Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die vollständige Sicht auf Gottes Berufung Mose

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Als Moses die Szene des brennenden Dornbuschs erlebte, wurde ihm mehr offenbart als ein Wunder: Gottes Ziel, in Menschen Wohnung zu nehmen, begann sich zu zeigen. Hinter diesem Bild stehen die tiefe Erkenntnis des Namens Gottes und die Prüfungen, durch die ein Gereifter für den Dienst bereit wird. Wie hängen Vision, Erkenntnis von Gottes Sein und die konkreten Erfahrungen mit Feind, Fleisch und Welt zusammen — und was heißt das heute für die Kirche und den einzelnen Gläubigen?

Die brennende Dornbusch: Gottes Wohnstätte in einem verwandelten Volk

Das Bild des brennenden Dornbuschs öffnet einen Blick auf Gottes überraschende Absicht: Er wählt nicht das makellose, sondern das einst Verfluchte, um darin zu wohnen. In 1. Mose 3 wurden Dornen und Disteln zur Folge des Falls; in 2. Mose tritt nun derselbe Dornbusch in einer neuen Rolle auf — als Ort, in dem Gott sich offenbart. Beobachtet man die biblische Linie vom Dornbusch über die Stiftshütte zum Tempel und schließlich zur Neuen Stadt, wird deutlich, dass Gottes Ziel nicht eine Flucht vor dem Menschsein ist, sondern dessen Verwandlung. So ist die Kirche kein Endpunkt, sondern ein Zwischenzustand: gerettet aus dem Fluch und unterwegs zur vollen Durchgestaltung in der Gegenwart Gottes.

Wir haben gezeigt, dass der brennende Dornbusch Gottes Erlöste bezeichnet. Einst waren wir in 1. Mose 3 noch Dornen unter dem Fluch; in 2. Mose 3 sind wir dagegen ein erloster Dornbusch. Nun brennt Gott in uns und auf uns. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft zehn, S. 110)

Diese Wahrnehmung wird theologisch tiefer, wenn man die Verkörperung des Wortes ins Blickfeld rückt. Es heißt in Johannes 1:14: “Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns (und wir haben Seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als des Einziggeborenen vom Vater), voller Gnade und Wirklichkeit.” Gott zieht nicht nur nahe, er wird in menschlicher Gestalt die Wirklichkeit, die unsere gebrochene Natur heilt und erneuert. Das brennende, aber unvernichtbare Feuer auf dem Dornbusch zeigt eine Gegenwart, die reinigend und erhaltend zugleich ist: Gott brennt in Seinem Volk und überführt so das einstige Dornengewächs in eine bewohnte Stätte der Herrlichkeit.

Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns (und wir haben Seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als des Einziggeborenen vom Vater), voller Gnade und Wirklichkeit. (Johannes 1:14)

Wenn Gottes Wohnstätte gerade in verwandeltem Menschsein liegt, darf dies ermutigen: Das, was einst under Fluch stand, ist nicht verworfen, sondern zur Bühne göttlicher Gegenwart gemacht. Diese Perspektive lädt dazu ein, die eigene Gebrochenheit nicht als Ausschluss, sondern als Ort möglicher Verwandlung zu betrachten — mit Hoffnung auf das, was Gott in uns wohnen und wohnen lassen will.

Wer Gott ist und was Gott ist: ‚Ich bin‘ und der Gott der Auferstehung

Die Begegnung Mose mit dem Selbstsein Gottes verankert Berufung in einer Wirklichkeit, die über wechselnde Umstände hinaus Bestand hat. Das hebräische Ich-bin zeigt, dass Gottes Handeln nicht an unsere Begrenzungen gebunden ist; er ist der Beständige, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenfallen. In der Offenbarung hat der Herr deswegen die Worte: “Ich bin das Alpha und das Omega, spricht der Herr, Gott, der ist und der war und der kommt, der Allmächtige.” Diese Selbstbezeichnung ruft dazu auf, das Vertrauen nicht von Zeichen abhängig zu machen, sondern von dem, der selbst die Quelle aller Treue ist.

Gott ist als das Selbst die Wirklichkeit alles Positiven. Das Evangelium des Johannes offenbart, dass Er alles ist, was wir brauchen: Leben, Licht, Speise, Trank, Weide und Weg. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft zehn, S. 114)

Gleichzeitig bleibt Gott ein Gott, der zur Auferstehung berufen hat — auch wenn das Sichtbare dies nicht sofort widerspiegelt. Jesus sagt: “Reißt diesen Tempel nieder, und in drei Tagen werde Ich ihn aufrichten.” Das zeigt die Spannung zwischen gegenwärtigem Leiden oder Ohnmacht und der endgültigen Wiederherstellung, die Gott verwirklicht. Kenntnis des Namens Gottes verändert darum Geduld und Ausharren; sie verlagert das Zentrum des Vertrauens vom Flüchtigen auf den Beständigen und schenkt Hoffnung, wenn das Wirkliche noch verborgen scheint.

Ich bin das Alpha und das Omega, spricht der Herr, Gott, der ist und der war und der kommt, der Allmächtige. (Offenbarung 1:8)

Jesus antwortete und sagte zu ihnen: Reißt diesen Tempel nieder, und in drei Tagen werde Ich ihn aufrichten. (Johannes 2:19)

Wer Gott als das ewig Seiende und als den Gott der Auferstehung kennt, kann in Zeiten des Mangels oder des Schweigens eine leise Stärke bewahren. Diese Größe Gottes ruft nicht zu passivem Verharren, sondern zu einem ruhigen Ausharren, das von der Gewissheit genährt wird: Nicht die Umstände, sondern Gottes bleibendes Sein bestimmt letztlich den Verlauf der Heilsgeschichte.

Die drei Zeichen und die Hilfe: Feind, Fleisch, Welt sowie Matching und Schnitt

Die drei Zeichen, die Mose gegeben wurden, entlarven die praktischen Gefahren des Dienstes: Feind (die Schlange), Verderbnis des Fleisches (die verkrüppelte Hand) und die Verderbtheit der Welt (das Wasser, das sich in Blut verwandelt). Diese Zeichen sind keine bloße Dramatisierung, sondern diagnostische Offenbarungen, die zeigen, womit ein Berufener in Beziehung treten wird. Ebenso bedeutsam sind die Begleiter, die Gott zur Verfügung stellt: Aaron als äußerliche Hilfe und Zipporah mit dem Schnitt als innere Verwandlung. Beide wirken zusammen, damit der Berufene für Gottes Auftrag tauglich wird und nicht an äußeren Gefahren oder innerer Untauglichkeit scheitert.

Das erste Zeichen ist der Stab, der zur Schlange wird. Die listige Schlange, die Adam und Eva in 1. Mose 3 vergiftete, wird in 2. Mose 4 entlarvt. Dieses Zeichen hilft uns, den Teufel zu erkennen. Es macht deutlich, dass alles, worauf wir uns statt auf Gott verlassen, der Schlange Unterschlupf bietet. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft zehn, S. 116)

Gott bestätigt und begleitet oft durch Zeichen, doch die Sache bleibt relational und persön-lich: Die Gemeinde und vertraute Helfer sind Teil des Heilsplans, damit Gottes Werk auf Erden Bestand gewinnt. Es heißt in Apostelgeschichte 19:11–12: “Und ungewöhnliche Wunderwerke tat Gott durch die Hände des Paulus, so daß man sogar Schweißtücher oder Schurze von seinem Leib weg auf die Kranken legte und die Krankheiten von ihnen wichen und die bösen Geister ausfuhren.” Solche Belege zeigen, dass Gott seine Sendung mit Wirkungen versieht, doch diese Wirkungen dienen dem größeren Ziel, Menschen als verlässliche Wohnstätten Gottes zurechtzumachen. Zugleich erinnert 1. Korinther 3:16 daran: “Wisst ihr nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid und dass der Geist Gottes in euch wohnt?” Die Zeichen und die Mithelfer wirken darauf hin, dass dieser Tempel bewohnbar und dauerhaft wird.

Die Verbindung von öffentlichen Zeichen und persönlicher Härte (der ‘Schnitt’) macht sichtbar, dass Gottes Ruf sowohl nach äußerer Legitimation als auch nach innerer Bereitschaft verlangt. Ohne Aaron bleibt das Amt isoliert; ohne den Schnitt bleibt das Leben unbrauchbar. Beides zusammen schützt vor einer pragmatischen oder bloß spektakulären Berufung und webt stattdessen ein tragfähiges Gefäß für Gottes beständige Gegenwart.

Und ungewöhnliche Wunderwerke tat Gott durch die Hände des Paulus, so daß man sogar Schweißtücher oder Schurze von seinem Leib weg auf die Kranken legte und die Krankheiten von ihnen wichen und die bösen Geister ausfuhren. (Apostelgeschichte 19:11–12)

Wisst ihr nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid und dass der Geist Gottes in euch wohnt? (1. Korinther 3:16)

Die Erkenntnis, dass Zeichen und Hilfe zusammengehören, schenkt Zuversicht: Gottes Sendung kommt nicht einsam, sondern eingebettet in eine Wirklichkeit von Mithelfenden und heilender Anstrengung. So kann die Gemeinde zu einem Ort werden, an dem Berufene begleitet, geformt und zur bleibenden Wohnstätte Gottes gemacht werden — eine Zusage, die Mut macht und zur stillen Dankbarkeit ruft.


Herr, erkenne uns weiter mit der Vision des brennenden Dornbuschs; lehre uns, Dich als den beständigen ‚Ich bin‘ und als den Gott der Auferstehung zu vertrauen, und schenke uns die Demut, die notwendige Beschneidung und Begleitung zu erleiden, damit wir Dir brauchbar werden; amen.

Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 10