Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die Heiligung Aarons und Seiner Söhne zum Priestertum (2)

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Die Einsetzungsriten in 2. Mose und 3. Mose wirken auf den ersten Blick detailverliebt und kultisch. Hinter den Ritualen aber steht eine lebenspraktische Wahrheit: Gott will Priester, die nicht nur äußerlich geordnet sind, sondern innerlich mit Christus erfüllt. Worin besteht diese Füllung und wie hängt sie mit dem Sündopfer zusammen? Die Spannung liegt genau dort: Deckung allein reicht nicht – es braucht die Erfahrung des von Christus erfüllten Lebens, damit wir vor Gott bestehen und dienen können.

Christus als Sündopfer: süßer Wohlgeruch und Gericht

Die Einsetzung des Sündopfers in der Opferordnung offenbart eine überraschende Zweiheit: Teile des Opfers wurden auf dem Altar als Duft für Gott verbrannt, andere Teile gingen außerhalb des Lagers in die Vernichtung. Diese Zerlegung ist keine Unsicherheit im Opfer, sondern eine theologische Aussage über das eine Werk Christi. Das aufsteigende Fett und der Rauch des Altars deuten auf etwas hin, das Gott gefällt und erfüllt; zugleich zeigt das Verbrennen außerhalb des Lagers die tragische Seite des Gerichts und des Verlassenwerdens, das der Stellvertreter auf sich nimmt.

Dieses Verbrennen verströmte einen Wohlgeruch, der zu Gott emporstieg und Seinem Wohlgefallen diente. Es glich dem Räuchern mit Weihrauch — nicht als Mittel des Gerichts oder zur Reinigung, sondern zu Seinem Genuss. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertvierunddreißig, S. 1476)

Vor diesem Hintergrund liest sich Jesaja 53 mit neuer Klarheit: Es heißt, dass dem HERRN gefiel, ihn zu zerschlagen; er hat sein Leben als Schuldopfer eingesetzt. Gottes Wohlgefallen und göttliches Gericht begegnen hier nicht als widersprüchliche Mächte, sondern als die beiden Seiten des einen Heilswerkes. Weil Christus sowohl die Sünde der Welt getragen als auch Gottes Gerechtigkeit befriedigt hat, kann das Opfer vor Gott als süßer Wohlgeruch gelten und zugleich das Urteil aufnehmen, das wir verdient hätten.

Und nimm alles Fett, das die Eingeweide bedeckt, dazu den Lappen über der Leber und die beiden Nieren und das Fett, das an ihnen ist, und laß (dies alles) auf dem Altar als Rauch aufsteigen! (2. Mose 29:13)

Das Fleisch des Jungstiers aber samt seiner Haut und dem Inhalt seines Magens sollst du außerhalb des Lagers verbrennen: ein Sündopfer ist es. (2. Mose 29:14)

Diese Wahrheit lädt dazu ein, das Werk Christi nicht einseitig zu lesen: Sein Opfer ist zugleich Satisfaktion vor Gott und stellvertretliches Tragen unseres Gerichts. Für den, der den priesterlichen Dienst vor Gott ausüben will, bedeutet das: Sein Zugang zu Gott ruht auf einem Geheimnis, das zugleich Freude und Ernst birgt. In der Gewissheit dieses zweifachen Heils darf Zuversicht wachsen—nicht aus eigener Leistung, sondern aus der Fülle dessen, der als Sündopfer sowohl die Gerechtigkeit Gottes befriedigte als auch unsere Verlassenheit trug.

Erkennen der sündigen Natur und Identifikation mit Christus

Die Geste, dass Aaron und seine Söhne ihre Hände auf den Kopf des Jungstiers legten, ist klein an Gestus, groß an Bedeutung: Durch dieses Auflegen drückt die Typologie Identifikation aus. Nicht nur stellvertretend wird das Tier getötet; die Priester treten als Repräsentanten des Volkes in eine Verbindung mit dem Opfer, als würden sie selbst die Last übernehmen. Das rückt die persönliche Anteilnahme am Sündopfer ins Zentrum jeder priesterlichen Stellung.

Wir sollten niemals der Lehre von der Auslöschung Glauben schenken, die behauptet, die sündige Natur werde beim Glauben an Christus ausgelöscht. Nein: unsere sündige Natur bleibt bestehen. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertvierunddreißig, S. 1477)

Aus dieser Typologie folgt eine ernüchternde, doch befreiende Einsicht: Das Bewusstsein der verbleibenden sündigen Natur führt nicht in Resignation, sondern in die Notwendigkeit der täglichen Aufnahme von Christus als Sündopfer. Wer seine eigene Ohnmacht erkennt, schafft Raum dafür, dass Christus innerlich gerichtet und zugleich zur Lebensversorgung wird. So wird beim Priestersein aus äußerer Rolle eine innere Teilhabe — ein Leben, das von der Erfahrung des Opfers geprägt ist.

Und er brachte den Jungstier des Sündopfers herzu; und Aaron und seine Söhne legten ihre Hände auf den Kopf des jungen Sündopferstiers. (3. Mose 8:14)

Erkennen statt Beschönigen öffnet die Tür zu authentischer Gemeinschaft mit dem Opfer Christi. Wenn die eigene Schwäche nicht verschwiegen, sondern vor dem Herrn gebracht wird, kann die Identifikation mit dem Sündopfer zu einer wandelnden Kraft werden, die nicht nur Schuld tilgt, sondern Menschen zum Dienst befähigt. Diese Erkenntnis nährt Demut und Hoffnung zugleich: beides nötig, um als Priester in Wahrheit vor Gott zu stehen.

Von der äußeren Bekleidung zur inneren Füllung

Die priesterlichen Kleider verbergen und stellen zugleich dar: Sie bedecken die Nacktheit des Menschen und signalisieren, dass Gottes Diener in einer heiligen Stellung steht. Doch allein die Bekleidung macht nicht zum Dienenden, wenn sie nicht von innerer Nahrung durchdrungen ist. Im Gesetz steht, dass Aaron bekleidet wurde — doch ebenso wichtig ist das Bild der Hände, die gefüllt werden; die äußere Würde verlangt die innere Versorgung.

Wir haben gesehen, dass die Priester äußerlich die priesterlichen Gewänder tragen und innerlich mit nährender Speise erfüllt sein mussten. Sowohl die priesterlichen Gewänder als auch die priesterliche Speise stehen für verschiedene Aspekte Christi. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertvierunddreißig, S. 1475)

Die liturgische Verbindung von Gewand und Speise weist auf den einen Christus, der sowohl verhüllt als auch genährt gibt. Christus ist die verhüllende Gnade in den Kleidern und zugleich die nahrhafte Lebensversorgung, die zum inneren Sein wird. Ohne die Erfahrung Christi als Speisopfer bleibt das priesterliche Amt kosmetisch; mit ihr aber wird es zu einer gelebten Kraft, die vor Gott bestehen und Menschen dienen kann.

Darauf sollst du die Kleider nehmen und Aaron bekleiden mit dem Leibrock, dem Oberkleid des Ephods, dem Ephod und der Brusttasche und ihm den Gurt des Ephods umbinden. (2. Mose 29:5)

Dann umgürte sie mit dem Gürtel, Aaron und seine Söhne, und binde ihnen die hohen Turbane um! So soll ihnen das Priesteramt zu einer ewigen Ordnung sein. Und du sollst Aaron und seinen Söhnen die Hände füllen. (2. Mose 29:9)

Außen correct zu erscheinen ist kein Ersatz für das, was innen lebt. Der Weg zur echten Priesterschaft führt durch das Genießen Christi als Lebensversorgung, sodass die äußere Form Frucht tragen kann. Im Bewusstsein dieser Verbindung darf ein warmes Gottvertrauen wachsen: Nicht unsere äußerliche Erscheinung trägt, sondern die innere Fülle dessen, der als Opfer und Speise zugleich zu uns geworden ist.


Herr Jesus, lehre uns unser tiefes Bedürfnis, offenbar unsere sündige Natur vor Dir zu sehen und uns immer wieder ganz an Dich zu hängen; möge Dein Opfer uns innerlich reinigen, füllen und befähigen, in Deiner Gegenwart zu stehen und Dir zu gefallen. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 134