Das Wort des Lebens
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Der Weg, als Säule vervollkommnet zu werden

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Viele Christen sehnen sich danach, im Dienst gebraucht und beständig zu sein — wie eine Säule im Tempel. Die biblische Bildsprache zeigt aber, dass das Werden zur festen Säule an einen Ort und an eine Weise des Lebens gebunden ist. Welche Kriterien helfen uns heute zu erkennen, wo Gott Menschen zu solchen Säulen formt, und wie verhalten wir uns praktisch, damit dieses Werk an uns geschieht?

Bethel — der Ort, an dem Säulen geformt werden

Das Bild der Säule in der Heiligen Schrift ist nicht nur architektonisch, sondern zutiefst theologisch: Säule bezeichnet ein Zeugnis, das an Ort und Stelle steht und die Anwesenheit Gottes bezeugt. Jakob errichtete an dem Ort, wo Gott mit ihm geredet hatte, einen Stein und goss darauf ein Trankopfer und Öl; es heißt: „Und Jakob errichtete eine Säule an der Stätte, wo Er mit ihm geredet hatte, eine Säule aus Stein; und darüber goss er ein Trankopfer aus und darüber goss er Öl.“ (1. Mose 35:14). Dieses Handeln verbindet die Säule mit Begegnung, Opfer und eingeweihtem Raum – nicht mit einem anonymen, transportablen Status, sondern mit einem Ort, an dem Gott konkret wohnt.

Wir müssen im heutigen Bethel, also in der Gemeinde, sein. Es gibt keinen anderen Ort, an dem wir zu Säulen im Gebäude Gottes geformt werden können. Säulen, die anderswo vervollkommnet werden, sind keine Säulen für Bethel, das Gebäude Gottes, sondern dienen anderen Zwecken. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft achtundachtzig, S. 1135)

Wenn das Ziel ist, als Säule im Haus Gottes vervollkommnet zu werden, dann liegt die Formung mitten in der örtlichen Realität der Gemeinde. Die Geschichte der Tempelsäulen und der Bethelstele weist darauf hin: Gottes Bauwerk wächst an den Stellen, wo Menschen beständig Gemeinschaft, Verantwortung und Nüchternheit teilen. Daraus folgt keine dogmatische Abgrenzung gegen alles andere, wohl aber die Einsicht, dass die dauerhafte Standhaftigkeit einer Säule in enger Beziehung zu einem bestimmten Ort und zu beständigen Beziehungen entsteht.

Und Jakob errichtete eine Säule an der Stätte, wo Er mit ihm geredet hatte, eine Säule aus Stein; und darüber goss er ein Trankopfer aus und darüber goss er Öl. (1. Mose 35:14)

Es ist tröstlich und zugleich fordernd zu erkennen, dass Gott Orte hat, an denen Sein Werk besonders sichtbar wird. Wer die Sehnsucht trägt, im Bau Gottes festen Halt zu bekommen, darf dies als Einladung verstehen: nicht zur Flucht in Idealformen, sondern zur Geduld und Treue dort, wo Gottes Gegenwart aktuell erfahrbar ist. In dieser Treue wird die einzelne Existenz zu einem beständigen Zeugnis der göttlichen Wirklichkeit.

Den einen Fluss finden und sich ihm unterordnen

Gott wirkt auf Erden oft wie ein Strom, der eine Richtung hat und eine Breite gewinnt; an dieser Bewegung ist ein verantwortlicher Dienst beteiligt, der den Lauf des Herrn trägt und ordnet. Die Schrift macht deutlich, dass geordnete Einrichtungen kein bloßes menschliches Konstrukt sind, sondern Ausdruck göttlicher Ordnung – so heißt es von den im Tempel aufgestellten Säulen: „Und er stellte die Säulen an der Vorhalle des Tempelraums auf. Er stellte die rechte Säule auf und gab ihr den Namen Jachin, und er stellte die linke Säule auf und gab ihr den Namen Boas.“ (1. Kön. 7:21). Namen und Aufstellung zeigen: Etwas Gewachsenes braucht sichtbare Leitung und Ortung.

Als mir klar wurde, dass ich in der Strömung des Herrn war und diese bereits begonnen hatte, erkannte ich auch, dass es einen Dienst gab, der dafür verantwortlich war. Daraufhin fasste ich den festen Entschluss, alles, was ich bisher gelernt und erlebt hatte, zu vergessen. Ich wusste, dass ich in der Strömung bleiben und mich dem zuständigen Dienst unterordnen musste. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft achtundachtzig, S. 1138)

Sich dem Fluss des Herrn anzuvertrauen bedeutet daher nicht, den Verstand auszuschalten, sondern eine Haltung der Lernbereitschaft anzunehmen gegenüber der Verantwortung, die den Lauf bewahrt. In einem solchen Geflecht von Leitung und Leib bildet sich Charakter: nicht als blinder Gehorsam, sondern als innerliche Formung, die durch Demut, Durchhaltevermögen und das Aushalten von Reibungen gewachsen ist. Wer so geformt wird, kann später selbst zu einer Säule werden, die trägt und stützt.

Und er stellte die Säulen an der Vorhalle des Tempelraums auf. Er stellte die rechte Säule auf und gab ihr den Namen Jachin, und er stellte die linke Säule auf und gab ihr den Namen Boas. (1. Kön. 7:21)

Die Gewissheit, dass Gott einen Lauf und verantwortliche Mittel hat, kann ermutigen, die eigene Standfestigkeit in Beziehung zu setzen – nicht als Berechnung, sondern als Antwort auf Gottes Art zu bauen. In der Bereitschaft, sich nicht über das Gemeinsame zu stellen, wächst die Fähigkeit, langfristig und dauerhaft dem Bau zu dienen.

Vom Nährwert des Dienstes leben — auf das Positive achten

Geistliche Reife zeigt sich darin, woran das Herz seine Nahrung nimmt. Das Bild, das von einem Huhn und seinen nützlichen Teilen erzählt, ist nicht profan, sondern hermeneutisch: Es weist darauf hin, dass aus einer ganzen Wirklichkeit nur dasjenige aufgenommen werden soll, was zum Leben beiträgt. Die Schrift verbindet die Einweihung eines Ortes mit dem Ausgießen – Trankopfer und Öl – und so heißt es: „Und Jakob errichtete eine Säule an der Stätte, wo Er mit ihm geredet hatte, eine Säule aus Stein; und darüber goss er ein Trankopfer aus und darüber goss er Öl.“ (1. Mose 35:14). Solche Bilder laden dazu ein, das Nährende zu suchen und das Zersetzende nicht zur Norm zu machen.

Betrachten wir das Huhn als Beispiel. Wir alle schätzen seine Eier, seine Brust und seine Schenkel, aber ganz gewiss nicht seinen Kot, seine Federn oder seine Knochen. Konzentrieren wir uns auf die positiven Seiten des Huhns, so ziehen wir daraus viel Nahrung. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft achtundachtzig, S. 1139)

Die ungeheure Kraft des Positiven liegt nicht im Verdrängen von Problemen, sondern im bewussten Zuwenden zu dem, was aufgebaut, ermutigt und genährt. In einer Gemeinde, die sich an den nährenden Aspekten des Dienstes sattmacht, verändert sich das Klima: Gespräche gewinnen Hoffnung, Dienste werden konstruktiv, und die Energie richtet sich auf Wachstum statt auf Zerlegung. Aus diesem Nährboden kann die Gestalt einer Säule reifen, weil die Seele lernen darf, ihr Leben auf das Leben des Herrn hinzuordnen.

Und Jakob errichtete eine Säule an der Stätte, wo Er mit ihm geredet hatte, eine Säule aus Stein; und darüber goss er ein Trankopfer aus und darüber goss er Öl. (1. Mose 35:14)

Es ist befreiend zu wissen, dass geistliche Nahrung eine Wahl ist, kein Zwang: Wer bewusst auf das Positive achtet, fördert einen inneren Boden, auf dem Standfestigkeit wächst. Dies ist keine Einladung zur Verdrängung, sondern zur klugen Seelenpflege — eine Haltung, die Hoffnung nährt und das christliche Leben zur Frucht bringt.


Herr, zeige mir, wo heute Dein Bethel ist, und gib mir Mut, mich dem Fluss Deines Wirkens unterzuordnen. Lehre mich, auf die Aufbauenden Dinge zu schauen, demütig von Leitern zu lernen und mich von negativen Details nicht fesseln zu lassen. Vervollkommne mich zu einer tragfähigen Säule in Deinem Haus, damit ich treu diene und Dein Bauwerk stärke. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Genesis, Chapter 88