Das Wort des Lebens
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Die Vision Gottes in einem durchsichtigen und klaren Himmel und das Verweilen bei Gott unter Seiner Herrlichkeit

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Vor Sinai herrschte Finsternis und Bedrohung; plötzlich öffnet sich in Exodus 24 der Himmel wie ein klarer, durchsichtiger Raum, in dem die Auserwählten einen Blick auf Gottes Gegenwart empfangen. Diese Szene wirft die Frage auf, wozu die Erlösung letztlich dient: Nicht bloß zur Rettung Einzelner, sondern dazu, dass Gott bei seinem Volk wohnt. Wer diese Schwelle nicht betritt, verpasst die Vision der Stiftshütte und kann die Intention Gottes für Gemeinde und Einzelne kaum erfassen.

Die Vision Gottes im klaren Himmel: Sehen statt nur Fürchten

Die Szene in 2. Mose 24 führt uns von der einschüchternden Wolke zur durchsichtigen Klarheit: ein Bild, das eher zum Schauen einlädt als zum bloßen Erzittern. So heißt es in 2. Mose 24:10–11: „und sie sahen den Gott Israels; und unter seinen Füßen war etwas wie ein gepflastertes Werk aus durchsichtigem Saphir, und wie der Leib des Himmels in seiner Klarheit. Gegen die Edlen der Söhne Israel aber streckte er seine Hand nicht aus, sondern sie schauten Gott und aßen und tranken.“ Diese überraschende Kombination von Anschauen und Essen zeigt, dass Gottes Nähe hier nicht nur Furcht hervorruft, sondern eine genussvolle, leibliche Gemeinschaft ermöglicht; das Volk erlebt Gottes Herrlichkeit als etwas Anschauliches, das den ganzen Menschen einbezieht.

In 2. Mose 24:9–10 heißt es: „DA stiegen Mose und Aaron, Nadab und Abihu und siebzig von den Ältesten Israels hinauf, und sie sahen den Gott Israels; und unter seinen Füßen war etwas wie ein gepflastertes Werk aus durchsichtigem Saphir, und wie der Leib des Himmels in seiner Klarheit.“ Vers 11 heißt weiter: „Sie sahen Gott an und aßen und tranken.“ (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft achtzig, S. 937)

Aus dieser Beobachtung erwächst die Deutung, dass Gottes Ziel in der Begegnung oft ein gütiges Offenbaren ist, das Menschen verwandelt, weil sie ihn schauen dürfen. Dass Johannes vom Wort sagt, es habe sich „stiftshüttet unter uns“ und wir hätten „Seine Herrlichkeit angeschaut“ (Johannes 1:14), bestätigt, dass Gottes Offenbarung die menschliche Existenz nicht entfernt, sondern erfüllt. Die Konsequenz für unser Zusammenleben liegt darin, dass echte Anbetung nicht primär eine richtige Haltung der Furcht, sondern ein sehender, innerlich genährter Bezug zu Gott ist: wer Gott sieht, wird in seiner Mitte gehalten und von ihm gespeist.

und sie sahen den Gott Israels; und unter seinen Füßen war etwas wie ein gepflastertes Werk aus durchsichtigem Saphir, und wie der Leib des Himmels in seiner Klarheit. Gegen die Edlen der Söhne Israel aber streckte er seine Hand nicht aus, sondern sie schauten Gott und aßen und tranken. (2. Mose 24:10–11)

Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns (und wir haben Seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als des Einziggeborenen vom Vater), voller Gnade und Wirklichkeit. (Johannes 1:14)

Diese Szene lädt zur Hoffnung ein: Gott sucht nicht nur Distanz, sondern Blickkontakt. Er erscheint so, dass Menschen Anteil bekommen an seinem Wesen — nicht indem sie perfekte Kenntnisse erwerben, sondern indem sie in seiner Gegenwart verweilen und von ihm genährt werden. Möge das Bild des klaren Himmels uns ermutigen, das Staunen zu beherbergen und im Anschauen Gottes zu reifen.

Die Stiftshütte als Ziel der Erlösung: Gott will wohnen

In der Erzählung geht es nicht allein um Befreiung aus äußerer Not, sondern um die Einsetzung eines Ortes, an dem Gott wohnen will — die Stiftshütte als Ziel des Heils. Aus der Perspektive des Erzählers erscheint die Erlösung als Weg, auf dem Gott sein Reich unter Menschen bereitet; so wird Rettung nicht verstanden als bloßes Entkommen, sondern als Heimführung in Gottes Wohnstätte. Wie im Bericht über die Stiftshütte angedeutet, ist das Ziel der Rettung, dass Gott inmitten seines Volkes wohnt und die Erlösten zu einer Lebensgemeinschaft formt, die von seiner Gegenwart geprägt ist.

Viele Christen haben das Buch 2. Mose gelesen, ohne davon tief ergriffen zu sein, dass das Ziel von Gottes Erlösung darin liegt, Seine Erlösten auf der Erde in Seine Wohnstätte zu bringen. Gottes Ziel in Seiner Erlösung ist es, uns zu Seiner Wohnstätte zu machen. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft achtzig, S. 935)

Dieses Bild erhält eine klare biblische Entsprechung, wenn Johannes sagt, das Wort habe sich unter uns ‚stiftshüttet‘ und habe seine Herrlichkeit gezeigt (Johannes 1:14). Die Stiftshütte ist Typus, der auf Christus hinweist: Gott selbst wird zur Wohnung; die Grenze zwischen Himmel und Erde beginnt zu schwinden. Daraus folgt, dass die Form der Erlösung Maß nimmt an der Qualität gemeinsamer Gegenwart mit Gott — nicht an bloßer Gesetzeserfüllung. Wer die Erlösung ausschließlich als Freiheit von Bedrängnis fasst, übersieht die weite Absicht Gottes, sein Volk zu einer Wohnstätte seiner Gegenwart zu machen.

Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns (und wir haben Seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als des Einziggeborenen vom Vater), voller Gnade und Wirklichkeit. (Johannes 1:14)

Und der HERR sprach zu Mose: Steig zu mir herauf auf den Berg und sei dort, damit ich dir die steinernen Tafeln, das Gesetz und das Gebot gebe, das ich geschrieben habe, um sie zu unterweisen! (2. Mose 24:12)

Der Gedanke, Christus als die erfüllte Stiftshütte zu sehen, öffnet das Leben für eine neue Sehnsucht: nicht nur nach Rettung, sondern nach bleibender Gemeinschaft. Diese Perspektive tröstet und fordert zugleich, weil sie den ganzen Alltag zur möglichen Bühne der Gegenwart Gottes macht. Möge die Gewissheit, dass Gott unter uns wohnen will, unser Leben leise verwandeln und uns ermutigen, sein Verweilen zu erwarten.

Grade der Gemeinschaft: Vorhof, Heiliges, Allerheiligstes

Die Struktur der Stiftshütte liefert ein sinnvolles Raster, um die Unterschiede innerer Gemeinschaft mit Gott zu beschreiben: Vorhof, Heiliges und Allerheiligstes stehen stellvertretend für verschiedene Weiten der Begegnung. In 2. Mose 24 heißt es ausdrücklich, dass Mose, Aaron und die siebzig Ältesten hinaufstiegen, während das Volk von ferne stehen blieb; „Mose allein soll zum HERRN herantreten, sie aber dürfen nicht herantreten“ (2. Mose 24:1–2). Dieses abgestufte Aufsteigen ist beobachtbar und kein willkürliches Privilegieren, sondern ein Ausdruck unterschiedlicher Berufungen und Aufgaben innerhalb der Gemeinschaft.

Was den Grad der Entfernung vom Herrn betrifft, lässt sich dieser Unterschied an der Stiftshütte veranschaulichen, die aus dem äußeren Vorhof, dem Heiliges und dem Allerheiligstes besteht. Die Menschen am Fuß des Berges standen im äußeren Vorhof rund um den Altar. Die siebzig Ältesten – zusammen mit Aaron, Nadab, Abihu und Hur – befanden sich auf dem Berg im Bereich des Heiliges. Mose hingegen war auf dem Gipfel des Berges im Bereich des Allerheiligstes, wo die Schekinah-Glorie wohnte. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft achtzig, S. 943)

Die Deutung dieser Abstufung darf nicht in eine Konkurrenz münden; vielmehr zeigt sie, dass die Gabe der Gemeinschaft vielfältig ist. Manche werden länger an der Pforte verweilen und dort die Gemeinde nähren, andere erhalten eine unmittelbare Vision zur Leitung; keineswegs ist Nähe allein ein Maß für Persönlichkeitsstärke, sondern für Dienst und Verantwortung. Praktisch bedeutet das, dass kirchliches Leben Reife verlangt, die die Verschiedenheit nicht nivelliert, sondern die Rollen so ordnet, dass Gott in seiner Einheit durch die verschiedenen Gaben wohnen kann.

Und (der HERR) sprach zu Mose: Steig zum HERRN herauf, du und Aaron, Nadab und Abihu und siebzig von den Ältesten Israels, und betet an von ferne! Aber Mose allein soll zum HERRN herantreten, sie aber dürfen nicht herantreten, und das Volk soll nicht mit ihm heraufsteigen. (2. Mose 24:1–2)

Mose jedoch ging mitten in die Wolke hinein und stieg auf den Berg; und Mose war vierzig Tage und vierzig Nächte auf dem Berg. (2. Mose 24:18)

Die Dreiteilung erinnert daran, dass Gottes Gegenwart in Mannigfaltigkeit wohnt. Unterschiedliche Orte der Gemeinschaft sind kein Makel, sondern Teil der göttlichen Ordnung, die Vielfalt zur Einheit formt. Möge diese Einsicht Zuversicht schenken: jede Stufe im Umgang mit Gott kann Frucht tragen, weil sie Teil des Raumes ist, in dem seine Herrlichkeit wohnt.


Herr, öffne unsere Augen für die Schönheit deiner Gegenwart; lass uns dich unter einem klaren Himmel sehen und in deiner Herrlichkeit verweilen, damit dein Wunsch, bei Menschen zu wohnen, in unserem Leben sichtbar wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 80