Die Notwendigkeit von Esras – solchen, die im Wort Gottes kundig sind
Wenn man die Bibel als Ganzes betrachtet, wird deutlich, dass Gott nicht nur einzelne fromme Menschen, sondern ein Volk haben will, das Ihn sichtbar widerspiegelt. Von Adam über Abraham bis zum Volk Israel zieht sich eine Linie: Gott sucht Menschen, die nicht nur äußerlich zu Ihm gehören, sondern in ihrem Inneren von Ihm geprägt sind. In der Geschichte Israels wird jedoch schmerzhaft sichtbar, wie schnell Gottes Volk seine Berufung vergisst und sich fremden Prägungen anpasst. In den Tagen Esras und Serubbabels kehren zwar viele aus der babylonischen Gefangenschaft zurück, aber sie tragen Babylon in sich. Gerade hier wird deutlich, wie entscheidend Männer und Frauen sind, die im Wort Gottes wirklich kundig sind und andere darin anleiten können. Die Frage, die sich uns stellt, ist, ob es auch heute solche „Esras“ gibt – und ob wir uns von Gott dafür zurüsten lassen.
Gottes Ziel: Ein Volk als sein lebendiges Zeugnis
Wenn die Bibel mit dem Satz einsetzt: „Und Gott sprach: Lasst Uns den Menschen machen in Unserem Bild, gemäß Unserer Gleichgestalt“ (1. Mose 1:26), öffnet sie uns ein Fenster in Gottes Herz. Der Mensch ist nicht einfach ein hochentwickeltes Geschöpf unter vielen, sondern von Anfang an als Widerschein Gottes gedacht: als Träger seines Bildes und als Vertreter seiner Herrschaft auf der Erde. Adam war Gott ähnlich, aber er war ihm nicht wesensgleich; das Leben, aus dem er lebte, war geschaffenes Leben. Gott wünschte sich mehr: dass der Mensch nicht nur äußerlich seine Ähnlichkeit trägt, sondern innerlich von Gottes eigenem Leben erfüllt und durchdrungen wird, damit auf der Erde sichtbar wird, wer Gott ist und wie Gott ist.
Ganz am Anfang sagt uns die Bibel, dass Gott Adam als ein Geschöpf nach Seiner Art schuf (1.Mose 1:26). Adam war Gottes Art nur dem Wesen und dem Aussehen nach, nicht im Leben, in der Natur und in der Konstitution. Gottes Verlangen war, dass Adam Seine Art nicht nur dem Wesen nach, sondern auch im Leben, in der Natur und in der Konstitution wäre. (Witness Lee, Life-Study of Ezra, Botschaft fünf, S. 31)
Nach dem Fall beginnt Gott seine Geschichte mit dem Menschen neu. In der Verheißung an die Frau – „er wird dich am Kopf zermalmen“ (1. Mose 3:15) – und später in der Zusage an Abraham – „in deinem Samen werden alle Nationen der Erde gesegnet werden“ (1. Mose 22:18) – ist schon angelegt, dass Gott sich ein Volk schaffen will, das zum Träger seines Segens und seines Ausdrucks wird. Israel wird aus Ägypten herausgeführt, am Sinai gesammelt und mit einer göttlichen Ordnung vertraut gemacht: Stiftshütte, Priestertum, Opfer und Feste bilden gewissermaßen eine himmlische Verfassung mitten auf der Erde. Wenn Israel in der Wüste lagert, wenn es geordnet aufbricht, wenn es in das gute Land einzieht und dort lebt, dann soll in seinem Miteinander etwas von Gottes Wesen, seiner Heiligkeit, seiner Treue und seiner Herrlichkeit aufscheinen.
Gerade deshalb ist es so ernst, wenn dieses Volk sich von Gott entfernt, sich mit den Völkern vermischt und schließlich in die Gefangenschaft nach Babylon kommt. Wo das Wort Gottes nicht mehr das Denken prägt und seine Ordnung nicht mehr das praktische Leben gestaltet, verliert das Volk seine besondere Gestalt; es bleibt zwar historisch Israel, aber sein Zeugnis wird unkenntlich. Die Geschichte Israels ist darum mehr als ein Rückblick auf alte Zeiten; sie ist eine leuchtende und zugleich warnende Darstellung dessen, was Gott mit Menschen im Sinn hat und was geschieht, wenn dieses Ziel aus dem Blick gerät.
Im Licht des Neuen Bundes wird sichtbar, worauf alles hinzielt: Gott will nicht nur ein Volk, das seinen Namen trägt, sondern eine Gemeinschaft von „Gott-Menschen“, in denen Christus wohnt und durch die Christus sichtbar wird. Neutestamentliche Gläubige sind nicht einfach religiöse Anhänger, sondern Glieder eines Leibes, in dem Christus sein Leben teilt und seinen Charakter entfaltet. Wenn das geschieht, wird die Gemeinde zu einem lebendigen Zeugnis – nicht weil sie laut und spektakulär ist, sondern weil in ihren Beziehungen, Entscheidungen und Wegen etwas von Gottes Liebe, Gerechtigkeit und Gnade spürbar wird. Jede Phase der Geschichte Israels – Berufung, Ordnung, Sieg, Niederlage, Gefangenschaft und Rückkehr – erinnert daran, dass Gott bis heute auf dieses Ziel hinarbeitet. Dieser Blick macht Mut, die eigene Geschichte nicht isoliert zu sehen, sondern als Teil dieser großen Bewegung Gottes, der sich ein Volk formt, in dem er erkennbar wird.
Und Gott sprach: Lasst Uns den Menschen machen in Unserem Bild, gemäß Unserer Gleichgestalt, und sie sollen herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über jedes Kriechtier, das auf der Erde umherkriecht! (1. Mose 1:26)
Und Ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dich am Kopf zermalmen, doch du wirst ihn an der Ferse zermalmen. (1. Mose 3:15)
Wer Gottes Ziel mit seinem Volk vor Augen hat, merkt, wie befreiend und zugleich tröstlich es ist, dass es im Letzten nicht um unsere religiöse Leistung geht, sondern um Gottes Absicht, sich selbst auszudrücken. Auch wenn vieles brüchig ist, bleibt sein ursprünglicher Entwurf gültig: Menschen, die von seinem Leben ergriffen sind und dadurch wie kleine Fenster werden, durch die sein Licht fällt. Diese Perspektive kann auch in ausweglos scheinenden Situationen Hoffnung wecken: Gott hat mit Israel nicht aufgehört, als es in Babylon war; ebenso wenig bricht er seine Geschichte mit einzelnen Gläubigen oder ganzen Gemeinden ab, wenn sie sich verirren. Sein Ziel bleibt, durch sein Wort, seinen Geist und seine verborgene Führung aus einem zerstreuten, geschwächten Volk wieder ein klares, warmes Zeugnis zu machen.
Die Notwendigkeit von Esras: kundig im Wort, durchdrungen von Gottes Gedanken
Nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft steht der Tempel in Jerusalem wieder, die Opfer beginnen von neuem, und doch liegt ein Fremdgeschmack über dem Ganzen. Äußerlich ist vieles wiederhergestellt, innerlich ist das Volk geblieben, was es in Babylon geworden ist. Gewohnheiten, Denkweisen und Wertmaßstäbe der Fremde sitzen tief in ihrer Konstitution. Serubbabel führt an, organisierte den Wiederaufbau, ordnet das praktische Werk. Aber es zeigt sich, dass Leitung und Struktur allein nicht genügen, um ein Volk in seinem Innersten zu verändern.
Das Volk war jedoch weiterhin widerspenstig, denn in seinem innersten Wesen war es babylonisch geworden. Deshalb brauchte es einen Esra – einen Priester, der Gott diente, und zugleich einen Schriftgelehrten, einen Gelehrten, der im Wort Gottes und im Gesetz des Mose kundig war (Esra 7:6.11). Er trug die ganze himmlische und göttliche Konstitution und Kultur in sich. Esra versammelte das Volk und bekannte nicht nur seine eigene Sünde, sondern auch die Sünde Israels, um sie zum Wort Gottes zurückzuführen. (Witness Lee, Life-Study of Ezra, Botschaft fünf, S. 33)
Genau hier tritt Esra hervor. Von ihm heißt es: „dieser Esra zog herauf von Babel. Und er war ein kundiger Schriftgelehrter im Gesetz des Mose, das der HERR, der Gott Israels, gegeben hatte“ (Esra 7:6). Er ist Priester und Schriftgelehrter zugleich: ein Mann, der Gott dient, und ein Mann, der im Wort verwurzelt ist. In Esra 7:10 wird sein Geheimnis benannt: „Denn Esra hatte sein Herz darauf gerichtet, das Gesetz des HERRN zu erforschen und zu tun und in Israel (die) Ordnung und (das) Recht (des HERRN) zu lehren.“ Forschen, tun, lehren – diese Reihenfolge macht deutlich, dass er keine reine Fachkompetenz im Text besitzt, sondern dass das Wort Gottes in sein Leben eingesunken ist.
Esra sammelt das Volk, liest die Schrift, legt sie aus, und er scheut sich nicht, die Sünde des ganzen Volkes als seine eigene zu bekennen. Dadurch stellt er die Menschen unter das Licht des Wortes zurück. Nicht menschliche Strenge, sondern göttliche Wahrheit beginnt zu wirken; Herzen werden getroffen, und inmitten eines äußerlich geordneten Gemeindelebens beginnt eine innere Umkehr. Es wird sichtbar, was Gott sucht: nicht nur begabte Leiter, sondern Menschen, die durch langes Wohnen im Wort so von Gottes Gedanken geprägt sind, dass sie andere in eine neue Innensicht hineinführen können.
Im Neuen Bund spiegelt sich diese Linie im Dienst der Ältesten und derjenigen, die das Wort tragen. In 1. Timotheus 3:2. wird der Aufseher als jemand beschrieben, der „zum Lehren geeignet“ ist; und 1. Timotheus 5:17–18 unterscheidet besonders diejenigen, „die in Wort und Lehre arbeiten“. Es geht nicht um einen akademischen Titel, sondern um eine Existenzweise, in der das Wort Gottes zum hauptsächlichen Stoff des Denkens, Hoffens und Urteilens geworden ist. Wo solche Esras fehlen, wird die Gemeinde anfällig für Oberflächlichkeit, religiöse Modewellen oder schlichte Unkenntnis über grundlegende Wahrheiten wie Rechtfertigung, Wiedergeburt, Heiligung und Umwandlung. Wo Gott aber Menschen gewinnt, die sich still und konsequent vom Wort formen lassen, entsteht eine Atmosphäre, in der sein Volk aus innerer Gefangenschaft herausgeführt werden kann.
dieser Esra zog herauf von Babel. Und er war ein kundiger Schriftgelehrter im Gesetz des Mose, das der HERR, der Gott Israels, gegeben hatte. Und der König gewährte ihm, da die Hand des HERRN, seines Gottes, über ihm war, all sein Begehren. (Esra 7:6)
Denn Esra hatte sein Herz darauf gerichtet, das Gesetz des HERRN zu erforschen und zu tun und in Israel (die) Ordnung und (das) Recht (des HERRN) zu lehren. (Esra 7:10)
Die Gestalt Esras kann leise Dankbarkeit und stille Sehnsucht zugleich wecken. Dankbarkeit dafür, dass Gott in der Geschichte immer wieder Menschen erweckt hat, die sein Wort tragen, und Sehnsucht danach, dass er auch heute solche Zeugen aufrichtet – vielleicht gerade an unscheinbaren Orten. Es entlastet, zu wissen: Niemand muss aus sich heraus ein Esra sein; Gott selbst schafft, was er verlangt. Aber wo er Herzen findet, die sich seinem Wort öffnen und ihm Zeit, Aufmerksamkeit und Bereitschaft schenken, da wächst etwas heran, das weit über persönliche Erkenntnis hinausgeht. Daraus erwächst die Hoffnung, dass er auch in verwirrenden kirchlichen Landschaften einen Überrest zurüstet, durch den sein Volk wieder klarer, tiefer und freier nach seinem Wort leben kann.
Durch das Wort mit den Reichtümern Christi durchdrungen werden
Als Kyrus den Erlass zur Rückkehr gibt, geschieht mehr, als dass nur Menschen in ihre Heimatstadt zurückkehren. Es heißt: „Und der König Kyrus holte die Geräte des Hauses des HERRN (wieder) heraus, die Nebukadnezar aus Jerusalem herausgeholt hatte und die er (als Geschenke) in das Haus seines Gottes gegeben hatte“ (Ezra 1:7-11). Insgesamt 5.400 Geräte aus Gold und Silber werden gezählt und mit hinaufgenommen. Diese Gefäße stehen nicht für luxuriöses Inventar, sondern für die Reichtümer des Hauses Gottes – für das, was den Dienst vor ihm kostbar macht. Dass sie aus dem Tempel geraubt und in heidnischen Tempeln verwendet wurden, ist ein eindrückliches Bild dafür, wie das, was Gott gegeben hat, in Babylon verfremdet und zweckentfremdet wurde.
Als die Israeliten nach Jerusalem zurückkehrten, wurden sie aufgerüttelt, sie standen auf, sie zogen hinauf und brachten 5.400 Geräte aus Gold und Silber mit hinauf (Esra 1:7–11). Das waren die Geräte des Hauses des HERRN, die Nebukadnezar aus Jerusalem herausgeholt und in das Haus seines Gottes gebracht hatte. Bei der ersten Rückkehr aus der Gefangenschaft wurden all diese Geräte nach Jerusalem zurückgebracht. Diese Geräte sind Sinnbilder der Reichtümer Christi. (Witness Lee, Life-Study of Ezra, Botschaft fünf, S. 35)
Wenn diese Gefäße nach Jerusalem zurückkehren, ist das ein Zeichen: Gott gibt seinem Volk die Möglichkeit zurück, in seiner Gegenwart aus seinem Reichtum zu leben. Im Licht des Neuen Bundes werden diese Gefäße zu Sinnbildern für die unerschöpflichen Reichtümer Christi. Alles, was Christus ist und getan hat, alles, was er als Leben, Licht, Gerechtigkeit, Friede, Freude und Kraft bedeutet, ist dem Volk Gottes anvertraut – oft aber wie verschollen in den „Tempeln“ menschlicher Tradition, Vermischung und Unkenntnis. Die Wiederherstellung Gottes besteht nicht nur darin, Menschen geografisch oder organisatorisch zu sammeln, sondern darin, ihnen den Zugang zu diesen Reichtümern neu zu erschließen.
Das Hauptinstrument, das Gott dafür verwendet, ist sein Wort. Durch die Schrift und eine gesunde, christuszentrierte Auslegung öffnet der Heilige Geist Räume, in denen die Reichtümer Christi wieder sichtbar und zugänglich werden. Wo Mitarbeiter, Älteste und Geschwister sich dem Studium der Bibel stellen, nicht als Pflichtübung, sondern als Begegnung mit dem lebendigen Herrn, beginnt eine leise, aber nachhaltige Konstitution: Begriffe wie Rechtfertigung, Wiedergeburt, Heiligung, Erneuerung und Umwandlung werden nicht nur dogmatische Vokabeln, sondern innere Erfahrungen, die das Denken und Handeln umprägen.
In vielen Teilen des heutigen Christentums ist die geistliche Hungersnot spürbar: Vieles ist vorhanden – Strukturen, Programme, Formen –, aber die Reichtümer Christi werden wenig geschmeckt. In einer solchen Lage gebraucht Gott Esra-ähnliche Dienste: Menschen, die das Wort so verkündigen und auslegen, dass Christus selbst darin leuchtet; Menschen, die nicht nur aus Distanz lehren, sondern andere im Alltag aufsuchen, mit ihnen beten, Fragen tragen und so das Wort in konkrete Lebenssituationen hineintragen. Auf diese Weise entsteht ein Gemeindeleben, das nicht von äußeren Attraktionen, sondern von innerer Sättigung lebt: einem Volk, das gelernt hat, aus der Fülle Christi zu nehmen und dadurch zu einem lebendigen Haus Gottes und einem erkennbaren Zeugnis in seiner Umgebung zu werden.
Und der König Kyrus holte die Geräte des Hauses des HERRN (wieder) heraus, die Nebukadnezar aus Jerusalem herausgeholt hatte und die er (als Geschenke) in das Haus seines Gottes gegeben hatte. (Esra 1:7)
Alle Geräte aus Gold und aus Silber waren 5.400. Das alles brachte Scheschbazar mit herauf, als die Weggeführten aus Babel nach Jerusalem heraufgeführt wurden. (Esra 1:11)
Die Rückkehr der heiligen Gefäße macht deutlich, dass Gott sein Volk nicht in der Armut lässt, wenn er es aus Gefangenschaft herausführt. Er will nicht nur befreien, sondern reich machen – nicht äußerlich, sondern in Christus. Diese Sicht kann dazu ermutigen, die eigene geistliche Lage nüchtern wahrzunehmen, ohne in Resignation zu verfallen. Wo Mangel und Leere spürbar werden, muss das nicht das letzte Wort sein; es kann der Punkt sein, an dem Gottes Wunsch, uns durch sein Wort neu zu konstituieren, besonders deutlich wird. In dieser Hoffnung liegt eine stille Einladung, dem Herrn zuzutrauen, dass er auch heute Gefäße zurückbringt, sein Wort lebendig macht und sein Volk nach und nach mit den Reichtümern seines Sohnes durchdringt.
Herr Jesus, wir danken Dir, dass Du durch alle Zeiten hindurch ein Volk suchst, das Dich in dieser Welt widerspiegelt. Du kennst unsere Prägungen, unsere Vermischungen und unsere Blindheit, und dennoch rufst Du uns heraus aus geistlicher Gefangenschaft in die Freiheit Deines Wortes. Wir bitten Dich, schenke Deiner Gemeinde heute Esras, Männer und Frauen, die in Deinem Wort gegründet sind, Deine Gedanken kennen und andere liebevoll darin anleiten. Präge uns selbst durch die Wahrheit, damit unser Denken, unser Reden und unser Handeln von Dir bestimmt werden und Dein Name inmitten Deines Volkes geehrt wird. Fülle unsere inneren „Gefäße” neu mit den Reichtümern Christi und still die Hungersnot nach Deinem Wort, damit Deine Gemeinde als geistliches Haus aufgebaut und Dein Zeugnis in dieser Zeit klar sichtbar wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Ezra, Chapter 5