Das Wort des Lebens
lebensstudium

Christus im Deuteronomium — das Denkmal, der Altar und die Opfer

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Wer die letzten Worte des Mose liest, könnte meinen, alles drehe sich um Gebote, Forderungen und drohenden Fluch. Doch mitten in dieser ernsten Atmosphäre entsteht ein überraschendes Bild: An der Grenze zum guten Land stehen ein steinernes Denkmal, ein Altar und brennende Opfer. Dieses Bild wirkt auf den ersten Blick hart und tröstlich zugleich. Gerade in dieser Spannung – zwischen Gottes heiligem Anspruch und unserer offensichtlichen Unzulänglichkeit – beginnt die Schönheit Christi aufzuleuchten.

Das Denkmal: Gottes heilige Forderungen in Christus sichtbar

Am Eingang des guten Landes lässt Gott große Steine aufrichten, auf denen die Worte des Gesetzes eingraviert werden. Es ist, als würde Er sein eigenes Wesen in Stein zeichnen und sichtbar vor das Volk stellen. Die Gebote sind nicht zuerst eine Liste von Forderungen, sondern ein Spiegel dessen, wie Gott ist: treu, klar, zuverlässig, nicht schwankend. Wenn Er sagt: „Du sollst nicht“, dann spricht nicht ein willkürlicher Gesetzgeber, sondern einer, dessen Herz Liebe ist und dessen Wege Licht sind. So entsteht durch dieses Denkmal eine stille Predigt: Wer in dieses Land einzieht, tritt in den Bereich eines heiligen Gottes ein, dessen Wille Ausdruck seiner Person ist. Darum heißt es von der Schrift insgesamt, dass sie „von Gott eingegeben“ ist und nützlich, „damit der Mensch Gottes ganz zubereitet sei“ (2. Timotheus 3:16–17). Wie viel mehr gilt das von diesen Grundworten am Tor des Landes.

Die auf dem Denkmal eingravierten Zehn Gebote stellten Gottes Anforderungen dar. Als solche sind sie ein Ausdruck Gottes selbst; sie sind ein Abbild dessen, was Gott ist. Insbesondere offenbaren die Zehn Gebote, dass Gott Liebe und Licht ist und zugleich heilig und gerecht. So war das Denkmal am Eingang des Landes tatsächlich Gott selbst. (Witness Lee, Life-Study of Deuteronomy, Botschaft sechsundzwanzig, S. 181)

Weil 5. Mose ein Buch über Christus ist, dürfen wir das Denkmal nicht vom Sohn Gottes trennen. Der, dessen Wesen hier umrissen wird, ist derselbe, der als Mensch unter uns wandelte und sagen konnte: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Johannes 14:9). In den Geboten wird Gottes Herz in Worte gefasst; in Christus wird dasselbe Herz Fleisch und Blut. So steht gewissermaßen Christus selbst vor Israel, wenn die Steine am Eingang des Landes errichtet werden: als lebendiger Maßstab, als Verkörperung dessen, was Gott für gut, wahr und heil hält. Je länger man dieses Denkmal betrachtet, desto deutlicher wird: Gottes Wille ist keine äußere Fremdlast, sondern ein Fenster in Gottes innerstes Wesen.

Für unser Leben mit Christus bedeutet das eine stille, aber weitreichende Korrektur. Wo seine Gebote uns begegnen – in den Worten der Bergpredigt ebenso wie in den Mahnungen der Briefe –, spricht nicht ein kaltes System, sondern der, der uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat. Seine „Forderungen“ zeigen, wie Er selbst ist, und damit auch, wozu Er uns bestimmen möchte. Wer so auf das Denkmal blickt, wird weniger fragen: „Was muss ich leisten?“, und mehr: „Wen lerne ich hier kennen?“ In dieser Begegnung wächst Vertrauen: Der, der fordert, ist derselbe, der sich schenkt. Und indem wir sein Wesen betrachten, beginnt in uns eine leise Verwandlung – nicht aus Zwang, sondern aus Anziehung. Das Denkmal wird dann nicht zur Mauer, an der man verzweifelt, sondern zum Wegweiser in ein Leben, das immer mehr von der Schönheit Christi geprägt ist.

Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes ganz zubereitet sei, zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet. (2.Tim. 3:16-17)

Jesus spricht zu ihm: So lange Zeit bin ich bei euch, und du hast mich noch nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen; wie kannst du sagen: Zeige uns den Vater? (Joh. 14:9)

Wo Gottes Wille als Spiegel seines Wesens gesehen wird, verliert das Wort „Gebot“ seinen harten Klang und wird Einladung: in das Herz Christi hineinzuwachsen und unser Denken, Fühlen und Handeln an dem auszurichten, der Liebe und Licht ist.

Der Altar: Das Kreuz neben dem unerreichbaren Maßstab

Unmittelbar neben den Steinen des Gesetzes soll ein Altar errichtet werden. Diese Anordnung ist mehr als eine liturgische Vorschrift; sie deutet eine geistliche Spannung an, die jeder ehrlich spürt, der sich dem Wort Gottes aussetzt. Je klarer der Maßstab vor Augen steht, desto deutlicher tritt unsere Unzulänglichkeit hervor. Zwischen dem, was Gott in seiner Heiligkeit ist, und dem, was wir in unserer Schwachheit sind, öffnet sich eine Kluft. Dass der Altar direkt neben dem Denkmal steht, ist Gottes eigene Antwort auf diese Kluft. Er lässt uns nicht lange unter dem Eindruck des „Du sollst“ stehen, ohne zugleich den Ort zu zeigen, an dem mit dem „Du hast nicht“ und „Du kannst nicht“ umgegangen wird.

Warum wurden neben dem Denkmal ein Altar errichtet? Wir brauchen einen Altar, weil wir den Anforderungen des auf dem Denkmal Geschriebenen nicht genügen. Das zeigt: Es ist uns unmöglich, Christus gleichzukommen. Christus, der selbst Gott ist, ist heilig und gerecht und zugleich voller Liebe und Licht. Wir können Ihm nicht gleichkommen. Deshalb brauchen wir einen Altar — wir brauchen das Kreuz. (Witness Lee, Life-Study of Deuteronomy, Botschaft sechsundzwanzig, S. 182)

Der Altar ist das Bild des Kreuzes Christi. Hier begegnet uns derselbe Gott, der im Gesetz seine heiligen Forderungen enthüllt, nun als der Gott, der selbst für die Folgen unserer Verfehlung einsteht. So wird Galater 3:13 lebendig: „Christus hat uns aus dem Fluch des Gesetzes freigekauft, indem Er für uns zu einem Fluch geworden ist.“ Der, der mit Recht richten könnte, lässt sich an das Holz binden; der, vor dessen Geboten wir versagen, stellt sich an unsere Stelle. Das Denkmal zeigt, wie weit wir von Gottes Maßstab entfernt sind; der Altar zeigt, wie tief Gottes Gnade bereit ist hinabzugehen. Wo diese beiden Bilder nebeneinander stehen, wird deutlich: Gottes Weg zu uns führt nicht über fromme Selbstverbesserung, sondern über einen stellvertretenden Tod und eine neue Schöpfung in Christus.

Wer so auf das Kreuz neben dem Denkmal schaut, muss nicht mehr in der heimlichen Anstrengung leben, sich Gottes Wohlgefallen zu verdienen. Die Begegnung mit Gottes Anspruch bleibt ernst; sie wird nicht relativiert. Aber sie steht nicht mehr allein. Neben jedem Wort, das uns entlarvt, steht das Holz, an dem der Sohn Gottes hing. Dort ist Raum für unsere Schuld, für unsere vergeblichen Versuche, für das, was wir gerne wären und nicht sind. Aus dieser Nähe von Anspruch und Altar wächst eine stille Zuversicht: Gott überschätzt uns nicht, Er trägt uns. Und wer sich von dieser Gnade berühren lässt, entdeckt, dass gerade das Kreuz eine neue Freiheit eröffnet, Gottes Willen nicht aus Angst, sondern aus Dankbarkeit zu suchen.

Christus hat uns aus dem Fluch des Gesetzes freigekauft, indem Er für uns zu einem Fluch geworden ist; denn es steht geschrieben: „Verflucht ist jeder, der am Holz hängt“; (Gal. 3:13)

Im Licht des Denkmal-Wortes und im Schatten des Altars darf das christliche Leben nüchtern und zugleich getrost sein: nüchtern, weil Gottes Maßstab nicht gesenkt wird; getrost, weil Christus am Kreuz die ganze Last unseres Nicht-Erreichens getragen hat und uns so in eine Beziehung führt, in der Gehorsam Antwort auf erfahrene Gnade wird.

Die Opfer: Christus als der Fordernde und zugleich Erfüllende

Auf diesem Altar sollen Brandopfer und Friedensopfer dargebracht werden. Damit tritt ein weiterer Zug des Bildes hervor: Der, der fordert, sorgt nicht nur für Vergebung des Vergangenen, sondern auch für eine positive Erfüllung seines Willens. Das Brandopfer spricht von einer Hingabe, die ganz Gott gehört – ein Leben, das ohne Vorbehalt nach seinem Wohlgefallen ausgerichtet ist. Das Friedensopfer spricht von Gemeinschaft, von einem Mahl mit Gott, von einem Versöhntsein, das in Freude und Nähe mündet. Beides zusammen zeichnet eigentlich das Leben, zu dem Israel im Land berufen ist: ganz für Gott und zugleich in versöhnter Gemeinschaft mit Ihm. Doch die Opfer machen klar, dass dieses Leben nicht zuerst aus Israel selbst kommt, sondern aus dem, der als Opfer auf dem Altar liegt.

Die auf dem Altar als Brandopfer dargebrachten Opfergaben zur Zufriedenheit Gottes weisen auf Christus hin. Einerseits ist Er der Fordernde; andererseits ist Er der, der diese Forderungen erfüllt und befriedigt. Wir können Seine Forderungen nicht erfüllen; doch Er ist selbst gekommen, um an unserer Stelle zu treten, uns zu vertreten und das zu vollbringen, was Er von uns verlangt. Damit wird deutlich, dass Er sowohl der Fordende als auch der Erfüllende ist. (Witness Lee, Life-Study of Deuteronomy, Botschaft sechsundzwanzig, S. 182)

Hier berühren wir das Geheimnis Christi als des fordernden und zugleich erfüllenden Gottes. Er steht im Wort vor uns als der Heilige, dessen Maßstab höher ist, als wir ihn je erreichen können; und doch legt Er sich selbst auf den Altar, um an unserer Stelle Brandopfer und Friedensopfer zu sein. In Römer 8:3–4 wird das so gefasst: „Gott … verdammte die Sünde im Fleisch, … damit die gerechte Forderung des Gesetzes in uns erfüllt würde, die wir nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist.“ Die Forderung bleibt; ihre Erfüllung wird verlegt: weg von unserer Anstrengung hin zu Christus, der durch seinen Geist in uns lebt. Der verarbeitete Dreieine Gott, der sich in Tod und Auferstehung in Christus uns zugänglich gemacht hat, kommt in unser Inneres, um das zu wirken, was Er von uns erwartet.

Wer das sieht, wird nicht mehr zwischen einem strengen Gott des Gesetzes und einem milden Christus trennen. Am Denkmal, am Altar und in den Opfern zeigt sich derselbe Herr: gerecht und rettend, heilig und sich selbst hingebend, fordernd und erfüllend. In der Praxis unseres Lebens bedeutet das: Kein Gebot Gottes muss mehr als unerreichbare Last über uns stehen bleiben. In der Gemeinschaft mit dem Gekreuzigten und Auferstandenen wird jedes Wort, das uns zunächst überfordert, zu einem Feld seiner Wirksamkeit. Dort, wo früher nur Versagen stand, wächst langsam ein neues Gehorsamsein aus der Kraft Christi. So wird der Weg ins „gute Land“ – in ein Leben, das vom Reichtum Christi geprägt ist – nicht von unserer Tüchtigkeit getragen, sondern von der Treue dessen, der sich für uns opfert und in uns wohnt. Diese Gewissheit macht Mut, unter seinen Forderungen nicht zu resignieren, sondern mit Erwartung zu leben: Er selbst wird vollenden, was Er begonnen hat.

Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch schwach war, das tat Gott: Er verdammte die Sünde im Fleisch, indem Er Seinen eigenen Sohn in der Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und der Sünde wegen sandte, (Röm. 8:3)

damit die gerechte Forderung des Gesetzes in uns erfüllt würde, die wir nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist. (Röm. 8:4)

Wenn Christus selbst unser Brandopfer und Friedensopfer ist, dann darf jeder Anspruch Gottes zu einem Ort des Vertrauens werden: Dort, wo unsere Möglichkeiten enden, beginnt seine wirksame Gnade, die gerechte Forderung des Gesetzes in uns zu erfüllen, indem Er uns Schritt für Schritt in sein eigenes Leben hineinzieht.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Deuteronomy, Chapter 26