Gnade kennenlernen zur Erfüllung von Gottes Zweck: Gottes Bund mit Abraham bestätigt durch die Beschneidung
Abrahams Leben enthält eine überraschende Lücke: Nachdem Gott ihn berufen hatte, fehlen dreizehn Jahre in denen Gottes Gegenwart scheinbar verschwand. Dieser Bruch erklärt sich nicht primär durch offensichtliche Sünden, sondern durch das subtile Ausweichen auf die eigene Naturkraft – das ‚Energiebündel‘ des Menschen, das Gott beiseite drängt. Die Szene in 1. Mose 16–17 konfrontiert uns mit der Frage, wie Gott in seine Berufung hineinwirkt: durch seine versorgende Gnade, durch die Zerlegung des Selbst und durch eine neue, vermehrte Identität, die nicht aus dem Menschen, sondern aus Gottes Sein hervorgeht.
Gott als El‑Shaddai: Die Versorgung, die zur Vollkommenheit ruft
Das Bild von El‑Shaddai öffnet uns eine leise, aber kraftvolle Perspektive auf Gottes Sein: nicht nur als Mächtiger, sondern als der, der in Fülle gibt. Im Hebräischen spielt Shaddai auf „Brust“ oder „Euter“ an; daraus wächst die Vorstellung von lebensspendender Milch, die alles Notwendige enthält. So lässt sich die Aufforderung an Abram, »Ich bin der Allgenügende Gott; wandle vor Mir und sei vollkommen!« (1. Mose 17:1) nicht primär als Aufruf zu moralischer Anstrengung lesen, sondern als Einladung, die stete Zufuhr seiner Versorgung in Anspruch zu nehmen und daraus zu leben.
Im Hebräischen heißt dieser Titel El‑Shaddai. El bedeutet „der Starke“, „der Mächtige“. Shaddai, ein Wort, das auf „Brust“ bzw. „Euter“ anspielt, bedeutet „allgenügend“. El‑Shaddai ist also der Mächtige mit dem Euter — der Mächtige, der die allgenügende Versorgung besitzt. Ein Euter gibt Milch, und Milch ist die allgenügende Versorgung: sie enthält Wasser, Mineralstoffe und zahlreiche Vitamine und liefert alles, was wir für unser tägliches Leben brauchen. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft siebenundvierzig, S. 630)
Wenn »vollkommen« im Ton dieser Verheißung verstanden wird, meint es kein Selbstvollzug, sondern die Vollendung, die durch Gottes Hinzutun geschieht. Vor Gott wandeln heißt demnach, die eigene Kraft nicht als die ursächliche Größe zu betrachten, sondern das Leben beständig von seiner Fülle her zu beziehen; so werden Werke, die sonst leer blieben, lebendig. In der Verheißung als Schild und Lohn (vgl. 1. Mose 15:1) klingt die Gewissheit mit, dass Gottes Zuwendung genügt, um sein Ziel in einem Menschen zu vollenden — nicht durch menschliche Perfektion, sondern durch die Allgenügsamkeit des Herrn.
Und als Abram 99 Jahre alt war, erschien Jehovah Abram und sprach zu ihm: Ich bin der Allgenügende Gott; wandle vor Mir und sei vollkommen! (1. Mose 17:1)
Nach diesen Dingen kam das Wort Jehovahs zu Abram in einer Vision und Er sprach: Fürchte dich nicht, Abram! Ich bin dein Schild und dein überaus großer Lohn! (1. Mose 15:1)
Es ist tröstlich und befreiend, dass Gott nicht unsere Leistungsfähigkeit, sondern seine Versorgung ins Zentrum stellt. Möge das Bewusstsein von El‑Shaddai uns lehren, weniger auf eigene Ressourcen zu bauen und mehr das Nährende, das Gott schenkt, anzuzapfen; so werden unser Leben und unsere Gaben nicht aus uns selbst, sondern aus der Fülle Gottes hervorgebracht und in seiner Absicht fruchtbar.
Beschneidung: Zeichen der Beendigung des Selbst (die Kreuzigung)
Das Gebot der Beschneidung tritt in der Verheißung als sichtbares Siegel des Bundes auf: »Dies ist Mein Bund, den ihr halten sollt… Jeder unter euch, der männlich ist, soll beschnitten werden« (1. Mose 17:10). Als äußeres Zeichen ist die Beschneidung nicht bloß juristische Vorschrift; sie markiert eine Schwelle, an der das Leben des Menschen mit dem etwas Grundlegendem auseinandergerückt wird. Beobachtet man den Text, wird klar, dass dieses Zeichen die Beziehung zu Gott vertieft, indem es die Bereitschaft zum Abschied vom selbstgenügsamen Leben symbolisiert.
Die geistliche Bedeutung der Beschneidung besteht darin, das Fleisch, das Selbst und den alten Menschen abzulegen. In Kolosser 2:11–12 heißt es: „In welchem auch ihr beschnitten worden seid mit einer nicht von Händen vollzogenen Beschneidung, im Ablegen des Leibes des Fleisches, in der Beschneidung Christi, mit Ihm begraben in der Taufe, in welchem auch ihr mitsamt ihm durch den Glauben an das Wirken Gottes auferweckt worden seid, der Ihn von den Toten auferweckt hat.“ Beschneidung betrifft also das Ablegen des Fleisches, des alten Menschen; sie ist nicht in erster Linie eine Frage des Umgangs mit der Sünde. Streng genommen hat die Beschneidung nichts mit der Auseinandersetzung mit der Sünde zu tun, sondern es geht darum, mit Christus gekreuzigt und begraben zu sein. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft siebenundvierzig, S. 636)
Die geistliche Deutung führt vom Zeichen zum Ereignis: die Beschneidung verweist auf das Ende des alten, selbstbestimmten Menschen, auf jene Wirklichkeit, die im Neuen Bund als Mitgekreuzigtsein mit Christus offenbart ist. Wie es im Brief an die Galater heißt: »Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir« (Gal. 2:20). In diesem Licht bedeutet die Beschneidung nicht primär ein Ringen gegen einzelne Sünden, sondern das Aufgeben des Herrschaftsanspruchs des Selbst, damit Gottes Leben in uns Raum gewinnt und sich in fruchtbarer Nachfolge zeigt.
Dies ist Mein Bund, den ihr halten sollt, zwischen Mir und euch und deinem Samen nach dir: Jeder unter euch, der männlich ist, soll beschnitten werden. (1. Mose 17:10)
Und zwar sollt ihr am Fleisch eurer Vorhaut beschnitten werden, und es soll als Zeichen eines Bundes zwischen Mir und euch dienen. (1. Mose 17:11)
Die Zusage des Bundes durch Beschneidung lädt dazu ein, das gekreuzigte Leben nicht als fernes Ideal, sondern als gegenwärtige Wirklichkeit zu sehen: Dort, wo das Selbst in seinem Herrschaftsanspruch zurücktritt, wird Gottes Leben wirksam. Dieser Gedanke tröstet und fordert zugleich — ermutigend, weil Gottes Kreuzeswerk schon vollbracht ist; herausfordernd, weil es unsere Haltung zum Selbst verändert und neu ausrichtet.
Samen aus Gnade statt aus Fleisch: Identität und Vermehrung
Die Gegenüberstellung von Ismael und Isaak offenbart Gottes Art zu handeln: einmal wird Frucht durch menschliche Initiative geboren, einmal allein durch Gottes Verheißung. Als Gott Abram verkündet, dass sein Name fortan Abraham sein soll — »denn zum Vater einer Menge von Nationen habe Ich dich gemacht« (1. Mose 17:5) —, spricht er von einem neuen Charakter und einer neuen Bestimmung, die nicht aus menschlichem Ehrgeiz, sondern aus göttlicher Hinzufügung erwächst. In dieser Namensänderung liegt die Zusage, dass Gottes Nachkommenschaft aus seiner Verheißung kommt, nicht aus menschlicher Selbstverwirklichung.
Als Abraham und Sarah völlig kraftlos geworden waren, versprach Gott, dass Isaak durch Sarah geboren werden würde (1.Mose 17:16; 19; 21). Das heißt: Isaaks Geburt war nicht das Werk der Kräfte Abrahams und Saras, sondern allein die Folge von Gottes gnädiger Heimsuchung. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft siebenundvierzig, S. 639)
Die Schrift zieht die Unterscheidung weiter: nicht alle leiblichen Nachkommen sind die Nachkommenschaft, auf die Gottes Ziel gerichtet ist; vielmehr werden die Kinder der Verheißung als solche gerechnet (vgl. Röm. 9:8). Daraus ergibt sich eine theologische Spannung, aber auch ein Trost: Gottes Ziel ist eine Vermehrung, die aus gnädiger Heimsuchung hervorgeht. Wenn Isaak als Frucht göttlicher Initiative erscheint, zeigt sich, dass vermehrende Identität nicht vom Fleisch, sondern von der Zusprechung Gottes herkommt — eine Gemeinde, die aus Gnade gezeugt ist und so Gottes Zweck erfüllt.
Dein Name soll nicht mehr Abram genannt werden, vielmehr soll dein Name Abraham sein; denn zum Vater einer Menge von Nationen habe Ich dich gemacht. (1. Mose 17:5)
Und Ich werde sie segnen, und Ich werde dir durch sie einen Sohn geben. Ja, Ich werde sie segnen, und sie wird eine Mutter von Nationen sein; Könige von Völkern werden aus ihr hervorgehen. (1. Mose 17:16)
Die Unterscheidung zwischen menschlich erzeugter Initiative und göttlicher Verheißung lädt dazu ein, unsere Herkunft und unsere Berufung neu zu sehen: Die wahre Nachkommenschaft entsteht dort, wo Gottes gnädige Einladung wirkt und Leben hervorbringt. Diese Erkenntnis ermutigt dazu, sich an Gottes Zeit und Art des Schaffens zu halten und darauf zu vertrauen, dass seine Vermehrung aus Gnade Wirklichkeit werden kann — größer und beständiger als alles, was menschliche Energie hervorbringt.
Herr El‑Shaddai, komm mit deiner Leben spendenden Versorgung in mein Innerstes; zeige mir, wo ich noch von eigener Kraft lebe, und gib mir die Bereitschaft, dieses Selbst durch deinen Geist abzuschneiden. Lehre mich, täglich aus deiner Brust zu trinken und so Samen aus Gnade hervorzubringen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Genesis, Chapter 47