Der Brandopfer-Christus zur Zufriedenheit Gottes (2)
Wenn die Schrift von Brandopfern spricht, geht es nicht zuerst um eine theologische Beschreibung von Christus in seiner Gesamtheit, sondern um die konkrete Frage: Was von Christus kann ich dem Herrn bringen? Der Text aus 3. Mose zeichnet ein Bild geistlicher Praxis — säen und pflegen, hinnehmen des Leidens, Reinheit erfahren — und konfrontiert uns mit der Spannung zwischen der Größe Christi und der Begrenztheit unserer Erfahrung. Die Herausforderung ist praktisch: wie wird aus der biblischen Symbolsprache eine lebendige Erfahrung, die vor Gott besteht und ihm Wohlgefallen bringt?
Arbeite an Christus, damit du etwas zu bringen hast
Nicht alles, was vor den Altar gelangt, ist vom Himmel gefallen; manche Gaben sind das Ergebnis eines langen, beharrlichen Wirkens am eigenen Inneren. Das Bild vom Landwirt und vom Gärtner gilt auch für das geistliche Leben: Samen müssen gesät, Triebe müssen gepflegt und die Reife der Frucht muss erwartet werden. In der Schrift wird deutlich, dass das, was wir Gott darbieten, nicht aus einem spontanen Gefühl erwächst, sondern aus einem Prozess, in dem Christi Leben in uns kultiviert wird. Es heißt: “den wir verkünden, indem wir jeden Menschen zurechtweisen und jeden Menschen in aller Weisheit lehren, damit wir jeden Menschen gereift in Christus darstellen,” (Kolosser 1:28). Dieses Wort erinnert daran, dass das Darbringen Christi die Frucht eines Lehrens, eines Leidens und einer Reifung ist.
Paulus hingegen war anders. Er sagte, er habe sich abgemüht, sich angestrengt und sogar für Christus gekämpft (Kol. 1:28–29; 1.Kor. 15:10). Paulus war ein unermüdlicher Arbeiter; er mühte sich mehr als alle anderen Apostel, doch nicht er selbst, sondern die Gnade Gottes war mit ihm. Wie Paulus müssen auch wir an Christus arbeiten, damit wir etwas von Christus haben, das wir Gott darbringen können. (Witness Lee, Life-Study of Leviticus, Botschaft vier, S. 33)
Paulus gibt uns dabei ein konkretes Bild des Einsatzes: Sein Dienst war gekennzeichnet durch beständige Mühe und Kämpfen, doch er macht zugleich die Quelle jeder Frucht kenntlich – die Gnade Gottes. Es heißt: “Doch durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin; und Seine Gnade mir gegenüber hat sich nicht als vergeblich erwiesen, sondern im Gegenteil, ich habe mich überströmender abgemüht als sie alle, jedoch nicht ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir ist.” (1.Kor 15:10). Paulus’ Erfahrung zeigt, dass Arbeit an Christus nicht Selbsthilfe bedeutet, sondern eine gnadengeleitete Mühe, durch die etwas Bleibendes in unserer Erfahrung wächst, das vor Gott Bestand hat. Wer diesen Weg vernachlässigt, erscheint leicht mit leeren Händen; wer ihn geht, bringt etwas, das Gott annehmen kann.
den wir verkünden, indem wir jeden Menschen zurechtweisen und jeden Menschen in aller Weisheit lehren, damit wir jeden Menschen gereift in Christus darstellen, (Kolosser 1:28)
Doch durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin; und Seine Gnade mir gegenüber hat sich nicht als vergeblich erwiesen, sondern im Gegenteil, ich habe mich überströmender abgemüht als sie alle, jedoch nicht ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir ist. (1.Kor 15:10)
Die Erkenntnis, dass Gedeihen an Christus Arbeit verlangt, führt nicht in Verzweiflung, sondern in eine demütige Hoffnung: Gottes Gnade macht unsere Mühe fruchtbar. So darf das Ringen am eigenen Leben nicht als Last, sondern als heilige Beteiligung empfunden werden, durch die Christus in uns Gestalt annimmt und uns etwas gibt, das vor dem Herrn Bestand hat.
Die Formen des Brandopfers als Erfahrungen des Leidens und der Reinigung
Die einzelnen Handlungen des Brandopfers lesen sich wie Stationen eines inneren Weges: Schlachten, Häuten, Zerteilen, Waschen. Jede dieser Prozeduren ist nicht allein kultischer Formalismus, sondern ein Bild dafür, wie das Leben des Nachfolgers mit dem Leben Christi verbunden wird. Schlachten verweist auf das Teilen am gekreuzigten Christus, auf das Mitvollziehen seines Weges von Selbstverleugnung und Hingabe. Es heißt: “Und er soll das junge Rind schlachten vor dem HERRN.” (3. Mose 1:5). Dieses Wort macht die Perspektive klar: die Erfahrung des Geschlachtetseins ist nicht nur ein historisches Ereignis bei Christus, sondern ein Erfahrungsmodus, in dem wir an Seinem Leiden Anteil gewinnen.
Die Darbringung des Brandopfers ist ein Ausdruck unserer Erfahrung mit Christus; sie zeigt, wie wir die von Christus erlebte Erfahrung selbst erfahren haben. „Und er soll das junge Rind schlachten vor dem HERRN.“ (3. Mose 1:5a) Das weist darauf hin, dass Christus als Brandopfer geschlachtet wurde. Geschlachtet zu werden war die persönliche Erfahrung Christi, als Er auf der Erde war. (Witness Lee, Life-Study of Leviticus, Botschaft vier, S. 34)
Häuten und Zerteilen treten oft in unserem Leben in Form von Entblößung und Zerbrechen des Egos auf; dort, wo Menschen verleumden und verachten, wird das Innerste nacktgelegt und das Selbst in Stücke genommen. Die Evangelien geben Beispiele dafür, wie Jesus selbst Verleumdung erfuhr: Es heißt: “Die Juden antworteten und sprachen zu ihm: Sagen wir nicht recht, daß du ein Samariter bist und einen Dämon hast?” (Johannes 8:48) und: “Viele aber von ihnen sagten: Er hat einen Dämon und ist von Sinnen. Was hört ihr ihn?” (Johannes 10:20). Solche Erfahrungen reißen das Selbst auseinander; das Waschen durch Wasser weist dann auf die tägliche Reinigung durch den Geist, die dieses Zerbrochene nicht überklebt, sondern innerlich reinigt und wiederherstellt. In diesen Prozessen wird Christus nicht bloß erinnert, sondern lebendig in der eigenen Erfahrung.
Und er soll das junge Rind schlachten vor dem HERRN. Und die Söhne Aarons, die Priester, sollen das Blut herzubringen und das Blut ringsherum an den Altar sprengen, der am Eingang des Zeltes der Begegnung (steht). (3.Mose 1:5)
Die Juden antworteten und sprachen zu ihm: Sagen wir nicht recht, daß du ein Samariter bist und einen Dämon hast? (Johannes 8:48)
Die Aufmerksamkeit auf diese Schritte lädt zu einer ruhigen Aufrichtigkeit gegenüber dem eigenen Zustand ein: Nicht als Verurteilung, sondern als Einladung, das Leiden, die Entblößung und die Reinigung nicht zu verdrängen. In dem Durchleben dieser Wege kann Christus in uns konkreter werden und das äußere Getöse der Anklage leiser treten, sodass Dank und wahres Lob wachsen.
Der Rauch als Ziel: Gottes Wohlgefallen und unsere Abhängigkeit
Das abschließende Bild des Brandopfers ist der aufsteigende Rauch, ein Duft, der Gott wohlgefällig ist. Nicht die schnelle Handlung zählt, sondern das langsame, vollständige Aufgehen des Geschehens, bis das dargebrachte Stück ganz zum Geruch geworden ist, der vor Gott Bestand hat. Es heißt: “Und seine Eingeweide und seine Unterschenkel soll er mit Wasser waschen. Und der Priester soll das Ganze auf dem Altar in Rauch aufgehen lassen: ein Brandopfer (ist es), ein Feueropfer als wohlgefälliger Geruch für den HERRN.” (3. Mose 1:9). Die Wendung vom Verbrennen zum wohlgefälligen Duft betont, dass das Ziel nicht Selbstvervollkommnung, sondern das Erlangen von Gottes Friede und Annahme ist.
Nachdem das Brandopfer geschlachtet, gehäutet, in Stücke geschnitten und gewaschen worden war, verbrannte man es auf dem Altar. „Der Priester soll alles davon auf dem Altar im Rauch darbringen als Brandopfer, ein durch Feuer dargebrachtes Opfer eines dem Jehovah wohlgefälligen Duftes“ (V. 9). Die hebräischen Wörter, die hier mit „zufriedenstellendem Duft“ wiedergegeben werden, bedeuten wörtlich Wohlgeruch der Ruhe oder der Genugtuung — also ein Duft, der der Gottheit, der er dargebracht wird, Genugtuung verschafft und deshalb von Ihm wohlgefällig angenommen wird. Das Wort „smoke“ in diesem Vers weist darauf hin, dass das Opfer nicht schnell, sondern langsam verbrannt wurde. (Witness Lee, Life-Study of Leviticus, Botschaft vier, S. 38)
Diese Annahme ist immer Gnadengeschenk: Wir können das Leben, das Gott gefällt, nicht aus eigener Kraft herstellen; darum ist Christus als unser Brandopfer grundlegend. In dieser Perspektive wird die Abhängigkeit zum Ort der Ruhe: wenn das Gefäß Christi in uns auf dem Altar aufgeht, empfängt die Seele die Genugtuung Gottes. Gleichzeitig öffnet sich die Weite dessen, was Gott geben möchte; wie es heißt, möge man “voller Stärke … erfassen, was die Breite und Länge und Höhe und Tiefe ist” (Epheser 3:18) — nicht um sich selbst zu erhöhen, sondern um in der Tiefe dessen zu wohnen, was Gott als Wohlgefallen annimmt.
So zeigt das Rauchbild, dass unsere Hingabe nicht auf schnellen Effekten beruht, sondern auf einem geduldigen Aufgehen vor dem Herrn. Wenn Christus in uns so dargebracht wird, entsteht nicht nur eine äußerliche Akzeptanz, sondern ein innerer Friede, der aus der Gewissheit stammt, dass das, was vor Gott ging, Sein Wohlgefallen gefunden hat.
Und seine Eingeweide und seine Unterschenkel soll er mit Wasser waschen. Und der Priester soll das Ganze auf dem Altar in Rauch aufgehen lassen: ein Brandopfer (ist es), ein Feueropfer als wohlgefälliger Geruch für den HERRN. (3.Mose 1:9)
voller Stärke seid, um mit allen Heiligen zu erfassen, was die Breite und Länge und Höhe und Tiefe ist, (Epheser 3:18)
Das langsame Aufgehen des Brandopfers erinnert daran, dass Gottes Annahme zeitlos ist und zugleich zutiefst persönlich: Wenn Christus in unserer Erfahrung ganz wird, begegnet uns Gottes Ruhe. Diese Erkenntnis nährt eine stille Zuversicht, dass der Weg des Leidens, der Reinigung und der täglichen Hingabe nicht vergeblich ist, sondern in der wohltuenden Annahme Gottes endet.
Himmlischer Vater, danke für Christus, den Du uns gegeben hast, und für den Weg, durch den seine Wirklichkeit in uns zur Gabe für Dich reifen kann. Schenke Herzen, die demütig am Herrn arbeiten, die seine Leiden mittragen und täglich von Deinem Geist gereinigt werden, damit unser Opfer Dir Wohlgefallen bereitet und wir Deine Ruhe erfahren dürfen. Möge diese Hoffnung uns trösten und stärken bis zum Kommen des Herrn. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Leviticus, Chapter 4