Das Wort des Lebens
lebensstudium

Gereift Werden – die Manifestation der Reife (3)

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Als Jakob seine Söhne segnete, sprach nicht nur ein Vater zu seinen Kindern, sondern ein gereifter Mann, dessen Worte Gottes Wirkung trugen. Die Prophezeiungen über Reuben, Simeon und Levi machen deutlich: Herkunft und Temperament bestimmen nicht endgültig unser Schicksal – Gott kann Status und Disposition ändern. Die Spannung liegt darin, wie sehr wir bereit sind, Besitz aufzugeben, uns innerlich zu reinigen und unter Gottes Führung unsere schwachen oder hässlichen Neigungen in etwas zu verwandeln, das anderen Zuflucht bringt.

Reife ist Einssein mit Gott – daraus spricht göttliche Autorität

Jakobs Segen über seine Söhne in 1. Mose 49 ist keine bloße familiäre Bemerkung; er tritt als gereifter Mann vor Gott und spricht mit einer Autorität, die aus innerer Einheit mit dem Göttlichen hervorgeht. Wenn ein Mensch in solcher Reife steht, erscheinen seine Worte nicht mehr nur als persönliche Meinung, sondern als Echo dessen, was Gott durch ihn ist. In diesem Sinn verbindet sich die menschliche Stimme mit dem göttlichen Wesen und wird zu einer tragfähigen Orientierung für die Gemeinde; 1. Timotheus 3:15 heißt es: Falls ich mich aber verzögere, schreibe ich, damit du weißt, wie man sich im Haus Gottes verhalten muss, das die Gemeinde des lebendigen Gottes ist, die Säule und die Grundfeste der Wahrheit.

Auch wenn dieses prophetische Wort von einem Menschen gesprochen wurde, war es doch Gottes Wort; denn in seiner Reife war Jakob mit Gott eins, und so war alles, was er sagte, Gottes Wort. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft achtundneunzig, S. 1245)

Aus der Beobachtung, dass Jakob in seiner Reife eins mit Gott geworden war, folgt die Deutung, dass geistliche Autorität weniger mit Rang als mit Übereinstimmung zu tun hat. Die Typen der zwölf Stämme spiegeln verschiedene Lebenshaltungen wider, und jene, die gereift sind, geben Worte, die bauen statt zu verwirren. Das legt nahe, dass Reife in der Gemeinde eine dichte Gegenwart Gottes sichtbar macht: nicht durch Selbstbehauptung, sondern durch Worte und Wege, die andere zum Aufbau führen. Diese Perspektive lädt zu einem stillen Vertrauen in den Prozess des Wachsens ein: echte Autorität ist ein Produkt der Verbundenheit mit Gott, und wer so reift, wird zur Stütze der Wahrheit.

Falls ich mich aber verzögere, schreibe ich, damit du weißt, wie man sich im Haus Gottes verhalten muss, das die Gemeinde des lebendigen Gottes ist, die Säule und die Grundfeste der Wahrheit. (1.Tim. 3:15)

Wenn das Wort eines Menschen zur göttlichen Autorität wird, geschieht das nicht durch Leistung, sondern durch langes Wachsen in der Gemeinschaft mit Gott. Es tröstet und ermutigt zu wissen, dass Reife die Kraft hat, Worte zu gebären, die anderen Halt geben; das Bewahren dieser Ausrichtung bleibt eine leise Aufgabe des Herzens.

Veranlagung kann verloren oder verwandelt werden

Die Beispiele von Ruben, Simeon und Levi in den Erzählungen des Alten Testaments zeigen, wie unterschiedlich Veranlagung sich auswirken kann. Ruben verlor durch ein einmaliges sündhaftes Handeln sein Vorrecht; damit wird deutlich, dass ein einziger Fehltritt nachhaltige Konsequenzen zeitigen kann. Simeon dagegen verharrt in seiner rohen Neigung, wodurch sein Teil an Segen geschwächt wird; die Worte in 1. Mose 49:5 erinnern daran, wie tief verwurzelte Temperamente sich auf das Schicksal auswirken können: Simeon und Levi sind Brüder; Waffen der Gewalttat sind ihre Schwerter.

Ruben verlor durch eine einzige Sünde sein Erstgeburtsrecht. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft achtundneunzig, S. 1252)

Die Hoffnung liegt in der Möglichkeit der Wandlung. Heilung und Heiligung sind nicht nur Abwehr von Schaden, sondern Umformung der inneren Disposition. Das Neue Testament mahnt zur Heiligung des Leibes als Ausdruck eines erneuerten Lebens; 1. Thessalonicher 4:4 heißt es: dass ein jeder von euch weiß, sein eigenes Gefäß in Heiligung und Ehre in Besitz zu nehmen. Gott zeigt damit, dass Veranlagung nicht gleichbedeutend mit unabänderlichem Schicksal ist, sondern unter seiner Wirksamkeit gereinigt und neu ausgerichtet werden kann.

Simeon und Levi sind Brüder; Waffen der Gewalttat sind ihre Schwerter. (1.Mose 49:5)

dass ein jeder von euch weiß, sein eigenes Gefäß in Heiligung und Ehre in Besitz zu nehmen, (1.Thes. 4:4)

Die Geschichte dieser Brüder lässt Raum für Ernst und Hoffnung zugleich: Ernst über die Folgen unbedachter Taten, Hoffnung über die Möglichkeit, dass Gott Neigungen formt und reinigt. Es bleibt eine ermutigende Gewissheit, dass Zerbruch nicht das finale Wort sein muss, sondern dass gewandelte Leben zu andern dienen können.

Drei Bedingungen, damit Gott unsere Veranlagung nutzt

Aus dem Beispiel der Leviten lassen sich drei ineinandergreifende Bedingungen erkennen: Weihe, Gegensteuer und Erneuerung. Zuerst steht die Weihe — eine Hinwendung, die das Leben unter Gottes Anruf stellt; Mose ruft dies deutlich, als er sagt: 2. Mose 32:26 heißt es: da trat Mose in das Tor des Lagers und rief: Her zu mir, wer für den HERRN ist! Daraufhin versammelten sich bei ihm alle Söhne Levis. Weihe trennt das Herz aus dem selbstzentrierten Strudel und macht es verfügbar für Gottes Absichten.

Erstens müssen wir uns weihen; zweitens müssen wir unsere Veranlagung gegen unsere natürlichen Vorlieben und Abneigungen richten; drittens müssen wir sie in erneuerter und verwandelter Weise gebrauchen. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft achtundneunzig, S. 1255)

Gegensteuer und Erneuerung folgen eng aufeinander: Gegensteuer meint die bewusste Bewegung, die eigene Neigung gegen sich selbst zu stellen, nicht um Selbstverurteilung, sondern um Umkehr; Erneuerung bedeutet, dass dieselbe Veranlagung, die einst Zerstörung brachte, nun umgelenkt wird, um Leben zu dienen. Die Geschichte des Volkes zeigt, wie aus zerstreuten Leviten eine dienende Ordnung wurde, die auch Schutz bot — die Schrift nennt die Zufluchtsstädte und ihren Zweck: 4. Mose 35:6 heißt es: Und die Städte, die ihr den Leviten geben sollt: sechs Zufluchtstädte sollen es sein, … und Josua 20:7-9 heißt es: Und sie heiligten Kedesch in Galiläa … Das Bild ist klar: verwandelte Veranlagung wird zum Ort der Zuflucht für andere.

da trat Mose in das Tor des Lagers und rief: Her zu mir, wer für den HERRN ist! Daraufhin versammelten sich bei ihm alle Söhne Levis. (2.Mose 32:26)

Und die Städte, die ihr den Leviten geben sollt: sechs Zufluchtstädte sollen es sein, die ihr (ihnen) geben sollt, damit dorthin fliehen kann, wer einen Totschlag begangen hat. Und zu diesen hinzu sollt ihr (noch) 42 Städte geben. (4.Mose 35:6)

Wenn Weihe, Gegensteuer und Erneuerung zusammenkommen, verwandelt Gott natürliche Dispositionen in Räume, in denen seine Gegenwart wirkt und Menschen Zuflucht finden. Diese Möglichkeit gibt Anlass zu stillem Dank und zu getrösteter Erwartung: aus dem, was uns geprägt hat, kann Gottes Dienst für andere hervorgehen.


Herr, Hilf uns, Versuchungen zu meiden, unsere Neigungen gegen uns zu stellen und sie in demütigem Dienst für andere umzuwandeln, damit unsere Wohnungen Zuflucht für Suchende werden. Bewahre uns vor Scham und führe uns in Dein Leben. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Genesis, Chapter 98