Leben in der Auferstehung (3)
Nachdem die Typologie von Noah gezeigt hat, wie ein neues Leben durch die Arche eingelöst wurde, stellt sich die scharfe Frage: Warum wurde die anfängliche Einheit so schnell gebrochen und führte zu den heutigen Denominationen? Die Geschichte von Noahs Nachkommen offenbart, dass Einheit nicht selbstverständlich ist, sondern an die gemeinsame Anbetung, ein gemeinsames Ziel und eine gehütete Praxis gebunden ist — und dass familiäre Bindungen, unterschiedliche Konzepte und territoriale Abgrenzungen die Saat der Spaltung legen.
Einheit als Kennzeichen des Auferstehungslebens
Die Einheit, die aus dem Auferstehungsleben entspringt, zeigt sich zunächst innerlich: nicht als äußere Übereinstimmung in Ritualen oder Geschmack, sondern als ein gemeinsames Herz, das denselben Gott anbetet und dasselbe Ziel verfolgt. Beobachtet man die biblischen Mahnungen, so wird deutlich, dass diese Einheit die Folge davon ist, dass Christen in Christus zusammengefügt sind und nicht primär durch menschliche Übereinkünfte zusammengehalten werden. In der Situation der Gemeinde zu Korinth wird dies deutlich angesprochen; heißt es: “Ich flehe euch nun an, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle dasselbe redet und dass keine Spaltungen unter euch seien, sondern dass ihr euch auf denselben Sinn und auf dieselbe Meinung ausrichten lasst.” (1. Korinther 1:10)
Nach der Sintflut erhielten Noah und seine Familie einen Neuanfang. Unter ihnen herrschte echte Einheit; sie waren in allem eins. Zum einen waren sie mit Gott eins, zum anderen verfolgten sie nur ein einziges Ziel: Gott zu offenbaren und Ihn zu vertreten. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft vierunddreißig, S. 452)
Aus dieser inneren Gemeinsamkeit erwächst praktisches Verhalten: ein freier Mut im Gebet, ein gemeinsames Zeugnis und eine Haltung, die Christus darstellt statt das eigene Ansehen zu mehren. Die Einheit des Auferstehungslebens ist demnach kein künstlich erzwungener Konsens, sondern die natürliche Folge einer gemeinsamen Erfahrung und eines gemeinsamen Zeugnisses Gottes in der Mitte der Gemeinde. Wenn die Brüder und Schwestern mehr dazu berufen sind, Gott zu vertreten als sich selbst, formt sich eine spontane Harmonie, die auch Druck und Widerstand trotzt.
Ich flehe euch nun an, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle dasselbe redet und dass keine Spaltungen unter euch seien, sondern dass ihr euch auf denselben Sinn und auf dieselbe Meinung ausrichten lasst. (1. Korinther 1:10)
Möge die Erinnerung an diese innere Verbundenheit uns ermutigen: Einheit ist nicht zuerst eine Aufgabe, die wir leisten müssen, sondern ein Geschenk und eine Wirklichkeit, die in der Praxis des gemeinsamen Zeugnisgebens wächst. Die Gewissheit, dass wir in Christus miteinander verbunden sind und Ihn gemeinsam darstellen, weckt Zuversicht und eine stille Entschlossenheit, in Liebe zu bleiben und Gottes Name in der Mitte der Gemeinde leuchten zu lassen.
Wie Spaltung entsteht — die Wurzeln der Denominationen
Die Entstehung von Spaltung lässt sich in den kleinen Anfängen erkennen: zuerst intime Bindungen des Fleisches, dann unterschiedliche Begriffe und Ausdrucksweisen und schließlich territoriale Abgrenzungen. Die Erzählung von der frühen Völkerverteilung benennt solche Gründe nüchtern; in 1. Mose heißt es: “Dies sind die Söhne Sems nach ihren Familien, nach ihren Zungen, in ihren Ländern, nach ihren Nationen.” (1. Mose 10:31). Diese Einteilungen zeigen, wie schnell die natürliche Neigung, sich mit Verwandten, Sprache oder Land zu identifizieren, die Gemeinschaft zerfasern kann.
- Mose 10:31 macht vier Arten deutlich, in denen die Völker geteilt wurden: nach ihren Familien, nach ihren Zungen (das heißt nach ihren verschiedenen Worten, Begriffen, Auffassungen und Äußerungen), nach ihren Ländern und nach ihren Nationen. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft vierunddreißig, S. 455)
Wenn Gemeindeleben mehr nach Geschmacksgrenzen, Namen oder territoriale Herrschaftsbereichen organisiert wird als nach dem gemeinsamen Auftrag, entsteht ein System von kleinen Reichen. Solche Strukturen nähren Identität statt Berufung: man identifiziert sich mit einer Lehre, einem Namen oder einem Ort, und der gemeinsame Leib Christi tritt in den Hintergrund. Theologisch betrachtet ist dies kein bloß administratives Problem, sondern eine Frage der Treue zum Ruf, der uns aus dem einen Leib in die Welt gesandt hat; gesellschaftlich wirkt es als Kraft, die Zeugnis und Gebet erstickt.
Dies sind die Söhne Sems nach ihren Familien, nach ihren Zungen, in ihren Ländern, nach ihren Nationen. (1. Mose 10:31)
Denn es ist mir durch die (Hausgenossen) der Chloe über euch bekannt geworden, meine Brüder, daß Streitigkeiten unter euch sind. (1. Korinther 1:11-13)
Die Wahrnehmung dieser Wurzeln von Trennung kann uns demütig und wach machen. Es ist tröstlich zu wissen, dass das Problem sichtbar und benennbar ist; zugleich ist dies eine Einladung, die eigene Zugehörigkeit und die Sprache unseres Herzens zu prüfen. Möge die Einsicht, wie leicht Einheit verloren geht, unseren Hunger nach einer gemeinsam gelebten Gegenwart Gottes vertiefen und uns sensibel machen für Wege, auf denen Leben wieder frei fließen kann.
Das Ziel der Spaltung und unser Ruf zum Herausgerufensein
Die biblische Geschichte zeichnet eine Linie vom Zerfall menschlicher Gemeinschaft hin zu Systemen, die das Evangelium verstellen können — ein Weg, der in der Typologie von Babel sichtbar wird. Hinter solchen Entwicklungen steht oft Rebellion gegen Gottes Regierung: der Bau menschlicher Königreiche, die sich selbst erhalten und vermehren wollen. Demgegenüber steht Gottes Aufruf zu einem herausgerufenen Volk, das nicht in erster Linie Institutionen formt, sondern Leben ministert und Christus ineinander weiterreicht.
Wir sind dazu da, Gott zum Ausdruck zu bringen und ihn zu vertreten. Deshalb beten wir oft: „Herr, wir geben Dir den Befehl: Du musst etwas tun. Wir stehen hier, um Dich zu vertreten, nicht uns selbst. Weil wir Deine Vertretung sind, musst Du etwas für Dich selbst tun.“ (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft vierunddreißig, S. 454)
Die praktische Alternative, die die Schrift zeigt, ist keine bloße Abwesenheit von Institution, sondern ein konkretes Leben, das das Selbst zurücknimmt und Christus durch Kreuz und Geist in die Brüder und Schwestern verteilt. Dieser Weg führt zu einer Gemeinde, die nicht Namen oder Territorien schützt, sondern den gemeinsamen Ausdruck Gottes sucht. Paulus formuliert einen verwandten Gedanken, wenn es heißt: “Der Gott des standhaften Ausharrens und der Ermuitigung nun gewähre euch, zueinander denselben Sinn zu haben, Christus Jesus gemäß, damit ihr mit Einmütigkeit mit einem Mund den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus verherrlicht.” (Röm. 15:5–6).
Der Gott des standhaften Ausharrens und der Ermuitigung nun gewähre euch, zueinander denselben Sinn zu haben, Christus Jesus gemäß, (Röm. 15:5)
damit ihr mit Einmütigkeit mit einem Mund den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus verherrlicht. (Röm. 15:6)
Dass wir berufen sind, Gott zu vertreten und Sein Leben weiterzugeben, birgt eine große Hoffnung: Einheit wird nicht durch Regeln, sondern durch gelebtes Leben geschenkt. Diese Perspektive ermuntert dazu, das Selbst zurückzunehmen und dem Geist Raum zu geben, Christus ineinander zu wirken. So kann die Gemeinde zur verständlichen, lebendigen Darstellung Gottes in einer Stadt werden — ein stilles, kraftvolles Zeugnis, das einlädt und ermutigt.
Herr, wir bekennen unsere Neigung zum Selbst und zu trennenden Bindungen; vergib uns. Gib uns das Auferstehungsleben, damit wir Dich allein anbeten, Dein Ziel vertreten und in Einheit handeln. Hilf uns, Namen und territoriale Eifersucht loszulassen, Christus ineinander auszuteilen und als Gemeinde Leben zu ministerien. Stärke uns durch Deinen Geist, dass wir dem Ruf Abrahams folgen und nicht der Falle Babylons verfallen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Genesis, Chapter 34