Das heilige Leben für das Priestertum und die Disqualifikationen vom Priestertum
Die Vorschriften für die priesterliche Lebensführung in 3. Mose wirken auf den ersten Blick archaisch, doch sie sprechen direkt in unsere Situation als Neutestamentliche Priester: Gottes Anspruch an Heiligkeit verlangt sowohl eine innere Erfahrung mit Christus als auch eine sichtbare, geordnete Lebensführung. Wie lässt sich diese Berufung in einem Alltag verwirklichen, der von Gefährdungen durch Weltlichkeit, unkontrollierte Gefühle oder unvollständiges geistliches Wachstum geprägt ist? Bereits die alten Gebote zur Salbung, zur Kleidung und zu den Verhaltensregeln zeigen eine klare Linie: Priesterschaft ist nicht bloß Titel, sie ist eine praktische, beständige Lebenshaltung (vgl. 3.Mose 21).
Priesterschaft bedeutet geheiligte Identität
Das Priestertum wird in 3. Mose nicht als bloße Funktion, sondern als eine geprägte Identität vorgestellt: jemand, der vor Gott steht, ist in seinem innersten Wesen für Gott bestimmt. In den Forderungen an die Söhne Aarons geht es weniger um äußere Riten als um das, was dem HERRN darzubringen ist. Heißt es: „Sie sollen ihrem Gott heilig sein, und den Namen ihres Gottes sollen sie nicht entweihen, denn die Feueropfer des HERRN, das Brot ihres Gottes, bringen sie dar; und sie sollen heilig sein.“ Diese Wendung führt vor Augen, dass der priesterliche Dienst das Darreichen von Christus als Gottes Nahrung umfasst und dass dafür eine Lebenshaltung erforderlich ist, die den Namen Gottes nicht entweiht.
Das bedeutet, dass wir, die wir Christus Gott als Speise zu Seinem Wohlgefallen darreichen, zu Gott hin abgesondert leben sollten, um heilig für Ihn zu sein. Als Priester Gottes sind wir tatsächlich Gottes „Köche“. Christus Gott darzubringen heißt, dass wir Christus „kochen“, damit Er als Gottes Speise zu Seinem Wohlgefallen wird. Wir brauchen Nahrung, und auch Gott braucht Nahrung. Wir essen, was Er für uns „kocht“, und Er isst, was wir für Ihn „kochen“. Als Gottes „Köche“ sollen wir ein heiliges, unbeflecktes Volk sein, damit wir den Namen unseres heiligen Gottes nicht entweihen. (Witness Lee, Life-Study of Leviticus, Botschaft fünfzig, S. 447)
Das Bild der ‚Köche‘ Gottes deutet auf eine intime Gemeinschaft: Wir empfangen Christus und bieten Ihn zugleich dar. Diese doppelte Richtung – Genuss und Darbringung – fordert eine Heiligung, die konkret und alltäglich wirkt. Nicht die Form allein macht den Priester, sondern die Fähigkeit, Christus als das Lebensmittel Gottes zu behandeln: innerlich zubereitet, nicht zur Schau gestellt, sondern als ehrliches Darreichen vor Gottes Angesicht. Daraus erwächst eine Identität, die im Alltag Bestand hat und die eigene Worte und Werke zu einem Ausdruck der Gegenwart Christi formt.
Sie sollen ihrem Gott heilig sein, und den Namen ihres Gottes sollen sie nicht entweihen, denn die Feueropfer des HERRN, das Brot ihres Gottes, bringen sie dar; und sie sollen heilig sein. (3. Mose 21:6)
Alles vermag ich in Ihm, der mich stark macht. (Philipper 4:13)
Die priesterliche Identität ruft zu einem Leben, das mehr ist als Sorge um äußere Korrektheit: Es ist die Gestaltung des Herzens, damit das, was wir empfangen, auch zu würdiger Speise für Gott wird. Möge die Erkenntnis, dass wir sowohl empfangen als auch darreichen, ermutigen: Heiligung ist nicht Last, sondern die Berufung, in der Gemeinschaft mit Christus ganz gegenwärtig und wirkkräftig zu sein.
Natürliche Zurückhaltung und geordnete Lebensführung
Die Gebote gegen gewisse äußerliche Entstellungen – etwa das Abscheren der Glatze oder Einschnitte im Fleisch – stehen nicht für pedantische Gesetzlichkeit, sondern für eine Haltung der natürlichen Unterordnung unter Gottes Ordnung. Heißt es: „Sie sollen keine Glatze auf ihrem Kopf scheren, und den Rand ihres Bartes sollen sie nicht abscheren, und an ihrem Fleische sollen sie keine Einschnitte machen.“ Das Bild spricht von einer Würde und Einfachheit des Lebens, die nicht nach Selbstdarstellung strebt, sondern Gottes Autorität über die eigene Gestalt und das Verhalten anerkennt.
Das bedeutet, dass wir annehmen, was Gott für uns bestimmt hat, und uns seiner Autorität unterordnen, ohne durch menschliche Arbeit etwas zu verändern oder zur Schau zu stellen, sondern ganz natürlich zu bleiben. Je natürlicher wir in diesem Sinn sind, desto besser. Sich den Kopf kahl zu machen zeigt, dass wir uns nicht der Hauptschaft Gottes unterordnen und seine Autorität über uns nicht anerkennen. (Witness Lee, Life-Study of Leviticus, Botschaft fünfzig, S. 446)
Diese gebotene Zurückhaltung zeigt sich im täglichen Umgang, in geordneter Rede und in geordneter Lebensführung: Die Priesterschaft verlangt, dass die Gegenwart Gottes das Alltägliche prägt und regelt. Unterordnung heißt hier nicht Verlust von Persönlichkeit, sondern geordnete Freiheit, in der Äußerlichkeiten nicht zur Dominanz werden. So wird das Leben zum Spiegel dessen, dass Gottes Leitung und nicht die Selbstdarstellung das Maß des Handelns setzt.
Sie sollen keine Glatze auf ihrem Kopf scheren, und den Rand ihres Bartes sollen sie nicht abscheren, und an ihrem Fleische sollen sie keine Einschnitte machen. (3. Mose 21:5)
bis wir alle zur Einheit des Glaubens und der völligen Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zu einem gereiften Mann, zum Maß des Wuchses der Fülle Christi, (Epheser 4:13)
Es ist tröstlich zu wissen, dass Gehorsam gegenüber göttlicher Ordnung nicht Kälte, sondern geordnete Treue schafft. Wer in der Stille der Hingabe lebt, bietet der Gemeinde ein Zeugnis von Würde und Verlässlichkeit; dies stärkt die Gemeinschaft und macht das Wirken Gottes sichtbar.
Unvollkommenheit als Hindernis für öffentlichen Dienst
Das Kapitel nennt ausdrücklich körperliche Makel — Blindheit, Lahmheit, Hautleiden, beschädigte Glieder — und verbindet damit eine erkennende Grenze für den öffentlichen Dienst. Heißt es: „Jedermann von den Nachkommen des Priesters Aaron, der einen Makel hat, soll nicht herantreten, die Feueropfer des HERRN darzubringen. Ein Makel ist an ihm, er soll nicht herzutreten, das Brot seines Gottes darzubringen.“ Dieses Verbot ist nicht despektierlich, sondern vorsorglich: Es schützt die Heiligkeit des Heiligtums vor möglicher Entweihung und bewahrt zugleich den Betroffenen davor, einer Aufgabe zu begegnen, für die er in seiner jetzigen Verfassung nicht gerüstet ist.
„Er darf von der Speise seines Gottes essen, sowohl vom Allerheiligsten als auch vom Heiligen; aber er soll nicht zum Schleier hineintreten noch an den Altar herantreten, weil ein Makel an ihm ist, damit er nicht Meine Heiligtümer entweiht; denn ich bin Jehovah, der sie heiligt“ (Vv. 22–23). Das heißt: Auch wenn gläubige Menschen mit einem Makel Christus — die Speise Gottes — als ihre Nahrung genießen können, sind sie dennoch nicht befähigt, Gott in der Gemeinde, im Heiligtum oder am Kreuz Christi (veranschaulicht durch den Altar) zu dienen, da sie sonst die heiligen Dinge Gottes entweihen würden. Haben wir als neutestamentliche Priester einen Makel, schließt uns das vom priesterlichen Dienst aus. Zugleich bleiben wir befähigt, Christus als unsere Speise zu genießen. (Witness Lee, Life-Study of Leviticus, Botschaft fünfzig, S. 453)
Typologisch gelesen stehen diese Mängel für spirituelle Schwächen — Mangel an Blick, an Kraft, an Empfindungsfähigkeit oder Fruchtbarkeit in Christus — die die Verwaltung der heiligen Dinge beeinträchtigen. Daraus folgt keine endgültige Ausgrenzung vom Genuss Christi; vielmehr weist die Schrift auf eine Unterscheidung zwischen persönlichem Leben in Christus und verantwortlichem Dienst im Heiligtum hin. Heilung und Vollendung sind im Kommen des Herrn das Ziel, doch bis dahin ruft die Vorsicht Gottes zur Demut und zum geduldigen Warten auf Erlösung durch beständige Gemeinschaft mit dem vollendeten Christus.
Jedermann von den Nachkommen des Priesters Aaron, der einen Makel hat, soll nicht herantreten, die Feueropfer des HERRN darzubringen. Ein Makel ist an ihm, er soll nicht herzutreten, das Brot seines Gottes darzubringen. (3. Mose 21:21)
Das Brot seines Gottes von dem Hochheiligen und von dem Heiligen mag er essen. Nur zum Vorhang soll er nicht kommen, und an den Altar soll er nicht herantreten, denn ein Makel ist an ihm, daß er nicht meine Heiligtümer entweiht; denn ich bin der HERR, der sie heiligt. (3. Mose 21:22–23)
Dass gewisse Mängel den öffentlichen Dienst ausschließen, ist zugleich Einladung zur Ausrichtung auf Heilung und Reifung, nicht zum Rückzug in Verzweiflung. Die Erkenntnis unserer Grenzen kann unser inneres Leben vertiefen und uns zur Geduld führen, bis der vollendete Christus in uns das Werk vollendet — eine Hoffnung, die tröstet und erneuert.
Herr Jesus, schenke uns die Gnade, als Dein priesterliches Volk in wahrer Heiligkeit zu leben: dass unser Inneres von Deiner Gegenwart erfüllt, unsere Worte gezügelt und unser Tun geordnet sei. Fülle uns mit Deiner Salbung, Möge Deine Hoffnung und Stärke unser tägliches Leben prägen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Leviticus, Chapter 50