Gottes Absicht in Seiner Schöpfung des Menschen und in Seinem Handeln mit Seinem auserwählten Volk
Vieles im Leben des Glaubens bleibt unverständlich, solange wir Gottes große Absicht mit dem Menschen nicht sehen. Warum hat Gott den Menschen überhaupt geschaffen, und warum geht Er so einen langen Weg mit seinem auserwählten Volk – durch Prüfungen, Versagen und Neuanfänge hindurch? Erst wenn wir die Linie von 1. Mose bis zur Offenbarung betrachten, erkennen wir, dass Gott nicht nur etwas vom Menschen will, sondern sich selbst dem Menschen schenken, mit ihm eins werden und ihn zu einem Träger seiner Herrlichkeit machen möchte.
Gottes Ziel: Sich selbst in den Menschen hineinarbeiten
Wenn die Bibel von der Schöpfung des Menschen spricht, bleibt sie nicht bei einer äußeren Beschreibung stehen. In 1. Mose 2:7 heißt es: „da formte Jehovah Gott den Menschen vom Staub des Erdbodens und hauchte ihm den Lebensatem in die Nasenlöcher, und der Mensch wurde zu einer lebenden Seele.“ Der Mensch ist Staub vom Erdboden, aber er lebt durch einen Hauch aus Gott. In diesem einfachen Bild deutet Gott an, was Er im Verborgenen im Sinn hat: Der Mensch soll Träger von etwas sein, das nicht aus ihm selber stammt. Er ist nicht als selbstgenügsiges, autonomes Wesen geschaffen, sondern als ein Gefäß, das von Gottes eigenem Leben erfüllt werden kann. Darum spricht Hiob, wenn auch ahnungsvoll und tastend, zu Gott: „Doch diese Dinge hast Du in Deinem Herzen verborgen; ich weiß, dass dies bei Dir ist“ (Hiob 10:13). Hinter der sichtbaren Schöpfung steht ein verborgener Ratschluss in Gottes Herzen: Er will sich selbst in den Menschen hineingeben.
Das Neue Testament macht uns deutlich, dass Gottes Absicht bei der Schöpfung des Universums und von Milliarden von Dingen, den Menschen eingeschlossen, darin besteht, Sich Selbst in den Menschen hineinzuwirken. Gott möchte in den Menschen hineinkommen, um sein Inhalt zu sein und sein Leben, seine Natur, seine Lebensversorgung und sein Element zu sein. (Witness Lee, Life-Study of Job, Botschaft sechzehn, S. 91)
Von den ersten Seiten der Schrift an zeichnet sich eine Linie ab: Gott bleibt nicht distanziert über Seinem Werk, sondern neigt sich ihm zu, um in eine innige Beziehung mit dem Menschen einzutreten. In 1. Mose sehen wir den Geist Gottes über den Wassern schweben und den Menschen als lebende Seele vor Gott stehen; im Neuen Testament wird offenbar, was von Anfang an gemeint war: Gott selbst kommt in Christus und durch den Geist in Sein geschaffenes Gefäß hinein. Johannes 7:39 erklärt über Jesus: „Dies aber sagte Er über den Geist, den jene empfangen sollten, die in Ihn hineinglauben; denn der Geist war noch nicht, weil Jesus noch nicht verherrlicht worden war.“ Der verherrlichte Christus wird zum empfangbaren Geist, damit der dreieine Gott sich selbst als Leben, Natur und Lebensversorgung in den Menschen hineinwirken kann. So entsteht der Leib Christi als ein lebendiges Ganzes, der „die Fülle dessen [ist], der alles in allem erfüllt“ (Eph. 1:23). In dieser Sicht wird das eigene Leben relativ, und ein leiser, aber nachhaltiger Trost geht davon aus: Gott hat sich auf den Weg gemacht, sich in dich hineinzuteilen. Er ist nicht zufrieden, dich nur zu führen oder zu korrigieren; Er möchte in dir wohnen, dich von innen her prägen und dich als Teil Seines Leibes in eine Gemeinschaft hineinführen, die bis in das neue Jerusalem reicht. Wer sich von dieser Absicht Gottes berühren lässt, beginnt die eigene Geschichte nicht mehr nur von den eigenen Bedürfnissen her zu lesen, sondern von Gottes Wunsch her, Wohnung in Menschen zu nehmen – und darin liegt eine tiefe, tragende Würde.
da formte Jehovah Gott den Menschen vom Staub des Erdbodens und hauchte ihm den Lebensatem in die Nasenlöcher, und der Mensch wurde zu einer lebenden Seele. (1. Mose 2:7)
Doch diese Dinge hast Du in Deinem Herzen verborgen; ich weiß, dass dies bei Dir ist. (Hiob 10:13)
Wenn der Mensch als Gefäß geschaffen ist, wird das Entscheidendste im Glaubensleben nicht das, was aus eigener Kraft erreicht wird, sondern das, was Gott in uns hineinlegen darf. Anstatt sich an einem Idealbild menschlicher Perfektion abzuarbeiten, öffnet sich der Blick für Gottes stilles Wirken im Inneren: der Geist, der in uns Wohnung nimmt, der Christus als Inhalt unseres Lebens macht, der aus isolierten Einzelnen einen organischen Leib formt. Wer sich dieser Perspektive stellt, darf seine Schwachheit nüchtern sehen, ohne daran zu verzweifeln, denn die eigentliche Geschichte ist die Geschichte dessen, was Gott in einem Menschenherzen bauen kann. So bekommt der Alltag, mit all seinen Begrenzungen, einen neuen Ton: Er wird zur Gelegenheit, dass Gottes ewiger Vorsatz – sich selbst mitzuteilen und sich mit einem Volk zu vereinen – ein Stück weiter Gestalt gewinnt.
Christus, der Gott-Mensch und der lebensspendende Geist
Gottes Vorsatz, sich selbst in den Menschen hineinzuteilen, bleibt nicht eine Idee am Himmel. Er verdichtet sich in einer Person. Matthäus beschreibt nüchtern, aber gewichtig: „Der Ursprung Jesu Christi war nun so: Nachdem Maria, Seine Mutter, mit Josef verlobt worden war, fand es sich, bevor sie zusammengekommen waren, dass sie vom Heiligen Geist schwanger war“ (Matt. 1:18). Gott tritt mit Seiner Göttlichkeit in den Schoß einer Jungfrau ein; Er verbindet sich unwiderruflich mit wahrer Menschlichkeit. Der unsichtbare Gott nimmt ein menschliches Gesicht an, atmet unsere Luft, trägt die Begrenzungen eines menschlichen Leibes und lebt doch ganz aus dem Vater. Gerade darin leuchtet auf, was der Mensch nach Gottes Gedanken sein soll: ein Wesen, das in seinen menschlichen Tugenden die göttlichen Eigenschaften ausdrückt. Kein Mensch hat Gott so gefürchtet und geehrt wie Jesus; Er lebt, spricht und handelt nicht aus sich selbst, sondern lässt den Vater in sich wirken. In Ihm werden die Linien der Schrift zusammengeführt: der Schöpfergott wird Gott-Mensch.
Aber eines Tages, nach einer Zeitspanne von viertausend Jahren, in der der Mensch erprobt, geprüft und als sündig und zu nichts gut erwiesen worden war, trat Gott aus der Ewigkeit in die Zeit hinein. Er kam mit Seiner Göttlichkeit in den Schoß einer menschlichen Jungfrau, um Sich mit der Menschheit zu verbinden. Dies war der erste Schritt in Gottes Handeln. Der zweite Schritt war, dass Er aus dieser menschlichen Jungfrau geboren wurde, um der Gott-Mensch zu sein. Nachdem Er neun Monate im Schoß einer menschlichen Jungfrau gewesen war, kam Er aus diesem Schoß hervor, nicht nur mit Göttlichkeit, sondern auch mit Menschlichkeit, um ein Mensch mit dem Namen Jesus zu sein. Dieser Mensch ist außergewöhnlich, ganz und gar ungewöhnlich, weil Er der Gott-Mensch ist. (Witness Lee, Life-Study of Job, Botschaft sechzehn, S. 92)
Doch der Weg Gottes mit dem Gott-Menschen bleibt nicht bei einem vorbildlichen Leben stehen. Am Kreuz endet die alte Schöpfung in ihrer Gottferne; alles, was der erste Adam in die Menschheit hineingebracht hat, wird richterlich getragen und abgetan. In der Auferstehung geschieht eine stille, aber gewaltige Wendung: Die Menschlichkeit Christi wird in die Sphäre der Göttlichkeit hineingenommen, und Er, der Sohn Davids dem Fleisch nach, wird „dem Geist der Heiligkeit nach aus der Auferstehung der Toten in Kraft als Sohn Gottes bestimmt“ (Röm. 1:4). Paulus fasst zusammen: „Der erste Mensch, Adam, wurde zu einer lebendigen Seele; der letzte Adam wurde zu einem Leben gebenden Geist“ (1.Kor 15:45). Der Gott-Mensch, der einst in Bethlehem geboren wurde, ist jetzt als lebensspendender Geist da, um in Menschen zu wohnen. So wird Gottes Ziel praktisch: Christus kommt nicht nur zu uns, Er kommt in uns hinein; Er bleibt nicht äußerer Maßstab, sondern inneres Leben. Darin liegt eine leise, aber tiefgreifende Ermutigung: Der, der uns ruft, ist derselbe, der in uns lebt und sich selbst in uns verwirklicht. Wer auf diesen Christus vertraut, steht mit seinen Begrenzungen nicht mehr allein vor den Forderungen Gottes, sondern trägt in sich den, der Gottes Willen bereits vollkommen erfüllt hat und sein eigenes Leben in unsere Schwachheit hineingibt.
Der Ursprung Jesu Christi war nun so: Nachdem Maria, Seine Mutter, mit Josef verlobt worden war, fand es sich, bevor sie zusammengekommen waren, dass sie vom Heiligen Geist schwanger war. (Matt. 1:18: 20)
der dem Geist der Heiligkeit nach aus der Auferstehung der Toten in Kraft als Sohn Gottes bestimmt wurde, über Jesus Christus, unseren Herrn, (Röm. 1:4)
Christus als Gott-Mensch und als lebensspendender Geist zu erkennen, löst das Glaubensleben aus dem Kreislauf bloßer Nachahmung. Es geht nicht zuerst darum, Jesu Leben von außen zu kopieren, sondern Ihn als inneren Bewohner ernst zu nehmen. Der, der in Nazareth lebte, am Kreuz starb und in Herrlichkeit auferstand, ist derselbe, der jetzt in den Glaubenden Wohnung macht, ihre Menschlichkeit nicht auslöscht, sondern erneuert und in die Gemeinschaft mit der Göttlichkeit hineinzieht. So kann ein sehr gewöhnlicher Alltag zum Ort werden, an dem ein ungewöhnliches Leben sichtbar wird: nicht spektakulär, aber real, in stiller Treue, in sanfter Kraft, in einer Liebe, die nicht aus uns selber stammt. Es ist tröstlich, dass Gottes Geschichte mit uns nicht an unseren Grenzen zerbricht, sondern gerade dort an Tiefe gewinnt, wo der lebensspendende Geist Raum findet, das Leben des Gott-Menschen in uns aufleuchten zu lassen.
Leben im Geist: Teilnahme an Gottes ewiger Absicht
Wenn Christus als lebensspendender Geist in die Glaubenden eingetreten ist, gewinnt Gottes ewige Absicht eine sehr konkrete, alltägliche Gestalt. Paulus fasst dies schlicht: „Wenn wir durch den Geist leben, lasst uns auch durch den Geist wandeln“ (Gal. 5:25). Leben durch den Geist bedeutet, dass die Quelle unseres inneren Lebens nicht mehr in uns selbst liegt, sondern in dem, der in uns wohnt. Wandeln durch den Geist heißt, Schritt für Schritt in Übereinstimmung mit diesem inneren Leben zu gehen. Der Geist ist dabei nicht nur eine Kraft unter vielen, sondern – wie Galater 3:14 zeigt – die Zusammenfassung des göttlichen Segens: In Ihm kommen Erlösung, Wiedergeburt, das göttliche Leben, Gerechtigkeit, Heiligung, Umwandlung und Erneuerung zu uns. Was Gott in Christus für uns vollbracht hat, teilt Er uns im Geist in uns mit.
Galater 3:14 zeigt uns, dass der Geist die Summe, die Gesamtheit des göttlichen Segens des Evangeliums ist, der uns gegeben wurde. Dieser Segen ist allumfassend und in jeder Hinsicht einschließend. Ein solcher Segen umfasst Erlösung, Wiedergeburt, das göttliche Leben, Gerechtigkeit, Rechtfertigung, Heiligung, Umwandlung und Erneuerung. (Witness Lee, Life-Study of Job, Botschaft sechzehn, S. 94)
Römer 8:4 beschreibt die Folge: „damit die gerechte Forderung des Gesetzes in uns erfüllt würde, die wir nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist.“ Die Forderung Gottes wird nicht durch menschliche Anstrengung erfüllt, sondern dadurch, dass ein anderer in uns lebt. Dieser Geist wohnt im zutiefst persönlichen Bereich unseres Daseins, in unserem menschlichen Geist, und wird dort zur Gnade, zur stillen Kraft, die trägt und verwandelt. „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist, Brüder. Amen“ (Gal. 6:18). Wo ein Mensch lernt, auf dieses innere Zeugnis zu achten, wächst etwas, das über ihn selbst hinausweist: Gottes eigener Ausdruck in einem menschlichen Leben. Damit beginnt schon jetzt das, was im neuen Jerusalem vollendet sichtbar wird: Gott, der bei den Menschen wohnt, und ein Volk, das von Ihm durchdrungen ist. Diese Perspektive entlastet und ermutigt zugleich. Sie entlastet, weil das Gewicht nicht auf der Perfektion unseres Verhaltens liegt, sondern auf der Treue Gottes, der in uns wirkt. Sie ermutigt, weil jeder unscheinbare Schritt im Geist – jede kleine Antwort auf Sein inneres Reden – Teil einer großen Geschichte ist: der Geschichte des Dreieinen Gottes, der sich mit Menschen zu einem lebendigen Leib verbindet und sie in eine ewige Gemeinschaft hineinführt, in der Er alles in allen sein wird.
Wenn wir durch den Geist leben, lasst uns auch durch den Geist wandeln. (Gal. 5:25)
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist, Brüder. Amen. (Gal. 6:18)
So wird selbst ein unscheinbarer Alltag zu einem Ort, an dem Gottes ewige Absicht leise Gestalt gewinnt und Christus in uns mehr Raum bekommt.
Herr Jesus Christus, wir staunen darüber, dass Deine große Absicht nicht in Dingen, Erfolgen oder Leistungen liegt, sondern darin, Dich selbst in uns hineinzulegen und mit uns eins zu sein. Danke, dass Du als Gott-Mensch gekommen bist, für uns gestorben und auferstanden bist und nun als lebensspendender Geist in uns wohnst. Lass uns tiefer erkennen, wie reich Deine Gegenwart in unserem Geist ist, und erfülle unser Denken, Fühlen und Wollen mit Dir selbst. Wo unsere Sicht von Leiden, Alltag und Gemeinde zu klein ist, öffne unsere Augen für Dein ewiges Ziel mit Deinem Volk. So segne Du unser Leben, dass Dein Bild in uns deutlicher wird und Dein Leib erbaut wird, bis wir einmal in der Vollendung des neuen Jerusalem bei Dir in Herrlichkeit sind. In dieser Hoffnung ruhen wir in Deiner Gnade und loben Dich für Deine treue Führung. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Job, Chapter 16