Ein einleitendes Wort
Die biblische Erzählung öffnet einen weiten Horizont: Beginnend mit der Schöpfung in 1. Mose und endend mit dem Bild eines Mannes in einem Sarg in Ägypten wird das menschliche Scheitern deutlich; doch zugleich zeichnet sich Gottes unbeirrbare Absicht ab, ein Volk zu bilden, das bei ihm wohnen kann. Die Bücher Exodus und 3. Mose führen diese Linie weiter: Gott rettet und richtet eine Wohnung für sich ein, und in dieser Wohnung wird die Art der biblischen Anbetung und des täglichen Heiligseins geübt. Vor diesem Hintergrund drängt die Frage, wie Erlösung konkret dazu führt, dass Gott nahbar wird und Gemeinschaft unter den Glaubenden entsteht.
Gottes bleibende Absicht trotz des Falls
Die frühen Erzählungen der Heiligen Schrift zeichnen das Ausmaß des menschlichen Versagens: Der Fall hat nicht nur einzelne Schuld erzeugt, sondern eine Neigung zum Verfehlen der gottgewollten Gemeinschaft offengelegt. Zugleich aber tritt inmitten dieser Tragödie Gottes beharrliche Initiative hervor; er wählt, ruft und bewahrt eine Linie, durch die seine Absicht weiterwirkt. Beobachtet man die Wendung von Babel zu Abraham, so wird deutlich, dass Gottes Plan nicht an menschliche Vollkommenheit gebunden ist, sondern an seine eigene Treue.
Nachdem die Menschheit sich in Babel gegen Gott aufgelehnt hatte, gab Gott sie auf; Seinen Zweck aber konnte Er nicht aufgeben und tat es auch nicht. Daraufhin berief Er ein neues, ein auserwähltes Volk, beginnend mit Abraham. Gott versprach Abraham: „Und Ich werde die segnen, die dich segnen, und wer dich verflucht, den werde Ich verfluchen; und in dir werden alle Familien der Erde gesegnet werden!“ (1.Mose 12:3) (Witness Lee, Life-Study of Leviticus, Botschaft eins, S. 2)
In der Verheißung an Abraham wird diese Beständigkeit ausdrücklich bezeugt; heißt es: „Und Ich werde die segnen, die dich segnen, und wer dich verflucht, den werde Ich verfluchen; und in dir werden alle Familien der Erde gesegnet werden!“ (1. Mose 12:3). Dieses Wort legt nahe, dass Gottes Projekt der Sammlung und Segnung der Menschheit durch eine erwählte Mitte hindurch geht. Die biblische Geschichte zeigt, dass Gott, obwohl Menschen scheitern und sich zerstreuen, weiterhin die Initiative ergreift, so dass sein Ziel—Menschen zu sammeln, zu segnen und eine Wohnstätte zu errichten—tatsächlich Bestand hat.
Und Ich werde die segnen, die dich segnen, und wer dich verflucht, den werde Ich verfluchen; und in dir werden alle Familien der Erde gesegnet werden! (1. Mose 12:3)
Und Joseph starb, als er 110 Jahre alt war; und sie balsamierten ihn ein, und er wurde in Ägypten in einen Sarg gelegt. (1. Mose 50:26)
Die Erkenntnis von Gottes Unerschütterlichkeit nährt Hoffnung: Sein Weg setzt sich fort trotz unserer Schwäche. Diese Wahrheit darf still stärken und uns darin ruhen lassen, dass Gottes Vorhaben nicht an unseren Fehlern scheitert, sondern an seiner Treue wächst. Möge die Gewissheit, dass in Abraham die Verheißung beginnt und in Christus ihre Erfüllung findet, Zuversicht wecken und das Vertrauen vertiefen.
Erlösung als Weg zur Wohnstätte Gottes
Die Exodus-Erzählung verbindet Befreiung und Bautätigkeit auf eine Weise, die über eine bloße Flucht aus Bedrängnis hinausgeht: Gottes Rettung zielt auf die Schaffung eines Ortes seines Bleibens. Wenn das Volk aus Ägypten herausgeführt wird, sieht man zugleich das formative Werk Gottes, das sein Volk zu einer gestellten Wohnstätte ordnet—nicht als Endzweck einer Rettung, sondern als deren innere Folge.
Das Buch 2. Mose offenbart Gottes Erlösung und den Aufbau Seiner Wohnstätte. Nachdem Er Sein gefallenes Volk erlöst hatte, führte Gott es dahin, dass Er es zusammenfügte, um daraus Seine Wohnstätte auf der Erde zu machen. So sehen wir im 2. Mose im Wesentlichen zwei Dinge: Gottes Erlösung und Gottes Wohnstätte. (Witness Lee, Life-Study of Leviticus, Botschaft eins, S. 3)
Die Schrift spricht an mehreren Stellen von dieser Bestimmung des Erlösten zur Heiligung und Gemeinschaft; Johannes bringt die Inkarnation als denselben Vorgang ins Bild, wenn es heißt: „Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns … voller Gnade und Wirklichkeit“ (Joh. 1:14). Ebenso klingt die Berufung Israels zum priesterlichen Volk an: „Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und eine heilige Nation sein“ (2. Mose 19:6). So wird Erlösung zum Weg, auf dem Gott Menschheit formt, damit seine Gegenwart unter Menschen wohnen und in gemeinsamer Verantwortung erlebt werden kann.
Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und eine heilige Nation sein. Das sind die Worte, die du zu den Söhnen Israel reden sollst. (2. Mose 19:6)
Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns (und wir haben Seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als des Einziggeborenen vom Vater), voller Gnade und Wirklichkeit. (Joh. 1:14)
Die Sicht, dass Befreiung in die Bautätigkeit Gottes hineinführt, schenkt Orientierung: Erlösung bleibt nicht isoliert, sondern zielt auf Gemeinschaft und Wohnstätte. Diese Perspektive lädt zu stillem Staunen ein über das Ausmaß von Gottes Absicht—dass er nicht nur rettet, sondern zugleich einen Ort bereitet, wo seine Herrlichkeit wohnt und sein Volk als Priesterschaft lebt.
Anbetung als gemeinsamer Anteil und heiliges Leben
Anbetung in der Bibel erweist sich als konkrete Form des Kontakts mit Gott: sie ist kein blosses Ritual, sondern das Teilen an Christus, das Gemeinschaft stiftet und ein Leben prägt. Die priesterlichen Handlungen und Opfer im 3. Mose sind Typen, die zeigen, wie Begegnung mit Gott das Innere eines Volkes formt und es dazu bringt, als ein heiliger Raum für seine Gegenwart zu bestehen.
In der Bibel bezeichnet Anbetung unseren Kontakt mit Gott, damit wir einen gemeinsamen Anteil an Ihm genießen und Gemeinschaft mit Ihm haben. Im 3. Mose ist Anbetung die Weise, wie wir mit Gott in Kontakt treten, nämlich dadurch, dass wir an Ihm Anteil nehmen. (Witness Lee, Life-Study of Leviticus, Botschaft eins, S. 4)
Das Buch legt diesen Prozess unmittelbar an den Ausgangspunkt der Begegnung: „Und der HERR rief Mose, und er redete zu ihm aus dem Zelt der Begegnung“ (3. Mose 1:1). Ebenfalls heißt es über das Bleiben in Gott und das Zeugnis des Geistes: „Und wer Seine Gebote hält, der bleibt in Ihm und Er in ihm. Und daran erkennen wir, dass Er in uns bleibt: durch den Geist, den Er uns gegeben hat“ (1. Joh. 3:24). Diese Sätze weisen darauf hin, dass wahre Anbetung Gemeinschaft schafft und den Alltag formt, weil das bleibende Leben Gottes in den Gläubigen wirkt und so Heiligkeit und gemeinsames Zeugnis hervorbringt.
Und der HERR rief Mose, und er redete zu ihm aus dem Zelt der Begegnung: (3. Mose 1:1)
Und wer Seine Gebote hält, der bleibt in Ihm und Er in ihm. Und daran erkennen wir, dass Er in uns bleibt: durch den Geist, den Er uns gegeben hat. (1. Joh. 3:24)
Wenn Anbetung als Gemeinschaftsanteil verstanden wird, öffnet sich ein praktischer Horizont: Glaube bleibt nicht privat, sondern wird sichtbar in einem geheiligten Leben, das miteinander geteilt wird. Diese Einsicht ermutigt zu einer inneren Haltung des Bleibens und der Freude an der Gemeinschaft, weil Gottes Gegenwart nicht nur eine Zukunftsverheißung, sondern eine heute erfahrbare Wirklichkeit ist.
Herr, danke, dass Du trotz unseres Scheiterns an Deinem Ziel festhältst und durch Erlösung eine Wohnung unter uns bereitest. Mögest Du uns die Gnade schenken, Deine Gegenwart als gemeinsamen Anteil zu erleben, damit wahre Gemeinschaft und ein heiliger Alltag aus unserer Begegnung mit Dir hervorgehen; erfülle uns mit Deinem Wort und Deiner Liebe, dass Dein Reden unter uns lebendig werde. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Leviticus, Chapter 1