Das Wort des Lebens
lebensstudium

Kämpfen (3)

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Manchmal scheint es, als ob Gottes Volk von allen Seiten unter Druck steht – von offensichtlicher Feindschaft, aber auch von religiöser Verwirrung und Vermischung. Die Geschichte von Bileam macht sichtbar, wie Gott mitten in solchen Spannungen handelt: Er durchkreuzt böse Pläne, segnet sein Volk gegen alle Erwartungen und sieht sie mit einem ganz anderen Blick, als sie sich selbst sehen. Gerade hier wird deutlich, was es bedeutet, zu einem abgesonderten und kämpfenden Volk Gottes zu gehören.

Gottes Volk: abgesondert inmitten der Nationen

Als Bileam von den Höhen auf Israel hinabblickt, sieht er nicht zuerst das Lager mit seinen Zelten, der Staub der Wüstenwanderung bleibt für einen Moment zurück. Vor seinem inneren Auge tritt ein anderes Bild hervor: „Siehe, ein Volk, das allein wohnen wird und sich nicht unter die Völker rechnen wird!“ (4.Mose 23:9). Gott lässt einen heidnischen Seher aussprechen, was er seit 1. Mose mit Abraham begonnen hat: ein Volk aus der Masse herauszulösen, nicht um es stolz zu machen, sondern um es zu sich zu ziehen. Abgesondert sein heißt in diesem Licht nicht elitär, sondern zugehörig – Israel gehört Gott, selbst wenn es äußerlich schwach ist, innerlich ist es in den Augen Gottes ein geheiligtes Volk.

Balak hatte zu Balaam gesagt: „Komm, verfluche Jakob für mich, und komm, verfluche Israel“ (V. 7b). Das war jedoch unmöglich. Balaam sagte: „Wie könnte ich ihn verfluchen, den Gott nicht verflucht hat? Wie könnte ich ihn verurteilen, den Jehovah nicht verurteilt hat? Denn von den Gipfeln der Felsen sehe ich ihn, von den Höhen erblicke ich ihn. Siehe, ein Volk, das allein wohnen wird und sich nicht unter die Völker rechnen wird!“ (Vv. 8–9). Dass die Kinder Israels „allein wohnen“ und sich „nicht unter die Völker rechnen“ würden, weist darauf hin, dass sie ein heiliges, geheiligtes und von den Völkern abgesondertes Volk waren. (Witness Lee, Life-Study of Numbers, Botschaft vierunddreißig, S. 253)

Diese Absonderung geschieht mitten in den Nationen, nicht im Rückzug aus der Geschichte. Israel lagert um die Stiftshütte, um die Gegenwart Gottes, während ringsum die Königreiche der Welt ihre Pläne schmieden und Kriege führen. Die Kinder Israels sind denselben Wüstenstürmen ausgesetzt wie ihre Nachbarn, und doch sind sie anders, weil ihre Geschichte von einem anderen Zentrum bestimmt wird. So ist es auch mit der Gemeinde: Sie ist kein frommer Nebenraum der Welt, sondern Gottes Eigentum mitten in dieser Welt. Petrus fasst dies später auf und spricht von einem „auserwählten Geschlecht“ und einem „Volk zum Eigentum“, das berufen ist, die Tugenden dessen zu verkünden, der es aus der Finsternis gerufen hat (vgl. 1.Petr. 2:9). In Christus nimmt Gott sich ein Volk, das ihm gehört, noch bevor es äußerlich stark oder vorbildlich ist.

Wenn Heiligkeit zunächst Zugehörigkeit bedeutet, wird der Druck von der Seele genommen, sich selbst durch eigene Anstrengung heilig machen zu müssen. Gott heiligt, indem er zu sich heranzieht, indem er bindet, indem er seinen Namen über ein Volk ausspricht. Das moralische Anderssein wächst aus dieser Beziehung, nicht umgekehrt. In der Wüste Israels wird dies sichtbar: Sie sind in sich schwach, unbeständig, murmelnd – und doch sagt Gott über sie ein Wort der Absonderung. In ähnlicher Weise gilt der Gemeinde, was Paulus schreibt: „Von Ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott zur Weisheit geworden ist: sowohl zur Gerechtigkeit als auch zur Heiligung und zur Erlösung“ (1.Kor 1:30). Die Heiligung beginnt also nicht bei unserer Leistung, sondern bei Gottes Tat, uns in Christus zu setzen.

Aus dieser Sicht heraus bekommt die Einsamkeit, die mit dem Glauben verbunden sein kann, einen anderen Klang. Das „allein wohnen“ Israels ist nicht die isolierte Vereinsamung eines Sonderlings, sondern die Ruhe eines Volkes, das seine Heimat bei Gott hat. Wer zu Christus gehört, erlebt, dass gewisse Dinge der Umgebung nicht mehr passen, dass bestimmte Muster des Denkens und Handelns nicht mehr selbstverständlich mitgegangen werden. Diese Differenz kann schmerzen, aber sie ist zugleich ein Zeichen der Zugehörigkeit. Gottes Absicht mit seinem Volk ist nicht Anpassung an das, was gerade Mehrheitsmeinung ist, sondern Widerspiegelung seiner Heiligkeit inmitten der Nationen.

Denn von den Gipfeln der Felsen sehe ich ihn, von den Höhen erblicke ich ihn. Siehe, ein Volk, das allein wohnen wird und sich nicht unter die Völker rechnen wird! (4.Mose 23:9)

Von Ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott zur Weisheit geworden ist: sowohl zur Gerechtigkeit als auch zur Heiligung und zur Erlösung, (1.Kor 1:30)

Abgesondert zu sein heißt in Gottes Sinn nicht, sich über andere zu stellen, sondern aus einer tiefen Zugehörigkeit zu ihm zu leben. Wer sich als Teil seines Volkes versteht, darf mitten in den Spannungen und Vermischungen dieser Welt innerlich aufatmen: Gott hat dich nicht in die Masse hinein verloren, sondern bei sich geborgen. Diese stille, aber starke Identität in Christus schenkt Freiheit, anders zu denken und zu handeln, ohne sich ständig rechtfertigen zu müssen. So wird Heiligkeit nicht zur harten Pflicht, sondern zur Frucht einer Beziehung, in der Gott selbst seinem Volk nahe ist.

Gottes Blick auf die Erlösten: keine Ungerechtigkeit in Christus

Mitten in der Szene um Bileam steht ein Satz, der fast kühn wirkt: „Er erblickt kein Unrecht in Jakob und sieht kein Verderben in Israel; der HERR, sein Gott, ist mit ihm, und Königsjubel ist in ihm“ (4. Mose 23:21). Wer die Geschichte Israels kennt, stolpert über diese Worte. Wie kann Gott kein Unrecht sehen, wo doch das Buch 4. Mose eine Folge von Murren, Unglauben und Auflehnung beschreibt? Gerade hier wird deutlich, aus welcher Perspektive gesprochen wird. Gott schaut sein Volk nicht isoliert in einem Moment seiner Schwachheit an, sondern in der Beziehung, die er selbst gestiftet hat – verbunden mit dem Opfer, dem Blut, der Vergebung, die er ihnen zugesagt hat.

Eine der eindrücklichsten Formulierungen dieses Gleichnisses steht in Vers 21: „Er hat keine Ungerechtigkeit an Jakob erblickt; noch hat Er Bedrängnis in Israel gesehen.“ Wie konnte Balaam ein solches Wort sprechen, wo doch Israel nicht vollkommen war und Gott alle Missetaten seines Volkes sehen konnte? Die Antwort lautet: Dieses Wort wurde nicht aus menschlicher, sondern aus göttlicher Perspektive gesprochen. Gottes Sichtweise unterscheidet sich von der unseren. Wenn uns das bewusst wird, werden wir vorsichtig sein, wann immer wir die Mängel der Heiligen zur Sprache bringen. (Witness Lee, Life-Study of Numbers, Botschaft vierunddreißig, S. 254)

Im alttestamentlichen Bild stehen die Opfer am Eingang dieses göttlichen Blicks. Das Blut auf dem Altar, das Sündopfer und das Brandopfer sprechen davon, dass Schuld getragen und Beziehung wiederhergestellt ist. Gott negiert die Sünde nicht, er deckt sie zu, indem er selbst für Sühne sorgt. So heißt es in Hebräer 8:12 als Zusammenfassung des neuen Bundes: „Denn ich werde ihren Ungerechtigkeiten gnädig sein, und ihrer Sünden werde ich nie mehr gedenken.“ Gott vergisst nicht, weil er gedächtnisschwach wäre, sondern weil er beschließt, Schuld in das Licht des Kreuzes zu stellen und nicht länger gegen sein Volk anzurechnen.

Übertragen auf die Gemeinde führt dieser Blick mitten in ein Paradox: In uns selbst bleiben wir unvollkommen, anfällig für alte Muster, für Eigensinn und Lieblosigkeit. In Christus aber sind wir von Gott gerecht gesprochen, gereinigt und angenommen. Unser Stand vor Gott ist nicht das Ergebnis moralischer Selbstverbesserung, sondern Frucht der Vereinigung mit seinem Sohn. Darum kann Paulus sagen, dass Christus uns „zur Gerechtigkeit“ geworden ist (1.Kor 1:30). Wenn Gott auf seine Erlösten schaut, sieht er sie in Christus – in dem Geliebten, in dem wir „angenehm gemacht“ sind (vgl. Eph. 1:6).

Dieses göttliche Sehen schützt in zweierlei Hinsicht. Es bewahrt vor Mutlosigkeit, wenn die eigene Unvollkommenheit drückt und die Fehler der Vergangenheit laut werden. Wer Gottes Wort über sein Volk ernst nimmt, nimmt auch dieses ernst: In Christus bin ich nicht die Summe meiner Versagen, sondern ein von Gott Angenommener. Zugleich bremst dieser Blick den Hang, über die Mängel der anderen zu urteilen. Wer sich daran erinnert, wie Gott die Gemeinde sieht, wird vorsichtig, wenn es darum geht, ihre Schwächen zu benennen. Kritik bekommt ein anderes Gewicht, wenn klar ist: Die, über die gesprochen wird, sind die Geliebten Gottes, über denen er das Wort der Gnade ausgesprochen hat.

Er erblickt kein Unrecht in Jakob und sieht kein Verderben in Israel; der HERR, sein Gott, ist mit ihm, und Königsjubel ist in ihm. (4. Mose 23:21)

Denn ich werde ihren Ungerechtigkeiten gnädig sein, und ihrer Sünden werde ich nie mehr gedenken.» (Hebr. 8:12)

Gottes Blick auf seine Erlösten ist kein romantischer Schleier, sondern geprägt von dem, was Christus vollbracht hat. Wer sich selbst und die Gemeinde von dieser Perspektive her wahrnimmt, wird weder leichtfertig über Sünde hinwegsehen noch im ständigen Anklage-Modus verharren. Die Erinnerung an das Wort: „Er erblickt kein Unrecht in Jakob“ ermutigt, die eigene Geschichte unter die Gnade zu stellen und den anderen nicht auf seine Schwächen zu reduzieren. So wächst ein Klima, in dem Buße und Freiheit, Wahrheit und Liebe nebeneinander stehen können – getragen vom Wissen, dass Gott in Christus ein endgültiges Ja über sein Volk gesprochen hat.

Ein kämpfendes Volk unter der Herrschaft des Königs

Die Worte Bileams zeichnen Israel nicht als passives Pilgervolk, sondern als eine kämpfende Gemeinschaft. Er muss bekennen: „Siehe, ein Volk: wie eine Löwin steht es auf, und wie ein Löwe erhebt es sich. Es legt sich nicht nieder, bis es die Beute verzehrt und das Blut der Erschlagenen getrunken hat!“ (4.Mose 23:24). Das ist eine Sprache der Entschlossenheit und Stärke. Israel ist umgeben von feindlichen Mächten, aber in Gottes Plan ist es kein Opfer der Umstände, sondern Werkzeug seines Handelns. Die Bilder von Löwin und Löwe sprechen von Wachheit, innerer Spannung und der Bereitschaft, aufzustehen, wenn es nötig ist.

In 4. Mose 23:21 sagte Bileam außerdem: „Jehovah, ihr Gott, ist in ihrer Mitte, und der Ruf eines Königs ist in ihrer Mitte.“ Wer ist dieser König? Ich glaube, dass mit diesem König letztlich Christus gemeint ist. Daraus folgt, dass der Ruf eines Königs unter ihnen der Ruf Christi ist. (Witness Lee, Life-Study of Numbers, Botschaft vierunddreißig, S. 255)

Mit diesem Bild wird zugleich der Ursprung der Kraft benannt. Wenige Verse zuvor heißt es: „Gott ist es, der es geführt. Es hat (Kraft) wie die Hörner des Büffels“ (4.Mose 23:22). Die Stärke Israels liegt nicht in seiner militärischen Überlegenheit, sondern in der Führung Gottes. Und noch ein Aspekt kommt hinzu: „Der HERR, sein Gott, ist mit ihm, und Königsjubel ist in ihm“ (4. Mose 23:21). Bileam hört gewissermaßen den Schrei eines Königs im Lager des Volkes. Hinter dem historischen Bild steht der wahre König, Christus, dessen Gegenwart sein Volk verwandelt. Wo der König in der Mitte ist, bleibt das Volk nicht gelähmt, sondern wird in einen Kampf hineingenommen, der über seine eigenen Möglichkeiten hinausgeht.

Für die Gemeinde unter dem neuen Bund hat dieser Kampf eine andere Gestalt, aber denselben Ursprung. Sie ringt nicht mit Fleisch und Blut, sondern mit Mächten der Finsternis, mit Lüge, Ungerechtigkeit und zerstörerischen Kräften, die Menschen von Gott wegziehen. Die Waffen sind geistlich: Wort Gottes, Glaube, Gebet, eine Lebensführung, die dem Evangelium entspricht. Doch auch hier bleibt der Kern: Es ist der König in der Mitte, der Kraft gibt. Ohne ihn wird der Kampf zur Überforderung, mit ihm wird er Ausdruck seiner Herrschaft. Der „Königsjubel“ unter den Erlösten ist das Bewusstsein, dass Christus herrscht, auch wenn die äußeren Umstände noch voller Spannung sind.

Wer diese Perspektive annimmt, wird den geistlichen Kampf nicht romantisieren, aber auch nicht meiden. Das Volk Gottes ist nicht dazu bestimmt, sich in eine religiöse Nische zurückzuziehen und die Welt sich selbst zu überlassen. Es soll Zeugnis sein von dem Reich, das kommt, und bereits jetzt mit seinem Leben, seinen Entscheidungen, seiner Anbetung ein Widerspruch gegen die Finsternis. Dieses Kämpfen hat viele Formen: treue Fürbitte, das Standhalten in Versuchung, das Festhalten an der Wahrheit gegen den Strom. In all dem bleibt entscheidend, dass es nicht unsere Tapferkeit ist, die trägt, sondern die Gegenwart des Königs, der mitten unter seinem Volk ist.

Siehe, ein Volk: wie eine Löwin steht es auf, und wie ein Löwe erhebt es sich. Es legt sich nicht nieder, bis es die Beute verzehrt und das Blut der Erschlagenen getrunken hat! (4.Mose 23:24)

Gott ist es, der es geführt. Es hat (Kraft) wie die Hörner des Büffels. (4.Mose 23:22)

Gottes Volk ist nicht berufen, ein stiller Zuschauer der Geschichte zu sein. Wo Christus als König in der Mitte herrscht, entsteht ein leiser, aber entschiedener Mut, sich den geistlichen Kämpfen nicht zu entziehen. Das mag nach außen unspektakulär aussehen und innerlich oft von Schwachheit begleitet sein. Doch gerade in dieser Schwachheit kommt die Kraft des Königs zur Geltung. Sein Ruf in der Mitte seines Volkes erinnert daran, dass der Weg nicht im Rückzug endet, sondern im Sieg seiner Herrlichkeit. Wer sich von dieser Stimme bestimmen lässt, findet die Kraft, aufzustehen, wenn es darauf ankommt, und zugleich die Ruhe, zu wissen: Der Kampf gehört letztlich dem Herrn.


Herr Jesus Christus, danke, dass du dein Volk auch dann bewahrst, wenn es von Fluch, Verwirrung und Vermischung umgeben ist. Danke, dass du uns in dir als heiliges und abgesondertes Volk siehst, obwohl wir unsere Schwachheit und unsere Fehler kennen. Richte unseren Blick immer wieder auf deine Erlösung, damit wir uns nicht anklagend an uns selbst oder an deiner Gemeinde festbeißen, sondern staunen über deine Gnade. Stärke uns als dein kämpfendes Volk, das in deiner Gegenwart steht und im Glauben weiß, dass du der König in unserer Mitte bist. Lass uns in diesem Bewusstsein leben, dass du über deinem Volk aussprichst: keine Ungerechtigkeit gesehen, kein Verderben beschlossen – weil dein Blut genügt. Fülle unser Herz mit Hoffnung, dass dein Sieg stärker ist als jede Anfechtung und dass deine Herrlichkeit über deiner Gemeinde aufgehen wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Numbers, Chapter 34