Das Wort des Lebens
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Der dritte Fall des Menschen

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Die Erzählung um die Zeit vor der Sintflut berichtet von einer überraschenden und tiefgreifenden Degeneration der Menschheit: nicht bloß moralischer Verfall, sondern eine buchstäbliche Vermischung von Geistlichem und Menschlichem. Warum reagierte Gott so entschieden mit Rückzug seines Wirkens und schließlich mit Gerichtsakten wie der Flut? Diese Szene in 1. Mose 6 fordert uns heraus, die Ursache des Übels zu erkennen, die Verbindung zwischen Sünde und geistlicher Besessenheit zu sehen und daraus praktische Konsequenzen für unser persönliches und gemeinschaftliches Leben zu ziehen.

Vermischung: Gefallene Engel und die Verseuchung der Menschheit

Die Erzählung von 1. Mose 6 legt eine dunkle Begegnung offen: »die Söhne Gottes« nahmen sich die Töchter der Menschen zur Frau. Beobachtet man den Text nüchtern, so zeigt sich nicht nur ein ethnisches Vermischen, sondern ein Eindringen fremder geistlicher Mächte in die Lebensordnung der Menschheit. Es heißt in 1. Mose 6:2: »da sahen die Söhne Gottes, dass die Töchter der Menschen schön waren; und sie nahmen sich von ihnen jede zur Frau, die sie auswählten.« Diese nüchterne Feststellung verweist auf eine Grenzüberschreitung, bei der himmlische Wesen in menschliche Beziehungen eingreifen und dadurch die Linie, die Gott für Sein Heilswerk gewahrt sehen wollte, kontaminieren.

Beim dritten Fall brachte Satan die bösen Geister – die gefallenen Engel – dazu, sich mit den Menschen zu vermischen und durch unrechtmäßige Ehen eine Verbindung mit ihnen einzugehen. Nach der gesamten Offenbarung des heiligen Wortes verunreinigten diese unter Satans Kontrolle stehenden gefallenen Engel zur Zeit dieses dritten Falls das Menschengeschlecht. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft siebenundzwanzig, S. 362)

Die Deutung, die solche Texte nahelegen, geht über ein bloß historisches Kuriosum hinaus: Die Vermischung mit gefallenen Mächten offenbart, wie die Sphäre des Spirituellen konkrete Auswirkungen auf die Gemeinschaft hat. Die Erwähnung der Nephilim und die späteren Berichte (vgl. 4. Mose 13:33) machen deutlich, dass hier eine neue Qualität der Gewalt und Übermacht in die Welt trat. Dieses Geschehen ist kein isoliertes Sakrileg gegen soziale Normen; es ist ein Bruch in der himmlischen und irdischen Ordnung, dessen Folgen bis in die Struktur der Gesellschaft hineinwirken und Gottes Heilsabsicht zu untergraben drohen.

da sahen die Söhne Gottes, dass die Töchter der Menschen schön waren; und sie nahmen sich von ihnen jede zur Frau, die sie auswählten. (1. Mose 6:2)

auch haben wir dort die Riesen gesehen, die Söhne Enaks von den Riesen; und wir waren in unseren Augen wie Heuschrecken, und so waren wir auch in ihren Augen. (4. Mose 13:33)

Angesichts einer solchen Vermischung bleibt die ernste Mahnung bestehen, dass geistliche Realitäten nicht harmlos oder bloß symbolisch sind. Gott schützt seine Absicht nicht aus Rache, sondern um das Heil und die Reinheit zu wahren, durch die Sein schöpferischer Plan fortbestehen kann. Gleichzeitig bleibt Raum für Hoffnung: Gottes Eingreifen zeigt, dass er das Heilige bewahrt und eine bereinigte Zukunft möglich macht — eine Wahrheit, die Mut macht, die Tiefe geistlicher Wirklichkeit ernst zu nehmen und zugleich auf Gottes rettende Treue zu vertrauen.

Das Hineingleiten ins Fleisch: Ursachen und Folgen

Eine zweite Schicht des Berichtes schildert, wie der Mensch ganz »Fleisch« geworden ist: die geistliche Sensibilität schwindet, die Vernunft wird zugunsten der Begierden zurückgestellt. Schon die knappe Aussage in 1. Mose 6:3. fasst diesen Zustand zusammen; es heißt dort: »Und Jehovah sprach: Mein Geist wird nicht für immer mit dem Menschen ringen, denn er ist ja Fleisch; so werden seine Tage 120 Jahre betragen.« Die Formulierung beschreibt kein technisch-biologisches Problem, sondern ein inneres Abklingen des spirituellen Widerstands gegen das, was niederzieht und verwundet.

Die zweite Ursache dieses Abfalls bestand darin, dass der Mensch fleischlich geworden war. In 1. Mose 6:3 heißt es: „Und Jehovah sprach: Mein Geist wird nicht für immer mit dem Menschen ringen, denn er ist ja Fleisch; so werden seine Tage 120 Jahre betragen.“ (Hebr.) Der Mensch vernachlässigte den Intellekt und die Vernunft seiner Seele. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft siebenundzwanzig, S. 366)

Wenn der Geist nicht mehr mit dem Menschen ringt, eröffnet das dem Fleisch Raum, sich zu entfalten — nicht nur individuell, sondern gesellschaftlich. Die folgenden Aussagen zu Bosheit und Gewalt machen sichtbar, wie schnell persönliches Abgleiten in ein kollektives Verderben münden kann: die Vernachlässigung der Seele hat direkte Folgen für Recht, Familie und Gemeinschaft. Aus dieser Perspektive ist Sünde nicht nur moralische Verfehlung, sondern ein zersetzender Prozess, der die Lebensbedingungen zerstört, in denen Gottes Wirken möglich wäre.

Und Jehovah sprach: Mein Geist wird nicht für immer mit dem Menschen ringen, denn er ist ja Fleisch; so werden seine Tage 120 Jahre betragen. (1. Mose 6:3)

Und Jehovah sah, dass die Bosheit des Menschen groß war auf der Erde und dass jegliches Gebilde der Gedanken seines Herzens immerfort nur böse war. (1. Mose 6:5)

Vor dem Hintergrund dieser Diagnose wirkt die Zusage, dass Gottes Geist nicht gänzlich verschwindet, tröstlich und herausfordernd zugleich: Die Spannung zwischen Geist und Fleisch bleibt Realität. Daraus erwächst keine bloße Schuldgefühlsvermittlung, sondern die Einladung zur beständigen Bewahrung der inneren Aufmerksamkeit und zur lebendigen Abhängigkeit vom Geist. In der Gewissheit, dass Gottes Gegenwart nicht untergeht, ist Raum zur Umkehr und zur Suche nach Reinheit — eine Hoffnung, die zur Veränderung befähigt, ohne in moralischen Druck zu verfallen.

Flut und Ermahnung: Gericht als Schutz der göttlichen Absicht

Die Sintflut erscheint im Text als die logische Folge einer lange währenden Verderbnis: Gottes Ankündigung ist zugleich sein Eingreifen gegen eine irreversible Entstellung des Lebensraums. Zur Begründung der Flut heißt es deutlich in 1. Mose 6:17: »Und jetzt bin Ich im Begriff, eine Wasserflut über die Erde zu bringen, um alles Fleisch von unterhalb des Himmels, in dem Lebensatem ist, zu vernichten; alles, was auf der Erde ist, soll umkommen.« Das Gericht zeigt sich hier nicht als Selbstzweck, sondern als Wiederherstellungsmaßnahme zugunsten dessen, was Gott treu bleiben will.

Beim dritten Fall des Menschen zeigte sich zunächst der Rückzug des Heiligen Geistes, was Gottes Verlassen des Menschen bedeutete. Danach kam die Sintflut, die das Gericht der Zerstörung brachte (1.Mose 6:17; 7:10–12). (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft siebenundzwanzig, S. 370)

Jesus selbst zieht eine Parallele zwischen den Tagen Noahs und den Zeichen der Endzeit, wenn er davon spricht, wie Menschen ahnungslos ihrem Alltag nachgehen werden (Matthäus 24:37–39). Die Flut wird damit zu einem mahnenden Bild: Gottes Handeln bleibt verborgen und doch real, und die Möglichkeit, sich unter seinen Schutz zu stellen, zeigte sich in Noahs Glauben und Gehorsam. Gericht und Gnade treten zusammen auf — die Trennung des Verderbten von dem, was Leben trägt, hat bei Gott stets einen doppelten Sinn: Züchtigung und Rettung.

Und jetzt bin Ich im Begriff, eine Wasserflut über die Erde zu bringen, um alles Fleisch von unterhalb des Himmels, in dem Lebensatem ist, zu vernichten; alles, was auf der Erde ist, soll umkommen. (1. Mose 6:17)

Denn ebenso wie die Tage Noahs waren, so wird das Kommen des Sohnes des Menschen sein. Denn wie sie in jenen Tagen vor der Flut waren: Sie aßen und tranken, heirateten und verheirateten, bis zu dem Tag, an dem Noah in die Arche hineinging, und sie merkten nicht, dass ihnen ein Gericht bevorstand, bis die Flut kam und alle wegnahm, so wird auch das Kommen des Sohnes des Menschen sein. (Matthäus 24:37-39)

Die Erinnerung an die Sintflut führt nicht zur Verzagtheit, sondern zu einer nüchternen Hoffnung: Gott sorgt für einen Weg der Bewahrung und eröffnet Mittel zur Rettung, selbst mitten in Gericht. Es ist stärkend zu sehen, dass Gott sowohl die Heiligkeit seiner Absichten wahrt als auch einen Ort des Schutzes schafft. Aus dieser Spannung wächst die Einladung, das Leben nicht lediglich äußerlich zu ordnen, sondern innerlich in der Erwartung und Angewiesenheit auf Gottes Wirken zu leben — ein Lebensstil, der Ruhe findet in seiner Treue und zugleich die Ernsthaftigkeit der Zeit achtet.


Herr, öffne unsere Augen für die geistlichen Ursachen heutiger Verderbnis; gib uns Bußherzen und beschütze unsere Familien vor der Verunreinigung durch fleischliche Begierden. Stärke uns durch deinen Geist, dass wir in Reinheit leben, Ehe und Gemeinde nach deinem Willen bewahren und wachsam bleiben vor den Mächten, die zerstören wollen. Schenke uns Mut zur Umkehr, die Kraft zu heiligen Beziehungen und die Bereitschaft, Gottes Leitung zu folgen. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Genesis, Chapter 27