Die Sühne (1)
Die heilige Gegenwart Gottes steht in Spannung zu unserer inneren Unreinheit: von Geburt an sind wir mit Sünde und Unsauberkeit belastet, und alles, was aus uns hervorgeht, verunreinigt. Vor diesem Hintergrund suchte das Alte Testament einen Weg, die Beziehung zwischen dem heiligen Gott und dem sündigen Menschen wieder handhabbar zu machen. Die biblischen Bilder um die Bundeslade, den Gnadensitz und die Opferdienst erklären, wie Gott das Problem nicht dadurch löste, dass Er seine Liebe verringerte, sondern indem Er eine göttliche Lösung schuf, die schließlich in Christus ihre Vollendung findet.
Die Trennwirkung der Sünde und das Bedürfnis nach Deckung
Die Heiligkeit Gottes und die Verunreinigung der Sünde stehen sich unversöhnlich gegenüber; seit dem Fall ist der Mensch nicht mehr in der Lage, aus sich heraus die Nähe des Heiligen gefahrlos zu betreten. Die alttestamentliche Praxis macht diese Spannung sichtbar: die Deckung über der Lade schirmte die Gesetzestafeln und damit die unmittelbare Begegnung mit der göttlichen Gegenwart ab. So heißt es: „Und der HERR sprach zu Mose: Rede zu deinem Bruder Aaron, daß er nicht zu jeder Zeit in das Heiligtum hineingeht innerhalb des Vorhangs, vor die Deckplatte, die auf der Lade ist, damit er nicht stirbt. Denn ich erscheine in der Wolke über der Deckplatte.“ (3. Mose 16:2). Das Bild erinnert daran, dass Gottes Gegenwart nicht beliebig betreten werden kann, weil seine Heiligkeit sakrale Distanz fordert.
Daher bestand zwischen Gott und dem, der Sich ihm nähert, ein Problem: sowohl die Sünde an sich als auch die einzelnen Sünden. Ich habe gezeigt, dass das hebräische Wort für „Sühne“ wörtlich „zudecken“ bedeutet und dass auch die Bezeichnung für die Bedeckung der Bundeslade aus derselben Wurzel stammt. Deshalb war es notwendig, die Tafeln mit den Zehn Geboten in der Lade zuzudecken. (Witness Lee, Life-Study of Leviticus, Botschaft sechsundvierzig, S. 404)
Beobachtung und Deutung führen zu einem einfachen, aber folgenreichen Ergebnis: die Deckung ist kein kosmetischer Akt, sie ist eine göttliche Notlösung, die das Verhältnis zwischen Sünde und Heiligkeit ins Gleichgewicht bringt, ohne die Sünde an sich aufzulösen. Paulus gesteht die bleibende Schwäche des Fleisches, wenn er sagt: „Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; denn das Wollen ist bei mir zwar vorhanden, das Gute zu vollbringen aber nicht.“ (Römer 7:18). Die alttestamentliche Deckung nimmt die anklagende Offenlegung der Sünde zurück und schafft Raum für Gemeinschaft, weil sie die unmittelbare tödliche Konfrontation dämpft. Daraus folgt eine praktische Konsequenz für das geistliche Sehen: das System der Deckung führt nicht in selbstgenügsamen Stillstand, sondern verweist beständig auf die tiefere Lösung, die Gott selbst in Christus geben wird.
Abschließend bleibt eine ermutigende Einsicht: Die Notwendigkeit der Deckung offenbart nicht die Ratlosigkeit Gottes, sondern seine Fürsorge. Weil er die Heiligkeit ist, stellte er Mittel bereit, durch die Begegnung möglich blieb. Das Bewusstsein dieser göttlichen Vorsorge lädt dazu ein, die eigene Unzulänglichkeit in Demut anzuerkennen und zugleich Trost darin zu finden, dass Gott einen Weg bereitet hat, damit Gemeinschaft mit ihm weiterhin möglich bleibt.
Und der HERR sprach zu Mose: Rede zu deinem Bruder Aaron, daß er nicht zu jeder Zeit in das Heiligtum hineingeht innerhalb des Vorhangs, vor die Deckplatte, die auf der Lade ist, damit er nicht stirbt. Denn ich erscheine in der Wolke über der Deckplatte. (3. Mose 16:2)
Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; denn das Wollen ist bei mir zwar vorhanden, das Gute zu vollbringen aber nicht. (Römer 7:18)
Die Einsicht in die Trennwirkung der Sünde soll nicht zu Verzweiflung führen, sondern zu einer demütigen Zuversicht: Gott hat Maßnahmen getroffen, die die Beziehung bewahren, bis das vollkommene Heil gekommen ist; dieses Wissen trägt in Zeiten der Schwäche und öffnet das Herz für das übergreifende Handeln Gottes.
Propitiation (Deckung) versus Redemption (Wegnahme)
Die Unterscheidung zwischen Zudecken (Propitiation) und Wegnehmen (Redemption) ist theologisch grundlegend: Im Alten Bund beseitigte das System der Opfer nicht die Wurzel der Sünde, sondern schuf eine verhüllte Ordnung, durch die die Gemeinschaft trotz Schuld möglich blieb. Der priesterliche Dienst und die wiederholten Opfer waren daher Zeichen und Schatten einer noch ausstehenden Vollendung. Wie es heißt: „Denn da das Gesetz einen Schatten der zukünftigen Güter, nicht der Dinge Ebenbild selbst hat, so kann es niemals mit denselben Schlachtopfern, die sie alljährlich darbringen, die Hinzunahenden für immer vollkommen machen.“ (Hebräer 10:1). Die liturgische Wiederholung macht deutlich: Deckung ist temporär und weist auf das noch Kommende.
Zwischen der Sühne des Alten Testaments und der Erlösung des Neuen Testaments besteht ein Unterschied. Im Alten Testament deckte man die Sünden zu, doch sie wurden nicht hinweggenommen. Dieses Zudecken der Sünde und der Sünden im Alten Testament war eine Form der Sühne. Im Neuen Testament hingegen werden die Sünden hinweggenommen. (Witness Lee, Life-Study of Leviticus, Botschaft sechsundvierzig, S. 406)
Im Evangelium aber tritt die endgültige Realität ein: Christus wird als das wirkliche Lamm vorgestellt, das Sünde nicht nur bedeckt, sondern wegträgt. Johannes bezeugt diesen Wandel in einem Bild von erschütternder Einfachheit: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt!“ (Johannes 1:29). Die Verschiebung von Decken zu Wegnehmen bedeutet, dass Gottes Gericht und seine Gnade nicht länger nur ein ausgeglichener Zwischenraum sind, sondern in der Person und Tat Christi eine endgültige Entscheidung getroffen wurde. Daraus folgt die tröstliche wie herausfordernde Konsequenz, dass unsere Sicherheit nicht in ritualisierter Wiederholung, sondern in der einmaligen, vollendenden Tat Gottes liegt.
Zum Schluss öffnet diese Gegenüberstellung dem Glauben eine klare Perspektive: Die alttestamentliche Deckung war eine fürsorgliche Brücke, aber nicht das Ende der Geschichte. Die Erlösung durch Christus ist das Ziel, auf das alles im Gesetz und in den Propheten hinweist. Diese Wahrheit stärkt das Vertrauen darauf, dass Gott weit mehr getan hat, als nur vorübergehend zu mildern; er hat endgültig befreit.
Denn da das Gesetz einen Schatten der zukünftigen Güter, nicht der Dinge Ebenbild selbst hat, so kann es niemals mit denselben Schlachtopfern, die sie alljährlich darbringen, die Hinzunahenden für immer vollkommen machen. (Hebräer 10:1)
Am folgenden Tag sah er Jesus zu sich kommen und sagte: Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt! (Johannes 1:29)
Die Differenz zwischen Deckung und Wegnahme lädt zur Dankbarkeit gegenüber dem vollendeten Werk Christi und zu einer Haltung der Ruhe: nicht in der Suche nach zusätzlichen Sicherheiten, sondern im Vertrauen auf das, was Christus einmalig vollbracht hat.
Christus als Sündopfer, Brandopfer und wohlgefällige Duftgabe
Die Opferordnung in 3. Mose führt zwei Anforderungen zusammen: Reinigung von der Schuld und völlige Hingabe. Der Text verbindet ausdrücklich Sündopfer und Brandopfer in derselben Handlungsfolge und zeigt damit, dass das Problem der Schuld und die Berufung zur Absolutheit vor Gott parallel behandelt werden müssen. So heißt es: „Auf diese Weise soll Aaron in das Heiligtum hineingehen: mit einem Jungstier für das Sündopfer und einem Widder für das Brandopfer.“ (3. Mose 16:3). Das Sündopfer spricht von Reinigung, das Brandopfer von Ganzhingabe; beide Aspekte sind in der Person Christi erfüllt.
Einerseits ist Christus in der Erlösung Gottes das Opfer, durch das wir von der Sünde erlöst werden und durch das unsere Sünden von uns hinweggenommen werden. Er ist das Sündopfer und das Brandopfer. Andererseits ist Christus der wohlriechende Weihrauch zu unserer Annahme. (Witness Lee, Life-Study of Leviticus, Botschaft sechsundvierzig, S. 413)
Die neutestamentliche Erkenntnis setzt noch eine dritte Dimension hinzu: der wohlriechende Duft der Annahme. Der priesterliche Akt, Räucherwerk vor die Deckplatte zu bringen, symbolisiert nicht nur ein Ritual, sondern das Wohlgefallen Gottes an dem Vorgebrachten. Es heißt: „Und er nehme eine Pfanne voll Feuerkohlen von dem Altar vor dem HERRN und seine beiden Hände voll von wohlriechendem, kleingestoßenem Räucherwerk und bringe es (in den Raum) innerhalb des Vorhangs. Und er lege das Räucherwerk auf das Feuer vor den HERRN, damit die Wolke des Räucherwerks die Deckplatte, die auf dem Zeugnis ist, bedeckt und er nicht stirbt.“ (3. Mose 16:12–13). In Christus erreicht dieses Bild seine Erfüllung: Sein Opfer ist zugleich Reinigung, völlige Weihe und wohlgefällige Annahme vor dem Vater.
Aus dieser Zusammenschau ergibt sich eine ermutigende Perspektive für das Leben der Gemeinde: Christus hat die Funktion aller alttestamentlichen Opfer in sich vereinigt. Er ist Sündopfer, indem er Schuld wegnimmt; er ist Brandopfer, indem er die völlige Hingabe repräsentiert; er ist der wohlriechende Duft, durch den der wiedergeborene Mensch vor Gott steht. Diese Wahrheit beruhigt und befreit zugleich — sie lädt zu einer Antwort, die nicht in Pflichterfüllung, sondern in dankbarer Hingabe und dem Genuss der angenommenen Gemeinschaft besteht.
Auf diese Weise soll Aaron in das Heiligtum hineingehen: mit einem Jungstier für das Sündopfer und einem Widder für das Brandopfer. (3. Mose 16:3)
Und er nehme eine Pfanne voll Feuerkohlen von dem Altar vor dem HERRN und seine beiden Hände voll von wohlriechendem, kleingestoßenem Räucherwerk und bringe es (in den Raum) innerhalb des Vorhangs. (3. Mose 16:12)
Die Vorstellung, dass Christus alle Opfertypen in sich erfüllt, schenkt Ermutigung: nicht als Aufforderung zu Leistungen, sondern als Gewissheit, dass wir in ihm gereinigt, hingegeben und wohlgefällig sind; daraus fließt ein Leben, das aus Dankbarkeit und tiefer Gemeinschaft mit dem Vater wächst.
Herr Jesus, Du bist das Lamm, das die Sünde der Welt hinweggenommen hat, und zugleich das Opfer, das uns ganz für den Vater macht; dafür danken wir Dir. Lass die Gewissheit, dass unsere Schuld bedeckt war und durch Dein Blut hinweggenommen wurde, tiefe Ruhe und neue Hoffnung in unsere Herzen legen, damit wir in der Gebrochenheit des Lebens Deine Annahme erfahren und in der Erwartung Deiner vollendeten Wiederkunft leben. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Leviticus, Chapter 46