Das Wort des Lebens
lebensstudium

Der Weihrauch (3)

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Die Vorschrift zum kultischen Weihrauch in 2. Mose zeichnet nicht nur ein kultisches Verfahren, sondern offenbart eine geistliche Wirklichkeit: Gottes Kommen zu uns und unser Hinwenden zu Gott sind in der Person Christi verankert. Warum aber benötigt der Weihrauch genau die Elemente von Tod, Auferstehung, Salzung und Feuer, damit er wahrhaft dem Herrn gefällt? Beim Blick auf die Gewürze und die Art ihrer Darbringung wird deutlich, dass es hier um eine entschiedene, aber ausgewogene Erfahrung des Christus geht, die nicht Menschen gefallen, sondern Gott wohlriechen soll.

Die Grundlage: Tod und Auferstehung Christi

Das Räucherwerk verweist in seiner Zusammensetzung und in seiner Verwendung auf eine einfache, aber tiefgreifende Tatsache: Gottes Einzug in den Menschen ist an das Erlösungswerk des Herrn gebunden. Die Zutaten dieses Kultes deuten bereits auf das Hinweggehen des Herrn durch Tod und Auferstehung. In Johannes 16:7 heißt es: Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist euch nützlich, daß ich weggehe, denn wenn ich nicht weggehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen; wenn ich aber hingehe, werde ich ihn zu euch senden. Dieses Wort legt nahe, dass das ‚Weggehen‘ Christi nicht nur ein Verlust war, sondern die Voraussetzung dafür, dass der Tröster kommen und Gottes volle Gegenwart in den Gläubigen wohnen kann.

Deshalb sagte der Herr Jesus zu den Jüngern: „Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist euch nützlich, daß ich weggehe, denn wenn ich nicht weggehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen; wenn ich aber hingehe, werde ich ihn zu euch senden“ (Joh. 16:7). Das Wort des Herrn macht deutlich: Wenn er nicht durch seinen Tod am Kreuz ‚weggehe‘, um die Erlösung zu vollbringen, gäbe es keinen Weg für Gott, in uns einzuziehen. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertneunundsechzig, S. 1796)

Das Kreuz ist demnach nicht ein bloßes Rechtsereignis, sondern die Tür, durch die der Dreieine Gott in das innere Leben seiner Nachfolger tritt. Die myrrhenartigen Anklänge im Räucherwerk erinnern an das süße Sterben Christi; zugleich öffnet die Auferstehung das neue Wirken des Geistes, der in die zerbrochene, gereinigte Menschheit einzieht. Wenn das Räucherwerk ‚vor das Zeugnis ins Zelt der Zusammenkunft‘ gebracht wird, weist dies darauf hin, dass Gottes Gemeinschaft mit dem Menschen nur auf dem Boden des Erlösten möglich ist — nicht als abstrakte Idee, sondern als lebendige Wirklichkeit des Geistes, der aus dem vollbrachten Werk hervorgeht.

Es ist tröstlich zu bedenken, dass das Geschehen am Kreuz und die folgende Auferstehung nicht entfernt und unnahbar bleiben, sondern unmittelbar das Mittel sind, durch das Gott zu uns kommt. Solche Einsicht nährt Dankbarkeit und verstärkt das Staunen über die Heilsökonomie, in der Tod und Leben zusammenspielen, damit Gott in uns wohnen kann. Darin liegt eine leise Ermutigung: die Gewissheit, dass unsere Gemeinschaft mit Gott auf einer vollendeten Tat gründet und nicht auf menschlichem Verdienst.

Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist euch nützlich, daß ich weggehe, denn wenn ich nicht weggehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen; wenn ich aber hingehe, werde ich ihn zu euch senden. (Joh. 16:7)

Hatte ich geredet, so sagte man nichts mehr (dagegen), und auf sie träufelte meine Rede. (Hiob 29:22)

Wenn das Herz diese Ordnung begreift, kann es mit ruhigem Vertrauen jene Tiefe Gottes suchen, die durch Christi Hingabe geöffnet wurde. Die Gewissheit, dass der Geist aus dem vollbrachten Erlösungswerk kommt, lässt das Leben in Gottes Nähe Kirche und Lebenspraxis gleichermaßen prägen.

Die Bestandteile des Weihrauchs: was die Gewürze sagen

Die einzelnen Gewürze des Räucherwerks treten nicht als bloße Zutaten auf, sondern als symbolische Signale, die verschiedene Aspekte des Werkes Christi beleuchten. In 2. Mose 30:34–35 heißt es ausdrücklich, welche Stoffe zu verwenden sind und dass daraus ‚eine würzige Mischung, ein Werk des Salbenmischers, gesalzen, rein, heilig‘ zu bereiten ist. Stacte, eine myrrhenähnliche Harzart, verweist auf das süße, gebende Sterben Christi; Onycha deutet auf das stellvertretende, erlösend-gerichtete Leben und Sterben hin; Galbanum steht für das kraftvolle Element, das der Gemeinde oft als rau erscheint, zugleich aber das Böse vertreibt und die anderen Düfte stärkt; der eigentliche reine Weihrauch schließlich trägt das Profil der siegreichen Auferstehung.

Das erste der wohlriechenden Gewürze, die zur Bereitung des Räucherwerks verwendet werden, ist Stacte. Das hebräische Wort dafür lautet nataph. Es bezeichnet Myrrhe – ein harzartiges Gummi, das als die reinste Form galt. Daher ist Stacte eine Variante der Myrrhe und symbolisiert den süßen Tod Christi. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertneunundsechzig, S. 1795)

Die biblische Vorschrift für eine wohlgeordnete Mischung ist nicht bloß kultisch-technisch gemeint, sondern lehrt, dass ein volles Bild Christi die gegensätzlichen Aspekte von Kreuz und Auferstehung einschließt. Einseitigkeit — nur Kreuz oder nur Erfahrung — macht die Gesamtheit des Geruchsbildes unvollständig. Die Aufforderung zu ‚gleichen Teilen‘ lässt sich als Aufforderung verstehen, diese verschiedenen Züge in einer göttlich geordneten Harmonie zu erleben, sodass das Leben der Gemeinde und die Fürbitte vor Gott durch ein ausgewogenes Zeugnis von Tod, Reinigung und auferstandener Kraft geprägt werden.

Wer die vielfachen Nuancen des Räucherwerks beachtet, erkennt in ihnen keine abstrakten Kategorien, sondern ein lebendiges Porträt des Christus, der zugleich Sterben und Sieg ist. Diese Betrachtung ermutigt dazu, die Komplexität des Heils nicht zu scheuen, sondern als Quelle geistlicher Tiefe zu schätzen, aus der die Gemeinde atmet und vor Gott wirkt.

Und der HERR sprach zu Mose: Nimm dir wohlriechende Stoffe: Staktetropfen, Räucherklaue, wohlriechendes Galbanum und reinen Weihrauch. (2.Mose 30:34)

und mache Räucherwerk daraus, eine würzige Mischung, ein Werk des Salbenmischers, gesalzen, rein, heilig. (2.Mose 30:35)

Das Bild der wohlriechenden Mischung lädt dazu ein, die verschiedenen Dimensionen von Christi Werk in der eigenen inneren Landschaft zu bewahren, sodass das Leben nicht eindimensional bleibt, sondern reich an Kreuzesnähe und auferstehender Freude zugleich.

Gesalzen, gemahlen und verbrannt: die Form der Darbringung

Nicht allein die Zutaten, auch die Art ihrer Darbringung trägt geistliche Aussagekraft. Es heißt in 2. Mose 30:36: Dann zerstoße (etwas) davon zu Pulver und lege (etwas) davon vor das Zeugnis in das Zelt der Begegnung, wo ich dir begegnen werde; als Hochheiliges soll es euch gelten. Und 3. Mose 2:13 fordert: Alle Opfergaben deines Speisopfers sollst du mit Salz salzen. Diese Anweisungen verbinden das Salzen, Mahlen und Verbrennen mit dem Ziel, dass das Ergebnis vor dem Zeugnis und damit vor Gottes Gegenwart dargebracht wird. Salz konserviert und bezeugt Bundestreue; das Mahlen symbolisiert die Demut und Läuterung des Herzens; das Verbrennen markiert die vollständige Hingabe, durch die das Gewürz von seiner irdischen Beschaffenheit zum wohlriechenden Opfer wird.

In den Versen 35 und 36 heißt es, dass das Räucherwerk gesalzen, gemahlen und verbrannt werden müsse. Das Mahlen des Räucherwerks und das Hinstellen vor das Zeugnis im Zelt der Zusammenkunft versinnbildlichen die Vermengung von Christi süßem Tod und Seiner duftenden Auferstehung. Zugleich weisen sie darauf hin, dass Sein Tod und Seine Auferstehung auf dem Räucheraltar Gott dargebracht werden und so die Grundlage für die Fürbitte Christi und Seiner Glieder bilden. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertneunundsechzig, S. 1801)

Das Verbot, das Räucherwerk für eigenen Genuß herzustellen, unterstreicht, dass das Ziel göttliches Wohlgefallen ist und nicht menschliche Selbstinszenierung. Wenn die Ingredienzien ‚gesalzen, gemahlen und verbrannt‘ werden, vollzieht sich in der Seele ein Prozess: das Kreuzeswirken setzt die Bewahrung und das Urteil des Salzes ein, die Demut des Mahlens zerbricht die Selbstgerechtigkeit, und das Verbrennen richtet alles auf Gott aus. So wird aus persönlicher Erfahrung eine priesterliche Darbringung, die vor dem Zeugnis im Zelt der Zusammenkunft Bestand hat.

Dieses Bild schenkt eine befreiende Perspektive: Zerbrochenheit ist nicht Scheitern, sondern der Vorgang, durch den das Leben zur göttlichen Duftgabe wird. Die Transformation von Erfahrung zu Opfer lässt erkennen, dass Gott gerade in der geordneten Verarbeitung unserer inneren Gaben und Schmerzen seine Gegenwart offenbart und nutzt — nicht um uns bloßzustellen, sondern um uns in den Raum seiner Gemeinschaft zu stellen.

Alle Opfergaben deines Speisopfers sollst du mit Salz salzen und sollst das Salz des Bundes deines Gottes auf deinem Speisopfer nicht fehlen lassen; bei allen deinen Opfergaben sollst du Salz darbringen. (3.Mose 2:13)

Dann zerstoße (etwas) davon zu Pulver und lege (etwas) davon vor das Zeugnis in das Zelt der Begegnung, wo ich dir begegnen werde; als Hochheiliges soll es euch gelten. (2.Mose 30:36)

Zu wissen, dass Salz, Mahlen und Verbrennen Teil eines göttlichen Ordnungsprozesses sind, kann trösten und stärken: Die zögerliche, gebrochene und demütige Haltung hat vor Gott Bestand und wird von ihm so geformt, dass aus persönlichem Erleben ein Wohlgeruch der Anbetung wird.


Herr Jesus, danke für Dein Erlösungswerk, durch das Tod und Auferstehung die Tür zur vollen Begegnung mit dem Vater geöffnet haben. Schaffe in uns das Geschenk, dass unsere Erfahrungen von Dir gesalzen, geläutert und verbrannt vor Dein Angesicht steigen und Dir allein wohlriechend sind; schenke Hoffnung und die Gewissheit, dass Du unsere Schwachheit hineinnehmen und in etwas herrliches verwandeln kannst. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 169