Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die Lade des Zeugnisses (3)

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Die Bundeslade stand im Mittelpunkt der Stiftshütte – doch nicht das Holz oder die Maße machen sie zum Ort der Begegnung, sondern der goldene Deckel mit den Cherubim. Vor dieser Szenerie stellt sich die drängende Frage: Wie können sündige Menschen überhaupt in die Gegenwart eines heiligen Gottes treten? Die Beschreibung des Deckels in 2. Mose fordert uns heraus, die Typologie nicht als bloße Antiquität, sondern als lebendige Offenbarung dessen zu sehen, was Christus für unser Verhältnis zu Gott geworden ist.

Christus als Sühnedeckel: Opfer und Ort der Begegnung

Paulus’ Wort vom hilastērion öffnet ein Bild, das zwei Ebenen zugleich verbindet: das stellvertretende Sühnopfer und die Stätte, an der Gott mit den Seinigen verkehrt. In der Sprache des Neuen Testaments ist Christus nicht nur der, der für unsere Schuld bezahlt hat, sondern er ist zu einer Begegnungsfläche geworden, an der die Heiligkeit Gottes und die verwandelte Gemeinschaft der Erlösten zusammenkommen. So wird die theologische Kategorie der Sühnung lebendig; sie ist nicht bloß eine juristische Rechnung, sondern ein Raum der persönlichen Zuwendung zwischen Gott und Menschen.

In Römer 3:25 schreibt Paulus, dass Christus unsere Sühnung ist. Gott hat Christus als unser hilastērion (gr. hilastērion) hingestellt. Als hilastērion schafft Christus für uns vor Gott die Sühnung; er ist das Sühneopfer und zugleich die Sühnestätte, an der Gott mit seinen Erlösten zusammenkommt und mit ihnen spricht. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft sechsundachtzig, S. 1008)

Das Alte Testament und die neutestamentliche Auslegung treffen sich hier. Es heißt es in Hebräer 2:17: „Darum musste Er in allen Dingen Seinen Brüdern gleich gemacht werden, damit Er zu einem barmherzigen und treuen Hohen Priester würde … um für die Sünden des Volkes Sühnung zu schaffen.“ Ebenso heißt es in 1. Johannes 2:2: „Und Er Selbst ist die Sühnung für unsere Sünden, und nicht nur für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.“ Diese Texte stützen die Deutung: Christus erfüllt als Mensch das Opfer, als Hoher Priester aber tritt er auch ein in die göttliche Gegenwart — er ist die versöhnende Mitte, an der Gott zu Seinen Erlösten redet und mit ihnen Gemeinschaft pflegt.

Aus dieser dichten Verbindung von Opfer und Ort folgt eine neue Sicht auf unsere Gemeinschaft mit Gott. Die Begegnung ist nicht mehr ein abstraktes Für-wahr-gehalten-Werden, sondern ein existentielles Zusammenkommen: durch das vergossene Blut ist die Forderung des Gesetzes behandelt, und durch Christi personhafte Gegenwart wird die Versöhnung zu einer Beziehung. Damit bleibt Gottes Gerechtigkeit unangefochten und zugleich öffnet sich ein Raum der Barmherzigkeit, in dem das wandelnde Leben der Erlösten sich entfalten kann.

Darum musste Er in allen Dingen Seinen Brüdern gleich gemacht werden, damit Er zu einem barmherzigen und treuen Hohen Priester würde in Bezug auf die Dinge, die Gott betreffen, um für die Sünden des Volkes Sühnung zu schaffen. (Hebr. 2:17)

Und Er Selbst ist die Sühnung für unsere Sünden, und nicht nur für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt. (1.Joh. 2:2)

Es ist tröstlich und erhebend zugleich zu ahnen, dass unser Zugang zu Gott nicht von unserer Leistung abhängt, sondern von dem, der die Sühnung ist und der zugleich der Ort unserer Begegnung geworden ist. In diesem Geheimnis liegt die Einladung, unser Verhältnis zu Gott als bereits gestiftete Gemeinschaft zu leben — nicht perfekt, aber auf Grund der vollbrachten Erlösung getragen. Möge dieses Bewusstsein die Scheu vor der Heiligkeit Gottes nicht verringern, wohl aber die Gewissheit stärken, dass wir in Christus zu Ihm kommen dürfen.

Die lebendige Herrlichkeit: Cherubim, Gold und das sichtbare Strahlen

Die Gestalt des Sühnedeckels mit seinen Cherubim und dem reinen Gold spricht in Bild und Material. In 2. Mose 25 heißt es von den Cherubim: „Und die Cherubim sollen die Flügel nach oben ausbreiten, die Deckplatte mit ihren Flügeln überdeckend, während ihre Gesichter einander zugewandt sind.“ Diese räumliche Anordnung deutet nicht nur auf Schutz, sondern auf eine lebendige Ausrichtung: die Herrlichkeit Gottes schaut hin, breitet sich aus und überschattet den Ort, an dem Gott sich zu erkennen gibt.

Die Cherubim auf dem Sühndeckel zeigen, dass Christus die Herrlichkeit Gottes zum Ausdruck bringt, die von Ihm ausgeht. Sie waren aus Gold gearbeitet – ein Zeichen für Christi göttliche Natur – und als getriebenes Werk gestaltet, was auf Christi Leiden hinweist. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft sechsundachtzig, S. 1010)

Das Gold als Material verweist auf die göttliche Natur Christi, während die getriebene Arbeit an den Cherubim an Leiden und Hingabe erinnert. Die Kombination von glänzender Kostbarkeit und geformter, geschlagener Arbeit verweist darauf, wie die göttliche Herrlichkeit sich im Menschsein Christi offenbart — strahlend und doch durch Leiden geprägt. In dieser Gegenwart ist Gottes Herrlichkeit kein fernes Licht, das blendet, sondern eine lebendige, sehende und schützende Präsenz, die mit dem schwachen Leben der Erlösten in Beziehung tritt.

Wenn Gott in Christus zu Seinem Volk spricht, dann geschieht dies in einer Herrlichkeit, die sowohl verheißend als auch personal ist. Die Cherubim stehen über dem Deckel und machen sichtbar, dass Gottes Gegenwart nicht abstrakt ist, sondern konkrete Zuwendung: Sehen, Überschatten, Bewahren. Dieses Bild lässt uns staunen über die Weise, wie Majestät und Nähe in der Person Christi zusammenfallen.

Und die Cherubim sollen die Flügel nach oben ausbreiten, die Deckplatte mit ihren Flügeln überdeckend, während ihre Gesichter einander zugewandt sind. Der Deckplatte sollen die Gesichter der Cherubim zu(gewandt) sein. (2.Mose 25:20)

oben über ihr aber die Cherubim der Herrlichkeit, die den Versöhnungsdeckel überschatteten, von welchen Dingen jetzt nicht im einzelnen zu reden ist. (Hebr. 9:5)

In dem Blick auf Cherubim und Gold begegnet uns eine Gottesart, die majestätisch und zugleich mitfühlend ist. Solch ein Bild nährt Mut und Staunen: Mut, weil Gottes Größe uns nicht verzehrt, sondern über uns wacht; Staunen, weil sein Glanz sich in das menschliche Leiden hineinträgt. Möge dieses Bild unseren Blick weiten für die subtile Weise, wie Gott in Herrlichkeit zu uns kommt.

Blut und Gemeinschaft: Wie Zutritt möglich wird

Die rituelle Handlung am Versöhnungstag führt das theologische Geschehen zusammen: Blut wird auf den Deckel gesprengt, und dadurch wird die Forderung des Gesetzes sichtbar bedeckt. In 3. Mose 16 heißt es: „Und er nehme (etwas) von dem Blut des Jungstiers und sprenge (es) mit seinem Finger auf die Vorderseite der Deckplatte nach Osten zu, und vor die Deckplatte soll er siebenmal (etwas) von dem Blut mit seinem Finger sprengen.“ Ebenso wird das Blut des Sündopfers auf die Deckplatte gebracht. Die Zahl und das wiederholte Besprengen machen die Vollständigkeit des Geschehens deutlich.

Das zur Sühne auf dem Altar vergossene Blut wurde in das Allerheiligste gebracht und auf den Deckel der Bundeslade, den Gnadenstuhl, besprengt. Tatsächlich wurde der Deckel siebenmal mit dem Blut besprengt, was die Vollständigkeit symbolisierte. Durch die Besprengung färbte sich der goldene Deckel rot. So ermöglichte das auf den Gnadenstuhl besprengte Blut den Sündern Gemeinschaft mit dem gerechten Gott. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft sechsundachtzig, S. 1015)

Typologisch weist dieses Ritual auf die einmalige, alles umfassende Erlösung durch Christus hin: Sein vergossenes Blut ist kein partieller Reinigungsakt, sondern erfüllt das, was das Gesetz fordert, so dass die Gemeinschaft mit Gott möglich wird. Dass das goldene Antlitz des Deckels durch das Blut zeitweilig „rot“ wird, erzählt auf eindrückliche Weise vom Zusammenfluss von göttlicher Herrlichkeit und menschlichem Opfer. Diese Spannung — Menschlichkeit, die opfert; Gottheit, die empfängt — ist das Zentrum unseres Zugangs zu Gottes Gegenwart.

Die praktische Folgerung dieses Bildes ist tief: Der Zutritt in die Gegenwart Gottes ruht nicht auf einer verbesserten moralischen Bilanz, sondern auf dem geoffenbarten Erlösungswerk. Zugleich bleibt Gottes Heiligkeit unvermindert; die Versöhnung macht möglich, was zuvor ausgeschlossen war. In der Mitte dieses Geschehens wird Gemeinschaft möglich — eine Gemeinschaft, die getragen ist vom Blut und geformt durch die gegenwärtige Herrlichkeit Christi.

Und er nehme (etwas) von dem Blut des Jungstiers und sprenge (es) mit seinem Finger auf die Vorderseite der Deckplatte nach Osten zu, und vor die Deckplatte soll er siebenmal (etwas) von dem Blut mit seinem Finger sprengen. (3.Mose 16:14)

Und er schlachte den Ziegenbock des Sündopfers, der für das Volk ist, und bringe sein Blut (in den Raum) innerhalb des Vorhangs und tue mit seinem Blut ebenso, wie er mit dem Blut des Jungstiers getan hat, und sprenge es auf die Deckplatte und vor die Deckplatte. (3.Mose 16:15)

Das Ritual des Besprengens offenbart eine Wahrheit, die unsere Unsicherheit in Gottesnähe lindern kann: Zugang entsteht nicht durch eigene Vollkommenheit, sondern durch das vollbrachte Werk und die bleibende Gegenwart des Herrn. Dieser Gedanke lädt zu einer ruhigen Zuversicht ein — nicht selbstgerecht, sondern dankbar — und eröffnet den Raum, in dem Gemeinschaft mit Gott möglich wird. Möge diese Gewissheit Herzen stärken, die nach Nähe sehnen, und dem Glauben eine feste Grundlage geben.


Herr, führe mich im Licht deines Wortes und gib mir Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im täglichen Leben zu erfahren.

Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 86