Gottes Forderung und Pharaos Widerstand (5)
Schon die Schöpfungsberichte in 1. Mose 1–2.zeichnen ein Bild von einer Welt, die von Gott für das Leben des Menschen geordnet ist. Die Plagen über Ägypten aber zeigen, wie derselbe Gott diese Ordnungen umkehren kann – Regen wird zu Hagel, Wind bringt Heuschrecken, die Sonne wird zur dicken Finsternis. Warum greift Gott so in die Naturprinzipien ein, und was lehrt uns das über die wahre Signatur der Welt und unseren Platz vor Gott?
Gottes Herrschaft über die Ordnungen der Schöpfung
Die Schöpfung ist kein zufälliges Nebeneinander von Kräften, sondern ein fein gewobenes Gefüge, in dem Himmel, Erde und Mensch einander dienen. Schon die frühen Schöpfungsworte zeigen, dass die Erde ohne die geordneten Gaben des Himmels zur Wüste würde: wie es in 1. Mose 1:2. heißt, war die Erde „zu einer Wüste und Leere geworden, und Finsternis war auf der Oberfläche der Tiefe“. Diese Bilder erinnern uns daran, dass Sonne, Wind und Regen nicht bloße Naturphänomene sind, sondern lebensspendende Funktionen, die der Schöpfer dem ganzen System verliehen hat.
Die Bibel offenbart, dass die Himmel der Erde dienen, die Erde dem Menschen dient und der Mensch mit seinem menschlichen Geist Gott dient. Weil die Himmel der Erde dienen, schenken sie Sonnenschein, Wind und Regen, die das Leben auf der Erde erhalten. Ohne diese drei Dinge kann nichts wachsen. Der Mensch braucht eine solche Versorgung, wenn er auf der Erde leben und Gottes Zweck erfüllen soll. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft neunzehn, S. 213)
Wenn aber Gott in den Plagen gezielt das Wirken von Regen, Wind und Licht verändert, so offenbart sich kein defektes Universum, sondern der Herr über das Universum. Indem er die gewohnten Ordnungen aussetzt oder umkehrt, zeigt Gott, dass diese Ordnungen ihm gehören und nicht autonom funktionieren. Das ist theologisch nicht abstrakt: es bedeutet konkret, dass bleibendes Leben nur dort möglich ist, wo die göttliche Ordnung herrscht; außerhalb ihrer zeigt sich die Welt als ein Lebensraum, dessen Funktionsweisen entzogen werden können.
Doch die Erde war zu einer Wüste und Leere geworden, und Finsternis war auf der Oberfläche der Tiefe, (1. Mose 1:2)
und als es noch keinerlei Sträucher des Feldes auf der Erde gab und noch keinerlei Kräuter des Feldes emporgesprosst waren – denn Jehovah Gott hatte es noch nicht auf die Erde regnen lassen, und es gab keinen Menschen, um den Erdboden zu bearbeiten, (1. Mose 2:5)
Die Einsicht in Gottes Herrschaft über die Schöpfungsordnungen führt zu einer ruhigen Gewissheit: Leben hängt nicht an zufälligen Kräften, sondern an Gott selbst. Wer diese Wahrheit annimmt, kann auch in der Erfahrung der Störung — in Verlust und Entzug — die Einladung erkennen, sich nicht an die autonome Wirksamkeit der Welt zu klammern, sondern an den Einen, der die Grundlagen des Lebens trägt.
Pharaos Sturheit als Werkzeug göttlicher Offenbarung
Die verschiedenen Erzählstränge des Auszuges machen deutlich, dass Pharaos Hartnäckigkeit kein bloßer menschlicher Zufall war, sondern in den souveränen Ratschluss Gottes gestellt wurde. So heißt es in 2. Mose 10:1: „Geh zum Pharao hinein; denn ich habe sein Herz und das Herz seiner Hofbeamten verstockt, um diese meine Zeichen mitten unter ihnen zu tun.“ Die Formulierung legt nahe, dass Gottes Ziel nicht allein die Unterwerfung eines einzelnen Herrschers war, sondern die Entfaltung seiner Offenbarung vor Augen vieler.
Vers 16 macht deutlich, dass es Gott war, der den Pharao stehenließ. In gewissem Sinne unterstützte Gott ihn; er brauchte gerade einen so sturen Mann, der standhaft blieb. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft neunzehn, S. 217)
Wenn Gott den Widerstand eines Potentaten zulässt und sogar bestehen lässt, dient dies einem größeren Zweck: Durch die Zuspitzung des Widerstands werden Gottes Werke und sein Name klarer offenbar. Die Eskalation der Plagen macht die Grenzen menschlicher Macht sichtbar und lehrt zugleich, dass Gottes Zurechtführung manchmal in der Erfahrung von Widerstand deutlicher wird als im leichten Gehorsam. Auf diese Weise wird die Geschichte zu einem Lehrstück, das Israels Erinnerung wie auch die Aussage vor den Völkern prägt.
Danach sprach der HERR zu Mose: Geh zum Pharao hinein, denn ich habe sein Herz und das Herz seiner Hofbeamten verstockt, um diese meine Zeichen mitten unter ihnen zu tun, (2. Mose 10:1)
Dass Gott in seiner Vorsehung auch Widerstand einschließt, kann befreiend wirken: Es zeigt, dass selbst unnachgiebige Ablehnung nicht das letzte Wort hat, sondern Teil eines größeren Aufweckens sein kann. Vor diesem Hintergrund lässt sich das Erleben von Widerstand nicht nur als Scheitern deuten, sondern als Bühne, auf der Gottes Treue und Sein Name sichtbar werden.
Die Plagen als Offenbarung des Todescharakters der Welt
Die Abfolge der Plagen zeichnet eine Bewegung von Todessymbolen: vom Blut bis zur fühlbaren Dunkelheit. In der Beschreibung der Heuschrecken heißt es beispielsweise in 2. Mose 10:15: „Und sie bedeckten die Oberfläche des ganzen Landes, so daß es finster im Land wurde; und sie fraßen alles Gewächs des Landes und alle Früchte der Bäume, die der Hagel übriggelassen hatte.“ Solche Bilder machen sichtbar, dass die Welt als Lebensraum geistlich ausgehöhlt sein kann; wo Wachstum zerstört wird, verschwindet die Lebensgrundlage.
Bei der ersten Plage trat Blut auf, bei der neunten herrschte Dunkelheit. Sowohl Blut als auch Dunkelheit stehen für den Tod. So schritten die Plagen von Tod zu Tod voran. Das Leben der Welt ist durch und durch vom Tod bestimmt. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft neunzehn, S. 219)
Aus diesem narrativen Befund folgt eine tiefere geistliche Deutung: Die Welt als solcher steht nicht in lebendiger Gemeinschaft mit dem Gott des Lebens, sondern kann sich als feindlich erweisen. Jakobus bringt diese Spannung pointiert auf den Begriff, wenn er warnt: „Ihr Ehebrecherinnen, wißt ihr nicht, daß die Freundschaft der Welt Feindschaft gegen Gott ist?“ (Jakobus 4:4). Die Plagen legen frei, was die Schrift ansonsten lehrt: Weltlichkeit und Gottes Leben schließen einander aus; die Dinge, auf die die Welt sich stützt, erweisen sich unter Gottes Gericht als nicht tragfähig.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum volle Erlösung nicht allein rechtliche Befreiung meint, sondern die Wiederherstellung eines Lebensraumes, in dem Gottes lebensspendende Ordnungen herrschen. Die Erzählung des Auszugs bleibt damit keine antiquarische Strafgeschichte, sondern eine Einladung, die Vergänglichkeit der weltlichen Sicherheiten zu sehen und die Vorrangstellung Gottes als Quelle des wahren Lebens neu zu begreifen.
Und sie bedeckten die Oberfläche des ganzen Landes, so daß es finster im Land wurde; und sie fraßen alles Gewächs des Landes und alle Früchte der Bäume, die der Hagel übriggelassen hatte. So blieb im ganzen Land Ägypten an den Bäumen und Gewächsen des Feldes nichts Grünes übrig. (2. Mose 10:15)
Ihr Ehebrecherinnen, wißt ihr nicht, daß die Freundschaft der Welt Feindschaft gegen Gott ist? Wer nun ein Freund der Welt sein will, erweist sich als Feind Gottes. (Jakobus 4:4)
Die Konfrontation mit der Todesgestalt der Welt ist herausfordernd, doch sie öffnet zugleich einen Weg zur Hoffnung: Wer erkennt, dass die Welt sich dem Leben Gottes nicht einfach anbietet, kann lernen, seine Orientierung neu zu setzen und sich an die Quelle zu halten, die beständig Leben schenkt. Diese Erkenntnis lädt zu einer Haltung der Wachsamkeit und zugleich des Zuvertrauens in Gottes rettendes Wirken ein.
Herr, offenbare uns durch Dein Wort die wahre Gestalt dieser Welt und lass uns in Dir verwurzelt werden; schenke uns Abkehr von dem, was dem Leben widerspricht, und ein Herz, das Dich sucht und in Deinem Leben bleibt.
Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 19