Gottes Antwort an Hiob
Viele Menschen ringen wie Hiob mit der Frage, warum Gott Leid zulässt und was sein Ziel mit uns ist. Einzelne starke Verse aus dem Hiobbuch berühren, aber die große Linie bleibt oft verschwommen. Erst wenn man die Bibel als Ganzes liest und vom Kreuz und der Auferstehung Jesu her zurückschaut, beginnt sich ein roter Faden zu zeigen: Gott ist nicht nur Richter über Hiobs Leben, sondern Baumeister einer neuen Schöpfung, in der er selbst in Menschen Wohnung nimmt.
Gottes verborgenes Ziel hinter Hiobs Leiden
Im Hintergrund von Hiobs Klage steht eine größere Frage, als es seine Freunde ahnen: Wenn Gott gut und gerecht ist, warum hat Er den Menschen überhaupt geschaffen – und warum führt Er ihn dann Wege, die wie ein hartes Gericht aussehen? Hiob ringt, er argumentiert, er klagt seinen Fall vor Gott ein, doch am Ende bekennt er: „Ich hatte von Dir gehört durch das Hören des Ohres, jetzt aber hat mein Auge Dich gesehen“ (Hiob 42:5). Zwischen Hören und Sehen liegt der Weg durch das Leiden, auf dem Gott Hiob alles nimmt, worauf dieser sich stützen konnte: Besitz, Anerkennung, Gesundheit, das Bewusstsein eigener Frömmigkeit. Nicht um ihn zu vernichten, sondern um ihn von einer Außenbeziehung zu Gott zu einer inneren Begegnung zu führen. Das Alte Testament beschreibt diesen Prozess eindrücklich, lässt aber die große Absicht Gottes noch weitgehend hinter einem Vorhang verborgen.
Dennoch lassen uns die zweiundvierzig Kapitel in Hiob trotz solcher Verse mit einer entscheidenden, zweiteiligen Frage zurück: Was war der Vorsatz Gottes, als Er den Menschen schuf, und was ist der Vorsatz Gottes in Seinem Handeln mit Seinem auserwähltes Volk? Um diese Frage zu beantworten, brauchen wir die gesamte Bibel. Besonders das Neue Testament ist eine ausführliche Antwort auf Hiobs Frage. (Witness Lee, Life-Study of Job, Botschaft zehn, S. 61)
Das Neue Testament zieht diesen Vorhang zur Seite. Es zeigt, dass Gott den Menschen nicht als religiöses Gegenüber, sondern als Gefäß Seiner selbst geschaffen hat. In Jesus Christus tritt der Dreieine Gott in unsere Geschichte hinein, um in der Tiefe der menschlichen Natur Wohnung zu nehmen. Petrus preist den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, „der uns nach Seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten“ (1. Petrus 1:3). Hier wird sichtbar, was hinter Hiobs Dunkel liegt: Gottes Ziel ist nicht, fromme Leistung zu korrigieren oder moralisch zu verfeinern, sondern Menschen in die Wirklichkeit der neuen Schöpfung hineinzunehmen, in der Christus ihr Leben, ihre Gerechtigkeit, ihre Hoffnung ist. Leid verliert damit nicht seine Schärfe, aber es bekommt eine andere Richtung: Es dient einer Umgestaltung, in der das Eigenleben ausschmilzt und Raum entsteht, dass Gottes eigenes Leben sich ausbreiten kann. Wer das tastend zu erahnen beginnt, darf mitten in offenen Fragen hoffen, dass kein Weg vergeblich ist, auf dem Gott uns von bloßem Hören zum wirklichen Sehen Seiner Herrlichkeit führen will.
Ich hatte von Dir gehört durch das Hören des Ohres, jetzt aber hat mein Auge Dich gesehen; (Hiob 42:5)
Gesegnet sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach Seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, (1.Petr. 1:3)
Die Geschichte Hiobs lädt dazu ein, das eigene Leiden nicht vorschnell als Strafe oder als bloßes Unglück zu deuten, sondern im Licht von Christus neu zu betrachten: als Teil eines Weges, auf dem der Dreieine Gott sich tiefer mitteilen, eigene Sicherheiten lockern und eine lebendige Hoffnung in uns wachsen lassen will, die über alle sichtbaren Verluste hinausreicht.
Christus – Gottes Antwort in Person
Die Antwort Gottes an Hiob bleibt zunächst in Bildern, Fragen und einer machtvollen Offenbarung Seiner Größe. Mit der Inkarnation erhält diese Antwort ein Gesicht und einen Namen. Von 1. Mose an zieht sich die Spur eines verheißenen Samens, eines kommenden Retters, durch die Schrift. Im Evangelium nach Matthäus wird dieser Versprechenstrang greifbar: „Der Ursprung Jesu Christi war nun so: Nachdem Maria, Seine Mutter, mit Josef verlobt worden war, fand es sich, bevor sie zusammengekommen waren, dass sie vom Heiligen Geist schwanger war“ (Matthäus 1:18). Gott tritt aus der Ewigkeit in die Zeit, Er verbindet Seine göttliche Natur mit unserer menschlichen Natur und macht sie zu einer Einheit in der Person Jesu. Damit ist Gott nicht mehr nur der ferne Souverän über Hiobs Leid, sondern der nahe Gott-mit-uns mitten in unserer Zerbrechlichkeit.
Daran erkennen wir, dass die Menschwerdung Gottes Hinaustreten aus der Ewigkeit in die Zeit war, um mit seiner Göttlichkeit in die Menschheit einzutreten. Vor der Menschwerdung war Gott in der Ewigkeit und der Mensch in der Zeit. Durch die Menschwerdung brachte Gott die göttliche Natur und die menschliche Natur zusammen und vereinte sie zu einer Einheit, ja zu einer wunderbaren Person namens Jesus. (Witness Lee, Life-Study of Job, Botschaft zehn, S. 62)
Am Kreuz geschieht dann, was Hiob nur ahnen konnte: Der unschuldige Gerechte nimmt die ganze Last von Schuld, Verlassenheit und Gottferne auf sich. Dort ruft einer, der wirklich gerecht ist, den Schrei, der in Hiobs Fragen anklingt, und trägt ihn bis in den Tod. In der Auferstehung aber antwortet der Vater auf diesen Schrei mit einer neuen Wirklichkeit: „dass Gott diese Verheißung an uns, ihren Kindern, völlig erfüllt hat, indem Er Jesus hat auferstehen lassen, wie auch im zweiten Psalm geschrieben steht: ‚Du bist Mein Sohn; heute habe Ich Dich gezeugt‘“ (Apostelgeschichte 13:33). Der gekreuzigte Christus wird als der Erstgeborene unter vielen Brüdern offenbar, als der, der als lebengebender Geist in Menschen hineinkommt, um sie von innen her zu erneuern (vgl. 1. Korinther 15:45). Gottes Antwort auf Hiobs Ringen liegt damit nicht zuerst in einer Erklärung Seiner Wege, sondern in einer Person, die unsere Wege teilt, unser Leid trägt und uns sein eigenes Auferstehungsleben schenkt. In dieser Person dürfen auch ungeklärte Fragen ruhen, weil wir in Ihm einen Gott finden, der nicht neben dem Leid steht, sondern es in einen Durchgang zur Gemeinschaft mit sich verwandelt.
So wird deutlich: Wer Christus begegnet, erhält nicht nur Trost, sondern eine neue Existenz. Die harte Frage „Warum?“ verliert nicht jede Bedeutung, aber sie wird von einer anderen, tieferen Realität umfangen: Gott selbst ist gekommen, um in unserem Fleisch zu wohnen, durch unser Leiden hindurchzugehen und uns in Seinem Leben zu tragen. In dieser Begegnung darf der Mensch, wie Hiob am Ende seines Buches, innerlich stiller werden – nicht, weil alle Rätsel gelöst sind, sondern weil die Antwort in Person bei ihm ist.
Der Ursprung Jesu Christi war nun so: Nachdem Maria, Seine Mutter, mit Josef verlobt worden war, fand es sich, bevor sie zusammengekommen waren, dass sie vom Heiligen Geist schwanger war. (Mt. 1:18)
dass Gott diese Verheißung an uns, ihren Kindern, völlig erfüllt hat, indem Er Jesus hat auferstehen lassen, wie auch im zweiten Psalm geschrieben steht: „Du bist Mein Sohn; heute habe Ich Dich gezeugt.“ (Apg. 13:33)
Im Licht von Inkarnation, Kreuz und Auferstehung kann das eigene Leben mit Christus neu gelesen werden: nicht als Abfolge zufälliger Ereignisse, sondern als Weg, auf dem der Gott-mit-uns hineintritt in konkrete Nöte, mitträgt, was drückt, und Schritt für Schritt Sein Auferstehungsleben freilegt, das stärker ist als Schuld, Scheitern und Tod.
Der Leib Christi und das neue Jerusalem – das Ziel von Gottes Antwort
Gottes Antwort an Hiob reicht weiter, als dessen persönliches Schicksal vermuten lässt. Der Weg eines einzelnen Leidenden steht im Zusammenhang eines großen Bauwerkes Gottes. Durch den auferstandenen und erhöhten Christus gießt der Dreieine Gott Seinen allumfassenden, lebengebenden Geist auf Menschen aus, um sie innerlich zu beleben und zu verbinden. So entsteht der Leib Christi, ein organischer Leib, in dem Christus das Haupt ist und alle Erlösten als Glieder miteinander verflochten sind. Die Apostelgeschichte beschreibt Pfingsten als einen solchen Wendepunkt, an dem aus verstreuten Jüngern ein Leib hervorkommt, in dem Gottes Gegenwart wohnt und wirkt. In diesem Leib beginnt bereits hier auf der Erde, was in der Offenbarung als neues Jerusalem sichtbar wird: eine vollendete Gemeinschaft, in der Gott und Mensch untrennbar miteinander verbunden sind.
In Seiner Auffahrt hat Christus Sich Selbst als der vollendete Dreieine Gott und als der allumfassende Geist über Seine Glieder ausgegossen, um sie alle zu einem organischen Leib zu machen, der der Organismus des durch einen Prozess gegangenen und vollendeten Dreieinen Gottes ist. Dies ist die Gemeinde als der neue Mensch, als der Leib Christi und als der Organismus des Dreieinen Gottes, und diese Wirklichkeit wird im Neuen Jerusalem ihre Vollendung finden. (Witness Lee, Life-Study of Job, Botschaft zehn, S. 64)
Das Bild des neuen Jerusalem am Ende der Bibel zeigt die Vollendung dessen, was in Hiobs Leben noch dunkel und fragmentarisch ist: eine Stadt, die von der Herrlichkeit Gottes erleuchtet wird, eine Braut, geschmückt für ihren Mann, gebaut aus lebendigen Steinen, die durch viele Feuer hindurchgegangen sind (vgl. Offenbarung 21). Dort spiegelt eine verklärte Menschheit die Herrlichkeit Gottes wider; dort ist jedes Leiden umgewandelt, jede Träne abgewischt, jede Treue im Verborgenen in die Architektur der ewigen Stadt eingegangen. Hiobs Leid bekommt in diesem Licht eine neue Weite: Es gehört, so schwer es im Moment wiegt, zu Gottes Weg, Menschen zu formen, zu läutern und als Teil Seines ewigen Bauwerks einzugliedern. Wer heute zum Leib Christi gehört, lebt gewissermaßen schon in den Vorhöfen des neuen Jerusalem. Darin liegt eine tiefe Ermutigung: Kein scheinbar isolierter Kampf, keine verborgen vergossene Träne bleibt unverbunden, sondern ist in Gottes Händen Teil einer Geschichte, die auf eine Stadt der Herrlichkeit zuläuft, in der Er selbst alles in allem sein wird.
So wird die Antwort Gottes an Hiob zu einer Einladung, das eigene Leben nicht nur individuell, sondern in dieser großen Gemeinschaftsperspektive zu sehen. In der Zugehörigkeit zum Leib Christi, in der Teilhabe an der neuen Schöpfung und in der Ausrichtung auf das neue Jerusalem beginnt schon jetzt etwas von jener Vollendung, in der Gottes Herrlichkeit in verwandelten Menschen aufleuchtet. Diese Aussicht macht das Heute nicht leichter, aber sie füllt es mit Sinn, der über den Horizont der sichtbaren Welt hinausreicht.
So steht auch geschrieben: „Der erste Mensch, Adam, wurde zu einer lebendigen Seele“; der letzte Adam wurde zu einem Leben gebenden Geist. (1.Kor 15:45)
Gesegnet sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach Seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, (1.Petr. 1:3)
Die Vision von Leib Christi und neuem Jerusalem stärkt die innere Zuversicht, dass Gott unser persönliches Erleben in ein viel größeres Ganzes hineinstellt: Er formt uns nicht isoliert, sondern zusammen mit vielen anderen zu einem Organismus, der Ihn widerspiegelt, und jede Phase – auch die schmerzhaften – ist eingebunden in sein Ziel, uns in die Ewigkeit seiner herrlichen Gemeinschaft hineinzubauen.
Herr Jesus Christus, du bist Gottes leise, aber mächtige Antwort auf alle Fragen und Nöte unseres Herzens. Danke, dass du nicht fern bleibst, sondern in unser Leiden kommst, es kennst und es in deinem Tod und deiner Auferstehung durchgetragen hast. Stärke den Glauben dort, wo wir wie Hiob nichts verstehen, und fülle gerade in solchen Zeiten unser Inneres neu mit deinem lebengebenden Geist. Lass uns als Teil deines Leibes leben und schon heute etwas von der Herrlichkeit des neuen Jerusalems widerspiegeln, in dem du alle Tränen abwischst. In deiner treuen Gegenwart finden wir Halt und Hoffnung, bis wir dein Werk in uns vollendet sehen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Job, Chapter 10