Das Wort des Lebens
lebensstudium

Ein einleitendes Wort

10 Min. Lesezeit

Wenn der Name Hiob fällt, denken viele sofort an unbegreifliches Leid: ein gottesfürchtiger Mann, der scheinbar ohne Grund alles verliert. War das Gottes Strafe, ein blindes Schicksal oder steckt eine tiefere Absicht dahinter? Wer ehrlich mit Gott lebt, kennt ähnliche Fragen – besonders dann, wenn Schmerz, Verlust oder innere Kämpfe nicht zu unserem eigenen Versagen zu passen scheinen. Gerade das alte Buch Hiob öffnet eine Tür, um Gottes Herz hinter solchen Erfahrungen besser zu verstehen und die Linie der Bibel von 1. Mose bis zu den Briefen des Paulus neu zu entdecken.

Gottes Ziel: Sich selbst als Leben und Herrlichkeit schenken

Wenn wir an Hiob denken, sehen wir zunächst einen außerordentlich moralischen und gottesfürchtigen Mann. Die Schrift zeichnet ihn so: „Dieser Mann war rechtschaffen und redlich und gottesfürchtig und mied das Böse“ (Hiob 1:1). Alles scheint geordnet, vorbildlich, respektabel. Und doch führt Gott ihn einen Weg, der dieses in sich stimmige Leben bis in die Grundfeste erschüttert. Am Ende dieses Weges steht das überraschende Bekenntnis: „Ich hatte von Dir gehört durch das Hören des Ohres, jetzt aber hat mein Auge Dich gesehen“ (Hiob 42:5). Hinter all den Ereignissen steht also nicht bloß die Absicht, einen guten Menschen noch besser zu machen, sondern etwas viel Tieferes: Gott selbst will sich diesem Menschen schenken – nicht nur als Thema, sondern als gelebte Wirklichkeit.

Meine Last in diesen Botschaften lässt sich in vier Sätzen zusammenfassen: 1) Gott handelt mit Seinen Heiligen, damit sie Ihn als Leben gewinnen. 2) Gott entkleidet Seine Sucher ihrer Besitztümer, damit sie Ihn in voller Weise ererben. 3) Gott wirkt für Seine Überwinder durch Bedrängnis ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit aus. 4) Gott führt Seine Liebenden durch alle Dinge in Sich Selbst als Herrlichkeit hinein und wird sie zusammen mit Sich Selbst verherrlichen. (Witness Lee, Life-Study of Job, Botschaft eins, S. 1)

Dieser Zug zieht sich von 1. Mose an durch die ganze Bibel. Gott erschafft den Menschen, damit er sein Bild trägt und seine Herrschaft widerspiegelt, aber das Mittel dazu ist nicht in erster Linie moralische Optimierung, sondern Teilhabe an Gottes eigenem Leben. Paulus fasst dieses Ziel so: „Weil Er die, die Er vorher erkannt hat, auch vorherbestimmt hat, dem Bild Seines Sohnes gleichgestaltet zu sein, damit Er der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei“ (Röm. 8:29). Wenn Gott also in das Leben seiner Heiligen eingreift, greift Er tiefer als an die Ebene des Verhaltens. Er berührt die Quellen, aus denen wir leben. Er lockert, was sich um das eigene Ich, um eigenen Besitz, um eigene Frömmigkeit geschart hat, damit Christus selbst Raum gewinnt. Was wir als hart empfinden, trägt oft die Handschrift dieser Liebe: weniger Selbstleben, mehr Christus; weniger Glanz unserer Leistung, mehr Strahlen seiner Herrlichkeit in uns.

Darum sind die Wege Gottes mit seinen Heiligen zugleich tröstlich und herausfordernd. Tröstlich, weil sie nicht vom blinden Schicksal gesteuert werden, sondern von einem Vater, der uns dem Bild seines Sohnes ähnlich machen will. Herausfordernd, weil Er dafür manchmal das wegnimmt, woran unser Herz hängt, und wir vor der Frage stehen, wovon wir eigentlich leben. In allem aber bleibt seine Absicht unverrückbar: Er führt nicht in eine engere Gesetzlichkeit, sondern in eine tiefere Gemeinschaft mit Christus, der in uns lebt. Wo diese Perspektive aufleuchtet, bekommen selbst schwere Erfahrungen einen anderen Ton. Dann dürfen wir hoffen, dass gerade dort, wo wir uns am ärmsten fühlen, Gott im Verborgenen daran arbeitet, uns reicher zu machen – reicher an Ihm selbst als unserem Leben und unserer Herrlichkeit.

ES war ein Mann im Lande Uz, sein Name war Hiob. Und dieser Mann war rechtschaffen und redlich und gottesfürchtig und mied das Böse. (Hiob 1:1)

Ich hatte von Dir gehört durch das Hören des Ohres, jetzt aber hat mein Auge Dich gesehen; (Hiob 42:5)

Wer Hiobs Geschichte unter diesem Vorzeichen liest, beginnt die eigenen Brüche anders zu deuten. Nicht alles, was zerbricht, ist Strafe; oft ist es die behutsame Hand Gottes, der uns von Nebensächlichkeiten ablöst, um uns tiefer an Christus zu binden. In den Tagen, in denen Sicherheiten schwinden, kann der stille Satz Raum gewinnen: Vielleicht will Gott mir hier nicht etwas nehmen, sondern sich selbst in neuer Weise schenken.

Strafgericht oder liebevolles Entblößen? Gottes verborgene Absicht in Prüfungen

Die Freunde Hiobs sehen die Katastrophen, die über ihn hereinbrechen, und ihr Urteil steht schnell fest: Wer so leidet, muss sich etwas zuschulden kommen lassen haben. In ihrer Sicht ist die Welt streng geordnet: gutes Tun bringt Segen, Böses bringt Schlag um Schlag. Ihre Gedanken kreisen um Vergeltung, um Lohn und Strafe, ganz in der Logik des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen aus 1. Mose. Dass Gott einen Tag festgesetzt hat, „an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er (dazu) bestimmt hat“ (Apg. 17:31), steht außer Frage. Aber sie übersehen, dass dieses gerechte Gericht über die Welt etwas anderes ist als Gottes verborgenes Handeln mit den Seinen.

Es ist offensichtlich, dass Hiob und seine Freunde den positiven Aspekt von Gottes Ökonomie im Umgang mit seinem heiligen Volk nicht erkannten. Gott will seine Heiligen nicht richten, sondern sie entkleiden, damit er sie gewinnen kann und sie ihn in größerem Maß gewinnen können. Hiobs Freunde meinten, das, was er erduldete, sei ein Ausdruck von Gottes Gericht. Hiobs Leiden waren jedoch nicht Gottes Gericht, sondern Gottes Entkleidung. (Witness Lee, Life-Study of Job, Botschaft eins, S. 5)

Die Schrift kennt die ernste Wirklichkeit des endgültigen Gerichts vor dem großen weißen Thron, an dem jede Tat offenbar werden wird. Zugleich erzählt sie von einem anderen Werk Gottes, das nicht Zerstörung, sondern Vertiefung zum Ziel hat. Bei Hiob ist äußerlich vieles kaum zu unterscheiden: Verluste, Krankheit, Missverständnis, Schweigen des Himmels – es könnte wie ein strafendes Zerschlagen aussehen. Innerlich aber entblößt Gott seinen Diener liebevoll von allem, worauf er sich stützen konnte: Besitz, gute Familie, religiöse Gewohnheiten, sogar das sichere Bewusstsein der eigenen Rechtschaffenheit. Was Hiobs Freunde als Beweis von Schuld deuten, wird für Hiob zum Weg, auf dem Gott sich selbst an die Stelle aller Stützen setzt.

In diesem Licht werden Prüfungen, in denen kein klarer Zusammenhang mit einer konkreten Verfehlung erkennbar ist, nicht verharmlost, aber sie erhalten einen anderen Charakter. Sie sind weniger das Strafgericht eines Richters als vielmehr das zarte, wenn auch schmerzhafte Strippen eines Vaters, der seine Kinder nicht bei äußerem Wohlstand und innerer Armut stehen lassen will. So paradox es klingen mag: Hinter manchen harten Erfahrungen verbirgt sich eine große Zuwendung. Gottes Ziel ist nicht, seine Heiligen zu vernichten, sondern sie zu gewinnen. Wo dieser Unterschied gesehen wird, muss Leid nicht mehr das Zeichen der Verwerfung sein, sondern kann zum Ort werden, an dem sich Gottes Nähe unter Tränen vertieft.

weil er einen Tag gesetzt hat, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er (dazu) bestimmt hat, und er hat allen dadurch den Beweis gegeben, daß er ihn auferweckt hat aus den Toten. (Apg. 17:31)

Er aber sagte zu ihr: Wie eine der Törinnen redet, so redest auch du. Das Gute nehmen wir von Gott an, da sollten wir das Böse nicht auch annehmen? Bei alldem sündigte Hiob nicht mit seinen Lippen. (Hiob 2:10)

Wer wie Hiob unter unverstandenen Schlägen steht, gerät leicht in denselben inneren Prozess wie seine Freunde: Selbstanklage oder Verbitterung gegen Gott. In der Unterscheidung zwischen Gericht über die Welt und liebevollem Entblößen seiner Kinder liegt eine leise, aber starke Ermutigung. Man darf hoffen, dass Gott sich gerade da, wo er so vieles wegnimmt, nicht abwendet, sondern näher kommt – um das, was vergeht, mit der bleibenden Wirklichkeit seiner eigenen Gegenwart zu ersetzen.

Vom begrenzten Verständnis zur volleren Offenbarung

Hiob steht mitten in einer Welt, in der Opfer, Altäre und Brandopfer etwas Vertrautes sind. Wie Abraham bringt auch er Brandopfer dar; die Linien zu 1. Mose sind deutlich. Dort lesen wir von Abraham, dass er einen Widder nahm und ihn „als Brandopfer dar anstelle seines Sohnes“ (1. Mose 22:13). Hiob steht frühmorgens auf und opfert Brandopfer für seine Kinder (Hiob 1:5). Er kennt Gottesfurcht, er kennt Schuld und Sühne, er kennt die Ernsthaftigkeit Gottes. Aber die großen Linien des Neuen Testaments – Wiedergeburt, inneres Erneuertwerden, Umwandlung in das Bild Christi, die Hoffnung der Herrlichkeit – sind ihm noch nicht aufgeschlossen. Seine langen Reden zeigen, wie sehr er ringt: Er argumentiert, begründet, verteidigt sich. Fast alles bewegt sich auf der Ebene von Prinzipien und Gerechtigkeitsfragen.

Die göttliche Offenbarung in der Bibel ist fortschreitend. Zur Zeit Hiobs war der Fortschritt der göttlichen Offenbarung erst auf dem Stand der Zeit Abrahams, nämlich dass Sünder Gottes Erlösung durch das Vergießen des Blutes des Brandopfers benötigen. Über Wiedergeburt, Erneuerung, Umwandlung, Gleichgestaltung und Verherrlichung war noch nichts offenbart worden. (Witness Lee, Life-Study of Job, Botschaft eins, S. 6)

Die göttliche Offenbarung ist jedoch nicht statisch, sie wächst. Was zur Zeit Hiobs schon in den Opfern angelegt ist, wird später in Christus, dem wahren Brandopfer, hell ans Licht gebracht. Paulus kann sagen: „Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal. 2:20). Für Hiob wäre eine solche Aussage kaum vorstellbar gewesen; er kennt das Opfer, aber noch nicht Christus als inneres Leben. In seinem Bekenntnis „jetzt aber hat mein Auge Dich gesehen“ liegt eine echte Vertiefung, doch das Neue Testament sprengt den Rahmen seiner Erfahrung. Dort wird deutlich, dass Gottes Ziel nicht nur eine neue Sicht von Ihm ist, sondern ein neues Sein in Ihm – ein Wachstum im Leben bis zur Reife, bei dem Christus mehr und mehr Gestalt in uns gewinnt.

Für Leserinnen und Leser heute bedeutet das eine doppelte Bewegung. Einerseits hilft der Blick auf Hiob, die Tiefe seiner Frömmigkeit nicht gering zu schätzen; er ist ein Zeuge seiner Zeit, ehrlich ringend vor Gott. Andererseits erinnert die Klarheit des Neuen Testaments daran, welches Vorrecht wir haben: Wir kennen den Namen Jesu, wir haben sein Kreuz und seine Auferstehung vor Augen, wir hören von der Wiedergeburt und davon, dass der Dreieine Gott in unserem Geist wohnt. Wo Hiob tastend nach einer Antwort suchte, dürfen wir sehen, dass Gott in Christus den Weg ins Innerste des Menschen genommen hat. Das gibt den Prüfungen unseres Lebens einen anderen Klang: Sie stehen nicht nur unter der Frage, ob wir recht oder unrecht haben, sondern unter der größeren Bewegung, dass Christus in uns Gestalt gewinnt.

Und Abraham erhob seine Augen und schaute, und da war hinter ihm ein Widder, der sich mit seinen Hörnern im Dickicht verfangen hatte. Und Abraham ging hin und nahm den Widder und brachte ihn als Brandopfer dar anstelle seines Sohnes. (1.Mose 22:13)

Und es geschah, wenn die Tage des Gastmahls reihumgegangen waren, da sandte Hiob hin und heiligte sie: Früh am Morgen stand er auf und opferte Brandopfer nach ihrer aller Zahl. Denn Hiob sagte (sich): Vielleicht haben meine Söhne gesündigt und in ihrem Herzen Gott geflucht. So machte es Hiob all die Tage (nach den Gastmählern). (Hiob 1:5)

Wer Hiob liest, blickt gleichsam in den Morgen der Offenbarung, als vieles erst im Schatten lag. Die Fülle des Neuen Testaments macht deutlich, wie reich Gott uns in Christus beschenkt hat. Gerade diese Fülle lädt ein, das eigene Ringen nicht zu romantisieren, aber auch nicht zu dramatisieren: Zwischen Hiobs frühen Opfern und der paulinischen Aussage vom in uns lebenden Christus spannt sich eine große Geschichte der Gnade. In diese Geschichte sind wir hineingestellt, und selbst dunkle Etappen bekommen darin einen Platz – als Stationen, an denen Gott uns Schritt für Schritt tiefer in die Wirklichkeit seines Sohnes hineinführt.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Job, Chapter 1