Wie die alttestamentlichen Gottessucher Sein Gesetz genossen (2)
Die alten Sucher Gottes begegneten der Schrift nicht als totem Regelwerk, sondern als Atem und Gegenwart des lebendigen Herrn. Beim genauen Lesen von Psalm 119 fällt auf, dass der Beter das Gesetz ‚genießt‘: er wiederkäut das Wort, wacht darüber in der Nacht und lässt es sein Inneres formen. Welche Konsequenzen hat diese Haltung für unser Verhältnis zur Bibel und für das tägliche Leben mit Gott?
Wiederkäuen: Musing als geistliche Praxis
Das Bild vom Wiederkäuen legt eine langsame, leibliche Aufmerksamkeit nahe: nicht ein flüchtiges Gedankenspiel, sondern ein wiederholtes Aufnehmen und Durchkauen dessen, was Gott offenbart. Wie in der Gesetzesbestimmung über reine und unreine Tiere eine Kuh als Wiederkäuer genannt wird, so ist auch das geistliche Nachsinnen eine Art geistliches Wiederkäuen. Es heißt in der Schrift: “Alles, was gespaltene Hufe hat, und zwar wirklich aufgespaltene Hufe, (und was) wiederkäut (unter den Tieren), das dürft ihr essen.” (3. Mose 11:3). Dieses Bild erinnert daran, dass wahre Aufnahme des Wortes Zeit und Wiederholung braucht, damit es zur Nahrung wird.
Über das Wort nachzudenken heißt „wiederkäuen“, wie eine Kuh Gras wiederkäut (3.Mose 11:3). Wenn wir über das Wort Gottes nachsinnen, sollen wir wiederkäuen. Nehmen wir das Wort zu schnell auf, haben wir kaum Freude daran; wenn wir es beim Aufnehmen jedoch wiederkäuen, wächst unser Genuss. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft siebenundfünfzig, S. 670)
Wer das Wort auf diese Weise wiederkäut, betritt eine stille Korridorzone zwischen bloßem Wissen und innerer Verwurzelung. Das wiederholte In-sich-Bewegen des Wortes führt zu Gebet, zum leisen Gespräch mit dem Herrn und zu einer wachsenden Freude am Gehörten; nicht weil die Worte neu wären, sondern weil sie neu werden, indem sie sich in die Seele einarbeiten. So wird das Wort weniger zur Thematik eines Streits als zur Nahrung, die Leib und Herz nährt.
Alles, was gespaltene Hufe hat, und zwar wirklich aufgespaltene Hufe, (und was) wiederkäut (unter den Tieren), das dürft ihr essen. (3. Mose 11:3)
Und Isaak war hinausgegangen, um auf dem Feld nachzusinnen, als der Abend anbrach. Und er erhob seine Augen, und siehe, da sah er Kamele kommen. (1. Mose 24:63)
Möge die Vorstellung des geistlichen Wiederkäuens als Einladung verstanden werden, dem Wort Zeit zu geben, in uns zu reifen. In der Langsamkeit des Nachsinnens keimt Freude; im beständigen Wiederaufnehmen findet das Wort seinen Platz in der Seele und macht uns empfänglicher für Gottes Gegenwart.
Das Wort als Atem: Einatmen, Licht, und Gemeinschaft
Die Schrift wirkt nicht nur informativ, sie atmet — sie bringt Licht und Beziehung. Wenn das Wort in uns eingeatmet wird, öffnet es innere Sicht und Unterscheidungsfähigkeit; es beleuchtet Wege, die zuvor im Dunkel lagen, und macht möglich, den Gesetzgeber nicht als Fremden, sondern als Gegenüber zu erfahren. So heißt es kraftvoll und schlicht: “Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus dem Land Ägypten, aus dem Sklavenhaus herausgeführt habe.” (2. Mose 20:2). Das Gesetz tritt hier nicht nur als Norm hervor, sondern als die Stimme dessen, der befreit hat.
Über das Wort Gottes zu sinnen heißt, Sein Wort als Seinen Atem zu genießen. Es bedeutet, durch das Wort mit Gott in Kontakt zu treten, Gemeinschaft mit Ihm zu pflegen, Ihn anzubeten und durch und mit dem Wort zu Ihm zu beten. Wenn wir so über das Wort Gottes nachsinnen, werden wir von Gott durchdrungen; Er atmet in uns ein, und wir empfangen geistliche Nahrung. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft siebenundfünfzig, S. 671)
In diesem Einatmen des Wortes liegt zugleich Gemeinschaft: Anbetung, Dank und stilles Gespräch mit dem Gesetzgeber entstehen, weil das Wort Selbstmitteilung ist. Wenn die Worte Gottes unsere inneren Räume durchströmen, werden sie zur Brücke, über die Gottes Gegenwart in unser tägliches Leben tritt; das Erlebnis gleicht weniger einem Lehrsatz als einer gemeinsamen Atmosphäre, in der Licht, Wärme und Orientierung zusammenfinden.
Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus dem Land Ägypten, aus dem Sklavenhaus herausgeführt habe. (2. Mose 20:2)
Die Erfahrung, dass Gottes Wort atmet und leuchtet, lädt zu einer offenen Aufmerksamkeit ein: wer das Wort als Begegnung annimmt, entdeckt in ihm nicht Last, sondern Licht und Leben. So mögen wir die Schrift suchen als Quelle, die uns erhellt und nahe bringt.
Verinnerlichung und Leben: Schätze, Treue und Sieg
Wenn Gottes Wort im Herzen vergraben ist, schlägt es Wurzeln, die Frucht tragen, wenn Versuchungen kommen und die Wege des Lebens geprüft werden. Der Psalmist spricht von der Schrift als Schatz, als Beute und als Erbe — Begriffe, die das innere Gewicht und den dauerhaften Wert des Gesetzes unterstreichen. Das Verbergen des Wortes ist weniger ein intellektueller Akt als ein Ergreifen dessen, was Bestand hat; wer so verwahrt, findet in Prüfungen Orientierung, in Schwachheit eine treue Stimme und in Entscheidungen eine klarere Hand.
Der Psalmist hegte ebenfalls große Wertschätzung für das Wort Gottes: er betrachtete es als große Beute (V. 162), als seinen ganzen Reichtum (V. 14), höher als tausendfaches Gold und Silber (Vv. 72, 127) und als ein ewiges Erbe (V. 111). (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft siebenundfünfzig, S. 673)
Aus der Verinnerlichung folgt konkretes Leben: nächtliches Wachen, beharrliches Denken an Gottes Zeugnisse und die Bereitschaft, Leid und Prüfung durch das Licht des Gesetzes zu sehen. So wächst nicht nur Wissen, sondern Treue; nicht nur Interesse, sondern eine geprägte Gesinnung, die sich im Alltag erweist. In diesem Prozess wird das Wort zum Grund, auf dem Entscheidungen ruhen und aus dem Sieg und Beharrlichkeit erwachsen.
Und Isaak war hinausgegangen, um auf dem Feld nachzusinnen, als der Abend anbrach. Und er erhob seine Augen, und siehe, da sah er Kamele kommen. (1. Mose 24:63)
Dass das Wort zum Schatz werden kann, ist Zusage und Einladung zugleich: vergraben und bewahrt, bietet es Halt in unsicheren Zeiten. Möge diese Wahrnehmung ermutigen, sich dem Wort anzuvertrauen, damit es still in uns wirkt und Leben, Treue und Hoffnung hervorbringt.
Herr, schenke uns die Gnade, Dein Wort nicht hastig zu verschlingen, sondern es zu wiederkäuen, es als Deinen Atem einzuatmen und in unserem Inneren zu bergen; möge Dein Wort Licht, Trost und Sieg in unser Leben bringen und uns in Gemeinschaft mit Dir verwandeln. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 57