Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die Lade des Zeugnisses (1)

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Das Alte Testament schildert eine schlichte Holztruhe, die dennoch im innersten Heiligtum den Mittelpunkt der Stiftshütte bildete. Warum bewahrt Gott sein Zeugnis in einer Lade, und was sagt das über sein Wesen, über Christus und über die Kirche aus? Schon 1. Mose 1 legt die Schöpfung dar, aber nicht Gottes Charakter; das Gesetz wurde gegeben, damit Gottes Beschaffenheit sichtbar wird. Die Lade des Zeugnisses ist daher ein biblisches Bild, das uns hineinführt in Gottes Absicht: ein Zeugnis, ein Wohnort und ein Mittel, durch das sein Leben in die Welt hineinwirkt.

Die Lade als Verkörperung von Gottes Zeugnis

Die Lade des Zeugnisses ist mehr als ein Behälter für Gesetzestafeln; sie ist ein visuelles Zeichen dafür, dass Gottes wahrer Charakter nicht bloß in Vorschriften steht, sondern in einem greifbaren Zeugnis verkörpert werden will. In der Erzählung wird das »Zeugnis« in die Lade gelegt, und 2. Mose 40:20 heißt es: „Dann nahm er das Zeugnis und legte es in die Lade, brachte die Stangen an der Lade an und legte die Deckplatte oben auf die Lade.“ Diese szenische Platzierung macht deutlich: Gottes Wort und Sein sind so verwahrt und zugleich so dargeboten, dass Menschen ihnen gegenübertreten können. Die Lade nimmt das Gesetz als äußere Beschreibung auf, doch zugleich weist sie über sich hinaus auf etwas Persönliches, das hinter den Worten steht.

Im Buch 2. Mose bezeichnet das Zeugnis das Gesetz. Gott betrachtete das durch Mose auf dem Berg Sinai gegebene Gesetz als Sein Zeugnis. Das Gesetz wurde gegeben, damit wir ein Abbild, eine Beschreibung Gottes haben und dadurch verstehen, was Er ist. Als Zeugnis Gottes ist das Gesetz ein Typus Christi. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft vierundachtzig, S. 983)

Wenn das Gesetz in der Lade ein Abbild Gottes ist, dann offenbart sich hinter diesem Abbild die Person Christi als das lebendige Zeugnis. Die Schrift macht die Verbindung von Offenbarung und Person deutlich: nicht nur Regeln, sondern eine Offenbarung in Fleisch und Leben. 1. Timotheus 3:16 heißt es darum treffend als Zusammenfassung des Geheimnisses: „Und anerkanntlich groß ist das Geheimnis der Gottseligkeit: Er, der offenbart worden ist im Fleisch…“ Christus ist das, worauf das Zeugnis hinzeigt – nicht ein abstraktes Ideal, sondern die erfüllte Wirklichkeit. Daraus folgt praktisch, dass der Umgang mit Gottes Wort nicht bei moralischer Anpassung stehen bleiben darf; das Gesetz führt uns zur Person, durch die das Gesetz Leben und Sinn gewinnt.

Dann nahm er das Zeugnis und legte es in die Lade, brachte die Stangen an der Lade an und legte die Deckplatte oben auf die Lade. (2. Mose 40:20)

Und anerkanntermaßen groß ist das Geheimnis der göttlichen Lebensweise: Er, der offenbar gemacht wurde im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, gesehen von den Engeln, gepredigt unter den Nationen, geglaubt in der Welt, aufgenommen in Herrlichkeit. (1. Timotheus 3:16)

Die Lade lädt uns ein, das Gesetz nicht als abschreckende Norm zu sehen, sondern als Wegweiser zu einer Person. In der Begegnung mit Christus wird das Zeugnis lebendig; dort, wo das Wort zur Person führt, hat Gottes Anspruch den Raum, sich in Gnade und Wahrheit zu erfüllen. Möge dies die Erwartung nähren, dass Schriftstudium immer auf die lebendige Gegenwart Gottes ausgerichtet bleibt und uns in eine tiefere Begegnung mit Christus hineinführt.

Die Lade als Zentrum der Wohnstätte Gottes

Die Lage der Lade im Allerheiligsten sagt etwas Entscheidendes über den Mittelpunkt der Wohnstätte Gottes aus. In der Beschreibung der Stiftshütte gilt das Innerste als ihr Zentrum; 2. Mose 38:21 nennt die Wohnung des Zeugnisses ausdrücklich als Gegenstand der Rechnung, und so tritt die Lade im innersten Raum als Herzstück hervor. Wenn der innerste Raum das Zentrum ist, dann bestimmt das, was dort wohnt, die Qualität und den Sinn des ganzen Zeltes. Die Lade symbolisiert damit nicht nur etwas Heiliges, sondern das zentrale Heiligtum, in dessen Mitte Gottes Gegenwart wohnt und von dem aus die Stiftshütte als gemeinsame Wohnstätte verstanden wird.

Wenn wir eine Darstellung der Stiftshütte ansehen, mag man sich fragen, wie die Lade des Zeugnisses das Zentrum der Stiftshütte des Zeugnisses (2.Mose 38:21) sein kann. In der Bibel gilt jedoch oft das Innerste eines Raumes als dessen Mittelpunkt. So betrachten wir zum Beispiel unser Herz – obwohl es nicht genau in der Mitte unseres Körpers sitzt – trotzdem als dessen Zentrum. Ebenso ist das Allerheiligste, weil es das Innerste der Stiftshütte bildet, als deren Mittelpunkt anzusehen. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft vierundachtzig, S. 986)

Im Neuen Bund wird diese räumliche Wahrheit in geistlicher Weise auf die Gemeinde übertragen. Epheser 2:21–22 spricht von einem zusammengefügten Bau, in dem die Gläubigen zu einer Wohnstätte Gottes im Geist werden: „in welchem der ganze Bau, zusammengefügt, zu einem heiligen Tempel im Herrn wächst, in dem auch ihr miteinander aufgebaut werdet zu einer Wohnstätte Gottes im Geist.“ Wenn Christus der Inhalt der Lade ist, dann ist er zugleich das Zentrum dessen, was Gemeinde heißt. Gemeinde verliert ihre wahre Gestalt, sobald Christus aus dem Mittelpunkt verschwindet; dann bleibt nur noch Organisation oder Form, nicht aber die lebendige Wohnstätte, in der Gottes Gegenwart wohnen und durch die Leben fließen kann.

Dies ist die Kostenberechnung für die Wohnung, die Wohnung des Zeugnisses, die auf Moses Befehl als Dienst der Leviten unter der Leitung Itamars, des Sohnes des Priesters Aaron, vorgenommen wurde (2. Mose 38:21)

in welchem der ganze Bau, zusammengefügt, zu einem heiligen Tempel im Herrn wächst, in dem auch ihr miteinander aufgebaut werdet zu einer Wohnstätte Gottes im Geist. (Epheser 2:21-22)

Die Vorstellung von Christus als Zentrum erinnert daran, dass Gemeindeleben immer Raum für Gottes Gegenwart schaffen und erhalten muss. Wo der Inhalt fehlt, bleibt das Werk kraftlos; wo Christus im Mittelpunkt steht, wird Gemeinschaft zum Ort der göttlichen Gegenwart und des Lebensstroms. Möge diese Gewissheit dazu befähigen, Gemeinschaft nicht als Selbstzweck, sondern als heilige Wohnstätte zu bewahren, in der Gottes Leben offenbar wird.

Akazienholz und reines Gold: Menschheit und Gottheit verbunden

Die Materialien der Lade sind theologisch sprechend vieldeutig: Akazienholz und reines Gold stehen nebeneinander und bilden ein Bild der Verbindung von Menschheit und Gottheit. In 2. Mose 25:10 heißt es konkret zu der Herstellung der Lade: „SO sollen sie nun eine Lade aus Akazienholz machen: zweieinhalb Ellen sei ihre Länge, anderthalb Ellen ihre Breite und anderthalb Ellen ihre Höhe.“ Und unmittelbar folgt in 2. Mose 25:11 die Zusicherung des goldenen Überzugs: „Die sollst du mit reinem Gold überziehen.“ Das Holz ist das tragende Substrat, das Gold der glänzende Ausdruck; beides zusammen macht sichtbar, wie Gott durch ein menschliches Gefäß offenbar wird.

In 2. Mose 25:10 heißt es: „SO sollen sie nun eine Lade aus Akazienholz machen: zweieinhalb Ellen sei ihre Länge, anderthalb Ellen ihre Breite und anderthalb Ellen ihre Höhe.“ Die Lade war nicht aus Gold, sondern aus Akazienholz gefertigt. Dieses Holz symbolisiert die Menschheit Christi — eine Menschheit mit festem Charakter und hohen Ansprüchen. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft vierundachtzig, S. 988)

Dieses Bild trifft das christologische Geheimnis: Christus ist wahrer Mensch und wahrer Gott, die eine Person, die bothen Realitäten in sich trägt, ohne sie zu verwischen. 1. Timotheus 3:16 stellt das Geheimnis der Gottseligkeit in den Rahmen der Menschwerdung: das Offenbarwerden im Fleisch verbindet die göttliche Herrlichkeit mit menschlicher Wirklichkeit. Für das Leben der Gemeinde bedeutet das, dass das göttliche Leben nicht über der menschlichen Erfahrung schwebt, sondern durch echte Menschlichkeit hindurch fließt — demütig, verletzlich, doch erfüllt und überstrahlt von der Herrlichkeit Gottes. Auf diese Weise wird das Heilige berührbar und weitergebbar, nicht als theologische Abstraktion, sondern als gelebtes, durchströmtes Sein.

So wie die Lade innen und außen überzogenes Holz ist, so bleibt das Geheimnis Gottes im Menschen sichtbar: die Menschheit als Form, die Gottheit als Inhalt. Dieses Verhältnis verbietet sowohl Verabsolutierung bloßer Menschlichkeit als auch Missdeutung der Gottheit als rein Unnahbares; es ruft vielmehr zu einer Nachfolge, in der Demut und Herrlichkeit, Schwachheit und Kraft zusammenwirken.

SO sollen sie nun eine Lade aus Akazienholz machen: zweieinhalb Ellen sei ihre Länge, anderthalb Ellen ihre Breite und anderthalb Ellen ihre Höhe. (2. Mose 25:10)

Die sollst du mit reinem Gold überziehen (2. Mose 25:11)

Die Kombination von Akazienholz und Gold ermutigt zu einer Lebensweise, in der menschliche Einfachheit und göttliche Herrlichkeit einander nicht ausschließen, sondern einander bezeugen. Wenn Gott durch wahrhaftes Menschsein offenbar wird, gewinnt unser Alltag die Würde, Träger göttlichen Lebens zu sein. Möge diese Wahrheit dazu anregen, die eigene Menschlichkeit nicht zu verbergen, sondern als Ort zu sehen, an dem Gottes Leben leuchten und weitergegeben werden kann.


Herr Jesus, du bist das lebendige Zeugnis und die Wohnstätte Gottes; erfüllt uns mit deiner Gegenwart, bewahre uns in deiner Demut und Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 84