Das Passah (1)
Das Bild des Passah in 2. Mose ist mehr als ein kultischer Bericht: es ist eine praktische Offenbarung, die das Heil Christi in konkreten Bildern vorführt. Die Szene stellt Fragen, die bis heute relevant sind: Bedeutet Erlösung nur ein rettendes Ereignis von außen, oder ist sie eine innige, lebendige Zugehörigkeit? Die Reihenfolge von den Häuten in 1. Mose über die Arche bis zum Haus mit dem gesprengten Blut in 2. Mose zeigt eine fortschreitende Offenbarung Gottes, die uns von bloßer Erinnerung zu einer tatsächlichen, lebensverändernden Einheit mit Christus führen will.
Das Passah als umfassender Typ Christi
Das Bild des Passah in 2. Mose 12 erschließt sich zunächst als häusliches Bild: das Blut an den Türpfosten und der Oberschwelle markiert kein allgemeines Sakrament, sondern eine Wohnung, in die das Volk hineingestellt ist. Beobachtend fällt auf, dass nicht das Blut am Altar, sondern das Blut an der Tür die Rettung bewirkt; es ist ein Zeichen, das die Grenze zwischen dem Inneren und dem Äußeren zieht. In 2. Mose 12 heißt es hierzu: „Und sie sollen von dem Blut nehmen und es an die beiden Türpfosten und die Oberschwelle streichen an den Häusern, in denen sie es essen.“ Dieses konkrete Zeichen verweist theologisch auf das Geheimnis der Identifikation: Erlösung wirkt dort, wo das Haus – die Wohnung – mit dem Blut befleckt ist.
Deshalb findet sich im Neuen Testament kein Vers, der sagt, wir stünden unter der Bedeckung des Blutes Christi. Eine Reihe von Versen, besonders in den Briefen, weist jedoch darauf hin, dass wir in Christus sind. Nach Galater 3 hat Gott uns in Christus hineingesetzt; wir sind nun in Christus. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft dreiundzwanzig, S. 250)
Deutend lässt sich daraus ein tieferes christologisches Prinzip gewinnen: Das Passah weist nicht allein auf ein gegessenes Opfer, sondern auf ein Eingesetzthaben in das Opferhaus. Die neutestamentliche Sprache, die vom ‚in Christus Sein‘ spricht, arbeitet mit derselben Logik wie das Blutzeichen an der Tür — Rettung ist nicht nur ein äußerer Schutz, sondern das Hineingesetztsein in eine neue Wirklichkeit. Diese Einsichtung trägt gewichtige Konsequenzen für das Verständnis der Gemeinde: Gemeinschaft mit Christus ist kein Zusatz zum Glauben, sondern die ontologische Lage des Glaubenden; wer außerhalb der durch Sein Blut markierten Wohnung bleibt, verfehlt das, worauf das Typusbild hinweist.
Und sie sollen von dem Blut nehmen und es an die beiden Türpfosten und die Oberschwelle streichen an den Häusern, in denen sie es essen. (2.Mose 12:7)
Aber das Blut soll für euch zum Zeichen an den Häusern werden, in denen ihr seid. Und wenn ich das Blut sehe, dann werde ich an euch vorübergehen: so wird keine Plage, die Verderben bringt, unter euch sein, wenn ich das Land Ägypten schlage. (2.Mose 12:13)
Es bleibt tröstlich und herausfordernd zugleich: Die Verheißung des Vorübergehens des Verderbers ist an ein inneres Zugehörigsein geknüpft. Wer in der durch das Blut bezeichneten Wohnung lebt, findet nicht nur Schutz, sondern eine neue Identität; diese Gewissheit lädt dazu ein, das Geheimnis unserer Einfügung in Christus nicht bloß als Idee, sondern als gegebene Wirklichkeit zu bewahren und in ihrer Tiefe zu bedenken.
Die Zeit des Passah: Ende und Neubeginn
Der Zeitpunkt des Passah — im Monat Abib, am vierzehnten Tag — trägt eine doppelte Bewegung: Abschluß und Anfang liegen eng beieinander. Die Festlegung des Monats als ‚Anfangsmonat‘ heißt nicht bloß Kalendersache, sondern markiert eine Umwandlung von Zeit und Leben; in 2. Mose 12 heißt es: „Dieser Monat soll für euch der Anfangsmonat sein, er sei euch der erste von den Monaten des Jahres!“ So wird das historische Geschehen von Befreiung zum Ursprung eines neuen inneren Kalenders, an dem das Leben des Volkes gemessen wird.
Das heißt, es geschah drei Tage vor dem Tag, an dem die Arche auf den Bergen Ararats an Land ging. Diese Landung der Arche war ein Sinnbild der Auferstehung Christi. Christus wurde am vierzehnten Tag getötet, und Er wurde am siebzehnten Tag auferweckt. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft dreiundzwanzig, S. 251)
In der Auslegungsschau der Schrift gewinnt diese Chronologie Typenbedeutung: das Opfer am vierzehnten Tag symbolisiert das Ende des alten Zeitalters durch Christi Tod, die nachfolgende Zeit verweist auf das in Gang gesetzte neue Leben bis hin zur Auferstehung. Die Parallele zur Arche, die an einem siebzehnten Tag landete und so als Bild der Auferstehung gelesen werden kann, unterstreicht, dass das Passah nicht in erster Linie Gericht, sondern Erneuerung bedeutet. Für den Gläubigen öffnet sich daraus die Perspektive, dass der Glauben ein Eintritt in eine neue Zeitrechnung ist — nicht nur ein einmaliger juristischer Akt, sondern der Beginn eines gelebten, innerlich erneuerten Alters.
Dieser Monat soll für euch der Anfangsmonat sein, er sei euch der erste von den Monaten des Jahres! (2.Mose 12:2)
Heute zieht ihr aus im Monat Abib. (2.Mose 13:4)
Der Kalender des Glaubens setzt unsere Lebensuhr neu: Was äußerlich als Datum erscheint, wirkt innerlich als Beginn eines neuen Alters. Diese Einsicht schenkt Hoffnung — sie zeigt, dass Gottes Wirken Zeit gestaltet und unser Leben in Richtung eines fortschreitenden Wachstums lenkt; sie lädt dazu ein, das eigene Leben immer wieder als Beginn zu betrachten, von dem Neues hervorgeht.
Teilnahme am Passah: Essen als Lebensversorgung
Das Essen des Passahlamms ist kein bloßes Erinnerungsritual, sondern ein Bild dafür, wie Christus unser innerliches Leben nährt. Die Anordnung, das Fleisch der äußerlichen Speise zu essen — „Das Fleisch aber sollen sie (noch) in derselben Nacht essen, am Feuer gebraten, und (dazu) ungesäuertes Brot; mit bitteren Kräutern sollen sie es essen“ — verweist darauf, dass Gottes Gabe aufgenommen, durchlitten und geheiligt wird. Das ‚geröstet‘ Sein deutet die Ernsthaftigkeit eines gerichtet-erlebten Lebens Christi, das uns als Versorgung gegeben ist; das ungesäuerte Brot betont Heiligkeit, die bitteren Kräuter die Schärfe der Buße und des Bewusstseins unserer Not.
Das Fleisch des Passahlamms musste zur Lebensversorgung gegessen werden (12:8–10). Gleiches gilt für den Herrn Jesus, der dieses Sinnbild erfüllt. Hier steht „Fleisch“ für das Leben Christi. Das Leben Christi ist verzehrbar; es ist unsere Lebensversorgung. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft dreiundzwanzig, S. 256)
Theologisch geht es hier um Teilhabe: das Fleisch als Symbol des Lebens Christi ist essbar — es wird zur Lebensversorgung des Glaubenden. Paulus greift diese Gedanken auf, wenn er sagt: ‚Schafft den alten Sauerteig hinaus, damit ihr eine neue Teigmasse seid; denn unser Passa, Christus, ist auch geopfert worden.‘ (1. Kor. 5:7) Die Verbindung von Opfer und Speise führt zu einem praktischen Anspruch: Christus ist nicht nur Opfer, das für uns geschieht, sondern Lebensnahrung, die in uns hineingenommen werden will, damit sein unvergängliches Leben uns durchdringt und unsere Schwäche überwindet.
Das Fleisch aber sollen sie (noch) in derselben Nacht essen, am Feuer gebraten, und (dazu) ungesäuertes Brot; mit bitteren Kräutern sollen sie es essen. (2.Mose 12:8)
Schafft den alten Sauerteig hinaus, damit ihr eine neue Teigmasse seid, wie ihr ja ungesäuert seid; denn unser Passa, Christus, ist auch geopfert worden. (1.Kor 5:7)
Es ist tröstlich, dass die Fülle Christi zugleich tief und zutiefst greifbar ist: Sein Leben wird uns gegeben, damit unser Leben genährt und verwandelt wird. Diese Wahrheit lädt zu einer inneren Ruhe ein — nicht zu einer statischen Sicherheit, sondern zu einer lebendigen Erwartung, dass das in uns genossene Leben seine Kraft entfaltet und uns in Heiligkeit und Liebe wachsen lässt.
Herr Jesus, danke für dein vollendetes Werk: nimm uns hinein in die Identität, die du durch dein Blut und dein Leben geschaffen hast, und lehre uns, dich als unsere tägliche Lebensversorgung zu genießen; erfülle uns mit deiner Nähe und stärke uns, in deiner Gegenwart zu leben. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 23