Ein einleitendes Wort
Wenn wir die großen Geschichtslinien der Bibel überblicken, wirkt manches weit entfernt vom Alltag: Israel zieht ins verheißen Land, Richter stehen auf, eine Moabiterin namens Ruth tritt ins Bild. Doch hinter all diesen Geschehnissen steht eine einzige, durchgehende Geschichte: Gott handelt zielstrebig, um Christus in diese Welt zu bringen und sich ein Volk zu gewinnen, das mit ihm zusammen seine Absichten auslebt. Auch unser Studium von 1. Mose bis zu den Geschichtsbüchern bleibt leer, wenn wir diese innere Linie übersehen. Die Frage ist: Wo stehen wir heute in dieser Geschichte Gottes und wie wird unser normales Leben – Beruf, Studium, Familie – zu einem Teil seiner Bewegung auf der Erde?
Gottes große Geschichte: Vom Schöpfer zum verheißenen Land
Am Anfang steht kein abstrakter Plan, sondern ein Gott, der den Himmel ausspannt und die Grundmauern der Erde legt, weil er einen Ort sucht, an dem er sich mit dem Menschen verbinden kann. In Sacharja 12:1. heißt es, dass er „den Geist des Menschen in seinem Inneren bildet“. In diesem einen Vers treffen Himmel, Erde und der menschliche Geist zusammen. Die Schöpfung ist nicht bloß Hintergrund, sondern Bühne für eine Geschichte, in deren Mitte der Mensch steht – nicht als autonomes Wesen, sondern als Gegenüber Gottes, befähigt, ihn zu erfassen, ihn aufzunehmen und ihn zu tragen. Die Erde ist dazu bestimmt, erfüllt zu werden von Menschen, die in seinem Bild leben und aus ihrem Geist heraus mit ihm verkehren. So beginnt die große Linie: vom Schöpfer, der Himmel und Erde ordnet, zu einem Menschen, der durch seinen Geist für Gott geöffnet ist.
Er musste die Himmel um der Erde willen schaffen und die Erde um des Menschen willen (Sach. 12:1). Gott schuf den Menschen in Seinem eigenen Bild und nach Seinem Gleichnis und gab ihm einen Geist, damit der Mensch Ihn kontaktieren, Ihn aufnehmen, Ihn bewahren und Ihn als sein Leben und seinen Inhalt nehmen konnte. Es war sehr traurig, dass dieser Mensch von Gott und von Gottes Vorsatz für Seine Ökonomie abgefallen ist. Doch aus der gefallenen Menschheit erwählte Gott einen Mann namens Abraham und seine Nachkommen und machte sie zu einem besonderen Volk, zu Seinen lieben Auserwählten unter allen Nationen (den Heiden). Über vierhundert Jahre brauchte Gott, um ein solches auserwähltes Volk hervorzubringen, zu bilden und zu gestalten, das an die Stelle des adamitischen Geschlechts treten sollte zur Erfüllung Seiner ewigen Ökonomie. (Witness Lee, Life-Study of Joshua, Botschaft eins, S. 2)
Der Sündenfall zerschneidet diese Linie nicht, sondern macht sichtbar, wie tief Gottes Vorsatz reicht. Der Mensch verliert den direkten Umgang mit Gott, aber Gott verliert den Menschen nicht aus den Augen. Mit Abraham setzt er einen neuen Anfang inmitten eines gefallenen Menschengeschlechts. Aus vielen Nationen formt er ein auserwähltes Volk, das stellvertretend das trägt, was Adam verloren hat: Berufung, Verheißung und Gemeinschaft. Diese Geschichte ist lang, mühsam und von vielen Umwegen durchzogen – Ägypten, Wüste, Untreue, Erziehung. Doch gerade dieser Weg formt ein Volk, das nicht nur von Gott gesegnet, sondern mit Gott verbunden ist.
Wenn Israel schließlich am Rand des verheißenen Landes steht, konzentriert sich die ganze vorhergehende Geschichte in einem Auftrag. In 5. Mose 8:7–9 wird dieses Land beschrieben als „ein gutes Land, ein Land von Wasserbächen, Quellen und Gewässern … ein Land, in dem du nicht in Armut dein Brot essen wirst“. Das Land ist mehr als ein Stück Geografie; es ist der sichtbare Ausdruck von Gottes Absicht mit seinem Volk: ein Raum, in dem seine Gegenwart, seine Versorgung und seine Herrschaft konkret werden. Zugleich läuft im Verborgenen eine zweite Linie: Das Volk soll die Linie bewahren, durch die Christus geboren wird, der wahre Erbe des Landes und der Vollender aller Verheißungen.
Damit wird die Geschichte von Josua, den Richtern und Ruth zu einem Fenster in Gottes arbeitendes Herz. Hinter Kämpfen, Niederlagen und Wiederherstellungen steht der Dreieine Gott, der mit seinem auserwählten Volk verbunden ist und Schritt für Schritt auf sein Ziel zugeht: Christus hervorzubringen, sein Reich aufzurichten und schließlich in der Gemeinschaft von Gott und Mensch im Neuen Jerusalem zu ruhen. Diese Sicht verändert den Blick auf die alttestamentlichen Berichte: Sie sind nicht nur Historie, sondern Offenbarung eines Gottes, der unermüdlich an seinem Volk arbeitet, bis sein Vorsatz sich erfüllt.
Ausspruch, Wort des HERRN über Israel. Es spricht der HERR, der den Himmel ausspannt und die Grundmauern der Erde legt und den Geist des Menschen in seinem Inneren bildet: (Sach. 12:1)
Denn der HERR, dein Gott, bringt dich in ein gutes Land, ein Land von Wasserbächen, Quellen und Gewässern, die in der Ebene und im Gebirge entspringen; (5.Mose 8:7)
Wer das eigene Leben vor dem Hintergrund von Gottes großer Geschichte sieht, gewinnt inneren Halt: Die einzelnen Jahre und Erfahrungen sind nicht lose aneinandergereihte Episoden, sondern Teile einer Linie, in der Gott auf Christus hin arbeitet. So kann selbst in unscheinbaren oder schweren Abschnitten die Gewissheit wachsen, dass der gleiche Gott, der Israel durch Wüste und Kämpfe trug, auch heute still und zielstrebig an unserem Inneren formt, damit Christus in uns Raum gewinnt und sein Reich durch unser Leben sichtbarer wird.
Das verheißene Land: Bild für das Leben in Christus
Wenn Israel den Jordan überquert, ist das mehr als eine geografische Verschiebung. Ein Volk, das in der Wüste gelernt hat, vom Manna zu leben, setzt den Fuß in ein Land, in dem Weizen, Wein und Öl wachsen. In diesem Übergang spiegelt sich eine tiefere Wirklichkeit: Der Weg durch den Jordan weist auf das Einswerden mit dem Tod Christi hin. In Römer 6:3–4 heißt es, dass wir „in Seinen Tod hineingetauft“ und „zusammen mit Ihm begraben“ worden sind, „damit … wir in der Neuheit des Lebens wandeln können“. Der Jordan trennt nicht nur Vergangenheit und Zukunft, sondern alte und neue Ordnung: Was in Adam war, wird hinter sich gelassen, damit ein Leben in Christus beginnen kann.
Das erste der mit Christus verbundenen Vorbilder ist, dass Israel das verheißene Land in Besitz nimmt und genießt. Dies versinnbildlicht die praktische Erfahrung der Gläubigen von dem Reichtum der Segnungen in Christus, wie er im Epheserbrief offenbart wird. (Witness Lee, Life-Study of Joshua, Botschaft eins, S. 5)
Dieses neue Leben wird im Bild des guten Landes sichtbar. Gott „bringt dich in ein gutes Land“, heißt es in 5. Mose 8:7, ein Land, in dem es „dir an nichts fehlen wird“ (5. Mose 8:9). Im Licht des Neuen Testaments wird deutlich, dass dieses Land ein Bild für den Reichtum der Segnungen in Christus ist. Der Epheserbrief entfaltet diesen Reichtum: Erwählung vor Grundlegung der Welt, Erlösung durch sein Blut, Versiegelung mit dem Heiligen Geist, Zugang zum Vater und das gemeinsame Leben als Leib Christi. Wenn Paulus schreibt, dass Gott uns „zusammen mit Ihm niedergesetzt“ hat „im Himmlischen in Christus Jesus“ (Epheser 2:6), klingt darin der Einzug Israels in das Land wider: eine neue Stellung, geschenkt und doch umkämpft.
Denn das gute Land ist kein stilles Paradies, sondern ein Ort des Kampfes. Die Mächte, die Israel dort begegnen, verweisen auf eine unsichtbare Auseinandersetzung. Epheser 6:12 erinnert daran, dass unser Ringkampf „nicht gegen Blut und Fleisch“ geht, sondern gegen „die geistlichen Mächte der Bosheit im Himmlischen“. So ist der Genuss des Landes, der Genuss der Segnungen in Christus, kein automatischer Zustand, sondern ein Raum, der im Glauben betreten und gehalten wird. Josua und Kaleb verkörpern diese Haltung: Sie sehen dieselben Mauern wie die anderen Kundschafter, aber sie lesen die Wirklichkeit durch die Verheißung Gottes.
Für unser heutiges Leben bedeutet das: In Christus ist uns objektiv alles geschenkt, was wir zum Leben mit Gott benötigen – Vergebung, Annahme, Zugang, Gemeinschaft, geistliche Ausstattung. Kolosser 2:20 beschreibt diese objektive Seite: „Wenn ihr zusammen mit Christus gestorben seid, los von den Elementen der Welt …“ Dennoch bleibt die Frage, ob dieses Erbe auch subjektiv Gestalt gewinnt: in den Gedanken, in Beziehungen, im Umgang mit Besitz, Zeit und Kraft. Der Einzug ins Land geschieht einmal, die Besitzergreifung aber ist ein Prozess, der Vertrauen, Ausdauer und innere Bereitschaft zur Führung des Geistes erfordert.
Oder wisst ihr nicht, dass alle von uns, die in Christus Jesus hineingetauft worden sind, in Seinen Tod hineingetauft worden sind? (Röm. 6:3)
Wir sind darum zusammen mit Ihm begraben worden durch die Taufe in Seinen Tod hinein, damit, gleichwie Christus von den Toten auferweckt wurde durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in der Neuheit des Lebens wandeln können. (Röm. 6:4)
Das Bild des verheißenen Landes lädt ein, das eigene Christsein nicht als bloßes Warten auf den Himmel zu verstehen, sondern als Weg in ein bereits geschenktes Erbe hinein. In Christus ist der Boden bereitet, der Jordan durchschritten und die neue Stellung gegeben. Unser Anteil besteht darin, diesem Wort zu vertrauen, wenn Widerstände sich auftürmen, und die Segnungen, die uns zugesagt sind, im Alltag innerlich zu ‚betreten‘. So wird das Leben mit Gott weniger zu einem mühsamen Pflichterfüllen und mehr zu einem schrittweisen Hineinwachsen in den Reichtum dessen, was Christus ist.
Rahab und Ruth: Wie Gott durch schwache Menschen Christus hervorbringt
Mitten in den großen Bewegungen der Landnahme lenkt Gott den Blick auf zwei unscheinbare Frauen. Rahab in Jericho und Ruth in Moab stehen weit abseits der Zentren geistlicher Geschichte – und gerade dort setzt Gott an. Rahab lebt in einer Stadt, die dem Gericht geweiht ist, und trägt zugleich ein Geheimnis der Rettung in ihrem Haus. Der scharlachrote Faden an ihrem Fenster wird zum Zeichen des Vertrauens auf das Wort, das sie durch die Kundschafter gehört hat. Später heißt es über sie: „So ließ Josua die Hure Rahab und das Haus ihres Vaters sowie alles, was zu ihr gehörte, am Leben. Und sie wohnte mitten in Israel bis zum heutigen Tag“ (Josua 6:25). Was äußerlich Rettung vor dem Untergang ist, deutet innerlich auf etwas Größeres: ein Leben, das vom Rand hinein in das Volk Gottes gestellt wird.
Die zweite, mit Christus in Verbindung stehende Vorbildart ist der scharlachrote Faden, durch den Rahab, die Hure, gerettet wurde (Jos. 2:17–19; 6:17, 22–23, 25; Hebr. 11:31; Jak. 2:25). Dieser scharlachrote Faden ist ein Sinnbild für das Blut Christi, durch das die Gläubigen erlöst sind (1.Petr. 1:18–19). (Witness Lee, Life-Study of Joshua, Botschaft eins, S. 5)
Im Licht des Neuen Testaments gewinnt dieses Zeichen Tiefe. Petrus schreibt von den Gläubigen, sie seien „erlöst … mit dem kostbaren Blut Christi“ (1. Petrus 1:18–19). Der scharlachrote Faden wird so zu einem Bild für dieses Blut: Was Rahab am Fenster befestigt, ist im Kern eine öffentliche Bindung an die zugesagte Rettung. Ihre Vergangenheit verhindert Gottes Wege nicht, sondern wird zum Ort, an dem seine Gnade aufleuchtet. Dass Rahab in Matthäus 1:5 ausdrücklich in der Geschlechtslinie Jesu genannt wird – „und Salmon zeugte Boas von der Rahab“ – zeigt, wie weit diese Gnade reicht: Aus einer Frau mit gebrochener Geschichte wird ein Glied in der Linie, durch die Christus in die Welt kommt.
Ruths Weg beginnt nicht mit einem spektakulären Zeichen, sondern mit einer leisen Entscheidung auf einem staubigen Weg zwischen Moab und Juda. Sie ist eine Witwe ohne Absicherung, wenn sie zu Noomi sagt: „Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott“ (Ruth 1:16). Damit tritt sie aus ihrer Herkunft heraus in eine Zugehörigkeit hinein, die sie nicht kontrollieren kann. Bethlehem, wohin sie schließlich kommt, ist äußerlich ein kleines Städtchen, innerlich aber ein Knotenpunkt der Heilsgeschichte. Micha 5:1. sagt: „Und du, Bethlehem Efrata … aus dir wird mir der hervorgehen, der Herrscher über Israel sein soll.“ Dass Ruth gerade dort auf das Feld des Boas geführt wird, ist mehr als Fügung des Augenblicks; es ist Teil einer Linie, die auf Christus hin verläuft.
Der weitere Verlauf macht das sichtbar. Ruth wird die Frau des Boas, „und der HERR schenkte ihr Schwangerschaft, und sie gebar einen Sohn“ (Ruth 4:13). Dieser Sohn Obed steht in der Linie bis zu David (Ruth 4:22) und von dort zu Christus, wie Matthäus 1:5–6 bezeugt. Zwei Frauen, die in der Wahrnehmung ihrer Zeit wohl kaum als Trägerinnen großer Verheißungen galten, werden so zu Scharnieren der Christus-Geschichte. In Rahab liegt der Akzent auf der rettenden Gnade, die einen Menschen aus dem Gericht heraushebt; in Ruth auf der treuen Hingabe, die sich dem Gott Israels anschließt. In beiden Fällen ist es Gottes souveränes Handeln, das aus unscheinbaren Biografien Wegmarken seiner Ankunft macht.
So ließ Josua die Hure Rahab und das Haus ihres Vaters sowie alles, was zu ihr gehörte, am Leben. Und sie wohnte mitten in Israel bis zum heutigen Tag, weil sie die Boten versteckte, die Josua gesandt hatte, um Jericho auszukundschaften. (Jos. 6:25)
Aber Rut sagte: Dringe nicht in mich, dich zu verlassen, von dir weg umzukehren! Denn wohin du gehst, (dahin) will (auch) ich gehen, und wo du bleibst, da bleibe (auch) ich. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. (Ruth 1:16)
Rahab und Ruth stellen uns vor Augen, wie Gottes Weg mit Menschen nicht an Herkunft, Vergangenheit oder scheinbarer Bedeutung scheitert. Seine Christus-Linie verläuft bewusst durch gebrochene und unscheinbare Biografien, um sichtbar zu machen, dass seine Gnade trägt. Wer sich in diesen Geschichten wiederfindet – in Rahabs Bruch oder in Ruths Fremdsein –, darf darin einen Hinweis sehen: Auch das eigene Leben kann, gerade in seiner Schwachheit, von Gott in den Dienst seiner größeren Geschichte gestellt werden, wenn sein Wort Vertrauen findet und seine Zugehörigkeit wichtiger wird als die Sicherheiten von gestern.
Herr Jesus Christus, danke, dass du von Anfang an die Geschichte führst, um Menschen in deine Nähe zu ziehen und durch sie deine Gegenwart in diese Welt zu bringen. Du siehst unsere Schwachheit, unsere Begrenzungen und unsere Brüche, und doch rufst du uns wie Israel, Josua, Rahab und Ruth in deine große Geschichte hinein. Öffne unsere Augen für das gute Land deiner Gnade, das du uns in dir geschenkt hast, und lass uns im Glauben darin leben, auch wenn Widerstände und Dunkelheit sichtbar sind. Erneuere unser Vertrauen, dass kein Alltag zu gewöhnlich und keine Vergangenheit zu schwer ist, als dass du sie nicht in deine Christus-Linie einweben könntest. Stärke uns innerlich durch deinen Geist, damit unser Denken, unser Reden und unser Handeln zu einem Teil deiner Bewegung auf dieser Erde werden. Lass in uns die Hoffnung wachsen, dass du dein Werk vollenden wirst und wir mit dir in der ewigen Stadt wohnen werden, in der deine Herrlichkeit alles erfüllt. In deinem Namen vertrauen wir uns deiner Führung an. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Joshua, Chapter 1