Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die Verschmutzung durch das Werk des Menschen und die durch die Lebensweise des Menschen aufgedeckte Nacktheit

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Wenn die Bibel vorschreibt, einen Altar aus Erde oder unbehauenen Steinen zu bauen und keine Stufen zu errichten, wirkt das auf moderne Ohren befremdlich. Historisch und kulturell neigt der Mensch dazu, Gottesdienst durch Kunstfertigkeit, Hierarchien oder eindrucksvolle Bauten aufzuwerten. Die Spannung liegt darin: Dient solche Gestaltung wirklich der Anbetung oder deckt sie etwas auf, das Gottes Ordnung entgegensteht? Die Schrift stellt die radikale Forderung, dass Gottes Lob nicht durch menschliche Leistung verschönert, sondern durch das Kreuz und Christus als Bekleidung vollzogen werden soll.

Die Verunreinigung durch menschliche Werke

Die Texte des Alten Testaments warnen deutlich davor, menschliche Kunstfertigkeit in die Stätte der Anbetung einzutragen. In 2. Mose 20:25 heißt es deshalb: »Wenn du mir aber einen Altar aus Steinen machst, dann darfst du sie nicht als behauene (Steine) aufbauen, denn du hättest deinen Meißel darüber geschwungen und ihn entweiht.« Diese Anweisung ist keine ästhetische Vorschrift, sondern ein theologisch bedeutsames Bild: Was vom Menschen mit Werkzeug und Geschick gefertigt wird, trägt das Kennzeichen der menschlichen Beschaffenheit und kann die Reinheit des Opfers nicht tragen.

Wenn du mir einen Steinaltar errichtest, darfst du ihn nicht aus behauenen Steinen anfertigen; denn sobald du dein Werkzeug daran ansetzt, wird er unrein. Das zeigt, dass Gott nicht zulässt, dass menschliches Werk an der Anbetung Gottes teilhat. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft siebenundsechzig, S. 795)

Wenn menschliche Fertigkeit zur Grundlage der Anbetung wird, verschiebt sich der Blick vom gekreuzigten Christus auf das Können des Menschen. Paulus erinnert daran, dass das Wort vom Kreuz für viele Torheit ist, für uns aber die Kraft Gottes (1. Kor. 1:18). In der Konsequenz bedeutet das: Jede menschliche Aufwertung—sei sie theologisch, liturgisch oder organisatorisch gemeint—hat das Potenzial, das Kreuz zu überdecken und die Anbetung in eine Leistungssphäre zu verwandeln, in der Gottes Wirken durch menschliche Werke verschleiert wird.

Wenn du mir aber einen Altar aus Steinen machst, dann darfst du sie nicht als behauene (Steine) aufbauen, denn du hättest deinen Meißel darüber geschwungen und ihn entweiht. (2. Mose 20:25)

Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, eine Torheit, uns aber, die wir gerettet werden, ist es die Kraft Gottes. (1.Kor 1:18)

Die Mahnung, keinen behauenen Stein zu verwenden, fordert zu einem demütigen Abstand gegenüber eigener Schlauheit und gestalterischem Ehrgeiz. Es ist tröstlich zu erkennen, dass Gottes Erwählung nicht auf menschlicher Geschicklichkeit ruht; vielmehr bleibt die Einladung bestehen, vor dem Altar des Kreuzes in einfacher Abhängigkeit zu stehen und die Heiligkeit des göttlichen Anspruchs zu wahren.

Die Offenlegung der Nacktheit durch menschliche Wege

Die Verweisung gegen das Hinaufsteigen auf Stufen zum Altar führt uns unmittelbar in die Bildsprache von Scham und Nacktheit. In 2. Mose 20:26 heißt es: »Du sollst auch nicht auf Stufen zu meinem Altar hinaufsteigen, damit nicht deine Blöße an ihm aufgedeckt wird.« Die Stufen sind nicht nur architektonisches Detail; sie symbolisieren Aufstieg, Rang und eigenmächtiges Vorwärtskommen—Wege, auf denen der Mensch seine Stellung sucht und dadurch seine innere Blöße enthüllt.

In 2. Mose 20:26 heißt es: „Du sollst auch nicht auf Stufen zu meinem Altar hinaufsteigen, damit nicht deine Blöße an ihm aufgedeckt wird.“ Das weist darauf hin, dass die Blöße des Menschen durch sein eigenes Verhalten offengelegt wird. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft siebenundsechzig, S. 798)

Das biblische Narrativ von der ersten Scham in 1. Mose macht das Dilemma deutlich: Die Menschen versuchten, sich selbst zu bedecken (1. Mose 3:7), doch nur Gott kleidete sie wirklich (1. Mose 3:21). Wenn Gemeindestrukturen, Leistungsdenken oder rituelle Abstufungen die Anbetung prägen, zeigt sich dieselbe Dynamik: Statt in der Bekleidung durch Christus zu verharren, wird eine künstlerische oder hierarchische Bekleidung vorgezogen, die die eigentliche Nacktheit—die Abhängigkeit von Gottes Gnade—offenbart und nicht bedeckt.

Du sollst auch nicht auf Stufen zu meinem Altar hinaufsteigen, damit nicht deine Blöße an ihm aufgedeckt wird. (2. Mose 20:26)

Und ihnen beiden wurden die Augen aufgetan, und sie erkannten, dass sie nackt waren; und sie nähten Feigenblätter zusammen und machten sich Lendenschurze. (1. Mose 3:7)

Die Bilder von Scham und bekleidender Fürsorge laden zu einer ernsten inneren Prüfung ein: Es ist befreiend zu sehen, dass Gottes Antwort nicht im heimwerklichen Zudecken liegt, sondern im beharrlichen Bekleiden durch Seine Gnade. Das Bewusstsein unserer Nacktheit kann uns nicht lähmen; vielmehr kann es uns auf die wahre Bekleidung hinweisen, die allein aus dem Herrn kommt.

Altar und Kreuz: Terminierung des Eigenen und wahre Anbetung in Christus

Der Altar steht am Endpunkt aller selbstgemachten Wege; er termin iert das Eigene und ruft zur Identifikation mit dem Kreuz. In 2. Mose 20:24 heißt es: »Einen Altar aus Erde sollst du mir machen und darauf deine Brandopfer und Heilsopfer, deine Schafe und deine Rinder darbringen.« Das Bild eines Altars aus Erde, nicht aus kunstvoll geformtem Material, verweist auf die Beschaffenheit des Menschen und auf die Notwendigkeit, dass Gottes Zugang zu uns nicht durch menschliche Veredelung, sondern durch das demütige Opfer erfolgt.

Wann immer wir Gott in rechter Weise anbeten wollen, müssen wir zum Altar treten. Der Altar setzt uns mitsamt all unseren Werken und Wegen außer Kraft. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft siebenundsechzig, S. 799)

Geistlich gesehen markiert das Brandopfer, das Sündopfer und die anderen Opferformen die Abschaffung des eigenen Zählens und die Aufnahme in das Opfer Christi. Paulus lehrt, dass wir in Christus zur Gerechtigkeit geworden sind (1. Kor. 1:30) und dass Gott den ohne Sünde kenntlich Gemachten für uns zur Sünde gemacht hat, damit wir in ihm die Gerechtigkeit Gottes werden (2. Kor. 5:21). Das bedeutet: Wahre Anbetung ist kein Produkt menschlicher Vollendung, sondern die Frucht derjenigen, die am Altar der Hingabe stehen und sich in der Bekleidung Christi gefallen lassen.

So führt der Altar nicht nur zu einem Ende des eigenmächtigen Menschen, sondern eröffnet die Möglichkeit von Gemeinschaft in Wahrheit: Sobald das eigene Tun terminiert ist, kann der Leib Christi zusammenkommen, nicht um sich gegenseitig zu bewundern, sondern um gemeinsam die gedeckte Wirkung des Opfers zu leben — Brandopfer und Friedensopfer als Bild dafür, wie Christus uns als Gabe und Gemeinschaft formt.

Einen Altar aus Erde sollst du mir machen und darauf deine Brandopfer und Heilsopfer, deine Schafe und deine Rinder darbringen. An jedem Ort, wo ich meines Namens werde gedenken lassen, werde ich zu dir kommen und dich segnen. (2. Mose 20:24)

Er hat den, der Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in Ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden. (2.Kor 5:21)

Die Entscheidung, das eigene Können vor dem Altar enden zu lassen, ist kein Verlust, sondern Gewinn: Sie befreit von Ersatzkleidern und öffnet Raum für die wirkliche Bekleidung durch Christus. So klingt in der Nähe des Kreuzes die Einladung, in einer Anbetung zu stehen, die sich nicht selbst feiert, sondern Gottes Verhüllung durch Sein Opfern dankbar annimmt.


Herr Jesus, nimm alle Ehre, Arbeit und Weisheit, die uns von dir trennen, und bedecke uns mit deiner Gerechtigkeit; lehre uns, unter dem Kreuz zu stehen und in der Einfachheit des Dir dienenden Herzens zu verweilen. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 67