Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die priesterlichen Gewänder (17)

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Das alte Priesteramt offenbart mehr als nur Ritualkleidung: jedes Teil der Kleidung weist auf eine Wirklichkeit Gottes hin, die in Christus für sein Volk bewahrt und vollendet wird. Die Frage ist nicht allein, wie wir äußerlich ‚heilig‘ erscheinen, sondern wie Gottes eigene Heiligkeit in uns wirkt, gehütet vom himmlischen Hohenpriester und wirksam in unserem inneren Sein und im Miteinander der Gemeinde.

Der Hohepriester als Hüter der Heiligkeit

Vor dem geistlichen Panorama der Stiftshütte steht auf der Stirn des Hohenpriesters ein kleines, doch radikal aussagendes Zeichen: wie es in 2. Mose 28:36 heißt: “UND stelle aus reinem Gold ein (blumenförmiges) Stirnblatt her und graviere darauf mit Siegelgravur ein: Heiligkeit dem HERRN-!” Dieses goldene Schild ist nicht nur Schmuck; es ist eine deklarative Wächterinschrift. Beobachtet man die Stellung dieses Wortes auf der Stirn, wird deutlich, dass Heiligkeit hier nicht etwas Privat-Psychologisches ist, sondern eine von Gott beanspruchte, öffentlich zu bewahrende Realität.

Wenn wir diesen Vers richtig verstehen, sehen wir in ihm in typischer Weise den Hinweis, dass Christus die Verantwortung übernimmt, uns zu heiligen und die in uns innewohnende Heiligkeit für Gott zu bewahren. Christus hütet, schützt und sorgt für die Heiligkeit, die Gott unter uns erworben hat. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertzweiunddreißig, S. 1457)

Die Deutung der Typologie führt uns zu Christus als dem gegenwärtigen Hohenpriester, der diese Heiligkeit nicht nur besitzt, sondern sie auch hütet. Indem er die Grenze wahrt zwischen dem, was Gott gehört, und dem, was Menschen gehört, sorgt er dafür, dass die Heiligkeit Gottes nicht verschleudert oder verwässert wird. Daraus folgt praktisch die beruhigende wie fordernde Konsequenz: Der, der als unser Hohenpriester die Heiligkeit trägt, nimmt Verantwortung für die Bewahrung dessen, was allein Gott zusteht; zugleich ruft dieses Bewahren zu ehrfürchtigem Staunen und zu gutem Ernst im Umgang mit dem Heiligen.

Und stelle aus reinem Gold ein (blumenförmiges) Stirnblatt her und graviere darauf mit Siegelgravur ein: Heiligkeit dem HERRN-! (2. Mose 28:36)

Im Blick auf Christus als Hüter der Heiligkeit findet die Gemeinde Ruhe und Würde: Ruhe, weil die Bewahrung des Heiligen nicht von unserer Kraft abhängt; Würde, weil wir in eine ernste, geheiligte Beziehung berufen sind. Möge die Betrachtung dieses goldenen Schildes uns innerlich sammeln und zugleich ermutigen, die Heiligkeit Gottes nicht leichtfertig zu behandeln, sondern sie als das Kostbarste zu achten, das Christus für uns bewahrt.

Heiligung: Stellung und Wesen zusammenwirken

Die Schrift zeigt Heiligung in zweifacher, einander ergänzender Gestalt: einmal als stellungsmäßige Absonderung vor Gott, zum anderen als innerliche Umformung des Willens und der Gesinnung. Diese Unterscheidung mag theoretisch scheinen, doch die biblische Darstellung verbindet Stellung und Wesen untrennbar. Wenn das Neue Testament davon spricht, dass Gläubige ’in Christus’ gesetzt sind, betrifft dies ihre rechtliche und ontologische Stellung; aber die Schrift ergänzt dies durch das eindringliche Werk des Geistes und des Blutes, das das Innere reinigt und die Gesinnung wandelt.

Jetzt erkenne ich, dass Heiligkeit, Heiligung, sowohl einen stellungsbezogenen als auch einen dispositionsbezogenen Aspekt hat. Die Brüder jedoch sahen den dispositionsbezogenen Aspekt der Heiligung nicht – die Heiligung, die in unserer Gesinnung, in unserem Inneren geschieht. Nach der Bibel ist Heiligung sowohl eine Frage der Stellung als auch der Gesinnung. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertzweiunddreißig, S. 1460)

Diese Wechselwirkung zeigt sich auch in den Früchten des Glaubensleben: es heißt in 1. Petrus 1:22, “Da ihr eure Seelen durch euren Gehorsam gegenüber der Wahrheit zu ungeheuchelter Bruderliebe gereinigt habt, liebt einander innig aus reinem Herzen,”. Die Reinigung des Herzens ist keine akademische Konsequenz einer Position, sondern die konkrete Wirkung jener göttlichen Operationen, die Stellung und Wesen zugleich bearbeiten. Wenn die Position ’gesetzt in Christus’ lebendig wird, setzt dies eine verändernde Dynamik im inneren Menschen frei, die sich in echter Brüderliebe manifestiert.

Die praktische Deutung ist einfach und tief zugleich: Wer die Stellung Christi annimmt, ist eingeladen, das Wirken Gottes im Inneren geschehen zu lassen, sodass Heiligung nicht nur eine juristische Zuordnung bleibt, sondern zu einer Lebenswirklichkeit wird. Das ist keine Selbstoptimierung, sondern das Zusammenspiel der göttlichen Gnadenakte, durch die unsere Gesinnung geläutert und unser Umgang untereinander verwandelt wird.

Da ihr eure Seelen durch euren Gehorsam gegenüber der Wahrheit zu ungeheuchelter Bruderliebe gereinigt habt, liebt einander innig aus reinem Herzen, (1. Petrus 1:22)

Die biblische Spannung zwischen Stellung und innerer Wandlung lädt zur Haltung des Staunens und des Vertrauens ein: Staunen über das, was Gott rechtlich für uns geworden ist; Vertrauen auf sein Werk in unserem Innern. Aus dieser Verbindung kann in der Gemeinde ehrliche, tiefe Brüderliebe wachsen, die nicht bloß äußerlich ist, sondern aus gereinigtem Herzen kommt.

Heiligkeit als Herrlichkeit, Gerechtigkeit als Schönheit

Das Material der Gewänder spricht eine eigene Sprache: Gold und fein gewebtes Leinen stehen nicht in Konkurrenz, sondern im gegenseitigen Sinnzusammenhang. In der Anfertigung des Stirnblattes bekundet die Schrift die erhöhte Heiligkeit — als sichtbare Herrlichkeit — während der Leibrock aus Byssus die dem Menschen zukommende Gerechtigkeit darstellt, die sich als Schönheit erweist. So bringt die Typologie zum Ausdruck, dass die göttliche Heiligkeit zur Herrlichkeit wird und die menschliche Gerechtigkeit zur Anmut.

Die zur Menschheit gehörende Gerechtigkeit äußert sich als Schönheit; die Heiligkeit in der Gottheit hingegen wird zur Herrlichkeit erhoben. Daher ist heute die Heiligkeit unsere Herrlichkeit und die Gerechtigkeit unsere Schönheit. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertzweiunddreißig, S. 1462)

Die theologische Deutung führt zum befreienden Gedanken, dass Heiligkeit und Gerechtigkeit zusammen die vollere Gestalt des priesterlichen Dienstes zeigen: Christus trägt die verherrlichte Heiligkeit als unsere Ehre, und in der Gemeinschaft wird die Gerechtigkeit als Schönheit sichtbar. Doch zugleich mahnt die Typologie zur Wachsamkeit: Es gibt einen Bereich absoluten Heiligen, den Gott für sich behält und den Christus schützt. Diese Spannung zwischen göttlicher Exklusivität und menschlicher Schönheit macht deutlich, dass unser Streben nach Rechtfertigung und guter Lebensführung nicht Selbstzweck, sondern Ausdruck und Spiegel der verherrlichten Heiligkeit Gottes sein soll.

Indem wir die Bilder von Gold und Leinen zusammenlesend betrachten, sehen wir ein umfassendes Menschenbild: verherrlichte Heiligkeit als Berufung und gereinigte Rechtschaffenheit als Erscheinungsweise im Alltag. Das führt zu einer Ruhe, die nicht lax ist, und zu einer Schönheit, die nicht eigennützig auftritt, sondern aus der Verherrlichung Gottes schöpft.

Den Leibrock aber webe aus Byssus, gemustert, und mache einen Kopfbund aus Byssus! Dazu sollst du einen Gürtel in Buntwirkerarbeit anfertigen. (2. Mose 28:39)

Schließlich machten sie das (blumenförmige) Stirnblatt, das heilige Diadem, aus reinem Gold und schrieben darauf mit Siegelgravurschrift: Heiligkeit dem HERRN-! (2. Mose 39:30)

Wenn Heiligkeit zur Herrlichkeit und Gerechtigkeit zur Schönheit werden, öffnet sich vor uns die Vision eines Lebens, das Gott ehrt und Menschen anzieht. Möge diese Einsicht ermutigen: die Gemeinde darf herrlich sein, weil Christus die Heiligkeit trägt, und zugleich schön, weil Gottes Gerechtigkeit in uns sichtbar wird — ein Zeugnis, das andere anzieht und Gott verherrlicht.


Herr Jesus, danke, dass Du als unser Hoherpriester die Heiligkeit Gottes in uns behütest und zugleich Dein Leben in uns wirken lässt; Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 132