Das Wort des Lebens
lebensstudium

Ein abschließendes Wort über die Opfer und das Priestertum

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Die Opferordnung des 3. Mose richtet den Blick immer wieder auf etwas, das über Tieropfer hinausweist. Die Spannung liegt darin: Waren die Opfer nur symbolisch und vorübergehend, oder verweisen sie auf eine gegenwärtige Wirklichkeit, die uns heute trägt? Die Hebräerbrief-Auslegung zeigt, dass diese Opfer nicht abgeschafft wurden, sondern in Christus ihre Erfüllung und ihr Ziel gefunden haben. Daraus folgt eine doppelte Realität: Christus hat einmalig ewige Erlösung vollbracht und wirkt zugleich als Hoherpriester und Leben gebender Geist in der Gemeinde — eine Wahrheit mit konkreten Folgen für Glauben, Trost und Gemeinschaft.

Christus als Erfüllung und Ersatz der alttestamentlichen Opfer

Die alttestamentlichen Opfer erscheinen zuerst als ein komplexes Geflecht von Zeichen und Handlungen, die auf ein Ziel hinweisen. Beobachtet man die Vielfalt — Brandopfer, Speisopfer, Sündopfer, Friedensopfer — wird deutlich, dass sie nicht Selbstzweck waren, sondern Typen, die auf eine einzige Wirklichkeit verwiesen. In der Schrift wird diese Vollendung konkret: „und nicht durch das Blut von Böcken und Kälbern, sondern durch Sein eigenes Blut ein für alle Mal ins Allerheiligste hineingegangen, und hat dabei eine ewige Erlösung erlangt“, heißt es in Hebräer 9:12. Diese Wendung zeigt, dass Christus das Bild hinter sich lässt und zur Realität wird; das, wovon die Opfer sprachen, ist in der Person und im Werk Jesu erfüllt.

Indem Christus die Opfer des ersten Bundes durch Sich selbst ersetzte, erfüllte er den Willen Gottes (V. 7, 9): Er nahm das Erste — die Opfer des Alten Testaments — hinweg und setzte an ihre Stelle das Zweite, nämlich sich selbst als die Wirklichkeit all dieser Opfer. Er ist nun das Brandopfer, das Speisopfer, das Friedensopfer, das Sündopfer und das Übertretungsopfer. Daher hat Gott an den Opfern des ersten Bundes kein Gefallen mehr. (Witness Lee, Life-Study of Leviticus, Botschaft fünfunddreißig, S. 307)

Die Deutung dieser Erfüllung führt zu einer tiefen Umwertung: Die Opfer brachten Aufmerksamkeit auf Schuld, Sühne und Gemeinschaft mit Gott, doch Christus nimmt diese Themen in sich auf und löst sie endgültig. Indem Er Sein Leben gab, trat Er nicht nur stellvertretend, sondern repräsentativ für alle Opferhandlungen ein — so wird Er zum Brandopfer und zum Sündopfer in einer Person. Johannes kündigt dies an mit den Worten: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt!“ (Johannes 1:29). Für den Glaubenden bedeutet das keine Rückkehr zu den Riten, sondern die Ruhe in der einen Vollkommenheit, die das Gesetz vorausgezeigt hat.

Die Konsequenz dieses Verständnisses berührt die Praxis des Glaubens tief: Die Gemeinschaft mit Gott gründet sich nicht mehr auf wiederholte rituelle Handlungen, sondern auf die einmalige, durch Christus erwirkten Erlösung, die im himmlischen Heiligtum vor Gott dargestellt ist. So kann das Herz von jeder Aufspaltung zwischen Typus und Erfüllung befreit werden und in der Freiheit leben, die aus der Gewissheit der vollbrachten Erlösung erwächst. Das schenkt Zuversicht und lädt ein, das Opfer Christi nicht nur historisch zu bedenken, sondern es jetzt zu bewohnen und im Licht seiner Vollendung zu gehen.

und nicht durch das Blut von Böcken und Kälbern, sondern durch Sein eigenes Blut ein für alle Mal ins Allerheiligste hineingegangen, und hat dabei eine ewige Erlösung erlangt. (Hebräer 9:12)

Am folgenden Tag sah er Jesus zu sich kommen und sagte: Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt! (Johannes 1:29)

Wenn die Opfer in Christus ihre Erfüllung finden, eröffnet sich eine befreiende Perspektive: Nicht mehr das Wiederholen von Handlungen bestimmt die Begegnung mit Gott, sondern das bewusste Leben aus der einmal vollbrachten Erlösung. In dieser Wirklichkeit darf das Herz Ruhe finden, weil die Sache vor Gott abgeschlossen ist; aus dieser Ruhe fließt Gelassenheit im Gottesdienst, Hoffnung im Scheitern und Dankbarkeit in jeder Anbetung.

Der Hohepriester, der für uns eintritt

Das priesterliche Amt Christi verbindet zwei Richtungen: Sein Kommen zu uns als Apostel und Sein Hingehen zu Gott als Hoherpriester. In Hebräer 4:14 heißt es: „Darum, weil wir einen großen Hohen Priester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, so lasst uns an dem Bekenntnis festhalten.“ Diese Aussage beobachtet das Faktum seiner Menschwerdung und zugleich seine Herrschaft im Himmel. Als Hoherpriester hat Jesus nicht nur einmal gehandelt, Er ist beständig für die Seinigen gegenwärtig und handelt fortwährend bei Gott.

So vermag Er auch jene bis aufs Äußerste zu erretten, die durch Ihn zu Gott kommen; denn Er lebt allezeit, um für sie Fürbitte einzulegen. (Witness Lee, Life-Study of Leviticus, Botschaft fünfunddreißig, S. 305)

Das Fürbittende seines priesterlichen Dienstes ist zugleich barmherzig und wirksam; denn Christus hat in der Erfahrung des Leidens Anteil an unserer Schwachheit genommen und dennoch ohne Sünde gehandelt. Hebräer 7:25 bringt dies auf den Punkt: „Darum vermag Er auch diejenigen bis zum Äußersten zu erretten, die durch Ihn zu Gott hinzutreten, da Er allezeit lebt, um fürbittend für sie einzutreten.“ Diese doppelte Wahrheit — Mitgefühl in der Versuchung und ewige Gegenwart vor Gott — begründet eine lebendige Zuversicht. Die Deutung liegt darin, dass unsere Gebrechlichkeit nicht als Hindernis vor Gott besteht, sondern in der Gegenwart eines barmherzigen Priesters aufgehoben wird.

Für das konkrete Leben heißt das: In allen Verletzungen und Brüchen findet sich ein Mittler, dessen Dienst sich nicht auf ein einmaliges Einschreiten beschränkt, sondern auf andauernde Fürbitte und Gegenwart gründet. Diese Realität ruft zu einer Haltung des Festhaltens an dem Bekenntnis, nicht als mechanische Formel, sondern als Vertrauen, das sich an die Person Christi bindet. So wächst im Glauben die Gewissheit, dass unser Zugang zu Gott nicht von eigener Leistung abhängt, sondern von dem, der als Vorläufer und Bürge den Weg bereitet hat.

Darum, weil wir einen großen Hohen Priester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, so lasst uns an dem Bekenntnis festhalten. (Hebräer 4:14)

Darum vermag Er auch diejenigen bis zum Äußersten zu erretten, die durch Ihn zu Gott hinzutreten, da Er allezeit lebt, um fürbittend für sie einzutreten. (Hebräer 7:25)

Die Vorstellung eines lebendigen Hohenpriesters ist tröstlich und stärkend: Sie trägt durch Zeiten der Schwäche und führt hindurch in die Sicherheit, dass unser Leben vor Gott geborgen ist. Möge dieses Wissen Mut geben, das Bekenntnis Jesu zu halten — nicht aus Angst, sondern als Antwort auf die beständige Fürbitte und das liebende Mittragen Christi.

Der allumfassende Christus als Gabe und lebengebender Geist in uns

Christus zeigt sich nicht nur als Opfer und Priester, sondern als die allumfassende Gabe, die dem Leben der Gemeinde Gestalt gibt. Schon die Menschwerdung offenbart diese Tatsache: „Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns … voller Gnade und Wirklichkeit“, heißt es in Johannes 1:14. Diese Inkarnation macht deutlich, dass Gott auf konkrete, greifbare Weise in unsere Welt tritt und durch die Gemeinschaft der Gläubigen als Gabe ausgestellt wird. Die Gemeinde ist damit nicht bloß eine Institution, sondern ein lebendiger Raum, in dem der Christus-Gehalt sichtbar und erfahrbar wird.

Dieser Christus in uns ist der Geist, der Leben gibt (1.Kor. 15:45). Als in uns innewohnender Geist ist Er so zugänglich und leicht erfahrbar. Wenn wir einfach nur ein wenig beten würden, könnten wir uns in unseren Geist hineinbeten und so diesen Einen berühren und Ihn genießen. (Witness Lee, Life-Study of Leviticus, Botschaft fünfunddreißig, S. 309)

Auf persönlicher Ebene wohnt derselbe Christus als der lebengebende Geist in dem Gläubigen; daraus folgt eine innere Verwandlung, die nicht allein moralisch, sondern existenziell ist. Hebräer 13:21 bringt diese Dynamik zum Ausdruck, wenn es um das Ausrüsten zu guten Werken und das Wirken Gottes in uns geht: „möge euch ausrüsten in jedem guten Werk, um Seinen Willen zu tun, und dabei das in uns tun, was in Seinen Augen wohlgefällig ist, durch Jesus Christus; Ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“ In der Erfahrung des Lebensgeistes wird Christus nicht nur erinnert, sondern tatsächlich empfangen; so wird Sein Reich gegenwärtig und lebenswirksam.

Die praktische Folgerung dieser doppelten Wirklichkeit — Gabe für die Gemeinde, Geist im Gläubigen — ist eine Einladung zu beständiger Verwurzelung in der Gegenwart Christi. Nicht durch äußere Anstrengung, sondern durch das bewusste Leben aus dem inwendigen Geist entfaltet sich geistliches Wachstum und Frucht. Das gibt Hoffnung: Weil Christus in uns wohnt, ist göttliches Leben nicht ferne Idee, sondern gegenwärtige Kraft, die erneuert, heilt und befähigt.

Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns (und wir haben Seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als des Einziggeborenen vom Vater), voller Gnade und Wirklichkeit. (Johannes 1:14)

möge euch ausrüsten in jedem guten Werk, um Seinen Willen zu tun, und dabei das in uns tun, was in Seinen Augen wohlgefällig ist, durch Jesus Christus; Ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen. (Hebräer 13:21)

Die Gewissheit, dass Christus als Gabe in der Gemeinschaft und als Leben in unserem Inneren gegenwärtig ist, spendet Ermutigung: Sie macht das christliche Leben möglich als eine permanente Erfahrung göttlicher Gegenwart. So darf sich Zuversicht regen, denn der lebendige Geist wirkt in uns und durch uns — nicht nach Leistung, sondern als Gabe, die uns zur Teilhabe am Leben Gottes führt.


Herr Jesus, danke, dass Du durch Dein Opfer ewige Erlösung beschafft und uns zugleich als ewiger Hoherpriester vor Gott vertrittst. Hilf uns, in der Gewissheit deines Fürbittens und in der Gegenwart deines Geistes Trost, Mut und echte Gemeinschaft zu finden, damit dein Leben in uns wächst und wir anderen ein Spiegel deiner Herrlichkeit werden. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Leviticus, Chapter 35