Das Wort des Lebens
lebensstudium

Christus leben für den Ausdruck Gottes

13 Min. Lesezeit

Viele Christen kennen die Zehn Gebote, aber nur wenige verbinden sie mit Gottes großem Plan, sich selbst in Christus zu offenbaren und durch Menschen sichtbar zu werden. Wenn wir die Geschichte Israels betrachten, wird deutlich: Gott suchte ein Volk, ein Land und ein Zeugnis – ein sichtbares Bild seiner selbst auf der Erde. Gerade in einer Zeit, in der Lüge, Selbstsucht und Gier normal erscheinen, stellt sich die Frage, wie Gottes Wesen heute noch erkennbar werden kann. Der Schlüssel liegt darin, zu entdecken, was das Gesetz wirklich über Gott offenbart und wie Christus dieses Bild erfüllt, damit sein Leben durch uns ausgedrückt werden kann.

Das Gesetz als Zeugnis Gottes – Gottes Wesen im Spiegel seiner Gebote

Wenn die Schrift die Steintafeln mit den Zehn Geboten „das Zeugnis“ nennt, öffnet sie einen tiefen Blick in das Herz Gottes. „In die Lade aber lege das Zeugnis, das ich dir geben werde“ heißt es in 2. Mose 25:16. Gott legt gewissermaßen eine Aufnahme seiner selbst in die Mitte des Volkes. Nicht, weil er sich sonst nicht zeigen könnte, sondern weil der Mensch lernen soll, wer dieser unsichtbare Gott ist, der ihn aus Ägypten geführt hat. So redet Gott in 2. Mose 20:2: „Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus dem Land Ägypten, aus dem Sklavenhaus herausgeführt habe.“ Bevor er gebietet, offenbart er sich – das Gesetz ist Antwort auf seine Selbstvorstellung. Die Gebote sind keine abstrakten Normen, sondern Spiegel seines Wesens. In ihnen sehen wir, was Gott liebt und was er nicht duldet, was seinem eigenen Sein entspricht und was ihm widerspricht.

Die Zehn Gebote wurden das Zeugnis Gottes genannt (2.Mose 25:16). Als Zeugnis Gottes sind die Zehn Gebote ein Bild, ein Porträt Gottes. Man kann sagen, dass das Gesetz ein Foto Gottes ist. Ein bestimmtes Gesetz ist immer ein Porträt der Person, die dieses Gesetz erlässt. (Witness Lee, Life-Study of Chronicles, Botschaft elf, S. 76)

Auffällig sind die letzten Gebote: „Du sollst nicht töten … Du sollst nicht ehebrechen … Du sollst nicht stehlen … Du sollst gegen deinen Nächsten nicht als falscher Zeuge aussagen … Du sollst nicht das Haus deines Nächsten begehren“ (2. Mose 20:13–17). Hinter jedem einzelnen steht eine göttliche Eigenschaft. Dass Töten verboten ist, zeigt, dass Gott der Gott des Lebens ist, der jedes Menschenleben als sein Eigentum betrachtet. Dass Ehebruch verurteilt wird, bezeugt, dass Gott ein Gott der Treue ist, der Bund hält und nicht bricht. Das Verbot zu stehlen legt offen, dass Gott das Recht des anderen achtet und kein Unrecht in sich hat. Die Warnung vor falschem Zeugnis zeigt, dass in Gott kein Schatten der Lüge ist, sondern reine Wahrheit. Das Verbot des Begehrens dringt bis in das Verborgene des Herzens vor und macht deutlich, dass Gott nicht nur äußerliche Moral, sondern innere Lauterkeit ist. In dieser Weise wird das Gesetz zu einem stillen, aber eindringlichen Porträt: Wer das Gesetz betrachtet, erkennt im Hintergrund einen Gott, der Liebe, Licht, Heiligkeit und Gerechtigkeit ist.

So wird verständlich, warum das Gesetz „Zeugnis“ heißt. Zeugnis bedeutet: Etwas tritt für Gott ein, macht ihn sichtbar, bestätigt, dass er so und nicht anders ist. Die Lade des Zeugnisses stand im Innersten des Heiligtums; dort, wo Gott Israel begegnen wollte, lag dieses verdichtete Bild seines Wesens verborgen. Wenn Israel von diesem Gesetz geprägt würde, sollte sein Leben zum Echo dessen werden, was in der Lade lag. Gott suchte nicht zuerst Gehorsam als Leistung, sondern ein Volk, das seine Gedanken übernimmt, seine Wege lernt, sein Herz widerspiegelt. Dasselbe Muster begegnet uns im neuen Bund: Auch hier ist Gottes erstes Ziel nicht, Menschen zu funktionierenden Religionsangehörigen zu machen, sondern Söhne und Töchter, in denen sein Charakter erkennbar wird. Wo sein Wort nicht nur als Forderung von außen steht, sondern als Offenbarung dessen, wie er ist, beginnt eine stille Umformung. Dann werden die Gebote nicht nur als Last empfunden, sondern als Fenster in das Herz dessen, der sagt: „Ich bin der HERR, dein Gott.“ In dieser Perspektive wird das Gesetz zu einer Einladung, Gott tiefer kennenzulernen und sich von seinem Wesen prägen zu lassen, damit unser Leben zu einem glaubwürdigen, ermutigenden Zeugnis für ihn wird.

In die Lade aber lege das Zeugnis, das ich dir geben werde. (2. Mose 25:16)

Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus dem Land Ägypten, aus dem Sklavenhaus herausgeführt habe. (2. Mose 20:2)

Wenn das Gesetz Gottes Wesen spiegelt, geht es im Umgang mit Gottes Geboten weniger um die “, sondern um die tiefere “ Wer in den Geboten Gottes Herz wahrnimmt – seine Liebe zum Leben, seine Treue, seine Wahrhaftigkeit –, der erfährt, dass Gehorsam nicht aus Angst, sondern aus Vertrauen wächst. In diesem Vertrauen fängt ein Alltag an, der nicht von moralischem Druck, sondern von der leisen Freude geprägt ist, den Charakter des eigenen Gottes ein wenig klarer wiederzugeben.

Das Gesetz als Vorbild auf Christus – Gottes Bild in einer Person

Wenn das Gesetz ein Porträt Gottes ist, dann bleibt die Frage: Wo wird dieses Bild lebendig? Die neutestamentliche Antwort lautet: in Christus. Über ihn steht geschrieben, er sei „das Bild des unsichtbaren Gottes“ (Kolosser 1:15). Alles, was das Gesetz als Linienzug gezeichnet hat, nimmt in ihm Gestalt an. Die Heiligkeit, die sich im „Du sollst nicht ehebrechen“ zeigt, wird zu einem Leben, in dem Christus den Willen des Vaters rein und ungeteilt sucht. Die Wahrhaftigkeit, die im Verbot des falschen Zeugnisses liegt, wird in seinem Mund sichtbar, in dem kein Betrug gefunden wurde. Die Liebe zum Leben, die hinter dem Tötungsverbot steht, wird in dem offenbar, der Kranke heilt, Verlorene sucht und schließlich sein eigenes Leben hingibt, damit andere leben. So ist Christus nicht nur der Geber des Gesetzes, sondern die Verkörperung dessen, was das Gesetz bezeugt.

Das Gesetz ist ein Vorbild auf Christus, denn Christus ist Gottes Porträt, Gottes Bild, Gottes Ebenbild (Kol. 1:15). (Witness Lee, Life-Study of Chronicles, Botschaft elf, S. 76)

Damit wird das Gesetz zum Vorläufer des Evangeliums. In den Geboten zeigt Gott, wie er ist; in Christus tritt derselbe Gott in unsere Geschichte und geht den Weg dieses Wesens in menschlicher Gestalt. 2. Mose 25:22 verbindet beides auf geheimnisvolle Weise: „Und dort werde ich mich dir zu erkennen geben und … alles zu dir reden.“ Über der Lade des Zeugnisses, in der das Gesetz lag, kündigt Gott sein Reden an. Im neuen Bund wird dieses Reden zu einer Person: Gottes letztes Wort heißt Jesus Christus. Was im Gesetz als Kontur sichtbar war, erfüllt sich in seinem Leben, Sterben und Auferstehen. Dadurch bekommt das Gesetz seinen Platz in Gottes neutestamentlicher Ökonomie: Es ist nicht der Weg zur Gerechtigkeit, sondern der Schatten des kommenden Gott-Menschen, der in sich selbst Gerechtigkeit, Heiligkeit, Liebe und Wahrheit vereint.

Wenn Paulus im Gefängnis sitzt und in Philipper 1:19–21 bekennt, dass ihm alles „zur Errettung dienen wird durch … die überströmende Versorgung mit dem Geist Jesu Christi“, spannt er die Linie noch weiter. Der Christus, in dem das Gesetz erfüllt ist, bleibt nicht außerhalb des Gläubigen, sondern gibt seinen Geist als innere Quelle. Gottes Ziel ist nicht nur, dass Christus als einzelner Mensch das vollkommene Bild Gottes trägt, sondern dass durch ihn ein Leib entsteht – eine Menschheit, in der viele Glieder an diesem Bild Anteil haben. Das Gesetz war die Skizze; Christus ist das ausgeführte Gemälde; der Leib Christi wird zur Vervielfältigung dieses Bildes in vielen Personen. So fügt sich das Gesetz in die große Bewegung Gottes von 1. Mose bis zur Offenbarung: vom Rufen Abrahams über das Geben der Gebote hin zur Offenbarung des Sohnes und zur Bildung eines Leibes, in dem Christus Ausdruck findet. Wer diesen Zusammenhang erkennt, wird das Gesetz nicht mehr als fremdes Altlast-Dokument lesen, sondern als frühe, ernsthafte, aber zugleich hoffnungsvolle Ankündigung dessen, was Gott in Christus und durch Christus mit uns vorhat.

Diese Sicht weitet den Blick. Der Gott, der in den Geboten seine Heiligkeit und Gerechtigkeit zeigt, ist derselbe, der in Christus herabsteigt, um Sünder zu gewinnen und zu verwandeln. Sein Ziel ist nicht, Menschen an einem unerreichbaren Maßstab scheitern zu sehen, sondern sie dahin zu führen, dass das, was im Gesetz nur beschrieben wurde, in Christus erlebbar wird. Es ist tröstlich zu wissen: Der Maßstab des Gesetzes ist zugleich das Maß des Christus, der sich uns schenkt. Was Gott fordert, bringt er in Christus selbst mit. Wer sich ihm anvertraut, steht nicht mehr vor einem starren Gesetzestext, sondern vor einem lebendigen Herrn, der bereit ist, sein eigenes Bild in uns zu prägen. In dieser Gewissheit wird das Gesetz zum Wegweiser, der auf Christus zeigt, und Christus zum Weg, auf dem Gott das Ziel seines Plans tatsächlich erreicht.

der das Bild des unsichtbaren Gottes ist, der Erstgeborene aller Schöpfung, (Kol. 1:15)

Und dort werde ich mich dir zu erkennen geben und von der Deckplatte herab, zwischen den beiden Cherubim hervor, die auf der Lade des Zeugnisses sind, alles zu dir reden, was ich dir für die Söhne Israel auftragen werde. (2. Mose 25:22)

Das Gesetz als Vorbild auf Christus zu sehen, löst den Druck, sich aus eigener Kraft an ein hohes Ideal herankämpfen zu müssen. An die Stelle einer abstrakten Pflichterfüllung tritt die Beziehung zu einer Person. Wo deutlich wird, dass alle göttlichen Forderungen in Christus als lebendige Wirklichkeit vor uns stehen, darf Hoffnung wachsen: Der, der Gottes Bild vollkommen trägt, ist zugleich der, der sich mit seinem Geist mitteilt und bereit ist, in gewöhnlichen Menschen seine eigene Gestalt anzunehmen.

Christus leben – der wahre Ausdruck Gottes im Alltag

Im Volk Israel bedeutete es, das Gesetz zu halten, dass das Leben des Volkes zum Spiegel dessen werden sollte, was Gott ist. Nicht zu töten, nicht die Ehe zu brechen, nicht zu stehlen, nicht falsch zu zeugen und nicht zu begehren – all das war mehr als moralische Disziplin; es war dazu bestimmt, Gottes Charakter inmitten der Nationen sichtbar zu machen. Doch die Geschichte Israels zeigt, wie oft sie an diesem Anspruch zerbrachen. Paulus greift das im Römerbrief auf, wenn er beschreibt, wie das Gebot „Du sollst nicht begehren“ in ihm selbst eine tiefe Not offenbarte. Im Licht des Gesetzes merkt der Mensch, dass Gott nicht nur die Tat, sondern die Wurzel im Herzen sieht. So wird klar: Der Maßstab Gottes kann nicht durch gesteigerte Willenskraft erreicht werden. Das Gesetz zeigt, was Gott ist, aber es gibt keine Kraft, so zu werden.

Das Gesetz einhalten bedeutet, Gott auszudrücken. In der Typologie heißt das Gesetz einhalten, Gott auszudrücken. Das Gesetz dadurch einzuhalten, dass man nicht tötet, nicht die Ehe bricht, nicht stiehlt, nicht lügt und nicht begehrt, ist das Leben eines Gott-Menschen. Diejenigen, die ein solches Leben eines Gott-Menschen führen, tragen das Bild Gottes. Sie sind ein Porträt Gottes und sogar eine Vervielfältigung Gottes. (Witness Lee, Life-Study of Chronicles, Botschaft elf, S. 77)

Mit Christus beginnt eine neue Wirklichkeit. Gott belässt es nicht bei einem äußeren Maßstab, sondern gibt seinen eigenen Geist. So erklärt Paulus, dass die gerechte Forderung des Gesetzes „in uns erfüllt würde, die wir nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist“ (Römer 8:4). Und in Philipper 1:19–21 bekennt er, dass ihm alles „durch … die überströmende Versorgung mit dem Geist Jesu Christi“ zur Errettung gereicht und dass sein tiefes Verlangen ist, Christus in seinem Leib groß zu machen, ja zu sagen: „Denn zu leben ist für mich Christus und zu sterben ist Gewinn.“ Hier wird deutlich: Christus zu leben ist der Weg, auf dem das Bild Gottes, das das Gesetz zeichnet und Christus erfüllt, in unserem Alltag sichtbar wird. Nicht wir verwirklichen das Gesetz, sondern Christus verwirklicht in uns das, was das Gesetz fordert.

Dieses Christus-Leben bleibt nicht im Bereich frommer Begriffe. Es gewinnt Farbe, sobald man an konkrete Situationen denkt: eine scharfe Bemerkung in der Ehe, eine Versuchung zur Unwahrhaftigkeit im Beruf, eine Gelegenheit zur Selbstbehauptung im Gemeindeleben. Aus uns selbst reagieren wir spontan „nach dem Fleisch“ – verletzt, verteidigend, berechnend. Christus zu leben bedeutet in solchen Momenten, innerlich stehen zu bleiben, das eigene Ich nicht zum Maßstab zu machen und dem innewohnenden Geist Raum zu geben. Paulus spricht von der „überströmenden Versorgung mit dem Geist Jesu Christi“; dieser Geist ist keine abstrakte Kraft, sondern die gegenwärtige Wirklichkeit des auferstandenen Herrn, der bereit ist, seine Sanftmut an die Stelle unserer Härte, seine Wahrhaftigkeit an die Stelle unserer Halbwahrheiten, seine Freiheit an die Stelle unserer Begierden zu setzen.

Wo ein Mensch lernt, so zu leben, beginnt sich das geheimnisvolle Wort zu erfüllen, dass in ihm die gerechte Forderung des Gesetzes erfüllt wird. Ohne dass jemand ständig Gebote abprüfen müsste, zeigt sich im praktischen Verhalten, dass Leben, Treue, Ehrlichkeit, Liebe und innere Lauterkeit Gestalt annehmen. Das Gesetz hat dann seine eigentliche Funktion erfüllt: Es hat auf den hingewiesen, der allein dieses Leben in uns hervorbringen kann. In dieser Perspektive werden selbst unsere Schwächen zu Gelegenheiten, Christus neu kennenzulernen. Jede erfahrene Grenze des eigenen Könnens kann zu einem leisen Ruf werden: „Herr, hier brauche ich deine Versorgung.“ Und jeder kleine Schritt, in dem seine Reaktion statt unserer zur Geltung kommt, wird zu einem stillen Ausdruck Gottes in dieser Welt – oft unscheinbar, aber im Himmel gesehen.

damit die gerechte Forderung des Gesetzes in uns erfüllt würde, die wir nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist. (Röm. 8:4)

denn ich weiß, dass mir dies zur Errettung dienen wird durch euer Flehen und die überströmende Versorgung mit dem Geist Jesu Christi, (Phil. 1:19-21)

Christus zu leben heißt im Kern, den Alltag nicht mehr als Bühne des eigenen Ichs zu verstehen, sondern als Raum, in dem der Geist Jesu Christi wirken darf. Wo der Blick vom eigenen Versagen auf seine „überströmende Versorgung“ übergeht, bekommt selbst das Ringen mit den Geboten eine neue Farbe: Aus dem Druck, etwas darstellen zu müssen, wird die Freiheit, jemanden in sich wirken zu lassen. In dieser Freiheit wächst ein Leben, in dem Gottes heiliges, liebevolles und wahrhaftiges Wesen leise, aber real sichtbar wird.


Herr Jesus Christus, danke, dass du das wahre Bild des unsichtbaren Gottes bist und dass du durch deinen Geist in uns wohnst. Wo wir am Gesetz und an unseren eigenen Maßstäben scheitern, dort bist du unsere Gerechtigkeit, unsere Heiligkeit und unsere Kraft. Stärke in uns den Glauben, dass dein überreicher Geist genügt, um dich im Alltag zu leben – in unseren Gedanken, in unseren Worten und in unseren Beziehungen. Lass dein Leben in uns wachsen, damit dein Wesen mehr und mehr sichtbar wird und die Menschen um uns einen klaren Ausdruck Gottes sehen. Fülle uns neu mit deinem Geist, erneuere unser Herz und richte unseren Blick auf dich als unsere Hoffnung und unser Leben. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Chronicles, Chapter 11