Der Vorhof der Stiftshütte (4)
Der Vorhof und sein Tor sind mehr als historische Einrichtung der Stiftshütte: sie zeigen bildhaft, wie Menschen in das Reich Gottes hineinkommen. Hinter dem scheinbar technischen Aufbau verbirgt sich eine geistliche Abfolge — erst Urteil, dann Rettung, schließlich die Bekleidung mit göttlicher Gerechtigkeit — die sowohl das persönliche Leben wie auch Ehe und Gemeindeleben prägt. Die Spannung liegt darin: Wie kann ein gefallener Mensch durch Gottes Gericht hindurch zu einem Zeugnis der göttlichen Gerechtigkeit werden?
Eintritt durch das Urteil Gottes
Das Tor des Vorhofs steht als erste Schranke zum Heiligtum und verkündet schon durch seine Stellung eine unbequeme Einsicht: der Zugang zu Gottes Bereich führt nicht an einem Menschenrecht vorbei, sondern durch das, was Gott über uns spricht. In der Betrachtung dieses Tores erkennen wir eine Ordnungslogik, die das Selbst entkleidet, indem sie es dem objektiven Urteil Gottes unterstellt; nicht um zu zerstören, sondern um die Wahrheit über uns ans Licht zu bringen. Es heißt es in Johannes 16:8: „Und wenn er gekommen ist, wird er die Welt überführen von Sünde und von Gerechtigkeit und von Gericht.“ Dieses Gericht wirkt wie ein Licht, das die verborgenen Zustände aufdeckt und so den Weg zur Umkehr und zur wahren Begegnung mit Gott freilegt.
Wie gelangen wir in das Reich, die Sphäre der Gerechtigkeit Gottes? Wir kommen in diese Sphäre nur, wenn wir durch das Tor des Gerichts Gottes hindurchschreiten, wo alles, was uns betrifft, gerichtet wird. Erst dann sind wir befähigt, die Gerechtigkeit Gottes als Seinen Ausdruck zu tragen. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertdreizehn, S. 1301)
Wenn das Urteil Gottes zuerst steht, offenbart sich zugleich unsere Unfähigkeit, uns selbst vor Gott zu rechtfertigen. Die Bibel macht deutlich, dass das Gesetz uns die Erkenntnis der Sünde bringt und somit die Rechtfertigungsillusion auflöst; Römer 3:20 bringt dies auf den Punkt: „Darum: aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden; denn durch Gesetz (kommt) Erkenntnis der Sünde.“ Die Folge ist kein lähmender Pessimismus, sondern eine reinigende Klarheit: wer die eigene Ohnmacht anerkennt, wird empfänglich dafür, in eine andere, göttliche Ordnung hineingestellt zu werden, in der nicht das Selbst, sondern Gottes Gerechtigkeit maßgebend ist.
Und wenn er gekommen ist, wird er die Welt überführen von Sünde und von Gerechtigkeit und von Gericht. (Johannes 16:8)
Darum: aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden; denn durch Gesetz (kommt) Erkenntnis der Sünde. (Römer 3:20)
Es ist tröstlich zu wissen, dass Gottes Urteil nicht das Ende, sondern der Anfang eines wahren Zugangs zu Ihm ist. Die Einsicht in die eigene Bedürftigkeit öffnet einen Raum, in dem Umkehr möglich und Gnade wirksam wird; wer dies annimmt, steht nicht verloren da, sondern auf dem Weg in die Gemeinschaft mit dem gerecht machenden Gott.
Gericht, Erlösung und die Bekleidung mit Gottes Gerechtigkeit
Die Stofflichkeit des Tores — seine Farben und Materialien — spricht in typologischer Sprache von einer inneren Abfolge: Bronze als das kräftige, schwere Metall, Silber als Überzug und Krönung, Leinen als das feine Gewebe der Bekleidung. Schon der Wortlaut in 2. Mose 27:16 beschreibt den Vorhang als aus Purpur, Karmesin und Byssus gearbeitet; das äußere Gestell und seine Beschläge aber sind aus Bronze. „Das Tor des Vorhofs aber soll einen Vorhang von zwanzig Ellen haben, aus violettem und rotem Purpur, Karmesinstoff und gezwirntem Byssus, in Buntwirkerarbeit, ihre vier Säulen und ihre vier Füße.“ Die Materialien treten nicht nur ästhetisch in Beziehung, sie erzählen theologisch eine Bewegung von Gericht über Befreiung hin zur sichtbaren Gerechtigkeit.
Die für Sockel und Säulen verwendete Bronze bildet das Grundmaterial. Die Kapitelle auf den Säulen waren mit Silber überzogen und bildeten eine Krone; das weist darauf hin, dass die Erlösung das Gericht Gottes krönt. Wir haben zudem betont, dass das Leinen die Gerechtigkeit Gottes verkörpert. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertdreizehn, S. 1303)
Gedeutet heißt das: Zuerst steht die gerichtliche Klärung (Bronze), die das Unreine entfernt und das Herz der Sache freilegt; darauf folgt die erlösende Wirkung (Silber), die das Gericht krönt, so dass Befreiung und Wert wiederhergestellt sind; schließlich die Bekleidung mit Gottes Gerechtigkeit (Leinen), die den Menschen sichtbar in ein neues Verhältnis zu Gott setzt. Diese Abfolge macht deutlich, dass Gottes Gerechtigkeit nicht ohne die Erfahrung seines Gerichts und ohne die wirksame Erlösung Christi verstanden werden kann. Aus der Erkenntnis der Sünde (Römer 3:20) wird so nicht nur Schuldbewusstsein, sondern die Möglichkeit, mit einer neuen Würde vor Gott zu treten.
Das Tor des Vorhofs aber soll einen Vorhang von zwanzig Ellen haben, aus violettem und rotem Purpur, Karmesinstoff und gezwirntem Byssus, in Buntwirkerarbeit, ihre vier Säulen und ihre vier Füße. (2. Mose 27:16)
Darum: aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden; denn durch Gesetz (kommt) Erkenntnis der Sünde. (Römer 3:20)
Die Bildsprache des Tores lädt dazu ein, Hoffnung zu atmen: hinter der Härte des Gerichts verbirgt sich eine Zuwendung, die krönt und bekleidet. Wer durch diese Reihenfolge hindurchgeht, begegnet nicht einem blossen Verbot, sondern einem Gott, der reinigt, erlöst und in seiner Gerechtigkeit neu anzieht.
Ein gehobenes Evangelium und die Praxis in Gemeinde und Ehe
Die Typologie des Tores fordert eine Art, das Evangelium zu sprechen und zu leben, die dem Ganzen der christlichen Botschaft Rechnung trägt: Gericht, Erlösung und Gerechtigkeit gehören zusammen und dürfen nicht entzweit werden. In der Verkündigung hat dies zur Folge, dass die dramatische Wirklichkeit des göttlichen Gerichts nicht verschwiegen wird, denn nur dort, wo die Sünde ins Licht kommt, kann die befreiende Kraft Christi wirksam werden. Johannes 16:8 konfrontiert uns mit diesem Anspruch: „Und wenn er gekommen ist, wird er die Welt überführen von Sünde und von Gerechtigkeit und von Gericht.“ Ein gehobenes Evangelium lässt das volle Gewicht dieser Wirklichkeit sichtbar werden, ohne die Hoffnung zu mindern.
Wenn wir vollständig unter das Gericht Gottes gekommen sind, wird Gottes Gerechtigkeit über uns offenbar werden. Das gilt sowohl für das Gemeindeleben als auch für das Eheleben. Sind ein Bruder und seine Frau bereit, sich Gottes Gericht zu unterstellen, wird Gottes Gerechtigkeit von selbst über sie kommen. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertdreizehn, S. 1303)
Konsequenzen für Gemeinde und Ehe zeigen sich konkret in Beziehungen, die nicht kosmetisch gekittet, sondern innerlich erneuert werden. Wenn Menschen bereit sind, die Reinigung des Gerichts zuzulassen — das heißt nicht Selbstverurteilung, sondern die ehrliche Bezeugung und Klärung vor Gott —, kann Erlösung zur verändernden Kraft werden und Gottes Gerechtigkeit in zwischenmenschlichen Räumen offenbar werden. So entstehen in Gemeinde und Ehe nicht nur harmonische Fassaden, sondern Lebenswirklichkeiten, die Zeugnis geben von dem, was Gottes Gnade in zerbrechlichen Situationen vollbringen kann.
Und wenn er gekommen ist, wird er die Welt überführen von Sünde und von Gerechtigkeit und von Gericht. (Johannes 16:8)
Darum: aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden; denn durch Gesetz (kommt) Erkenntnis der Sünde. (Römer 3:20)
Es ist ermutigend zu bedenken, dass ein tiefes, ganzheitliches Evangelium Beziehungsräume heilt und die Gerechtigkeit Gottes sichtbar macht. Die Einladung besteht nicht in einer einfachen Formel, sondern in der leisen Gewissheit, dass Gottes Gericht zur Quelle einer erneuerten Gemeinschaft und zu einem Leben führt, das Gottes Herrlichkeit widerspiegelt.
Herr, lehre uns Demut unter deinem prüfenden Blick, dass wir nicht uns selbst rechtfertigen, sondern in deiner Gnade gerettet und mit deiner Gerechtigkeit bekleidet werden; erfülle uns mit dem Mut, dein gehobenes Evangelium auszurichten, und schenke unserer Gemeinschaft deinen Frieden und deine Erneuerung. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 113