschen und wurde ein Mensch (Mt. 1:21–23; Joh. 1:1, 14). Er bewegte Sich nicht nur als Gott und auch nicht einfach nur als Mensch, sondern als der Gott-Mensch. Darum wussten in den vier Evangelien die Hoherpriester, die Ältesten, die Schriftgelehrten und die römischen Beamten nicht, wer Jesus war. Sie konnten nicht erkennen, ob Seine Aktivitäten die Aktivitäten Gottes oder die eines Menschen waren. (Witness Lee, Life-Study of Job, Botschaft vierundzwanzig, S. 129)

Matthäus fasst dieses Geheimnis in den Namen „Emmanuel“: „Gott mit uns“ (Matthäus 1:23). In dieser Person verschränkt sich Gottes Bewegung mit der Bewegung eines Menschen so innig, dass die religiösen Führer und die politischen Machthaber ihn nicht mehr einordnen können: Ist er Prophet oder Gotteslästerer, Aufrührer oder Opfer? Seine Gesten, seine Tränen, sein Schlaf im Boot – alles ist zutiefst menschlich. Und doch tragen dieselben Bewegungen den Abdruck des Vaters: Dämonen weichen, Sünden werden vergeben, das Reich Gottes bricht an. Die Evangelien zeichnen das Bild eines Gott-Menschen, in dem jede Handlung eines Menschen zugleich die Handlung Gottes ist, ohne dass die Grenzen verschwimmen: Er bleibt wahrer Mensch, doch seine Person ist das fleischgewordene Wort.

Mit Kreuz und Auferstehung endet dieses Einssein Gottes mit einem Menschen nicht, es weitet sich. Der auferstandene Christus fährt auf und wird als Geist ausgegossen. An Pfingsten geschieht darum mehr als ein machtvolles Ereignis; es ist die Vergrößerung der einen göttlich-menschlichen Person. Was vorher an einem Ort, in einem Leib sichtbar war, wird auf viele verteilt. „Die nun sein Wort aufnahmen, ließen sich taufen; und es wurden an jenem Tag etwa dreitausend Seelen hinzugetan“ (Apostelgeschichte 2:41). Diese Hinzugefügten sind nicht nur einer Überzeugung beigetreten; sie sind in Christi Leben hineingetaucht worden. Die Bewegung Gottes in Christus setzt sich in ihnen fort. Der Leib Christi beginnt, Konturen zu gewinnen: eine Vielzahl von Menschen, in denen derselbe Geist wohnt, der in Jesus wirkte.

Damit wird die Geschichte Jesu zu einer bleibenden Gegenwart in den Seinen. Wenn Gott heute wirkt, tut er es nicht als abstrakte Macht, die an der Menschheit vorbeigreift, sondern im Leib Christi. Und wenn Gläubige sich bewegen – sprechen, entscheiden, dienen –, ist das nicht mehr nur die Bewegung einzelner religiöser Menschen, sondern das Feld, in dem Gott sich bewegt. Er handelt nicht anstelle des Menschen, so dass der Mensch ausgeschaltet würde, und auch nicht unabhängig vom Menschen, als brauchte er ihn nicht; er durchdringt das Tun seiner Erwählten so, dass ihr Gehorsam, ihre Liebe, ihre Schritte seinen Charakter ausstrahlen. Sie bleiben Geschöpfe, nie Teil der Gottheit, aber ihr Leben trägt eine Spur des Göttlichen, die sich nicht auf Moral oder Begabung zurückführen lässt.

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. (Joh. 1:1)

Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns (und wir haben Seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als des Einziggeborenen vom Vater), voller Gnade und Wirklichkeit. (Joh. 1:14)

In dem Gott-Menschen Christus hat Gott sich unlösbar mit menschlicher Bewegung verbunden und vergrößert diese Wirklichkeit im Leib Christi; je mehr wir in diesem Bewusstsein leben, desto freier können wir unsere Schritte als Raum für sein Wirken verstehen und so zu einem lebendigen Ausdruck seiner Gegenwart in der Gemeinde werden.

Ein verborgenes Geheimnis: Christen als Menschen im Bereich Gottes

Wer die ersten Kapitel der Apostelgeschichte liest, begegnet einer merkwürdigen Spannung: Vor den Augen stehen einfache Männer, Fischer aus Galiläa, ohne besondere Ausbildung, ohne religiöses Amt – und doch ruft ihr Auftreten Staunen und Ratlosigkeit hervor. „Als sie aber die Freimütigkeit des Petrus und Johannes sahen und bemerkten, daß es ungelehrte und ungebildete Leute seien, verwunderten sie sich; und sie erkannten sie, daß sie mit Jesus gewesen waren“ (Apostelgeschichte 4:13). Äußerlich haben sie wenig vorzuweisen, innerlich sind sie Träger einer Realität, die der Rat in Jerusalem nicht erklären kann. Dass durch ihre Hände ein geheilter Lahmer vor allen steht (Apostelgeschichte 4:16), ist unbestreitbar – die Quelle aber entzieht sich den gewohnten Kategorien.

Echte Christen sind geheimnisvoll und für Ungläubige unverständlich. Wir Christen sind ein Geheimnis, weil wir uns in Gottes Bewegung bewegen und Gott Sich in unserer Bewegung bewegt. Gott und wir, wir und Gott, bewegen uns gemeinsam. Die Menschen in der Welt kennen nur unsere menschliche Seite – sie erkennen nicht, dass wir auch eine göttliche Seite haben. (Witness Lee, Life-Study of Job, Botschaft vierundzwanzig, S. 130)

Der geistliche Hintergrund dieser Unverständlichkeit liegt in einem Ortswechsel des Lebens: Christen leben nicht mehr nur im Bereich der Ethik, in dem das Gute und das Böse, das Fromme und das Gottlose sich gegenüberstehen. Dieser Bereich ist wichtig, aber er ist nicht das Letzte. Im Alten Bund sehen wir in Hiob einen Menschen, der in der Sphäre der Integrität, der Gottesfurcht und der moralischen Lauterkeit lebt. Im Neuen Bund aber öffnet Gott einen höheren Bereich: den Bereich seiner eigenen Gegenwart. In dieser Sphäre wird nicht in erster Linie nach der Frage gefragt: „Ist es richtig?“, sondern: „Ist Gott da? Ist es Ausdruck seiner Person?“ Die Apostel agieren weder leichtfertig noch gesetzlich; sie handeln als Menschen, die sich in Gottes Bewegung bewegen, und Gott bewegt sich in ihrem Tun.

Diese Verborgenheit ist kein mystischer Schleier, sondern die Folge einer realen, inneren Einheit mit dem Geist. Der Geist Gottes wohnt nicht nur in den Christen, um gelegentlich einzugreifen; er ist der Atemraum ihres Lebens geworden. Ihr Denken, Sprechen und Entscheiden ist eingebettet in seine stille, aber kraftvolle Gegenwart. Deshalb können Unbeteiligte nur die menschliche Seite wahrnehmen – Akzent, Temperament, Schwächen –, während die göttliche Seite verborgen bleibt, obwohl sie die eigentliche Triebkraft ist. So werden Christen zu einem lebendigen Gleichnis für das Geheimnis Christi: ganz Mensch und doch von Gott durchdrungen, ohne dass die Grenzen verwischt werden.

Gamaliel, der gelehrte Pharisäer, spürt etwas von diesem Geheimnis, als er sagt: „Denn wenn dieser Rat oder dieses Werk aus Menschen ist, so wird es zugrunde gehen; wenn es aber aus Gott ist, so werdet ihr sie nicht zugrunde richten können“ (Apostelgeschichte 5:38-39). Er erkennt: Hier steht mehr auf dem Spiel als nur menschliche Begeisterung oder religiöse Bewegung; hier könnte Gott selbst in menschlichem Tun unterwegs sein. Wo Christen tatsächlich im Bereich Gottes leben, werden ihre Wege nicht automatisch leichter, aber sie tragen einen Widerhall der Ewigkeit. Ihre Entscheidungen mögen unscheinbar sein, ihre Worte unspektakulär, und doch bleibt etwas zurück, das nicht aus ihnen selbst erklärt werden kann.

Als sie aber die Freimütigkeit des Petrus und Johannes sahen und bemerkten, daß es ungelehrte und ungebildete Leute seien, verwunderten sie sich; und sie erkannten sie, daß sie mit Jesus gewesen waren. (Apg. 4:13)

Was sollen wir diesen Menschen tun? Denn daß wirklich ein deutliches Zeichen durch sie geschehen ist, ist allen offenbar, die zu Jerusalem wohnen, und wir können es nicht leugnen. (Apg. 4:16)

Echte Christen bleiben der Welt rätselhaft, weil sie im Bereich Gottes leben und handeln; wer sich von Gott in diesen Raum seiner Gegenwart hineinnehmen lässt, darf damit rechnen, dass sein unscheinbarer Alltag zum Schauplatz einer verborgenen, aber wirkkräftigen Bewegung Gottes wird.

Mit dem allumfassenden Geist gehen: nicht schneller und nicht langsamer als Gott

Die Reise des Paulus in Apostelgeschichte 16 beschreibt kein ruhiges Pilgeridyll, sondern eine Abfolge von inneren Stopps und Wendungen. Zuerst heißt es: „… nachdem ihnen vom Heiligen Geist verboten worden war, das Wort in Asien zu reden“ (Apostelgeschichte 16:6). Kurz darauf: „… sie versuchten, nach Bithynien zu gelangen, doch der Geist Jesu erlaubte es ihnen nicht“ (Apostelgeschichte 16:7). Paulus besitzt also Pläne, er denkt strategisch, er möchte das Evangelium ausbreiten – aber die Richtung seiner Bewegung wird durch jemand anderen bestimmt. Der allumfassende Geist, die Vollendung des durch Tod, Auferstehung und Himmelfahrt gegangen Dreieinen Gottes, geht nicht hinterher, sondern geht voran und setzt Grenzen. Erst als Paulus „das Gesicht gesehen hatte“, lesen wir: „suchten wir sogleich nach Mazedonien abzureisen, da wir schlossen, daß Gott uns gerufen habe“ (Apostelgeschichte 16:10). Die Linie ihres Weges ist kein Produkt reiner Initiative; sie ist das Ergebnis einer sensiblen Gemeinschaft mit dem Geist.

Wir sind nicht nur eins mit dem Geist, sondern wir und der Geist sind eins. Das wird durch das Ziehen des Apostels Paulus und seiner Mitarbeiter in Apostelgeschichte 16 veranschaulicht. Der Heilige Geist hinderte sie daran, nach links nach Asien zu gehen (V. 6), und der Geist Jesu erlaubte ihnen nicht, nach rechts nach Bithynien zu gehen (V. 7). Das wies ihnen eine gerade, vorwärts gerichtete Richtung für ihr Ziehen. (Witness Lee, Life-Study of Job, Botschaft vierundzwanzig, S. 131)

Dieses Bild ist von tiefer Bedeutung für den Alltag eines Christen. Denn die eigentliche Spannung liegt selten zwischen Handeln und Nichthandeln, sondern zwischen einem Handeln, das dem Zug des Geistes entspricht, und einem Handeln, das seinem stillen Nein zuvorkommt. Das Neue Testament zeichnet keinen Gott, der jeden Schritt wie mit einem Diktat vorgibt; es zeigt einen Herrn, der im Geist in uns wohnt und uns in ein Miteinander ruft. Wenn es heißt: „Wir sind nicht nur eins mit dem Geist, sondern wir und der Geist sind eins“, dann ist damit nicht gemeint, dass unsere Impulse automatisch göttlich wären, sondern dass Gott bereit ist, in der konkreten Bewegung unseres Lebens mitzuwirken – und uns zugleich zu hemmen, wenn wir zu schnell oder in die falsche Richtung unterwegs sind.

Offenbarung 22:17 gibt dieser Einheit eine klare Stimme: „Und der Geist und die Braut sagen: Komm!“ Es heißt nicht: Der Geist sagt, und die Braut wiederholt, sondern sie sprechen gemeinsam. Hier ist kein Abstand mehr zwischen göttlichem Willen und menschlicher Antwort; die Braut ist so sehr von der Gesinnung des Geistes geprägt, dass ihr Ruf mit seinem Ruf zusammenfällt. Auf die Gemeinde übertragen bedeutet das: Gottes Ziehen und unsere Bewegung sind ineinander verschränkt. Wo der Geist sich in der Gemeinde bewegt, dort soll auch die Braut in dieselbe Richtung gehen; wo die Braut spricht, soll ihr Wort den Klang des Geistes tragen.

Praktisch heißt das: Jeder Tag ist von unzähligen kleinen Kreuzungen durchzogen, an denen sich entscheidet, ob unsere Worte, Entscheidungen und Reaktionen Ausdruck unseres natürlichen Tempos oder Ausdruck der stillen Übereinstimmung mit dem Geist sind. Manches Mal steht das Hindernis nicht darin, dass wir gar nichts unternehmen, sondern darin, dass wir schneller sind als Gott – wir reden, bevor der Geist uns innerlich freisetzt, wir planen, bevor wir innerlich geprüft haben, worin er bereits wirkt. Ein anderes Mal bleiben wir zurück, obwohl sein Ziehen deutlich ist. Das geistliche Leben gewinnt an Tiefe, wo inmitten der Bewegung Raum bleibt, innerlich zu horchen: Was tut der Geist? Wo ist sein Ja, wo sein Nein, wo sein Warten?

Und sie durchzogen das Gebiet von Phrygien und Galatien, nachdem ihnen vom Heiligen Geist verboten worden war, das Wort in Asien zu reden. (Apg. 16:6)

Und als sie nach Mysien gekommen waren, versuchten sie, nach Bithynien zu gelangen, doch der Geist Jesu erlaubte es ihnen nicht. (Apg. 16:7)

Der allumfassende Geist des Dreieinen Gottes geht unseren Wegen voraus und will sich mit unserer Bewegung verbinden; wo wir lernen, weder voranzueilen noch zurückzubleiben, sondern im alltäglichen Rhythmus auf sein inneres Ja und Nein zu achten, wird unser Leben zu einem Ort, an dem der Ruf von Geist und Braut gemeinsam hörbar wird und der Leib Christi in Lebendigkeit erhalten bleibt.


Herr Jesus Christus, Du bist der Gott-Mensch, der gekommen ist, um uns in Deine eigene Bewegung hineinzunehmen. Danke, dass Dein Geist in uns wohnt und dass Du bereit bist, Dich in unserer alltäglichen, oft so unscheinbaren Bewegung zu bewegen. Vertiefe in uns das Bewusstsein, dass wir nicht allein unterwegs sind, sondern dass Du in jedem Schritt, in jedem Wort und in jeder Entscheidung bei uns bist. Wo wir aus eigener Kraft vorausgeeilt sind, erneuere Du uns und richte uns wieder neu auf Dein sanftes Ziehen aus. Lass uns erfahren, wie Dein Geist und wir gemeinsam sprechen und handeln, damit unser Leben ein lebendiger Ausdruck Deiner Gegenwart im Leib Christi wird. Stärke die Müden, tröste die Entmutigten und erfülle uns alle neu mit der Hoffnung, dass Dein Weg mit uns gut ist. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Job, Chapter 24