Das Wort des Lebens
lebensstudium

Der Leuchter (2)

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Das Bild des Leuchters in 2. Mose wirkt auf den ersten Blick technisch – Stängel, Äste, Nocken. Betrachtet man es genauer, tritt eine lebendige Gestalt hervor: ein goldener Baum, der blüht, Frucht bringt und Licht ausstrahlt. Wie können wir dieses Bild theologisch deuten, und welche Folgen hat es für unser persönliches Leben und für das Zeugnis der Gemeinde?

Der goldene Baum: göttliche Natur, Auferstehung und Leben

Der Leuchter erscheint in der Schrift nicht als bloßes Gerät, sondern als ein Bild, das die Person Christi in seiner ganzen Fülle ausdrückt: ein goldener, wachsender Baum. Das kostbare Gold deutet auf die göttliche Natur, die Unvergänglichkeit und die Heiligkeit dessen, der Licht bringt. In der Heiligen Schrift heißt es dazu, „Und du sollst einen Leuchter aus reinem Gold machen. In getriebener Arbeit soll der Leuchter gemacht werden“ (2. Mose 25:31), und an anderer Stelle wird das Wort selbst als göttliches Leben bezeugt: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Johannes 1:1). Aus diesen Bildern tritt hervor: Christus ist sowohl die göttliche Quelle als auch die lebendige Mitte, aus der Licht und Leben hervorgehen.

Die Auferstehung ist ein Leben, das den Tod überwindet, ohne von ihm beschädigt oder verletzt zu werden. Dem Auferstehungsleben kann der Tod nichts anhaben. Nur eine Lebensform bleibt dem Tod gegenüber unversehrt: das Auferstehungsleben. Nach der vollen Offenbarung der Schrift ist Gott selbst dieses Auferstehungsleben. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft dreiundneunzig, S. 1083)

Die Blütenform der Kelche — die Mandelblüten — ruft die Auferstehung ins Bewusstsein: Blühen ist nicht bloß Schmuck, sondern Kennzeichen eines Lebens, das dem Tod nicht mehr unterworfen ist. Die theologische Deutung lautet nicht nur, dass Christus auferstanden ist, sondern dass in ihm die Gestalt des Auferstandenen Wohnung genommen hat, sodass sein Leben zu einer Quelle wird, aus der Sein Licht in andere strömt. Wenn wir dies bedenken, erkennen wir, dass unser Leuchten nicht aus eigener Kraft entsteht, sondern aus dem hineinversetzten, auferstandenen Leben Christi; unser Leuchten ist Teilnahme und Fortsetzung des einen goldenen Baumes.

Und du sollst einen Leuchter aus reinem Gold machen. In getriebener Arbeit soll der Leuchter gemacht werden, sein Fußgestell und seine Schaftröhre. Seine Kelche, Knäufe und Blüten sollen aus (einem Stück mit) ihm sein. (2. Mose 25:31)

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. (Johannes 1:1)

Es ermutigt zu bedenken, dass das Licht, das in uns sichtbar wird, seine Quelle in der göttlichen Person Jesu hat. Diese Wahrheit lädt zur inneren Ruhe angesichts der eigenen Begrenztheit ein: Christliches Leuchten ist nicht zuerst ein Werk unserer Leistung, sondern das Hervorbringen des Auferstandenenlebens in uns. Möge die Gewissheit, dass Gott selbst das Auferstehungsleben ist, Trost geben und zugleich anspornen, täglich in der Gemeinschaft mit dem Leben Christi zu bleiben.

Das Menschliche im Leuchter: Stiel, Docht und das gewöhnliche Schnäuzen

Neben dem göttlichen Bild des Goldes treten im Leuchter auch unverkennbar menschliche Details hervor: der Stiel mit seinen Knäufen und besonders der Docht. Die handwerkliche Beschreibung erinnert daran, dass Christus die menschliche Natur annahm und in dieser Menschheit wirksam wurde. Zugleich spricht der Docht von Zerbrechlichkeit: er besteht aus Fasern, kann verkohlen und muss gepflegt werden. Die Schrift verzeichnet praxisnahe Geräte, die auf diese tägliche Sorge hinweisen; so heißt es konkret: „Auch ihre Dochtscheren und Feuerbecken (sollst) du aus reinem Gold (herstellen)“ (2. Mose 25:38). Das Bild hält uns ein realistisches Porträt menschlichen Lebens vor Augen — empfänglich für Ruß, aber zugleich in der Ölung befähigt zu brennen.

Der zweite Aspekt des Leuchters, der auf die Menschheit Christi hinweist, ist der Docht. Er bestand aus Fasern, vorwiegend aus Baumwolle. Wenn die Lampen am Leuchter angezündet wurden, brannte der Docht im Öl mit. Jeden Morgen mussten die Priester die Dochte kürzen, das heißt die verkohlten, verbrannten Enden abschneiden. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft dreiundneunzig, S. 1085)

Die theologische Deutung dieses Faktors führt in die Spannung zwischen Herrlichkeit und Bedingtheit: Christus vereinte göttliche Natur und menschliches Leben, und gerade in der Menschheit zeigt sich, wie Licht gepflegt werden muss, damit es nicht erstickt. Die Notwendigkeit der täglichen Reinigung ist keine Beschämung, sondern die Form, in der das göttliche Leben in einer gewordenen Menschheit fortbesteht. Daraus folgt pastoral, dass geistliches Leuchten nicht ohne Pflege des Gewissens, ohne fortwährende Offenheit vor Gott und ohne ehrliche Gemeinschaft gedeiht; der Docht lehrt, dass Zerbrechlichkeit nicht ausschließt, sondern Voraussetzung des echten Brennens ist.

Auch ihre Dochtscheren und Feuerbecken (sollst) du aus reinem Gold (herstellen). (2. Mose 25:38)

Dieses Bild tröstet: Es sieht unsere Menschlichkeit und erhebt sie zugleich zur Bühne göttlicher Wirksamkeit. Wenn der Docht verkohlt erscheint, ist das kein Zeichen des Versagens, sondern eine Einladung zur täglichen Zuwendung zum Herrn, die das Leuchten erneuert. So bleibt Raum für Hoffnung und Demut, weil Gott sein Licht gerade in verwundeter Menschlichkeit zum Leuchten bringt.

Vom einen Leuchter zur Gemeinde: Schichten des Lichts und gemeinsames Leuchten

Die Offenbarung nimmt das einzelne Leuchterbild und vervielfältigt es zur Gemeinde: der eine Leuchter wird zu sieben. Damit wird angezeigt, dass das eine Leben Christi in vielfacher Gemeinschaft sichtbar wird. Im Buch der Offenbarung heißt es dazu: „Das Geheimnis der sieben Sterne, die du auf Meiner rechten Hand gesehen hast, und der sieben goldenen Leuchter: Die sieben Sterne sind die Boten der sieben Gemeinden, und die sieben Leuchter sind die sieben Gemeinden“ (Offenbarung 1:20). Diese Vermehrung macht deutlich, dass die eine Wirklichkeit Christi nicht vereinzelnd, sondern gemeinschaftlich offenbar wird — in Stätten, in denen das Licht zusammenkommt und einander ergänzt.

Abschließend begegnet uns in der Offenbarung der Leuchter in vervielfältigter Form. In 2. Mose 25 und in Sacharja 4 steht jeweils nur ein Leuchter, in Offenbarung 1 jedoch sind es sieben. Der eine Leuchter ist vervielfältigt worden und erscheint nun als sieben Leuchter. Diese sieben Leuchter sind die Gemeinde. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft dreiundneunzig, S. 1084)

Zugleich kennt das biblische Heiligtum Abstufungen des Lichts: von dem äußeren Vorhof über das Innere des Heiligen bis zum Allerheiligsten. Sacharja zeichnet das Bild eines goldenen Leuchters mit Ölgefäß und sieben Lampen und weist damit auf die lebendige Versorgung hin: „Und er sprach zu mir: Was siehst du? Und ich sagte: Ich sehe: und siehe, ein Leuchter ganz aus Gold und sein Ölgefäß oben auf ihm und seine sieben Lampen auf ihm“ (Sacharja 4:2). Die unterschiedlichen Lichtebenen offenbaren, dass Gemeinschaft verschiedene Grade der Gemeinschaft mit Gott kennt und dass das gemeinsame Leuchten Wirkung auf die Umwelt hat — Reinigung, Erkenntnis und ermutigendes Leuchten für die Welt.

Das Geheimnis der sieben Sterne, die du auf Meiner rechten Hand gesehen hast, und der sieben goldenen Leuchter: Die sieben Sterne sind die Boten der sieben Gemeinden, und die sieben Leuchter sind die sieben Gemeinden. (Offenbarung 1:20)

Und er sprach zu mir: Was siehst du? Und ich sagte: Ich sehe: und siehe, ein Leuchter ganz aus Gold und sein Ölgefäß oben auf ihm und seine sieben Lampen auf ihm, je sieben Gießröhren für die Lampen, die oben auf ihm sind; (Sacharja 4:2)

Das Bild der vervielfältigten Leuchter lädt dazu ein, das eigene Leuchten nicht isoliert zu sehen, sondern als Teil eines größeren Leuchtens. Es ermutigt, die Vielfalt von Erfahrungen und Tiefen in der Gemeinde als unterschiedliche Ausprägungen des einen Lebens zu werten. Wer dies annimmt, kann mit neuer Zuversicht erkennen: Gottes Leben breitet sich aus, schichtet sich und erhellt die Welt, oft gerade durch die Gemeinschaften, in denen das Licht einander ergänzt und trägt.


Herr Jesus, wir danken Dir als dem goldenen Baum, der Leben und Licht schenkt. Bewahre uns in Deiner Auferstehungskraft, trimm das, was verkohlt ist, und lass Dein Licht in uns und durch die Gemeinde hell aufstrahlen; in Deinem Namen, Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 93