Die Motivation und Stärke der Berufung
Abrahams Leben beginnt mitten in einer Welt, die vom Geist dieser Welt beherrscht ist – eine ‘Chaldäa’, aus der es kaum ein Herauskommen zu geben scheint. Die große Frage lautet: Was machte ihn fähig, alles hinter sich zu lassen und dem Ruf Gottes zu folgen? Die Antwort liegt nicht primär in Abrahams Mut, sondern in dem, was Gott an ihm tat: ein innerliches Erscheinen, ein direktes Ansprechen und eine konkrete Verheißung, die zusammen die Kraft zum Aufbruch lieferten.
Gottes Erscheinen, Sein Reden und die innere Berufung
Die Bewegung Abrahams beginnt nicht bei einem persönlichen Beschluss, sondern bei der Berührung durch Gottes Gegenwart. Als der Erzähler der Apostelgeschichte Abrahams Ursprung rekonstruiert, heißt es: „Der Gott der Herrlichkeit erschien unserem Vater Abraham, während er in Mesopotamien war, bevor er in Haran wohnte“ (Apostelgeschichte 7:2). Dieses Erscheinen ist keine allgemeine Theologie, sondern eine konkrete Begegnung: Gottes Nähe legt eine neue Schwere auf das Herz, eine Anziehung, die stärker wirkt als familiäre Bindungen oder kulturelle Gewohnheiten.
Ich bin überzeugt, dass wir im Grunde alle eine derartige Erscheinung erlebt haben. Gerettet zu sein bedeutet nicht bloß, dem Evangelium zuzuhören, zustimmend mit dem Kopf zu nicken und zu bekennen, dass man ein Sünder ist und an den Herrn Jesus glaubt. Das mag zwar stimmen, doch ich muss betonen: Wahrhaft gerettet ist derjenige, der das Erscheinen Jesu erlebt hat. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft neununddreißig, S. 530)
Dem Erscheinen folgt das Wort, das Richtung und Gewissheit schenkt. „Jehovah nun sprach zu Abram: Geh fort aus deinem Land und von deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das Ich dir zeigen werde!“ (1. Mose 12:1) – ein Ruf, der nicht bloß informiert, sondern umformt. Die Kombination von Gottes Gegenwart und Seinem gesprochenen Ruf löst Abraham aus seinem alten Netz: das Erscheinen weckt Vertrauen, das Reden gibt Auftrag; beides zusammen bringt die innere Kraft, über das Bekannte hinauszugehen. In der Tiefe dieses Vorgangs liegt zugleich eine Erfahrung der Befreiung: wer das Licht wahrnimmt, erkennt die Dunkelheit seiner Herkunft, und aus jener Erkennung erwächst die Entschiedenheit, dem Ruf zu folgen.
Und er sagte: Ihr Männer, ihr Brüder und Väter, hört zu: Der Gott der Herrlichkeit erschien unserem Vater Abraham, während er in Mesopotamien war, bevor er in Haran wohnte, (Apostelgeschichte 7:2)
Jehovah nun sprach zu Abram: Geh fort aus deinem Land und von deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das Ich dir zeigen werde! (1. Mose 12:1)
Es tröstet und stärkt, dass Berufung nicht aus einer bloßen Pflicht entsteht, sondern aus einem lebendigen Zusammentreffen mit dem Gott der Herrlichkeit. Wer sucht, nicht nach Prinzipien allein, sondern nach der wirklichen Begegnung mit dem lebendigen Gott, kann erwarten, dass Sein Erscheinen das Herz weckt und Sein Wort die Schritte lenkt. So bleibt die Hoffnung, dass auch in gegenwärtigen Beschränkungen eine innere Offenheit zur göttlichen Begegnung gelegt werden kann, die befähigt, neue Wege zu gehen.
Das Ziel der Berufung: Nation, Segen und Gottes ewiger Vorsatz
Die Zusage, die Abraham empfing, ist mehr als ein individuelles Wohlwollen; sie legt eine historische und eschatologische Spur. Bei der Verheißung heißt es: „Und Ich werde dich zu einer großen Nation machen, und Ich werde dich segnen und deinen Namen groß machen; und du sollst ein Segen sein!“ (1. Mose 12:2). Diese Worte nennen Herrschaft (Nation), Leben und Fruchtbarkeit (Segen) sowie eine ausstrahlende Mission (ein Segen für alle): das Ziel der Berufung ist nicht Vereinzelung, sondern Gemeinschaft und Repräsentation Gottes auf Erden.
Diese „große Nation“ ist das Königreich Gottes in seinen verschiedenen Erscheinungsformen: das Volk Israel im Alten Testament, die Gemeinde im Neuen Testament, das ‘Tausendjähriges Königreich’ im ‘kommendes Zeitalter’ sowie der neue Himmel und die neue Erde in der Ewigkeit. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft neununddreißig, S. 534)
Wer die Verheißung weiterdenkt, erkennt ihren Fortgang ins Neue Testament und darüber hinaus. Es heißt: „Die Schrift aber, voraussehend, daß Gott die Nationen aus Glauben rechtfertigen werde, verkündigte dem Abraham die gute Botschaft voraus: ‹In dir werden gesegnet werden alle Nationen›“ (Galater 3:8), und Paulus verbindet diesen Segen mit dem Empfang des Geistes (vgl. Galater 3:14). So spannt sich die Berufung von Abraham über die Bildung eines Volkes bis zur Ausgießung des Geistes und zur Mission in die Völker: Gottes ewiger Vorsatz will einen korporativen Menschen, der Ihn ausdrückt und vertritt — in Geschichte und in der kommenden Vollendung.
Und Ich werde dich zu einer großen Nation machen, und Ich werde dich segnen und deinen Namen groß machen; und du sollst ein Segen sein! (1. Mose 12:2)
Die Schrift aber, voraussehend, daß Gott die Nationen aus Glauben rechtfertigen werde, verkündigte dem Abraham die gute Botschaft voraus: «In dir werden gesegnet werden alle Nationen». (Galater 3:8)
Die Verheißung an Abraham eröffnet ein Weiten, das tröstet und herausfordert zugleich: Gottes Ziel ist nie bloß privat, sondern immer gemeinschaftlich und zukunftsgerichtet. Das Bewusstsein, Teil einer solchen Entfaltung zu sein — von einem Volk bis zur neuen Schöpfung — ruft dazu, in Hoffnung zu verharren und die Treue Gottes zu erwarten, die Generationen überdauert. Möge dieses Bild von Nation, Segen und ewigem Vorsatz Mut schenken, das Leben und den Dienst in den größeren Horizont von Gottes Plan zu stellen.
Herr Jesus, danke, dass Du erscheinst und zu uns sprichst. Gib uns die Gnade, Dein Erscheinen in unserer Tiefe zu sehen und Deine Stimme zu hören, damit wir mutig aus dem gehen, was uns bindet. Stärke unseren Glauben, dass wir in Gemeinschaft und gelebter Nachfolge Deine Verheißungen annehmen, in Dein Bild verwandelt werden und zu einem Segen für andere Menschen werden. Führe uns praktisch auf einen Schritt des Gehorsams heute; lehre uns, so zu leben, dass wir Dein Reich vertreten. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Genesis, Chapter 39