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Die Regierungen Athaljas und Joaschs über Juda

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Die Geschichte Judas in den Tagen Athaljas und Joaschs liest sich wie ein Wechsel von Finsternis und Licht: eine Königin, die den königlichen Samen auslöschen will, ein verborgen aufgezogener Knabe und ein Hoherpriester, der zur rechten Zeit handelt. Hinter diesen dramatischen Ereignissen steht die Frage, wer in Gottes Volk regiert – menschlicher Ehrgeiz oder Gottes Absicht. Genau diese Spannung begegnet uns auch im Neuen Testament, wenn Jünger um die ersten Plätze ringen und die junge Gemeinde von Spaltungen bedroht wird.

Verdeckte Bewahrung in Zeiten der Usurpation

Die Regierungszeit Athaljas ist ein Bild konzentrierter Gottlosigkeit. Eine Frau, die nicht von Gott eingesetzt ist, reißt den Thron an sich und versucht, „den ganzen königlichen Samen“ zu vernichten, damit kein Erbe Davids übrig bleibt. Nach außen sieht es so aus, als würde der Plan Gottes scheitern: Die Linie, der er in 1. Mose 49 und 2. Samuel 7 so gewichtige Verheißungen gegeben hatte, scheint ausgelöscht. Doch gerade in diesem Moment tritt eine unscheinbare Gestalt hervor: Jehoscheba, eine Tochter des Königs, versteckt Joasch im Haus Jehovas. Während Athalja über das Land herrscht, liegt der wahre Erbe in einem Nebengemach des Tempels – verborgen, aber lebendig. Die Geschichte legt eine stille Spur frei: Gottes Herrschaft hängt nicht an der sichtbaren Macht, sondern an seinem Bund und an den wenigen, die ihm in dunklen Zeiten treu sind.

Jehoscheba, die Tochter des Königs Joram und Schwester Ahasjas, versteckte Joasch, den Sohn Ahasjas, sechs Jahre lang im Haus Jehovas, während Athalja, seine Großmutter, über das Land regierte (V. 2–3). (Witness Lee, Life-Study of Kings, Botschaft sechzehn, S. 101)

Gott ist nicht hilflos, wenn Menschen sein Recht usurpieren. Er reagiert nicht, indem er sofort mit Macht eingreift und alle falschen Herrscher hinwegfegt. Er verbirgt seinen Samen. Joasch wächst im Schatten des Heiligtums auf, umgeben von dem Dienst des Hohenpriesters Jojada, während die Öffentlichkeit nur Athaljas Stimme hört. Diese verborgene Bewahrung ist kein Rückzug Gottes, sondern eine andere Art der Regierung: leise, zielgerichtet, unaufhaltsam. So wie später auch Christus, der wahre Sohn Davids, in der versteckten Geborgenheit eines Stalles geboren wird und Jahre lang in Nazareth unscheinbar bleibt, bevor er auftritt, arbeitet Gott durch das Verborgene. In Johannes 1:5 heißt es, das Licht scheine in der Finsternis, „und die Finsternis hat es nicht erfasst“. Athaljas Gewalt kann den Samen nicht auslöschen, so wenig wie Herodes das Jesuskind finden konnte.

Im Neuen Testament begegnen wir wieder dieser Spannung zwischen sichtbarer Schwäche und unsichtbarer Bewahrung. Die junge Gemeinde in Jerusalem ist von Verfolgung und inneren Spannungen betroffen; Menschen wie Barnabas und Paulus erleben Konflikte, und doch geht der Ratschluss Gottes weiter. Christus als der erhöhte Sohn Davids bleibt das Haupt der Gemeinde, selbst wenn die Strukturen brüchig sind. Nichts kann ihn von diesem Platz verdrängen. In Epheser 4:3. wird nicht aufgefordert, die Einheit des Geistes zu erzeugen, sondern sie „zu bewahren“ – gerade weil sie von Gott her schon gegeben ist und von seiner Treue getragen wird. Die verborgene Geschichte hinter aller sichtbaren Geschichte ist, dass Gott seinen Samen schützt, seine Linie durchträgt und zur Zeit, die er bestimmt, ans Licht bringt.

Wer diese Weise Gottes erkennt, gewinnt eine andere Perspektive auf die Zeiten, in denen die falschen Stimmen laut sind und das Recht Gottes gering geschätzt wird. Es ist nicht das Ende der Geschichte, wenn unrechtmäßige Herrschaft das Bild bestimmt oder wenn in der Gemeinde menschliche Ambitionen die Oberhand zu haben scheinen. Der Gott, der Joasch im Tempel verbarg, kennt auch heute Raum und Personen, durch die er seine Linie bewahrt. Seine Wege sind nicht an Mehrheiten gebunden, sondern an seinen Bund und an die stille Treue, die er selbst in Herzen wirkt. Das gibt der Seele einen langen Atem: Sie muss nicht resignieren, sondern darf erwarten, dass der verborgene Samen zu seiner Zeit hervortreten wird. Darum kann der Blick ruhig werden – auch mitten in usurpierter Macht – im Vertrauen darauf, dass Gottes unsichtbare Regierung lebendiger und wirksamer ist als jede sichtbare. Seine Verheißung mag im Dunkel liegen, aber sie ist nie ohne Träger.

Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst. (Joh. 1:5)

Der Weg Gottes mit Joasch lehrt, in Zeiten verkehrter oder usurpierter Herrschaft nicht vorschnell zu urteilen, als wäre Gott vom Thron gestoßen worden, sondern das oft verborgene, aber treue Wirken seiner Hand zu beachten und im Vertrauen auf seinen Bund innerlich standhaft und still zu bleiben.

Ehrgeiz, Spaltung und der Ernst der Einheit

Athaljas Handeln ist ein Extremfall zerstörerischen Ehrgeizes. Um allein zu herrschen, ist sie bereit, das königliche Geschlecht auszulöschen. In ihrem Herzen ist kein Platz für einen anderen auf dem Thron – auch nicht für den, den Gott bestimmt hat. In dieser Gestalt verdichtet sich, was die Schrift immer wieder zeigt: Spaltung entspringt einem Herzen, das höher sein will als andere, das sich an den Platz setzt, den Gott dem Sohn gegeben hat. Der Geist dieser Haltung ist nicht auf das Alte Testament beschränkt. Als Jesus auf dem Weg nach Jerusalem ist, tritt die Mutter der Zebedäussöhne zu ihm und erbittet besondere Plätze für ihre Söhne. Matthäus 20:21 berichtet, wie sie sagt: „Bestimme, daß diese meine zwei Söhne einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken sitzen mögen in deinem Reich.“ Der Wunsch nach Nähe zu Christus mischt sich mit dem Wunsch nach Vorrang vor den anderen. So subtil beginnt Trennung.

Wenn wir die Geschichte der Könige lesen und darüber nachdenken, was durch die Vorbilder gezeigt wird, erkennen wir vor allem Spaltung. Spaltung entspringt der Ambition der Menschen, das heißt dem Verlangen, höher zu sein als andere, das Haupt, der Herrscher und der König des Volkes zu sein. (Witness Lee, Life-Study of Kings, Botschaft sechzehn, S. 103)

Jesus deckt die Wurzel dieser Spannung auf, ohne die beiden Brüder zu demütigen. Er macht deutlich, dass sie nicht wissen, um was sie bitten, und führt sie zu dem Kelch des Leidens hin. Und als die übrigen zehn Jünger unwillig werden, weil sie sich übergangen fühlen, ruft er alle zu sich und sagt: „Ihr wisst, dass die Fürsten der Heiden über sie herrschen und dass die Großen Amtsgewalt über sie ausüben. Unter euch soll es nicht so sein“ (Mt. 20:25–26). Der Umgang mit Ehrgeiz besteht nicht in moralischer Selbstdisziplin allein, sondern in einem anderen Verständnis von Größe: Wer groß sein will, soll Diener sein; wer der Erste sein will, soll Sklave sein. Christus entlarvt die Logik, die auch in Athalja wirksam ist: Höher sein, herrschen, sich sichern. Dem setzt er sich selbst entgegen: den Sohn des Menschen, der nicht gekommen ist, um bedient zu werden, „sondern um zu dienen und Sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben“ (Mt. 20:28).

In der Geschichte der frühen Gemeinde zeigt sich, wie ernst die Folgen sind, wenn Ehrgeiz und verletzte Ehre nicht im Licht dieser Haltung Christi stehen. Zwischen Paulus und Barnabas, zwei bewährte Diener, kommt es zu einer so heftigen Auseinandersetzung über Markus, dass sie getrennte Wege gehen (Apg. 15:39). Es ist keine theologische Häresie im Spiel, keine offene Rebellion gegen Gott, und doch spricht die Schrift nüchtern davon, dass hier Spaltung geschieht. In 1. Korinther 1:10 fleht Paulus die Gemeinde an, „dass keine Spaltungen unter euch seien, sondern dass ihr euch auf denselben Sinn und auf dieselbe Meinung ausrichten lasst“. Hinter den Parolen „Ich bin des Paulus, ich aber des Apollos“ steht derselbe alte Impuls: sich selbst in einer bestimmten Gruppe erhöhen, sich abgrenzen, besser sein wollen.

Wenn die Schrift so ernst über Spaltung spricht, dann nicht, um zu lähmen, sondern um den Wert der Einheit sichtbar zu machen. Einheit ist nicht bloß organisatorische Harmonie oder das Fehlen von Konflikten, sondern die Frucht eines Herzens, das die Herrschaft Christi höher achtet als die eigene Stellung. Wo Menschen bereit sind, sich unter das Kreuz zu stellen, ihren Ehrgeiz dem Blick des Herrn zu öffnen und den anderen nicht als Konkurrenten, sondern als Mitglied desselben Leibes zu sehen, beginnt eine andere Kultur: die Kultur der Diener. Dort verliert die Frage nach Rang und Vorrang ihren Reiz, weil die Nähe zum Herrn wichtiger ist als der Platz zur Rechten oder zur Linken. Die Geschichte Athaljas mahnt, die Jüngergeschichte tröstet: derselbe Herr, der zerstörerischen Ehrgeiz entlarvt, kann Herzen so verwandeln, dass aus Rivalen Geschwister und aus potenziellen Spaltern Träger der Einheit werden. Diese Hoffnung trägt, auch wenn die eigene Gemeinschaft mit Spannungen ringt.

Jesus aber rief sie zu Sich und sagte: Ihr wisst, dass die Fürsten der Heiden über sie herrschen und dass die Großen Amtsgewalt über sie ausüben. Unter euch soll es nicht so sein; sondern wer immer unter euch groß werden will, soll euer Diener sein, und wer immer unter euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein; gleichwie der Sohn des Menschen nicht gekommen ist, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und Sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben. (Mt. 20:25-28)

Ich flehe euch nun an, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle dasselbe redet und dass keine Spaltungen unter euch seien, sondern dass ihr euch auf denselben Sinn und auf dieselbe Meinung ausrichten lasst. (1.Kor 1:10)

Der Blick auf Athalja, auf die Jünger bei Jesus und auf Paulus und Barnabas lädt dazu ein, Ehrgeiz und Vergleichsdenken als tiefe Wurzel von Spaltung zu erkennen und die Größe Christi im Dienst und in der gemeinsamen Zugehörigkeit zum Leib höher zu achten als jede eigene Position oder Gruppenzugehörigkeit.

Dienen unter der wahren Königsherrschaft

Zwischen Athalja und Jojada spannt sich ein scharfer Kontrast. Athalja klammert sich an die Macht, die ihr nicht zusteht, und scheut nicht davor zurück, Blut zu vergießen, um auf dem Thron zu bleiben. Jojada, der Hohepriester, riskierte sein Leben, um den rechtmäßigen König einzusetzen – und tritt zurück, sobald dieser sichtbar wird. Sein Handeln ist nicht von eigener Karriere geprägt, sondern von der Frage, ob Gottes Ordnung wiederhergestellt wird. Im Haus Jehovas bereitet er Joasch vor, sammelt die Leviten, schließt einen Bund und führt das Volk dazu, erneut „Jehovas Volk“ zu sein. Er hält nicht an seinem Einfluss fest, sondern führt hin zu einer Königsherrschaft, in der Gott geehrt wird. Darin spiegelt sich ein Herz, das die Herrschaft Gottes über die eigene Stellung stellt.

Eine Zeit lang arbeiteten Paulus und Barnabas sehr gut zusammen. Später schlug Paulus Barnabas vor, die Gemeinden zu besuchen, die entstanden waren. Daraufhin schlug Barnabas vor – und bestand schließlich darauf –, seinen Vetter Markus mitzunehmen. Paulus hatte dabei kein gutes Empfinden, weil Markus die Mühsale der Reise nicht ertragen hatte und sich schon auf ihrer ersten Reise zurückgezogen hatte. Wegen dieses Meinungsunterschieds verließ Barnabas Paulus (15:36–39). Danach wird nirgends mehr erwähnt, dass die beiden wieder zusammen waren. Das war eine Spaltung. (Witness Lee, Life-Study of Kings, Botschaft sechzehn, S. 103)

Die Geschichte bleibt jedoch nüchtern: Joasch beginnt unter dem Einfluss Jojadas gut, verliert aber nach dessen Tod den inneren Halt, lässt sich von anderen bestimmen, und sein Ende ist unruhmvoll. Es genügt nicht, einmal für die richtige Herrschaft einzutreten; die Frage ist, ob das Herz dauerhaft an der Person des rechtmäßigen Königs hängt. Das Neue Testament vertieft diesen Punkt, indem es Christus als das alleinige Haupt des Leibes zeigt. In Kolosser 1 wird beschrieben, dass er „das Haupt des Leibes, der Gemeinde“ ist. Echter Dienst an den Gläubigen bedeutet deshalb, nicht eigene Gefolgschaft zu sammeln, sondern alles darauf auszurichten, dass Christus als Haupt Raum gewinnt. Dort, wo Menschen im Gemeindeleben in dieser Gesinnung handeln, sind Positionen nicht mehr dazu da, sich abzusichern, sondern werden zu Gelegenheiten, die Autorität Christi sichtbar werden zu lassen.

Der Dienst des Jojada findet seine tiefere Entsprechung im neutestamentlichen Verständnis von Dienst und Einmütigkeit. In Epheser 4:1–3.klingt dieser Ton an, wenn Paulus schreibt: „Darum flehe ich euch an, ich, der Gefangene im Herrn, würdig der Berufung zu wandeln, mit der ihr berufen worden seid, mit aller Bescheidenheit und Sanftmut, mit Langmut, und tragt einander in Liebe, und befleißigt euch dabei, die Einheit des Geistes in dem vereinigenden Band des Friedens zu bewahren.“ Ein Herz, das die Herrschaft Christi über die eigene Stellung stellt, ist bescheiden und sanftmütig; es hält Spannungen aus, ohne sofort nach Abgrenzung zu greifen, und es achtet darauf, dass die vorgegebene Einheit des Geistes nicht durch eigene Rechthaberei zerrissen wird. In solchem Dienst liegt eine Kraft, die nicht laut auftreten muss: Sie besteht darin, Christus in die Mitte zu rücken und sich selbst in den Hintergrund zu stellen.

In der Apostelgeschichte sehen wir, wie diese Haltung praktisch wird. In Antiochien dienen Propheten und Lehrer gemeinsam dem Herrn (Apg. 13:1–2). Nicht der eine baut sein Werk, der andere das seine; sie fasten und hören gemeinsam auf den Heiligen Geist. Als der Geist dann Barnabas und Saulus aussendet, wird deutlich: Der entscheidende Wille kommt nicht aus persönlichem Ehrgeiz, sondern aus der Stimme Gottes in der Mitte der dienenden Gemeinschaft. Wo Christus als König in der Mitte geehrt wird, können selbst starke Persönlichkeiten gemeinsam gehen, ohne sich gegenseitig zu überbieten. Konflikte verschwinden nicht, aber sie müssen nicht zwangsläufig in Spaltungen enden. Das Herz, das unter der Herrschaft Christi steht, sucht nicht zuerst die eigene Rechtfertigung, sondern schaut darauf, wie der Leib Christi aufgebaut wird.

Darum flehe ich euch an, ich, der Gefangene im Herrn, würdig der Berufung zu wandeln, mit der ihr berufen worden seid, mit aller Bescheidenheit und Sanftmut, mit Langmut, und tragt einander in Liebe, und befleißigt euch dabei, die Einheit des Geistes in dem vereinigenden Band des Friedens zu bewahren: (Eph. 4:1-3)

Es waren aber in Antiochien, in der dortigen Gemeinde, Propheten und Lehrer: Barnabas und Simon, genannt Niger, und Lucius von Kyrene und Manahen, der mit Herodes, dem Vierfürsten, auferzogen worden war, und Saulus. Während sie aber dem Herrn dienten und fasteten, sprach der Heilige Geist: Sondert mir nun Barnabas und Saulus zu dem Werk aus, zu dem ich sie berufen habe! (Apg. 13:1-2)

Das Beispiel Jojadas und der neutestamentliche Ruf zur Einheit laden ein, im eigenen Dienst weniger auf Stellung und Einfluss zu achten, sondern in Bescheidenheit und Einmütigkeit so zu handeln, dass Christus als das wahre Haupt Raum gewinnt und der Leib Christi aufgebaut statt gespalten wird.


Herr Jesus Christus, du wahrer Sohn Davids, danke, dass deine Herrschaft nicht durch menschlichen Ehrgeiz und Spaltungen aufgehoben werden kann. Du bewahrst deinen Samen, auch wenn deine Wege verborgen sind, und führst dein Volk trotz aller Verwirrung weiter in deinem Ratschluss. Festige in uns ein schlichtes, gereinigtes Herz, das deine Herrschaft über jede persönliche Stellung stellt und sich nach der Einheit im Leib Christi sehnt. Wo Verwundungen und Trennungen entstanden sind, lass dein Heilungswerk wirken und erneuere in deiner Gemeinde die Freude daran, gemeinsam unter deiner sanften Königsherrschaft zu leben. Stärke unsere Einmütigkeit durch dein Leben in uns, damit wir in einer geteilten Christenheit ein klares Zeugnis deiner Liebe und deines Friedens sein können. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Kings, Chapter 16