Die Bedeutung von Gottes Berufung
Die dritte und längste Sektion des ersten Buches der Bibel zeichnet ein bemerkenswertes Thema: sobald Gott als Jehova auftritt, beginnt das Werk der Berufung. Diese Berufung ist mehr als eine Verheißung oder Einladung; sie markiert einen Neuanfang, verändert Zugehörigkeit und will das innere Leben umformen. Die Frage lautet: Was genau meint Gott mit »berufen« — und wie wirkt dieses Geschehen konkret in einem Leben und in der Gemeinde?
Berufung als Neuanfang und Transfer der Zugehörigkeit
Der Ruf an Abram wirkt wie ein Schnitt in die vertraute Welt: ein Losruf aus Heimat, Verwandtschaft und Geborgenheit hin zu etwas, das Gott zeigen will. In 1. Mose 12:1. heißt es: „Jehovah nun sprach zu Abram: Geh fort aus deinem Land und von deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das Ich dir zeigen werde!“ Diese Instanz ist nicht nur ein Ortswechsel; sie markiert den Beginn einer neuen Linie, durch die Gott Sein Vorhaben weiterführt. Beobachtet man das biblische Geschehen, wird deutlich, dass Berufung nicht primär eine soziale oder genealogische Kategorie ist, sondern eine göttliche Initiierung, die eine neue Zugehörigkeit stiftet.
Erstens war Gottes Berufung ein Neubeginn. Sie ist ein Neubeginn, den Gott selbst bewirkt hat. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft siebenunddreißig, S. 501)
Aus dieser Beobachtung erwächst die Deutung, dass Berufung Identität schafft. Paulus fasst dies theologisch zusammen, wenn er über die aus Glauben Geborenen sagt, daß „die aus Glauben sind, diese sind Abrahams Söhne“ (Gal. 3:7). Der Ruf Gottes überführt Menschen aus der allgemeinen Fallenheit der Schöpfung in eine auserwählte Nachkommenschaft; nicht das Blut, sondern der Glaube setzt die Zugehörigkeit. Konsequenz dessen ist die Sicht auf Gemeinde und Einzelnen als eine geistliche Abstammung, die Gott als Träger Seines ewigen Vorsatzes einsetzt. Das Hoffen auf dieses neue Dasein trägt die Gewissheit, dass Gottes Wort einen verbindlichen Neuanfang bewirkt und eine neue Linie des Seins begründet.
Am Ende dieses Abschnitts steht die ermutigende Einsicht: Berufung bedeutet, nicht länger von Herkunft bestimmt zu werden, sondern von dem, der ruft. Wer unter den Ruf tritt, wird in den Strom von Gottes Treue eingeschlossen; daraus erwächst die Einladung, das eigene Leben als Antwort auf Gottes Initiative zu betrachten und in der Gewissheit weiterzugehen, dass Gott selbst die nötigen Wege weisen wird.
Jehovah nun sprach zu Abram: Geh fort aus deinem Land und von deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das Ich dir zeigen werde! (1. Mose 12:1)
Erkennet daraus: die aus Glauben sind, diese sind Abrahams Söhne. (Gal. 3:7)
Berufung zeigt sich nicht als bloße Rolle, sondern als veränderte Zugehörigkeit: Lebensgestaltung und Zugehörigkeitsbewußtsein werden zunehmend von dem bestimmt, der ruft, statt von Herkunft und Umfeld. In der Praxis äußert sich das in einem Alltag, der das göttliche Vorhaben als Handlungsraum annimmt und in dem Glauben die eigene Identität verstanden wird.
Berufung als innerer Transfer des Lebens
Berufung bleibt nicht bei äußerlichen Verlagerungen stehen; ihr wesentliches Gewicht liegt im inneren Wechsel des Lebens. Die Schrift zeichnet Wege der Entmachtung der eigenen Selbstkraft und des Hervorkommens des göttlichen Lebens. Zu diesem Bild gehört die Erzählung von Abraham und Sara: Auch wenn Menschliches tot scheint, kann Gottes Zeit die Geburt neuen Lebens bewirken. Dazu heißt es über den Glauben Abrahams: „der gegen Hoffnung auf Hoffnung hin geglaubt hat, damit er ein Vater vieler Nationen werde, nach dem, was gesagt ist: ‹So soll deine Nachkommenschaft sein.›“ (Röm. 4:18). Das Wort stellt Leben aus Gottes Macht dem versagenden natürlichen Vermögen gegenüber.
Bevor Isaak geboren wurde, galten Abraham und Sara als völlig tot: Saras Mutterschoß war abgestorben und Abrahams Leib wurde als tot angesehen (Röm. 4:18–19). Was hätte er da noch tun können? … Als jedoch die „Zeit des Lebens“ kam, wurde Isaak aus diesen beiden Toten geboren, als sei es durch die Kraft der Auferstehung. Diese Geburt geschah in der „Zeit des Lebens“. Geistlich gesehen war Isaaks Geburt eine Geburt des Lebens. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft siebenunddreißig, S. 506)
Diese innere Wende wird durch biblische Bilder wie die Beschneidung und das Kreuzesbild deutlich: das Abstreifen, das Sterben der Eigenmacht, damit Christus in uns Raum gewinnt (vgl. Kol. 2:11; Gal. 5:24). Praktisch heißt das, dass die Berufung sukzessiv vollzogen wird — nicht als magische Sofortverwandlung, sondern als ein Aufbrechen der alten Kräfte und als ein wachsendes Hervortreten des übernatürlichen, auferstandenen Lebens. Die theologische Folgerung ist klar: Berufung fordert ein Loslassen der Selbstgenügsamkeit und das Untertauchen in die fortwährende Arbeit des Geistes, der das Leben Christi in uns hervorbringt.
Dieser Gedanke trägt Hoffnung: Auch aus tiefster Leere kann Gottes schöpferisches Eingreifen neues Leben gebären. So lädt die Gewißheit des inneren Transfers zu einer geduldigen Zuversicht, daß Gottes Leben dort wirkt, wo menschliche Kräfte versagen.
der gegen Hoffnung auf Hoffnung hin geglaubt hat, damit er ein Vater vieler Nationen werde, nach dem, was gesagt ist: «So soll deine Nachkommenschaft sein.» (Röm. 4:18)
In Ihm seid ihr auch beschnitten worden mit einer Beschneidung, die nicht mit Händen gemacht ist, in dem Ausziehen des Leibes des Fleisches, in der Beschneidung Christi, (Kol. 2:11)
Der innerliche Wandel zeigt sich weniger in einmaligen äußeren Veränderungen als in einer fortschreitenden Ablösung von selbstgenügsamer Kraft und in einer wachsenden Empfänglichkeit für Christi Leben. Spirituelle Praxis wird so nicht zur Leistung, sondern zum Raum, in dem Gottes Leben wirken kann.
Berufung als Prozess zur Reife — vom «Supplanter» zum Fürsten Gottes
Das Ziel der Berufung ist Reife: aus dem Einzelnen soll ein repräsentativer, gemeinschaftlicher Leib werden, ein ‚korporativer Mensch‘, der Gottes Absicht ausdrückt. Die Lebensgeschichte Jakobs zeigt diesen Weg der Läuterung; der Verdränger wird zum Israel, zum Fürsten Gottes. Solch eine Verwandlung ist kein einmaliges Etikett, sondern ein oft schmerzlicher Prozeß, in dem Gottes Hand die selbstsüchtigen Tendenzen bricht und formt. Die Schrift weist voraus auf eine endgültige Vollendung, die auch die Leiblichkeit einschließt: „Und nicht nur dies, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben, auch wir selbst seufzen in uns und erwarten sehnlichst die Sohnschaft, die Erlösung unseres Leibes.“ (Röm. 8:23). Die Berufung zielt also auf eine umfassende, kosmische Wiederherstellung der ganzen Person und des Leibes Christi.
Anfangs war Jakob ein Verdränger – sein Name bedeutet das. Verdrängen heißt, an die Stelle eines anderen zu treten oder sich durch hinterlistige Mittel etwas zu verschaffen. Jakob handelte heimlich; er stahl im Verborgenen. Gott ging auf besondere Weise mit Jakob um: Er verwandelte Jakob, den Verdränger, in einen Fürsten Gottes. Zwar dauerte es lange, bis Gott dies vollbracht hatte; zu einem bestimmten Zeitpunkt offenbarte Er ihm jedoch, dass sein Name von Jakob auf Israel geändert werde (1.Mose 32:27–28). Fortan wurde er Israel genannt. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft siebenunddreißig, S. 508)
Im Leib Christi zeigt sich die Vollendung der Berufung als gemeinschaftliche Realität. Einzelne Reifungsschritte — Umkehr, Gnade, Gehorsam, Läuterung — fügen sich zu einer organischen Heiligung, durch die Gottes Charakter in der Versammlung sichtbar wird. So bleibt die Hoffnung auf endgültige Verwandlung nicht abstrakt: sie ist die Perspektive, die das gegenwärtige Ringen in ein verlösendes Licht stellt. Die Gemeinde als Leib ist der Ort, an dem die Berufenen zum Ausdruck gebracht und gesammelt werden, bis Gottes Ziel vollkommen erfüllt ist.
Dieser Blick macht Mut: Die Arbeit Gottes an jedem Einzelnen und am Leib ist zielgerichtet und voll Barmherzigkeit. Die Tatsache, daß Reifung Zeit und Gemeinschaft braucht, ist kein Grund zur Resignation, sondern zur geduldigen Erwartung darauf, daß Gottes Berufung letztlich Frucht bringt.
Und nicht nur dies, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben, auch wir selbst seufzen in uns und erwarten sehnlichst die Sohnschaft, die Erlösung unseres Leibes. (Röm. 8:23)
Vollendung der Berufung offenbart sich in einer gemeinschaftlichen Reifung, die einzelne Lebensumbrüche in die Bewegung eines Leibes integriert. Gemeinsame Treue, langes Aushalten von Läuterung und die Hoffnung auf die Erlösung des Leibes zeichnen den Weg, auf dem Gottes Ziel Gestalt annimmt.
Herr Jehova, hilf mir loszulassen, was mich an das alte Leben bindet; komm als Leben in meine Schwachheit, form mich zu dem Menschen, der Dich ausdrücken kann. Leite mich, damit mein Glaube nicht bei einer Zugehörigkeit stehen bleibt, sondern in einem echten Lebenswandel wächst — bis zur Vollendung bei Deiner Rückkehr. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Genesis, Chapter 37