Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die drei Stationen bei der Erfüllung von Gottes Zweck

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Das Bild des Auszugs aus Ägypten zeichnet keine zufällige Abfolge, sondern einen zielgerichteten Weg Gottes mit seinem Volk: Zunächst die Absonderung vom Alten, dann die Offenbarung Gottes und schließlich das Einziehen in das verhei ßene Reich des Lebens. Vor dieser Linie steht eine drängende Frage: Bleiben wir in den wohltuenden Zwischenstationen stecken oder lassen wir uns bis zur vollen Verwirklichung von Gottes Ziel führen? Die Erzählung verweist nicht nur auf historische Episoden, sondern auf die geistliche Entwicklung jedes Gläubigen und jeder Gemeinde.

Wildernis – die notwendige Absonderung vom Alten

Die Wüste erscheint nicht bloß als Schauplatz von Entbehrung, sondern als die notwendige Zone innerer Absonderung, in der Gottes Volk vom Alten getrennt wird. Die biblischen Typen — Passah, der Durchzug durch das Meer, das Manna und das Wasser aus dem Felsen — veranschaulichen, dass diese Trennung nicht Selbstdisziplin um der Disziplin willen ist, sondern eine Folge des Erlösungswerks, das uns aus dem alten, weltlich geprägten Leben herausstellt. Es heißt etwa: „und alle aßen dieselbe geistliche Speise, und alle tranken denselben geistlichen Trank; denn sie tranken aus einem geistlichen Felsen, der ihnen folgte; und der Fels war Christus.“ (1. Kor. 10:3–4). Dieses Bild legt nahe, dass die Wüste zum Ort wird, an dem die Lebensversorgung Gottes uns eigen wird — nicht durch das Festhalten am Alten, sondern durch die freimütige Annahme dessen, was Christus als unsere Versorgung ist.

Die Wüste bezeichnet hier einen Ort der Absonderung von der Welt. Nach 3:18 sollten die Kinder Israels drei Tage in die Wüste ziehen, um dem Herrn, ihrem Gott, Opfer darzubringen. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft zwölf, S. 133)

Aus dieser Beobachtung folgt eine deutliche Deutung: Absonderung ist keine Flucht vor der Welt, sondern die Voraussetzung dafür, dass heiliger Dienst überhaupt möglich wird. Wenn das Volk dreitägig hinauszog, um dem HERRN Opfer darzubringen, so zeigt dies, dass echte Hingabe eine vorhergehende Trennung benötigt; diese Trennung ist aber nicht Selbstgenügsamkeit, sondern das offene Feld, auf dem Gottes Gegenwart sich als Lebensquelle zeigen kann. Für die Gemeinde bedeutet das: Wo die Bindungen des Alten noch herrschen, wird das Opferleben verwehrt; wo aber die Absonderung durch Christi Erlösung anerkannt wird, beginnt die praktische Erfahrung, „mit Gott durchsättigt“ zu sein und von dem einen Felsen zu trinken, der Christus ist.

Ausklang: Die Wüste mag karg erscheinen, doch sie ist der Raum, in dem Gottes Versorgung uns begegnet und unser Dienst geboren wird. Diese Zeit der Trennung ist nicht Buße um der Buße willen, sondern Heilsgemeinschaft, die uns lehrt, dass wahre Fruchtbarkeit aus dem Verlassen des Vertrauten und dem Zutrauen auf Christus als unseren Felsen erwächst.

und alle aßen dieselbe geistliche Speise, und alle tranken denselben geistlichen Trank; denn sie tranken aus einem geistlichen Felsen, der ihnen folgte; und der Fels war Christus. (1.Kor 10:3-4)

Die Wüste ist kein Strafort, sondern die vorbereitende Weite, in der Gottes Versorgung sichtbar wird. Hier wird das Alte beerdigt und Christus als unsere Lebensquelle erkannt, sodass unser Dienst aus echter Hingabe geboren werden kann.

Berg – die Offenbarung Gottes und die Entstehung des Gemeindelebens

Der Berg ist der Ort der Offenbarung; hier wird Gottes Sein nicht nur beschrieben, sondern in seiner Heiligkeit und Herrlichkeit erfahrbar gemacht, und hier entsteht die Gestalt des gemeinschaftlichen Wohnens Gottes unter Menschen. Die Erlebnisse von Gottes offenbarendem Reden und der Übergabe des Musters der Stiftshütte führen dazu, dass das Volk nicht bloß religiöse Regeln empfängt, sondern die Grundlagen einer tabernakelartigen Gemeindewirklichkeit. Es heißt: „die Geheimnisse seines Herzens werden offenbar; und so wird er auf sein Angesicht fallen, Gott anbeten und verkünden, dass Gott wirklich unter euch ist.“ (1. Kor. 14:25). Offenbarung erfüllt das Herz mit Erkennen und führt zu Anbetung — sie ruft eine antwortfähige, gebildete Gemeinde hervor.

Die zweite Station ist der Berg (2.Mose 3:12; 19:1–2, 11; 24:16–18), an dem die Kinder Israels Offenbarung über Gott und die Stiftshütte empfingen. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft zwölf, S. 135)

Die theologische Deutung dieser Bergbegegnung ist doppelt gewichtig: Zum einen setzt Offenbarung Gottes Wesen in die Mitte des Gemeindelebens, sodass das gemeinsame Zeugnis nicht primär Programm, sondern lebendige Antwort wird. Zum anderen formt die Offenbarung eine priesterliche Gemeinschaft, in der die Einzelnen wie lebendige Steine zusammengefügt werden, damit Gott durch die Gemeinde wohnen kann. Entsprechend heißt es, wir würden „als ein geistliches Haus zu einer heiligen Priesterschaft aufgebaut“ (1. Petr. 2:5). Die Gefahr besteht darin, lange am Berg zu verharren in bewundernder Betrachtung, ohne dass die Offenbarung in gelebtes, demütiges Dienstsein übergeht; Offenbarung fordert also immer auch eine reifende Antwort.

Ausklang: Die Begegnung auf dem Berg schenkt Klarheit über Gottes Wesen und über die Form seines Wohnens bei uns. Möge die empfangene Offenbarung uns nicht in Bewunderung stecken lassen, sondern in demütiger Bereitschaft, das Offenbarte als Grundlage lebendigen Gemeindelebens und priesterlichen Dienstes weiterzugeben.

die Geheimnisse seines Herzens werden offenbar; und so wird er auf sein Angesicht fallen, Gott anbeten und verkünden, dass Gott wirklich unter euch ist. (1.Kor 14:25)

werdet auch ihr als lebendige Steine als ein geistliches Haus zu einer heiligen Priesterschaft aufgebaut, um geistliche Opfer darzubringen, Gott wohlannehmbar durch Jesus Christus. (1. Petr. 2:5)

Offenbarung ist Einladung und Auftrag zugleich: Sie bildet die Gemeinde, indem sie Gottes Wesen ins Zentrum stellt und die Glieder zu einer priesterlichen Einheit zusammenfügt. Bleibe in der Offenbarung nicht stehen, sondern lass sie in Leben und Gemeinschaft Gestalt gewinnen.

Gutes Land – Christus als das allesumfassende Erbe

Das gute Land zeigt die Fülle dessen, was Christus zu unserem Erbe macht: ein fruchtbarer Raum, den Gottes Volk beansprucht, weil die Arche mit der Stiftshütte vorangegangen ist. Die Schrift schildert die Grenzerfahrung am Jordan, bei der die Bundeslade ins Wasser tritt und das Fließen gestoppt wird, so dass das ganze Volk hindurchziehen kann. Es heißt: „und sie befahlen dem Volk: Sobald ihr die Lade des Bundes des HERRN, eures Gottes, seht, wenn die Priester, die Leviten, sie aufheben, dann sollt ihr von eurem Ort aufbrechen und ihr nachfolgen.“ (Josua 3:3). Die Bundeslade ist hier kein bloßes Denkmal, sondern das Zeichen dafür, dass Gott in seiner beweglichen Gegenwart das Volk befähigt, die Schwelle des Verheißenen zu überschreiten.

Hierbei handelt es sich um die Bundeslade und die Stiftshütte (Jos. 3:3, 6, 8, 13–17; 4:10–19). Als die Kinder Israels in das gute Land einzogen, wurde die Bundeslade in den Jordan hinabgelassen, und das Wasser blieb stehen. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft zwölf, S. 138)

Die Deutung dieses Durchzugs verweist auf die geistliche Wirklichkeit hinter dem Landgenuss: Das Überschreiten des Jordan setzt das Begraben des Alten voraus; die Fußsohlen der Priester standen auf dem Trockenen, und erst dann kehrte das Wasser zurück (Josua 3:17; 4:18). In der Sprache des Neuen Testaments bedeutet dies die Vereinigung mit Christus in Tod und Auferstehung, durch die der alte Mensch begraben wird und das neue Leben im Geist Frucht bringt. Die Arche, als Typus von Christus mit der beweglichen Gemeinde, ist der Faktor, durch den die göttliche Gegenwart das Land erobert — nicht durch menschliche Kraft, sondern durch die Herrschaft dessen, der die Feinde unter seine Füße legt.

Ausklang: Das gute Land ist mehr als Besitznahme; es ist Leben in der Fülle Christi. Wenn die Gemeinde als bewegliche Mitte Christi vorangeht, wird die Grenze des Gewohnten durchbrochen und neues, fruchtbares Zeugnis entsteht. Dieser Weg verheißt kein leichtes Vorankommen, wohl aber die Gewissheit, dass Gottes Gegenwart die Schranken überwindet und sein Erbe für sein Volk Wirklichkeit wird.

und sie befahlen dem Volk: Sobald ihr die Lade des Bundes des HERRN, eures Gottes, seht, wenn die Priester, die Leviten, sie aufheben, dann sollt ihr von eurem Ort aufbrechen und ihr nachfolgen. (Josua 3:3)

Und die Priester, die die Lade des Bundes des HERRN trugen, standen festen Fußes auf dem Trockenen mitten im Jordan. Und ganz Israel zog auf dem Trockenen hinüber, bis die ganze Nation vollständig den Jordan überquert hatte. (Josua 3:17)

Das Überschreiten in das gute Land ist der Weg des Begrabens des Alten und des lebendigen Innehabens der Fülle Christi. Die Bundeslade — Christus in der versammelten Gemeinde — ist der entscheidende Faktor, durch den Gottes Verheißung Wirklichkeit wird.


Herr Jesus, wir danken Dir für das Befreiungswerk, das uns vom Alten trennt, für die Offenbarung, durch die Du uns formst, und für das Geschenk Deiner Fülle als unser Land; erfülle uns mit dem Mut, nicht in Zwischenstationen stehen zu bleiben, sondern in Deinem Geist zu wohnen, damit Dein Reich auf Erden sichtbar werde. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 12