Das Wort des Lebens
lebensstudium

Kämpfen (5)

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Wer die Gemeinde heute betrachtet, erlebt oft einen Widerspruch: Auf der einen Seite das hohe Ideal, das Gott über sein Volk ausspricht, auf der anderen Seite Versagen, Vermischung und versteckter Götzendienst. Die Geschichte Israels in der Wüste macht diesen Kontrast eindrücklich sichtbar und zeigt zugleich, wie Gott mitten in aller Untreue seine Absichten mit Christus und seiner Gemeinde weiterführt. Gerade hier lernen wir, was geistliches Kämpfen bedeutet: nicht zuerst nach außen, sondern vor Gott mit unserer wahren Natur und mit seinem Blick auf sein Volk zu ringen.

Gottes Sicht auf sein Volk: heilig, vollkommen und schön in Christus

Wenn Bileam vom Gipfel der Felsen auf Israel hinunterschaut, sieht er dasselbe Volk, das Gott in der Wüste so oft gezüchtigt hat – und doch beschreibt er es mit Worten, die fast unwirklich klingen: „siehe, ein Volk, das abgesondert wohnt und sich nicht zu den Nationen rechnet“ (4. Mose 23:9). Vor Gott steht Israel nicht als eine Masse widerspenstiger Menschen, sondern als ein Volk, das zu ihm hin abgesondert und für ihn reserviert ist. Äußerlich wandern sie durch dieselbe Wüste wie die anderen Völker; innerlich gehören sie in eine andere Sphäre. Hier öffnet sich ein Blick in Gottes Herz: Er betrachtet sein Volk nicht zuerst in seiner aktuellen Unreife, sondern in seiner Beziehung zu sich selbst – getragen von seinem Bund, geborgen in seiner Erwählung und zusammengefasst in seinem Christus.

„Siehe, ein Volk, das allein wohnen wird und sich nicht unter die Völker rechnen will!“ (23:9b). Das macht deutlich, dass die Gemeinde ein abgesondertes, besonderes Volk ist – ein zu Gott hin abgesondertes Volk. Sie ist nicht mit den Völkern vermischt, sondern steht für sich allein. „Er hat an Jakob keine Ungerechtigkeit erblickt; noch hat Er Leid an Israel gesehen“ (23:21a). Das zeigt, dass die Gemeinde vor Gott als vollkommen und ohne Ungerechtigkeit gilt. Die Gemeinde ist vollkommen, weil sie in Christus ist. „Wie schön sind deine Zelte, o Jakob, deine Wohnstätten, o Israel!“ (24:5). Das macht deutlich, dass die Gemeinde auch äußerlich schön ist. (Witness Lee, Life-Study of Numbers, Botschaft sechsunddreißig, S. 264)

Darum heißt es: „Er erblickt kein Unrecht in Jakob und sieht kein Verderben in Israel; der HERR, sein Gott, ist mit ihm, und Königsjubel ist in ihm“ (4. Mose 23:21). Diese Worte leugnen nicht die Sünde Israels; kurz darauf werden ihre Missetaten schonungslos ans Licht gestellt. Gott sagt nicht: Es gibt keine Ungerechtigkeit; er sagt: Er erblickt keine. Er entscheidet sich, sein Volk in einer anderen Wirklichkeit zu sehen – in der Wirklichkeit des kommenden Christus, in dem die Sünde verurteilt und weggetragen ist. Paulus beschreibt dieselbe Wirklichkeit, wenn er bezeugt, dass Gott „die Sünde im Fleisch verdammte, indem er seinen eigenen Sohn in der Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und der Sünde wegen sandte“ (Röm. 8:3). Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum Gott Israel als schön bezeichnet: „Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel!“ (4. Mose 24:5). Die Schönheit liegt nicht in der makellosen Moral eines Volkes, sondern in der Gegenwart Gottes mitten unter schwachen Menschen.

Im Licht des Neuen Testaments wird diese Perspektive noch klarer. Die Gemeinde ist der „neue Mensch“, der „zur völligen Erkenntnis nach dem Bild dessen erneuert wird, der ihn geschaffen hat“ (Kolosser 3:10). Gott sieht seine Gemeinde nicht als Summe ihrer Verletzungen, Spaltungen und Versäumnisse, sondern als einen neuen Menschen, in dem „Christus … alles und in allen“ ist (Kolosser 3:11). Was Bileam von Israel sagt, ist wie ein Vorausbild auf diese Wirklichkeit: ein Volk, das abgesondert wohnt, weil sein innerer Inhalt ein anderer ist. Die Heiligkeit der Gemeinde besteht nicht in ihrer Abgrenzung aus Stolz, sondern darin, dass Christus selbst ihre innere Atmosphäre, ihr Maßstab und ihr Leben geworden ist.

Wer diese Sicht Gottes auf seine Gemeinde im Glauben aufnimmt, schaut die Kirche mit anderen Augen. Man bleibt nicht naiv gegenüber ihrer Schwachheit, aber man lässt sich auch nicht von ihr bestimmen. Anstatt sich zynisch von der Gemeinde zu distanzieren, lernt man, ihren wahren Wert von Gottes Seite her zu sehen: als ein Volk unter einem offenen Himmel, als Zelte, die in Gottes Augen schön sind, obwohl sie noch Zelte der Pilgerschaft sind. So wächst im Herzen ein stiller Mut: Mitten in einer unvollkommenen Welt gehört die Gemeinde zu einer anderen Ordnung. Gerade in ihren Brüchen wird sichtbar, wie treu Gott ist, der sie in Christus als heilig, vollkommen und schön ansieht – und der nicht ruhen wird, bis ihre äußere Gestalt ihrer inneren Berufung entspricht.

Denn vom Gipfel der Felsen sehe ich es, und von den Höhen herab schaue ich es; siehe, ein Volk, das abgesondert wohnt und sich nicht zu den Nationen rechnet. (4. Mose 23:9)

Er erblickt kein Unrecht in Jakob und sieht kein Verderben in Israel; der HERR, sein Gott, ist mit ihm, und Königsjubel ist in ihm. (4. Mose 23:21)

Wer sich von Gottes Blick auf sein Volk prägen lässt, findet Ruhe inmitten der Widersprüche: Die sichtbare Schwachheit der Gemeinde verliert ihre lähmende Macht, weil hinter allem die leise, aber bestimmte Zusage steht, dass Gott sein Volk in Christus als geheiligt, gerechtfertigt und schön ansieht – und dass er genau auf dieser Grundlage weiterarbeitet, bis das, was er sieht, auch für uns unübersehbar wird.

Die verborgene Wirklichkeit: gefallene Natur, Vermischung und geistlicher Kampf

Die gleiche Schrift, die von einem Volk spricht, in dem Gott kein Unrecht erblickt, verschweigt keine Zeile später den Abgrund seines Versagens. Kaum sind die Segensworte Bileams verklungen, lesen wir: „Und Israel blieb in Schittim. Und das Volk fing an Unzucht zu treiben mit den Töchtern Moabs; und diese luden das Volk zu den Opfern ihrer Götter ein, und das Volk aß und warf sich nieder vor ihren Göttern. Und Israel hängte sich an den Baal-Peor“ (4. Mose 25:1–3). Was Gott vor seinem Angesicht in Christus sieht, deckt nicht zu, was in der erfahrbaren Geschichte ans Licht kommen muss. Die Bibel scheut sich nicht, beides nebeneinander zu stellen: die hohe Zusage und die tiefe Gefallenheit.

In 4. Mose 23:21 heißt es: „Er erblickt kein Unrecht in Jakob und sieht kein Verderben in Israel; der HERR, sein Gott, ist mit ihm, und Königsjubel ist in ihm.“ In 4. Mose 25 wird dagegen die Missetat Israels berichtet. Dabei handelt es sich um zwei schändliche Vergehungen: Unzucht, die die vom Gott geschaffene menschliche Person zugrunde richtet, und Götzendienst, der die göttliche Person Gottes beleidigt. Die Bibel zeigt, dass Unzucht und Götzendienst zusammengehören: Wo Unzucht ist, da ist auch Götzendienst. (Witness Lee, Life-Study of Numbers, Botschaft sechsunddreißig, S. 265)

In Schittim wird sichtbar, wie Sünde in der Tiefe wirkt: Unzucht zerstört die von Gott geschaffene Würde des Menschen, Götzendienst beleidigt Gottes eigene Person. Beides hängt eng zusammen. Darauf weist die Schrift hin, wenn im Rückblick gesagt wird: „Siehe, sie sind ja auf den Rat Bileams den Söhnen Israel ein Anlass geworden, in der Sache mit dem Peor eine Untreue gegen den HERRN zu begehen, so daß die Plage über die Gemeinde des HERRN kam“ (4. Mose 31:16). Hinter der äußeren Versuchung stehen Ratschlüsse, Strategien, ein geistlicher Angriff, der auf Vermischung und Verwässerung zielt. Offenbarung 2 zieht diese Linie bis in die neutestamentliche Gemeinde: „…die Lehre Bileams …, so daß sie Götzenopfer aßen und Unzucht trieben“ (Offb. 2:14). Wo das Herz von fremden Bindungen gefesselt wird, verliert Gottes Ehre ihren Platz im Innersten.

Gottes Reaktion ist eine brennende Eifersucht, die nicht gegen sein Volk gerichtet ist, sondern gegen das, was es zerstört. „Da entbrannte der Zorn des HERRN gegen Israel“ (4. Mose 25:3) – nicht aus gekränkter Empfindlichkeit, sondern aus der Leidenschaft eines Gottes, der sein Volk nicht den Mächten preisgibt, die es innerlich zerfressen. Der Einsatz des Priesters Pinhas wird zum Wendepunkt: Er handelt aus derselben Eifersucht für Gott heraus und wird mit einem „Bund des Friedens“ und einem „Bund ewigen Priestertums“ beschenkt (4. Mose 25:11–13). Hier wird deutlich, dass der eigentliche Kampf nicht an den Grenzen des Lagers, sondern im Inneren des Volkes ausgetragen wird: in den verborgenen Neigungen, in denen sich die alte, adamische Natur mit fremden Göttern verbindet.

Diese Offenlegung ist keine Verneinung der Gnade, sondern ihre Voraussetzung. Wäre nur von der Heiligkeit des Volkes die Rede, bliebe alles im Ungefähren; würde nur die Sünde gesehen, gäbe es keinen festen Grund für Hoffnung. Die Schrift hält beides zusammen und lädt dazu ein, die eigene Wirklichkeit nicht zu beschönigen: in Adam tief gefallen, zur Vermischung fähig, anfällig für List und Verführung; in Christus zugleich geliebt, gerechtfertigt, berufen, Priester Gottes zu sein. Aus dieser Doppelwahrheit wächst ein nüchterner, aber tröstlicher Mut im Kampf: Gott ist weder von unserer Schwachheit überrascht noch von ihr überfordert. Er legt sie bloß, um sie an die Wurzel zu treffen – damit wir im Kampf nicht auf unsere Standhaftigkeit bauen, sondern auf den, der uns kennt und dennoch an seinem Bund des Friedens festhält.

Und Israel blieb in Schittim. Und das Volk fing an Unzucht zu treiben mit den Töchtern Moabs; und diese luden das Volk zu den Opfern ihrer Götter ein, und das Volk aß und warf sich nieder vor ihren Göttern. Und Israel hängte sich an den Baal-Peor. Da entbrannte der Zorn des HERRN gegen Israel. (4. Mose 25:1-3)

Siehe, sie sind ja auf den Rat Bileams den Söhnen Israel ein Anlaß geworden, in der Sache mit dem Peor eine Untreue gegen den HERRN zu begehen, so daß die Plage über die Gemeinde des HERRN kam. (4. Mose 31:16)

Wer lernt, dass Gott die verborgene Gefallenheit seines Volkes nicht verschweigt, sondern im Licht seiner Eifersucht und seines Bundes offenlegt, kann auch die eigenen Brüche und Vermischungen nicht länger verdrängen – und muss sich doch nicht vor ihnen fürchten: Inmitten ernsthafter Zucht bleibt die Spur seines Friedensbundes sichtbar, der uns durch den geistlichen Kampf hindurchzieht und uns lehrt, allein auf ihn zu zählen.

Christus – unser Inhalt, unsere Autorität und unsere Ruhe im Kampf

Mitten in der Spannung zwischen Gottes hoher Sicht und der tiefen Gefallenheit seines Volkes leuchtet ein Drittes auf: die Person Christi, in der Gott beides zusammenführt. In der Wüste erscheint er zuerst unscheinbar: als Brunnen, der gegraben werden will. „Damals sang Israel dieses Lied: Steige herauf, Brunnen! Singt ihm zu! Brunnen, den Oberste gegraben, den die Edlen des Volkes gehöhlt haben mit dem Zepter, mit ihren Stäben!“ (4. Mose 21:17–18). Der Brunnen ist da, aber sein Wasser wird nicht automatisch getrunken. Wer sich auf ihn einlässt, wer sich in ihn „eingräbt“, wird innerlich mit Wasser versorgt – und gerade dadurch zu einem Edlen und Führenden im Volk. Geistlicher Einfluss wächst nicht aus natürlicher Stärke, sondern aus der verborgenen Gemeinschaft mit dem Christus, der in der Tiefe unseres Geistes gegenwärtig ist.

Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass wir diesen Brunnen ausgraben müssen (V. 18). Wenn wir ihn ausgraben, werden wir vornehme Menschen und Leiter. Wie 4. Mose 33 zeigt, ist Christus unser Ziel und unser Land der Ruhe. Daher ist Christus unser Ersatz, unser Brunnen und unser Land der Ruhe. Wenn wir Ihn als unser Land der Ruhe genießen, mangelt es uns an nichts. (Witness Lee, Life-Study of Numbers, Botschaft sechsunddreißig, S. 264)

Später wird dasselbe Volk an den Rand des Landes geführt. Christus erscheint nun nicht mehr als verborgener Brunnen, sondern als Ziel und Ruheort. Die Wegstationen in 4. Mose 33 zeichnen eine geistliche Geschichte: Durch viele Lagerplätze, Umwege, Kämpfe und Erschütterungen hindurch führt Gott sein Volk in ein Land, das von Fülle geprägt ist. So ist Christus unser Ersatz für alles, was uns fehlt, unser Brunnen in der Wüste und unser Land der Ruhe, in dem wir aus Fülle leben dürfen. Wer ihn so kennt, lebt im Kampf nicht aus einem Gefühl des Mangels, sondern aus einer inneren Reserve, die nicht von Umständen angegriffen werden kann.

In den Weissagungen Bileams tritt Christus schließlich in königlicher Klarheit hervor: „Ich sehe ihn, aber nicht jetzt, ich schaue ihn, aber nicht nahe. Es tritt hervor ein Stern aus Jakob, und ein Zepter erhebt sich aus Israel“ (4. Mose 24:17). Der Stern spricht von dem himmlischen Christus, der in dunkler Nacht aufgeht und Orientierung schenkt; das Zepter von seiner Autorität, die sich durchsetzen wird, wenn alle anderen Herrschaften zerbrochen sind. Zugleich heißt es von Israel: „Gott ist es, der es geführt. Es hat Kraft wie die Hörner des Büffels“ (4. Mose 23:22; vgl. 4. Mose 24:8). Damit ist nicht die rohe Gewalt des Volkes gemeint, sondern die Kraft des Gottes, der hinter ihm steht. Im neuen Menschen der Gemeinde wird diese Wirklichkeit erfüllt: Christus ist ihr innerer Inhalt, ihre Autorität und ihre Zukunft.

Geistlicher Kampf bekommt in diesem Licht ein anderes Gesicht. Er ist nicht zuerst ein nervöses Ringen um äußere Siege, sondern ein Bleiben bei dem, der unsere Quelle, unsere Leitung und unsere Ruhe ist. Wo Christus als Brunnen geschöpft wird, vertrocknet die Anziehungskraft fremder Quellen. Wo Christus als Stern auf unser Herz aufgeht, verlieren verwirrende Stimmen ihre Macht. Wo Christus als Zepter anerkannt wird, muss die alte Natur ihre heimlichen Herrschaftsansprüche loslassen. So wächst inmitten von Widerständen eine stille Gewissheit: Der, der uns in Gott vollkommen darstellt, ist derselbe, der unsere innere Wüste mit Wasser füllt, unser Dunkel erhellt und unseren Kampf in seine Ruhe hineinführt.

Damals sang Israel dieses Lied: Steige herauf, Brunnen! Singt ihm zu! Brunnen, den Oberste gegraben, den die Edlen des Volkes gehöhlt haben mit dem Zepter, mit ihren Stäben! Und aus der Wüste zogen sie nach Mattana; (4. Mose 21:17-18)

Ich sehe ihn, aber nicht jetzt, ich schaue ihn, aber nicht nahe. Es tritt hervor ein Stern aus Jakob, und ein Zepter erhebt sich aus Israel und zerschlägt die Schläfen Moabs und zerschmettert alle Söhne Sets. (4. Mose 24:17)

Wer Christus als Brunnen, als Stern und als Zepter kennenlernt, entdeckt im geistlichen Kampf einen anderen Rhythmus: Nicht das angespannte Kreisen um eigene Siege, sondern das wiederholte Zurückkehren zu ihm wird zur eigentlichen Bewegung – und gerade darin wächst eine Ruhe, die auch in bedrängten Zeiten nicht weicht, weil sie auf seiner Gegenwart und nicht auf unserer Leistung ruht.


Herr Jesus Christus, danke, dass du mitten in unserer Schwachheit und Gefallenheit deine Gemeinde in dir als heilig, vollkommen und schön ansiehst. Du kennst alles, was in uns aus Adam ist, und doch verurteilst du uns nicht, sondern ziehst uns tiefer in dich hinein als unseren Brunnen, unsere Autorität und unsere Ruhe. Stärke in uns die heilige Eifersucht, die dich liebt und allem widerspricht, was uns von dir wegzieht, und erfülle uns neu mit dem lebendigen Wasser deines Geistes, damit dein Leben stärker ist als jede Verführung. Lass dein Licht als heller Morgenstern in unseren Herzen aufgehen, damit wir im Vertrauen auf dich durch jeden Kampf hindurchgetragen werden und deine Gemeinde so sichtbar wird, wie du sie schon siehst. Dir sei alle Ehre in deiner Gemeinde, in allen Generationen und in Ewigkeit. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Numbers, Chapter 36