Das Wort des Lebens
lebensstudium

Natürliche Schwäche wie Abraham und im natürlichen Leben leben wie Jakob

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Viele Christen gehen automatisch davon aus, dass der Genuss von Gottes Gnade von unserer spirituellen Leistung abhängt. Die Lebensgeschichte Isaaks stellt dieses Denken auf den Kopf: Er war ein Mann, der beständig in der Gnade lebte und doch dieselben natürlichen Schwächen und dieselbe natürliche Lebensweise zeigte wie Abraham und Jakob. Die Spannung liegt darin: Wie kann jemand, der sowohl schwach als auch«natürlich»lebt, zugleich reichlich von Gottes Gnade erfüllt sein? Diese Frage führt uns zu grundlegenden Wahrheiten über Vorordnung, menschliche Beschränktheit und die praktische Art, mit beidem zu leben.

Gnade beruht auf göttlicher Vorordnung, nicht auf unserer Spiritualität

Wenn wir das Leben Isaaks betrachten, sehen wir keinen perfekten Moralisten, wohl aber einen Mann, der im Erfahrungshorizont Gottes stand. Beobachtend fällt auf, dass Isaak trotz seiner Unvollkommenheiten in die Linie der Verheißung gestellt ist und die Segenswirkungen empfängt, die zu der Verwirklichung Gottes gehören. So heißt es in Hebräer 11:20: „Durch Glauben segnete Isaak auch im Hinblick auf zukünftige Dinge den Jakob und den Esau.“ Dieser Vers legt nahe, dass die Erfahrung der Gnade mit Gottes Zuspruch und Verheißung verbunden ist, nicht primär mit menschlicher Leistungsfähigkeit.

Erstens beruht die Gnade nicht auf dem, was wir sind. Ob wir gut oder schlecht, geistlich oder ungeistlich sind, spielt keine Rolle. Weil Gott bestimmt hat, dass wir der Gegenstand Seiner Gnade sind, wird sie uns zuteil, und wir können sie nicht ablehnen. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft fünfundsechzig, S. 851)

Deutend lässt sich daraus ableiten: Gnade ist eine Sache göttlicher Vorordnung. Gottes Wahl setzt voraus, dass Menschen in einer bestimmten Stellung vor Ihm stehen — eine Stellung, die Geschenk und nicht Verdienst ist. Damit verlagert sich das Praktische vom dauernden Bemühen, sich »würdig« zu machen, hin zu einem ruhigen Vertrauen auf Gottes Treue. Die Konsequenz ist nicht Selbstzufriedenheit, sondern eine befreiende Veränderung des Blicks: Die eigene Unzulänglichkeit entlastet nicht von Verantwortung, wohl aber von der Illusion, Gnade durch eigene Leistung zu erkaufen.

Durch Glauben segnete Isaak auch im Hinblick auf zukünftige Dinge den Jakob und den Esau. (Hebräer 11:20)

Es tröstet, dass Gottes gnädige Ordnung unabhängig von unserem Gefühl der Spiritualität Bestand hat. Wer auf die Vorordnung Gottes vertraut, darf in der Gewissheit leben, dass seine Stellung vor Gott ein Geschenk bleibt — ein Geschenk, das trägt, wenn die eigene Kraft nicht ausreicht.

Natürliche Schwäche offenbart sich — und hindert die Gnade nicht

Die Offenlegung von Schwäche gehört zum biblischen Erfahrungsraum. In 1. Mose 26 tritt Isaaks natürliche Veranlagung deutlich hervor; die Szene macht sichtbar, was oft verborgen bleibt: Neigungen, die nicht christlich idealisiert sind, werden offenbar und führen zu inneren oder zwischenmenschlichen Spannungen. Beobachtet man die Erzählung, entsteht kein Bild einer zerstörten Gnade, sondern das einer Gnade, die auch dann wirkt, wenn menschliche Fehler offenkundig werden.

In 1. Mose 26 trat Isaaks natürliche Schwäche plötzlich zutage. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, Gottes Gnade zu genießen. Mit anderen Worten: Dass seine natürliche Schwäche offenbar wurde, hielt ihn nicht davon ab, auf Gott zu vertrauen. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft fünfundsechzig, S. 852)

Auslegungsschwerpunkt ist hier die Unabhängigkeit der Gnade von unserer inneren Leistungsfähigkeit. Die Offenbarung von Schwäche ruiniert Gottes Absicht nicht; vielmehr bietet sie den Rahmen, in dem Gottes Geduld und Treue offenbar werden. Das freilich heißt nicht, die Schwäche zu verharmlosen; es heißt, ihr Rahmen ist kein Ausschlusskriterium für das gnädige Handeln Gottes. Vielmehr kann die Enthüllung der eigenen Begrenzung Wege zur größeren Abhängigkeit von Gottes Gnade öffnen und das Herz demütig halten.

Durch Glauben segnete Isaak auch im Hinblick auf zukünftige Dinge den Jakob und den Esau. (Hebräer 11:20)

Die Erfahrung, dass Schwachheiten sichtbar werden, mag beschämen — sie kann aber auch ein Fenster zur Gnade öffnen. In der Erkenntnis, dass Gottes Zuwendung nicht an menschliche Vollkommenheit gebunden ist, findet die Seele Anteilnahme und Erneuerung; das Bewusstsein der eigenen Begrenzung wird so nicht zur Sackgasse, sondern zur Einladung zur Tiefe der göttlichen Zuwendung.

Das natürliche Leben bringt Konflikte und Leiden — Gottes Souveränität bleibt am Werk

Das natürliche Leben bringt konkrete Folgen: Bevorzugung, parteiliche Zuneigung, verletzte Beziehungen — all das kann Leid erzeugen, wie die Geschichten um Isaak zeigen. Solche natürlichen Regungen lassen sich nicht allein durch moralischen Appell ausmerzen; oft sind sie die Ursache neuer Leidensformen. Beobachtend erkennt man deshalb, dass die Bibel die Realität menschlicher Verstrickung nüchtern benennt, ohne daraus zu schließen, Gottes Absichten seien gescheitert.

Das natürliche Leben vereitelt die Gnade nicht, führt aber dazu, dass wir leiden. Es vermindert nicht das Maß unserer Gnade, sondern vergrößert das Maß unseres Leidens. Obwohl Isaak in seinem natürlichen Leben lebte, war Gott souverän über alles. Alles stand unter Gottes Souveränität zur Erfüllung Seines Zwecks. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft fünfundsechzig, S. 856)

In der Deutung offenbart sich dabei eine doppelte Wahrheit: Erstens vermindert das handfeste, natürliche Verhalten nicht die Menge oder Güte von Gottes Gnade; zweitens nutzt Gott selbst das Leid und die Verwicklungen, um Seine Absichten zu vollenden. Wie es in Hebräer 12:10 heißt: „Denn sie haben uns zwar für wenige Tage gezüchtigt, wie es ihnen gut erschien, Er aber zu unserem Vorteil, damit wir an Seiner Heiligkeit Anteil bekommen.“ Die Souveränität Gottes bleibt am Werk, auch wenn menschliches Verhalten Schmerz verursacht — und eben durch diesen Schmerz kann eine Läuterung und Hinführung zur Heiligkeit geschehen.

Denn sie haben uns zwar für wenige Tage gezüchtigt, wie es ihnen gut erschien, Er aber zu unserem Vorteil, damit wir an Seiner Heiligkeit Anteil bekommen. (Hebräer 12:10)

Dass natürliches Leben Leiden hervorbringt, ist eine ernste Realität; zugleich bleibt dies nicht das letzte Wort. Es ist tröstlich und ermutigend zu sehen, wie Gottes Souveränität Schmerz in eine Richtung lenken kann, die reift und heiligt. Inmitten der Verwicklungen zeigt sich, dass Gottes Zweck nicht umkehrbar ist und dass Gnade und Heiligung miteinander gehen, gerade dort, wo das Menschliche am deutlichsten ist.


Herr, danke für Deine souveräne Vorordnung und die unverdiente Gnade, die Du uns schenkst. Wir bekennen unsere verborgenen Schwächen und die Neigung, nach natürlichem Geschmack zu leben; nimm unseren Stolz und unsere Versuche, uns »würdig« zu machen. Hilf uns, nicht aus Verzweiflung in Unspiritualität zu verfallen, sondern demütig in der Wahrheit Deiner Gnade zu ruhen. Lehre uns, alltägliche Entscheidungen nicht aus reiner Natürlichkeit zu treffen, damit wir unnötiges Leid vermeiden, und schenke uns den Blick, Deine Absichten auch in unseren Fehlern zu sehen. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Genesis, Chapter 65