Gottes Ziehen in Christus, um den Leib hervorzubringen
Wenn wir unser persönliches Glaubensleben betrachten, fällt es leicht, alles auf unsere eigenen Bedürfnisse und Kämpfe zu konzentrieren. Doch hinter unserer Errettung steht ein viel größerer Plan: Gott ist in Christus in Bewegung, um etwas Neues im Universum hervorzubringen – einen Leib, in dem Christus sichtbar wird. Wer diese Linie in der Bibel erkennt, beginnt sein eigenes Leiden, das Wirken des Geistes und das Leben in der Gemeinde in einem neuen Licht zu sehen.
Zwei Arten von Leiden: Christus gewinnen und den Leib aufbauen
Wenn Paulus von seinen Leiden spricht, öffnet sich ein Blick in die Werkstatt Gottes. In Philipper 3 beschreibt er den inneren Weg, auf dem er Christus gewinnt: „Doch noch mehr, ich sehe auch alle Dinge als Verlust an wegen der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn; um Seinetwillen habe ich den Verlust aller Dinge erlitten und sehe sie als Abfall an, damit ich Christus gewinne“ (Phil. 3:8). Hier geht es nicht zuerst um äußere Verfolgung, sondern um das stille, schmerzhafte Loslassen dessen, worauf ein Mensch sich stützt, um an der Person Christi reich zu werden. Gott zieht sein Kind so in Christus hinein, dass das frühere Kapital – Herkunft, Leistung, Anerkennung, Sicherheit – in der Gegenwart dieser Vortrefflichkeit zu bloßem Ballast wird. Dieses Verlieren ist ein verborgenes Leiden: Man stirbt einer alten Identität und einem vertrauten Lebensentwurf, und gerade dadurch vertieft sich der innere Besitz von Christus als Leben, Trost und Freude.
Philipper 3:8 und Kolosser 1:24 sprechen von zwei Arten des Leidens. In Philipper 3:8 sagt Paulus: „Ja, wahrlich, ich achte auch alle Dinge für Verlust um der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, willen; um Seinetwillen habe ich den Verlust aller Dinge erlitten und achte sie für Unrat, damit ich Christus gewinne.“ Das Leiden hier ist um des Gewinnens Christi willen. In Kolosser 1:24 sagt Paulus: „Jetzt freue ich mich in meinen Leiden für euch und ergänze in meinem Fleisch das, was noch fehlt an den Drangsalen des Christus für Seinen Leib, das ist die Gemeinde.“ Das Leiden hier ist um des Leibes willen. (Witness Lee, Life-Study of Job, Botschaft zweiundzwanzig, S. 119)
Doch dieser Weg bleibt nicht privat. In Kolosser 1 tritt eine zweite Linie der Leiden hervor: „Jetzt freue ich mich in meinen Leiden für euch und fülle meinerseits das aus, was an den Bedrängnissen Christi noch fehlt, in meinem Fleisch für Seinen Leib, der die Gemeinde ist,“ (Kol. 1:24). Paulus sieht seine Drangsale nicht nur als Mittel zur persönlichen Reife, sondern als etwas, das dem Leib Christi zugutekommt. Was Gott in ihm durch Verluste und Bedrängnisse an Christus-Gewinn wirkt, wird durch sein Dienen, sein Beten, sein Ausharren zu einem Vorrat an Leben für andere. So verbindet Gott unser persönliches Leiden mit dem Aufbau des Leibes: Die innerlich erworbene Wirklichkeit Christi bleibt nicht bei der Einzelperson, sondern wird zu geistlicher Nahrung und Stärkung für viele. Wer so leidet, ist nicht nur Objekt von Gottes Handeln, sondern wird Träger einer unsichtbaren Mehrung Christi in der Gemeinde. In dieser Sicht findet selbst schmerzhafte Erfahrung einen weiten, tröstenden Horizont: Kein Tränenweg ist vergeudet, wenn Gott ihn benutzt, um Christus tiefer in uns zu verankern und durch uns den Leib zu nähren und zu festigen. In dieser Perspektive dürfen auch dunkle Etappen des Lebens zum Ort leiser Dankbarkeit werden, weil Gott sie hineinnimmt in seine große Bewegung hin zu einem reifen, starken Leib Christi.
Doch noch mehr, ich sehe auch alle Dinge als Verlust an wegen der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn; um Seinetwillen habe ich den Verlust aller Dinge erlitten und sehe sie als Abfall an, damit ich Christus gewinne (Phil. 3:8)
Jetzt freue ich mich in meinen Leiden für euch und fülle meinerseits das aus, was an den Bedrängnissen Christi noch fehlt, in meinem Fleisch für Seinen Leib, der die Gemeinde ist, (Kol. 1:24)
Wenn Leiden nicht nur als Störung, sondern als geheiligter Raum gesehen werden, in dem Christus vertieft gewonnen und für andere wirksam wird, verliert das eigene Ringen etwas von seiner Sinnlosigkeit. Wer in dieser Sichtweise stehen lernt, kann mitten im Druck eine leise Freude tragen: Gott schreibt aus persönlichen Verlusten eine Geschichte des gemeinsamen Gewinns für den Leib Christi.
Gottes Bewegung vom Einzelnen zum Leib
Gottes Bewegung beginnt in der Geschichte nicht mit einer Masse, sondern mit einem einzigen Menschen: Jesus Christus. In den Evangelien sehen wir, wie Gott in der Menschwerdung in das Gewebe der menschlichen Existenz eintritt, im Kreuz die Sünde und den alten Menschen richtet, in der Auferstehung neues göttliches Leben hervorbringt und in der Himmelfahrt diesen Menschensohn zur Rechten Gottes erhöht. In Christus werden Gottheit und Menschheit unauflöslich verbunden; er ist der wahre Gott-Mensch, in dem zwei Wirklichkeiten eine Einheit bilden. Darum heißt es in Römer 8:29: „Weil Er die, die Er vorher erkannt hat, auch vorherbestimmt hat, dem Bild Seines Sohnes gleichgestaltet zu sein, damit Er der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei;“. Der eine Sohn wird zum Erstgeborenen unter vielen Brüdern – ein Hinweis darauf, dass Gottes Blick von Anfang an über die einzelne Person hinaus auf eine ganze Familie, ein kollektives Gegenüber gerichtet ist.
Gottes Handeln begann in den vier Evangelien mit der Menschwerdung, Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt Christi. Dies war der Anfang von Gottes Handeln in Christus, um Sein Leib hervorzubringen. Christus, der menschgewordene Gott, trat in die Menschheit ein, um die Göttlichkeit in die Menschheit hineinzubringen und diese beiden Wirklichkeiten eins zu machen, sie so miteinander zu verbinden, dass sie eine Wirklichkeit sind – der Gott-Mensch. Jetzt sind Gott und Mensch eins in der Natur, im Leben, im Wesen, im Element und sogar im Ausdruck. (Witness Lee, Life-Study of Job, Botschaft zweiundzwanzig, S. 120)
Mit der Auferstehung geschieht ein weiterer Schritt: der Christus, der als Einzelner auf der Erde wandelte, wird zum lebengebenden Geist, der in vielen wohnen kann. „Der erste Mensch, Adam, wurde zu einer lebendigen Seele; der letzte Adam wurde zu einem Leben gebenden Geist“ (1.Kor 15:45). Was zuvor in einem Leib konzentriert war, wird nun als Leben in viele Herzen eingegossen. So beginnt in der Apostelgeschichte eine neue Etappe von Gottes Bewegung: Christus breitet sich aus als Leben in den Glaubenden, und aus den Vielen entsteht ein Leib, eine organische, geistliche Wirklichkeit. Der Kolosserbrief nennt Christus „das Geheimnis Gottes“ (Kol. 2:2), während der Epheserbrief die Gemeinde „das Geheimnis Christi“ nennt, „dass in Christus Jesus die Heiden Miterben und Glieder desselben Leibes und Mitteilhaber der Verheißung sind durch das Evangelium“ (Eph. 3:6). Gott bewegt sich also von dem einen Christus hin zu einem Leib Christi, der seine sichtbare, gemeinschaftliche Ausdrucksgestalt ist. In diesem Licht erhält die Gemeinde einen hohen, tröstenden Sinn: Sie ist nicht ein religiöser Verein, sondern die Ausdehnung des Gott-Menschen in Raum und Zeit. Wo dieser Blick das Herz prägt, wird die eigene Glaubensgeschichte eingebettet in eine viel größere Geschichte: Gottes Weg, von einem Menschen zu einem Leib zu gelangen, der ihn aus vielen Personen in einer gemeinsamen Einheit widerspiegelt.
Diese Sicht kann tragen, gerade wenn die Gemeinde in ihrer Unvollkommenheit erlebt wird. Hinter aller Brüchigkeit steht die entschlossene Bewegung Gottes, aus vielen unvollständigen Menschen einen Leib hervorzubringen, der Christus ähnelt. Zu wissen, dass der Christus der Evangelien heute durch seinen Leib in der Welt weitergeht, gibt dem persönlichen Glaubensweg einen leisen, aber kraftvollen Ernst und eine hoffnungsvolle Freude: Jeder Schritt mit Christus, jede innere Veränderung, jeder Gehorsam ist Teil dieses großen Weges vom Einzelnen zum Leib.
Weil Er die, die Er vorher erkannt hat, auch vorherbestimmt hat, dem Bild Seines Sohnes gleichgestaltet zu sein, damit Er der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei; (Röm. 8:29)
So steht auch geschrieben: „Der erste Mensch, Adam, wurde zu einer lebendigen Seele“; der letzte Adam wurde zu einem Leben gebenden Geist. (1.Kor 15:45)
Wo der Blick für Gottes Bewegung vom einen Christus zum Leib aufgeht, verliert vereinzelte Frömmigkeit ihren Reiz. Das eigene Leben gewinnt Tiefe, weil es als Glied in einer größeren, göttlich geführten Geschichte erkannt wird: Christus lebt weiter in einem Leib, und jeder Tag mit ihm steht im Dienst dieses kostbaren Ausdrucks.
Der verarbeitete Dreieine Gott in unserem Geist
Wenn das Neue Testament vom verarbeiteten Dreieinen Gott spricht, öffnet es den Blick für eine erstaunliche Nähe Gottes. Der Gott, der in 1. Mose als Schöpfer der Himmel und der Erde erscheint, bleibt nicht auf dem Thron einer fernen Ewigkeit. In Christus durchläuft Er Menschwerdung, Kreuz, Auferstehung und Himmelfahrt und kommt im Geist in einer neuen Weise zu den Menschen. So wird der Dreieine Gott zum allumfassenden, zusammengesetzten, innewohnenden Geist, der in den Glaubenden Wohnung nimmt. Dieser Geist ist nicht bloß Kraft oder Einfluss, sondern Gott selbst, der sich als Leben, Natur und Wesen mitteilt. Darum kann Paulus sagen, dass Gottes Ziel darin liegt, uns „dem Bild Seines Sohnes gleichgestaltet“ zu machen (Röm. 8:29). Gleichgestaltet nicht in der Gottheit, aber in Leben und Natur, sodass ein innerer Verwandlungsprozess stattfindet: der Gott, der früher angebetet wurde, zieht als lebengebende Wirklichkeit in den menschlichen Geist ein.
In diesem Abschnitt des Wortes haben wir eine umfassende Offenbarung über das christliche Leben. Die Substanz, das Wesen, das Element und der Ausdruck dieses Teils des Wortes sind nichts anderes als der verarbeitete, vollendete Dreieine Gott als der allumfassende, zusammengesetzte, innewohnende Geist, der in unserem Geist in uns wohnt, um unser Leben, unsere Natur, unser Wesen und unser Alles zu sein, damit wir im Leben und in der Natur derselbe wie der Dreieine Gott sind, um in gemeinschaftlicher Weise Seine Fülle als Sein voller Ausdruck zu sein. (Witness Lee, Life-Study of Job, Botschaft zweiundzwanzig, S. 121)
Dieser Wohnort Gottes ist der menschliche Geist, das innerste Zentrum der Person. Dort berührt der innewohnende Geist unser Denken, Fühlen und Wollen von innen her und baut in uns einen neuen Menschen auf. Wenn die Schrift ruft: „betet unaufhörlich,“ (1.Thes. 5:17) und „durch jede Art von Gebet und Flehen, indem ihr zu jeder Zeit im Geist betet“ (Eph. 6:18), dann wird Gebet nicht nur als Bitte verstanden, sondern als ständiges Öffnen und Atmen gegenüber diesem innewohnenden Gott. Im schlichten Sich-zu-Gott-Hinwenden im Geist lassen wir zu, dass seine Substanz uns durchdringt, dass seine Gedanken unsere Gedanken färben, seine Liebe unsere Reaktionen prägt. So entsteht im Verborgenen ein Wachstum im Leben bis zur Reife: der Dreieine Gott teilt sich mit, und der Mensch wird innerlich umgestaltet.
Wo dieser Prozess stattfindet, bleibt er nie bei der Einzelperson stehen. Der verarbeitete Dreieine Gott wohnt nicht isoliert in vielen Einzelnen, sondern baut aus ihnen ein gemeinschaftliches Gefäß: den Leib Christi. Die Fülle, von der Paulus spricht – „den Heiden den unerforschlichen Reichtum Christi als das Evangelium zu verkünden“ (Eph. 3:8) – ist eine Fülle, die in der Gesamtheit der Heiligen sichtbar wird. Jeder, der sich dem innewohnenden Geist öffnet, trägt etwas von dieser Fülle in sich und bringt zugleich etwas in die gemeinsame Gestalt des Leibes ein. In dieser Perspektive wird das innere Leben mit Gott nie zur privaten Nische; es ist der Ort, an dem Gott sich vorbereitet, in seinem Leib sichtbar zu werden. So kann die unscheinbare Treue im Alltag, das leise Gebet, das erneute Sich-Öffnen für den Geist als mittragende Bewegung für den Aufbau des Leibes gesehen werden. Das ermutigt, den eigenen inneren Weg nicht gering zu achten: In der Tiefe des menschlichen Geistes schreibt der Dreieine Gott an der Geschichte seines ewigen Ausdrucks.
Der Blick auf den innewohnenden Geist löst Druck und zugleich Oberflächlichkeit: Druck, weil klar wird, dass der Aufbau des Leibes nicht aus menschlicher Anstrengung geboren wird, sondern aus Gottes Wirken in der Tiefe; Oberflächlichkeit, weil deutlich wird, wie kostbar jeder Augenblick bewusster Gemeinschaft mit Gott ist. Wer sich von dieser Wirklichkeit berühren lässt, darf staunend entdecken, dass der eigene Geist nicht ein enger, dunkler Raum ist, sondern ein von Gott bewohnter Ort – ein innerer Tempel, aus dem heraus der Leib Christi genährt und in Richtung seiner ewigen Vollendung geführt wird.
betet unaufhörlich, (1.Thes. 5:17)
durch jede Art von Gebet und Flehen, indem ihr zu jeder Zeit im Geist betet und hierzu wachsam seid in aller Beharrlichkeit und in allem Flehen für alle Heiligen, (Eph. 6:18)
Die Erkenntnis, dass der verarbeitete Dreieine Gott im eigenen Geist wohnt und von dort aus den Leib Christi aufbaut, verleiht dem verborgenen Leben mit Gott ein großes Gewicht und eine stille Freude. Jede unscheinbare Wendung des Herzens zu Gott wird Teil von etwas Größerem: Sie lässt Christus in uns wachsen und trägt dazu bei, dass der Leib Christi als sein gemeinschaftlicher Ausdruck hervorkommt.
Herr Jesus Christus, danke, dass du dich selbst erniedrigt, gelitten und den Tod geschmeckt hast, um uns zu gewinnen und deinen Leib hervorzubringen. Du wohnst jetzt als lebengebender Geist in unserem Geist, um uns in deinem Leben zu durchdringen und uns zu einem lebendigen Teil deines Leibes zu machen. Stärke in uns die inneren Augen, damit wir deine Bewegung in dieser Zeit erkennen und unser persönliches Erleben – auch unser Leiden – im Licht deines ewigen Planes verstehen. Erfülle dein Volk neu mit deiner Gegenwart, damit inmitten aller Schwachheit und Begrenzung deine Fülle sichtbar wird und dein Leib aufgebaut wird zur Ehre des Vaters. Lass in uns die Hoffnung auf die Vollendung in der ewigen Stadt lebendig bleiben, wo du in deinem Leib für immer verherrlicht wirst. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Job, Chapter 22